Einmal Sansibar hin und zurück – und dann Belgrano ade

Untergang der Belgrano im Falkland-Krieg am 2. Mai 1982
Wir sind ein streitbares Volk.
Schon als Germanen haben wir am Rande des Teutoburger Waldes hin und wieder unsere flüchtenden Möchtegern-Eroberer niedergemetzelt, bis dass die Römer nicht mehr Piep sagen konnten. Regelrecht mundtot haben wir sie gemacht.

Wir?

Jawohl wir! Es war ein Stellvertreterkrieg der unwissenden Vorfahren für deren Nachfahren. Und deswegen haben wir dem Hermann als Stellvertreter von uns eine Statue aufgebaut.

Drohend winkt sie gen Frankreich, wo Deutschland im 19. Jahrhundert die anderen Unboten Europas sahen. Aus sicherer Entfernung sollte die blanke Klinge das französische Volk zur Mahnung und Warnung dienen. Aber die hatte es aus der sicheren Entfernung nicht gesehen und so kamen sie dann noch ein paarmal bei den Deutschen vorbei, um diesen Baguettes, Rotwein und französische Rechtskultur beizubringen.

Eigentlich hieß der kupferne Germane auf seinem Sockel im Teutoburger Wald ja Arminius. Und als eben solcher hatte er den Varus und seine Römern einfach mal verraten. Aber das darf man freilich nicht als Verrat sehen, denn als Freiheitskämpfer ist man nie Verräter sondern Patriot.
Und im Grunde hieß der doch auch Hermann. „Hermann, the german“ wie die Engländer so treffend reimen.

Obwohl, Hermann war ja Cherusker. Und die Cherusker lebten bekanntlich in Ostwestfalen. Ostwestfalen. Da wo die Uhren einen Tick langsamer laufen als die von dem Rest der Welt. Viele Menschen denken bei Ostwestfalen eher an Bielefeld und seinen Merkspruch „Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir úns in Bielefeld“. Oder auch an Paderborn mit seinem Drei-Hasen-Fenster. Aber an aufmüpfige Germanen oder Cherusker?
Ja, hallo erstmal! Ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten: aber fragt man nach dem berühmtesten Ostwestfalen, da kommt kommt als Antwort „Rüdiger Hoffmann“. Oder der Antje Vollmer. Oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Oder „Gerry Weber“.
Okay, Wiglaf Droste und ein Heinz Rudolf Kunze könnten das wieder aufwiegen. Aber wenn man erstmal verinnerlicht hat, dass der ZDF-Prediger und Dauergrinser Peter Hahne und auch Schlagerfuzzi Peter Orloff auch Ostwestfalen sind …
Ich schieb dann mal schnell Jürgen von der Lippe und Iris Berben nach, um das vorher Gesagte ein wenig vergessen zu machen …

Aber wem haben wir das nun alles zu verdanken? Dass Ostwestfalen so eine historische Bedeutung erlangte?
Genau. Dem Varus, dem willig billigen Opfer.
Einer gegen alle. Er gegen die Germanen. Und Hermann gegen die Römer.
Klar, eigentlich ist schon die Frage nach der Dankbarkeit falsch gestellt. Die Frage müsste lauten, wer der berühmteste Freiheitskämpfer Deutschlands ist.
Wie der Germane hieß und wie er kämpfte, da gibt das Scheffel-Lied Auskunft:

„Mit Gott für Fürst und Vaterland
Stürzen sie sich wutentbrannt
Auf die Legionen.“

Man merke, der Hermann war schon gottesfürchtig, bevor der erste christliche Missionar Germanien bekehren konnte. Knapp 24 Jahre bevor Jesus ans Kreuz genagelt wurde und Petrus meinte „Nö, den kenn ich nicht.“

Varus ist es dabei nicht so gut ergangen wie dem Jesus. Der Germane hatte schon ein wenig mehr Brutalität im Blute als jene Römer dem Jesus gegenüber.

„Diesem ist es schlimm ergangen,
Eh daß man ihn aufgehangen,
Stach man ihm durch Zung und Herz,
Nagelte ihn hinterwärts
Auf sein corpus iuris.“

In der Schule habe ich dann immer im Chor das

Schnäde räng täng, Schnäde räng täng
Schnäde räng täng, de räng täng täng

schmettern dürfen. Schön war’s, so unter geistigen Pickelhauben singen zu dürfen.

Hermann ist freilich eindeutig Westfale.
Und so feierte er auch genau so, wie es heutzutage die Westfalen auf deren eigenen Dorfkirmessen veranstalten. Dort pilgern die wackeren Recken in der Tradition von Hermann, dem Cherusker, von Bierstand zu Bierstand, von Kneipentür zu Kneipentür und meinen das sei die einzig wahre Kneipkur. Und die Frauen dieser Helden nippen großzügig stolz an deren Willybecher, dem einzig wahren, deutschen Standardglas, und benehmen sich dem Scheffel-Lied entsprechend tusneldenhaft. Thusnelda war übrigens ein holdes Blondchen, aber gesoffen haben Tusnelda und Hermann wohl so, wie es heute den deutschen Bübchen und Mädchen beim Komasaufen ein Vorbild ist.

„Wild gab´s und westfäl´schen Schinken
Bier, soviel sie wollten trinken
Auch im Zechen blieb er Held
Doch auch seine Frau Thusneld
soff walküremäßig“

Das Komasaufen der beiden war sicherlich ein großer Schritt für deren eigene Leber, aber nur ein kleiner Schritt für das deutsche Volk an sich.
Denn Hermann war nur ein Stammesfürst. Sein Sieg verhinderte, dass die römischen Besatzer aus Germanien ein geeintes Volk erschufen. So lebten die Deutschen später fleißig untertänigst mit ihren Fürsten und Kurfürsten und deren Marionetten-Kaiser und -Könige, wobei die ersteren verhinderten, dass irgendwer der zweiteren Garde zuviel Macht erhalten konnte. Jeder der fürstlichen Herrschaften und Hochwohlgeborenen hatte ein wenig Macht, aber keiner dieser Machtgesellen zuviel davon im eigenen Portfolio. Ein Gleichgewicht des Schreckens im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“.
Im Überglanze jener prädeutschen Geschichte ist es ja inzwischen fast schon als Gerücht anzusehen, dass es 1989 eine Wiedervereinigung gegeben haben sollte.

Aber keine Sorge. Es hat sie gegeben, die Wiedervereinigung. Inklusive seinen begeisterten Menschen und den Kohl’schen Gärtnern der blühenden Landschaften. Und nicht zu vergessen, jene kritischen Geister, die die Wiedervereinigung rief und danach nicht los wurde. Jene die zwei Jahre später meinten „Wir sind vielleicht ein Volk“.

Doch zurück zur geschichtsbildenen Varus-Schlacht. Für Hermann war ja das Leben danach nicht einfach vorbei, als er Germaniens Besatzer auf deren Flucht permanent bis zur Unkenntlichkeit vereinzelnd gemetzelt hatte. Beim niedersächsischen Kalkriese soll bei Hermanns Haarespalten auf römischen Häuptern ordentlich Kalk gerieselt sein.
Die Geschichte meint, uns zu überliefern, dass Hermann später hinterrücks gemeuchelt wurde. Nein, nicht von seiner Ehefrau Tusnelda, sondern von seiner Verwandschaft, so wollen uns selbsternannte Geschichtsschreiber weiß machen.

Unser Hermann? Der heroische Befreier von der Knechtschaft Roms? Das offensichtliche Vorbild von Uderzos und Goscinnys Endszenen aus „Asterix und Obelix“? Das darf glauben, wer simpel gestrickt ist.
Denn in unseren Tagen weiß doch jeder, wo der Hermann mit seiner Tusnelda endete. Und zwar hier und hier.

Falls das nicht unser deutscher Hermann gewesen sein wollte, der von seiner Frau so genervt den Schlusssatz röchelte „Ich bringe sie um … morgen bringe ich sie um!“, dann weiß ich nicht, wieso ich schon damals vor Lachen unter deutschen Biedermeier-Nierentischen lag.

Jawohl! Hermann stieg auf zum gefürchteten Römer-Schlächter und endete bei Loriot als rentnender Bettvorleger seiner Frau. Wer noch nie im Kindheitsalter bei Detmold unterm Hermannsdenkmal rauf zur Schwertspritze schaute und darüber grübelte, warum Asterix dort ohne seinen Obelix rumsteht, der weiß auch nicht, dass in der Gegend drumherum die Externsteine stehen und viel interessanter sind. Da sprüht die Magie. Das ist Mystik. Das ist die dunkle Seite Germaniens. Da hat man aus Kröten mit einem Hauch Haselnussbraunfäule in Maiglöckchen-Sud gekocht, das brodelnde Gemisch den Feinden ins Gesicht geschleudert und sich nachher über deren Brandblasen ergötzt.

Ich habe noch vom 100-jährigen Jubiläum des Hermannsdenkmals ein kleines Taschenmesser. Dessen Klinge ist nicht so groß und prächtig wie die vom Hermann, eher klein und verrostet. Meine Eltern hatten es mir als Andenken gekauft und meine kleines Taschenmesser hatte mit der großen Statuenklinge eines gemeinsam: Es klebte nie Blut dran. Darum tauge ich auch nicht als Befreier der Cherusker oder Germaniens oder wenigstens Ostwestfalens. Und muss auch nicht fürchten, von der eigenen Verwandschaft gemeuchelt zu werden.Vormals Held, danach mit Neid überschüttet. Wie Hänsel und Gretel: Gehasst, geschasst und ausgesetzt.

Als streitbares Volk dürfen wir das. Ehrenmorde sind zwar verpönt (und werden zu Recht gerichtlich verfolgt), aber ein wenig Grube graben für sein Mörderherz, dagegen hat niemand was. Insbesonders nicht aus der Verwandschaft, denn das sind Familienangelegenheiten. Der angekündigte familiäre Mord ist ja immer noch ehrenhafter als der hinterrücks gestoßene Dolch aus dem Gewande der Aussenstehenden.

100 Kilometer südlich von Kalkriese im Städtchen Ahlen bewegte sich ein anderer König im letzten Jahrhundert in den Süden Deutschland und versuchte von dort aus den südlichen Überraschungsangriff auf Niedersachsens Stolz. Ein King dem Teilnamen nach. Sein Angriff misslang und der zuvor als Cherusker gefeierte forsche Porsche-Wiedeking harrt nun den meuchelnden Dolche seiner industriellen Familie.

Wiedekings Traum war der des Cheruskers: Täuschen, Tricksen, Anschleichen und dann scheibchenweises Übernehmen. Jetzt wird Wiedeking selber zerlegt. Genüßlich und mit maliziösem Lächeln seitens seiner buckligen Piech- und Porsche-Verwandschaft.
Terätätätäterä und simserim simsim simsim.
Wie hatte schon James Thurber am Ende einer seiner Gedichte gereimt gehabt:

Ashes to ashes
clay to clay
if the enemy don’t get you
your own folks may

Schnäde räng täng, Schnäde räng täng
Schnäde räng täng, de räng täng täng

Ünbrigens, Sansibar ist für Deutsche nicht das Land, wo der Pfeffer wächst. Der wächst zwar auch dort auf jener ostafrikanischen Insel. Jedoch steht „Sansibar“ im Deutschen für die Utopie nach einer besseren Zukunft (s.a. „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch).

Sansibars bekanntester „Sohn“ wurde dort mit dem Namen „Farrokh Bulsara“ geboren. Im November 1991 starb er in Kensington, London, an den Folgen seiner HIV-Erkrankung. Farrokh Bulsara ist uns besser als homosexueller Sänger der Gruppe QUEEN unter dem Künstlername „Freddie Mercury“ bekannt.

Und dann noch ganz nebenbei erwähnt:
Die Regierung von Sansibar erließ 2004 ein Gesetz, welches künftig homosexuelle Akte unter Strafe stellt.

Deja vue

Ist der rechte auf dem Werbeplakat nicht Gandalf, der Graue? Harry goes Hobbithausen?

HarryPotter

Unsinnige Unterhaltung

– Haben Sie kein Kölsch?
– Nein. Nur bayrische Biere. Sind Sie etwa aus Düsseldorf?
– Nein. Aus Bergheim.
– Liegt das bei Düsseldorf?
– Sind nur die Vororte von Köln.
– Und da gibt’s Kölsch?
– Literweise.

Horst in den Bundestag

Wenn eine Kader Loth im Dienste der Gabriele Pauli für den Bundestag kandidiert, dann darf so etwas ein Horst Schlämmer erst recht.

Horst Schlämmer, der einzige echte Vollhorst Deutschlands.
Alle anderen sind doch nur egomanistische Kopien.

Vollhorst

Schlagzeilen – Der Aufmacher

Der Wolf, der Lurch, der Habicht, das Lamm.

Ein 18-Jähriger, auf nem Gleis, der Kopfhörer, die S-Bahn, der Tod, die Zeitung schreit
„HURZ!“

Und wer ist Schuld, dass der Junge auf den Gleisen die S-Bahn nicht kommen sah?
Der Kopfhörer ist Schuld!
Eindeutig!
„So gefährlich sind Kopfhörer“

HURZ!

Schlagzeilen

*100#

*100# steht bei GSM-Prepaid-Handy für die schnell durchführbare Guthabenabfrage. Per Flash-SMS gibt es dann die Antwort.

Aber was motiviert meinen Provider SIMYO, daraus seit neuestem eine SMS-Antwort zu machen?
Genau. Das liebe Geld.
In der Antwort-SMS ist noch genügend Platz für Werbung …

Dämliche Idee …

Das Leben der anderen

Bridge Mein Eindruck verstärkt sich von Monat zu Monat:
Immer mehr Menschen meines Alters verfallen der Yellow Press. Es liegt wohl daran, dass meine Altersgruppe langsam in der Zielgruppe der Yellow Press reinwächst. Aber eigentlich ist dies nichts sonderbares. Eher der normale Lauf der Dinge …

Ich erinnere mich an meine erste BRAVO.
Mühsam hatte ich mir das Geld zusammen gespart gehabt. Von den 1,50 DM hatte ich mir das begehrte Heft gekauft, in einem Laden, wo mich garantiert niemand kannte. Ich dachte, es wäre etwas besonderes, das Heft zu kaufen, welches unter den Schulbänken kursierte und auf der Heimfahrt heimlich im Bus durchblättert wurde. Und daher war ich aufgeregt, als das diskrete Tauschgeschäft BRAVO gegen Einsfünfzig durchgeführt wurde. Das war fast so ein bisschen wie Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke.

Nebenbei: Genau dieses Herzklopfen verspürte ich später wieder, als ich mir – knappe 19 Jahre alt – meinen ersten PLAYBOY kaufte.

Öffentlich war BRAVO allerdings in meinem Umkreis verpönt. Zuviel Porno für die Jugend unter 16. Wer BRAVO las war verrucht, hatte wahrscheinlich Sex und nur deswegen Pickel mit Rückenmarkserweichung. Aber in Wahrheit kauften die doch alle nur die BRAVO wegen Schwarzenegger als „Conan, der Barbar“ oder Sylvester Stallone in „Rambo 1“.

Jedenfalls, mein BRAVO-Heft hatte ich zwischen Mathe- und Deutschheft versteckt. Der billige Versuch, einem Heft kalkulierte Kultur unterzujubeln. Das Titelbild der damaligen BRAVO war jedenfalls Désirée Nosbusch. Als Bikini-Mädchen war sie ein Traum für mich. Vormals existierte Désirée Nosbusch für mich nur als Co-Moderator des Mittelwellen-Senders „Radio Tele Luxemburg“, zusammen mit Georg Bossert. Als sympatische Stimme ohne Gesicht. Da gab es die „10 vor Sieben“-Radiosendung. Für mich hieß das, praktisch die letzte Sendung vor dem Abendessen und der „Heute“-Sendung dazu …

„Radio Tele Luxemburg“ … Erinnert sich noch wer an die Telefunken-Radios? Die hatten einen RTL-Knopf, der war auf MW-Wellenlänge 1492 kHz programmiert. Man drückte ihn und hörte sofort RTL. Im Ausland aus dem Ausland. Gegenüber den öffentlich rechtlichen ein wenig anarchistisch. In Deutschland waren ja Privatsender erst in den 80ern zulässig. Tja,lang ist’s her …

Doch zurück zu Désirée Nosbusch und der BRAVO. Meiner ersten BRAVO.
Zwischen Mathe- und Deutschheft hatte ich das Heft sorgsam geschützt verborgen und trotzdem hatte die Titelseite eine Beschädigung abbekommen. Und dann auch noch genau auf dem BH ihrer linken Brust.

Nun ja. Mein Freund goß deswegen Kübel des Spotts über mich aus. Denn für ihn war es nicht bloß eine mechanische Beschädigung der Titelseite. Nein, seinen Worten nach sollte ich wohl versucht haben, den BH von Désirées Brust abzuknibbeln. Ich hatte ihn nicht verstanden. Denn wieso sollte ich Interesse daran gehabt haben, den BH wezurubbeln? Und zweitens würde doch durch jegliche Rubbelei das Papier beschädigt! Oder etwa nicht?
Der berühmt berüchtigte Radiergummieffekt, der bei mir schon manche Schulbuchseite beschädigt hatte und mir nur Ärger mit Lehrern und Eltern eingebracht hatte.

Dass mein Freund meinte, ich will der Nosbusch durch Rubbeln an die Wäsche und deren Brust freilegen, die Idee kam mir nicht.
Die Magie eines entblößten Frauenbusens sagte mir noch nichts.
Die Seiten von Dr. Sommer las ich und ich amüsierte mich, weil sich die anderen darüber amüsierten. Aber verstanden hatte ich Dr. Sommer nie.

Zwei Tage später hatte das gezielte Ärgern meines Freundes seine Wirkung erzielt. Ich schenkte ihm das gesamte Heft und mit diesem das mir den Atem raubende Titelbild von Désirée Nosbusch. Worüber Dr. Sommer in seiner Kolumne referiert hatte, das weiß ich nicht. Das war für mich wohl uninteressanter als jenes Titelmädchen.

Erst Jahre später wurde mir klar, was mir mein Freund unterschieben wollte. Dass ich den Wunsch gehabt haben sollte, Désirée Nosbusch BH wegzurubbeln, um sie somit auf dem Titelbild auszuziehen. Damals war mir jedoch schon immer klar gewesen, dass Fotos nur eine Abbildung der Realität sind und nicht die Realität selber. Und dass man auf einem Foto keine Frau nackt rubbeln kann.

Gut. Später hatte ich mal Rubbellose von Beate Uhrse und damit ging es. Das Wegrubbeln. Ausziehen mit dem rechten Zeigefingernagel. So einfach sollte es nie wieder werden, Frauen aus ihren Klamotten zu bekommen …
Aber erstens waren die Rubbellose nicht frei erhältlich und zweitens voll Porno. Und eben nicht voll BRAVO. Aber das ist ne andere Geschichte. Und jene Rubbellose landeten auch nicht bei meinem Freund sondern im anonymen Altpapiercontainer. Jene BRAVO und die darauf im Bikini abgebildete Désirée Nosbusch diente meinem Freund allerdings wohl als Wixvorlage, wie ich indirekt erfuhr.

Zudem verlagerte sich mein Bewunderungsschwerpunkt recht schnell später sowieso auf eine „Kiki“ Plate. Auf Christina Plate. Sie war in meiner späteren Jugend für länger das echte Traummädchen. Mein Alter, meine Kragenweite, mein Traum. Das hatte nichts mit Wixvorlage zu tun, sondern mit verliebter Schwärmerei. Sie hatte für mich den erotisch freundlichen, aufgeschlossenen Charme eines erfrischend warmen Sommerregens. Ich mochte ewig darin tanzen.

Und jetzt, in einem beinahe gnadenlos überfüllten Zug von Norden nach Süden fiel mir ein Produkt der Yellow Press in die Hände. Und es berichtete über Christina Plate.
Fatal, fatal.

Nein, ich lese keine Yellow Press.
Nein, um keinen Preis lese ich Yellow Press.
So alt bin ich nicht.

Das war jedenfalls immer mein Mantra der Yellow Press gegenüber.
Und so saß ich nun ohne Mantra dort und las den Artikel über Christina Plate Wort um Wort, Buchstabe um Buchstabe, Zwischenzeile um Zwischenzeile. Und die Bilder verinnerlichte ich Rasterpunkt für Rasterpunkt. Die Erinnerungen an meine jugendliche Schwärmerei und die Bilder dieser mir immer noch attraktiven Frau ließen mich inwendig warm werden. Ja, man könnte sie mir auf dem Bauch binden, ich würde freiwillig schwanger werden. Und das als Mann.
Den „Stern“ mit Titelstory zu „Michael Jackson“, der daneben verwaist gelegen hatte, verspeiste ich lediglich, indem ich ihn oberflächlich quer las. Aber diesen Klatsch- und Tratschartikel über Christina Plate … ich verschlang ihn wie Honig.

Was ist bloß aus der damaligen Jugend geworden, dass sie der Yellow Press mehr Aufmerksamkeit widmet als dem wiedererstarktem „Stern“? Yellow-Press-Leser in vollen Zügen im Zuge der eigenen Zeit?

Immer mehr meiner Altersklasse verfallen der Yellow-Press und seiner Heile-Welt-Berichterstattung aus dem Umkreis der Reichen und Schönen.
Reich und schön, das beides zusammen, das hätte jeder gern.
Oder zumindest reich.
Oder schön.
Oder zumindest Heile-Welt.
Oder alles drei zusammen.
Illusionsverlust kompensiert durch Realitätsverlust. Ein bisschen zu träumen von dem, was hätte sein können, hätten sich eigene Illusion und Realität vermischt. Statt lediglich jetzt nur in die Zielgruppe der Yellow-Press reinzuwachsen und deren Leser zu werden. Aber wo ist schon der Unterschied zwischen BRAVO und heute, wenn die Wirklichkeit keine Wirkung im eigenen Leben erzielt?
Das Leben der anderen, auf das wir leben.
Über die Yellow Press.
Kaugummi fürs Großhirn.