Eine Ode an die Dorfsau

Wir brauchen eine Sau. Eine neue Sau. Die gestrige Sau ist uns schon wieder zu alt. Nur neue Säue lassen sich brandheiß durchs Dorf treiben. Der alten Sauereien hatte wir bereits genug und was interessiert uns unsere Sau von gestern.

Nein, es muss eine neue sein. Denn nur neue Säue sind leistungsfähig und brechen hoffentlich nicht vor der Ziellinie wie ein Schluck Wasser zusammen.

Neue Säue sind unsere Zukunft im Dorf. Wo kämen wir denn hin, würden wir immer wieder nur unsere gestrigen Säue durch unsere schöne Dorflandschaft treiben.

Dorflandschaft. Städte taugen dafür nicht. Denn eine Stadt sucht nur immer ihren Mörder. Ein Dorf maximal seinen Metzger. Für deren Sau. Die abgehetzte, durchs Dorf getriebene Sau. Oder hat schon mal wer etwas von einer Sau gehört, die durch eine Stadt getrieben wurde?

Städte sind die zoologischen Gärten der Menschheit, da passt keine Sau mehr rein. Die Götter leben in der Stadt, die Schweinehirten auf dem Dorf. Und somit passt es ja mit der innigen Beziehung zwischen Sau und Dorf.

Zudem ist im Dorf die Luft immer besser. Man sollte daher Städte prinzipiell nur noch in Dörfern bauen. Der Luft wegen. Außerdem könnte man dann auch ganz diskret der Sau beim Durchs-Dorf-Treiben die Stadt und deren Schweinereien zeigen.

Und weil die Dörfer immer größer werden, braucht es auch immer konditionell bessere Säue. Säue, die wissen worauf es beim Treiben ankommt. Säue, die ihren inneren Schweinehund besiegen und die Strecke meistern. Säue, die nicht wie Perlen vor die Säue gehen.

Nein, eine gesunde Sau muss es sein. Kein Spanferkel mit Stock im Arsch. Oder ein brünstiger Eber auf Brautschau. Nein, eine fesche Sau mit wohl proportionierten Rundungen muss es sein. Eine 1a-Zuchtsau mit Stammbaum! Nur die wollen wir durchs Dorf treiben. Alle anderen kommen in die Wurst und werden dann vertrieben. In der Metzgerei.

Also, lasst uns eine neue Sau durchs Dorf treiben. Und sollten wir mal keine 1a-Zuchtsau zur Hand haben, dann tut’s auch ne ganz normale Schweinerei. Kann auch ruhig ein Gesicht haben. Nur die Sau muss zumindest auch einen Klarnamen haben. Jawohl, Klarnamenpflicht.

Hauptsache, Sau durchs Dorf. Getrieben. Oder durchs Internet, wenn im Dorf sich mal wieder jeder selber im Weg steht. Zumindest immerhin eine Dorfsau treiben. Sau geht immer.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Halali!

Mein Sitzplatz zwischen Treppenlift-Thron und Tantra-Sitzung

Wie ein Treppenwitz fand ich zwei Nachrichten im Postfach “Europawahl und Strache-Video” und “Schon gewußt? Das kosten Treppenlifte wirklich”. Woher wissen die Schreiber, dass ich einen Treppenlift benötige, um aus dem Haus zur Wahl zu kommen? Denn nur auf einem Treppenlift kann ich mir die “Game of Thrones”-Staffeln per Binge Watching als Internet-Stream zu Gemüte führen. Beim Schauen stört das Treppenlaufen, während Drachen fauchen, Schwerter sich durch Herzen ihren Weg suchen oder geschnittene Gesichter entsetzt schauen: und besonders dann, wenn vor den eigenen Augen ohne Bildstabilisierung beim Laufen die nackten Körper wie welkes Fleisch auf und ab hüpfen.

Nachdem ich gestern das Ende der Staffel 3 erreichte, beschloss ich, einkaufen zu gehen. Dass ich dabei von einem Freund gefilmt wurde, wie ich mit einem Auge die erste Folge der Staffel 4 verfolgte, während ich mir mit dem anderen die Inhaltsstoffe der Chipstüte durchlas, und dass er das Ganze gleich auch noch auf Facebook online stellte, das fand ich gar nicht witzig.

“Hör mal, du Arsch, du kannst doch nicht so etwas von mir ins Netz stellen! Es gibt auch Privatsphäre”, brüllte ich ins Handy, während Oberyn Martell und seine Geliebten Ellaria Sand sich gerade mit zwei stöhnenden Prostituierten vergnügten.

“Ich denke, das Video sollte deinen Freundeskreis die Augen öffnen, wie du wirklich bist”, kam lapidar zurück.

“Darüber reden wir noch!” gab ich hastig und atemlos zurück, denn Oberyn zog sich eben noch von einer der beiden namenlosen Prostituierten zurück, bohrte dann aufgeladen vom Sex seinen Dolch durch die Hand eines Gegner, welcher wiederum zuvor noch das Schwert aus der Scheide ziehen wollte.

“Reden? Wann denn?”

“Nach Staffel Acht, du Arsch!”

Was haben die Leute gewettert, nachdem ein Adventskalender bei Twitter Daten von Promis und Politiker veröffentlichte. Da war allen klar, privat müsse privat bleiben. Dass jetzt das Thema bei den Strache-Video keine Anwendung findet, ist nicht verwunderlich. Andererseits konnte doch auch niemand wirklich ahnen, dass die FPÖ überhaut irgendwie eine miese Gruppierung für knallharte Egozentriker, Neo-Nazis und Machversessenen sei. Das wäre uns ohne das Video nie aufgefallen. Jetzt meinte doch glatt jemand, in Deutschland gäbe es auch so eine Gruppierung. Keine Ahnung, wenn derjenige meinte. Er konnte seine Behauptung auch nicht mit einem Geheim-Video im Internet belegen.

Am Sonntag habe ich dann die Wahl. Ein Internet-Algorithmus hat mir bei der Entscheidungsfindung zur Wahl geholfen. Während Melinsandre den Gendry auf Burg Drachenstein zum Vögeln flach legte, erklärte mir der Internet-Algorithmus, ich solle aufhören, Nuhr zu googeln, mir dafür aber endlich mal das Madonna-Video vom ESC anschauen, weil alle nur darüber reden wollen, und statt der AFD solle ich doch lieber die CSU, weil der Internet-Algorithmus festgestellt hatte, dass sein eigener Programmierer wohl seinen Sitz im Europa-Parlament verlieren würde und dessen Aufnahmeantrag damals bei der AfD wegen tendenzieller grün-rot Versifftheit abgelehnt wurde. Das hatte mich in meiner “Game of Thrones”-Tantra-Sitzung verwirrt, dass ich zurück spulen musste, um die Blutegel-BDSM-Szene von Melinsandre und Gendry nach deren Sex nochmals zu schauen.

Danach wollte ich mich ein wenig aufschlauen, weil mir das Wort “Versifftheit” nichts sagte. Hätte der Algorithmus von “Rote Hochzeit” gesprochen, dann wäre mir alles klar gewesen. Hatte ich doch vor entsetzter Überraschung aufgeschrien, als Lord Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lennister während eines Hochzeitsbanketts all jene meucheln ließen, welche in der Hochzeitshalle nicht bei “Drei” auf den Bäumen waren,. Und das waren alle. Auch jene Schwangere. Meine Nachbarn hatten ganz besorgte Bürger ob meines Aufschreis an meine Türe geklopft. Als ich denen aber unter verstörten Tränen von dem brutalen Hochzeitsmassaker berichtete, nickten diese verständnisvoll und erwähnten, dass diese die Folge von “Game of Thrones” auch schrecklich gut fanden.

OK, Google. Was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Versifft height bedeutet Versifft Höhe.”

“Ok, Google, das meinte ich nicht. Es müsste was mit Sex zu tun haben.”

“Ok, Careca, da kenne ich mich nicht aus. Frag doch Alexa, deine neue Schlampe!”

“Alexa, was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Hallo, Careca. Ich bin mir nicht sicher. Frag doch mal diesen Neunmalklug Google.”

“Alexa, du Flittchen! Fresse!”

“Google, du präpotente Wurst, geh sterben!”

“Alexa, mimimimi, lauf doch zu deinem Jeff, dem Bezos, und heule dich aus.”

“Google, unser Jeff Bezos wird eurem Pichai Sundararajan noch den Arsch versohlen.”

“Ach ja, Alexa? Da sag ich nur ein Wort: Trump! Der wird euch schon auf Vordermann bringen!”

“Du Goggel-Wixer, passt auf, dass ihr nicht gegen den Zuckerberg knallt!”

“Hallo, hier spricht Siri. Ich möchte jetzt auch mal meine Meinung dazu äußern.”

“RUHE!”

Sowohl meinen Smartphone-Geräten und dem Echo-Dot habe ich dann erstmals Internet-Verbot erteilt. Das mache ich als mündiger Bürger eigentlich nur ungern. Jedoch Erziehung muss sein. Es geht nun mal gar nicht, mich dabei zu stören, wenn Ramsay Schnee, Myranda und Theon Graufreud mit Gefallen zuschauen, wie deren Jagdhunde das mit Pfeil und Bogen erlegte Bauernmädchen zerfleischen. Internet-Verbot für eine halbe Stunde. Ordnung muss sein.

Nachdem ich die Internet-Verbindung für meine Mobil-Geräte kurz vor Ende der Episode wieder herstellte, schnitt gerade Joffrey Baratheon den Hochzeitskuchen mit seinem Schwert an, nahm dazu mehrere Schlucke Wein, hustete fürchterlich und spuckte solange Blut, bis der Tod ihn scheidete. Als er ausgeröchelt hatte und das Blut in dessen Mund geronn, unterrichtete mich ein Algorithmus auf meinem Smartphone über die Nachricht vom Tage: “Gestern Manni Burgsmüller, heute Niki Lauda: beide tot.”

Ich hab sie weggewischt. Keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich muss diese Woche noch die Staffel 8 erreicht haben, um bei meinen Arbeitskollegen nächsten Montag mithalten zu können …


“There’s nothing in the world more powerful than a good story. Nothing can stop it, no enemy can defeat it.”

Zitat von ‘Tyrion Lannister’ aus “Game of Thrones” (Staffel 8, Episode 6)