Kneipengespräch: Zwischen Salzgebäck und Bier (3)

DSC00267“Sach mal du,  …”

“Ja, du?”

“Ich hab letztens einen Artikel wieder das Duckmäusertum veröffentlicht.”

“Echt? Duckmäusertum?”

“Gegen all jene Ungeister, die die immer nur ‘Ja und Amen’ sagen, aber sonst nichts tun. Wieder die Obrigkeitshörigkeit.”

“Tust du was?”

“Ja, habe ich doch gerade gesagt. Ich schreibe dagegen an.”

“Revolutionär.”

“Und ich ignoriere voller Inbrunst, die Verpflichtung auf den Parkplätzen vor den Supermärkten Maske zu tragen.”

“Wow. Revolutionär am Schreibtisch, und hinterher beim Einkaufen. Und ansonsten? Demos, an der du in erster Reihe teilnahmst, um gegen die Maßnahmen zu protestieren?”

“Aber hallo? Andere sind da viel besser als ich, in erster Reihe deren Gesicht hinzuhalten, als meiner einer. Da muss ich mich nicht beweisen. Es muss auch Leute geben, wie mich, die hinter den Linien Teilnehmer für die erste Reihe rekrutieren. So wie damals im Ersten Weltkrieg, als man Soldaten fürs Futter der Kanonen hinter den Linien rekrutierte. So in etwa.”

“Ach.”

“Weißte, ich bin immer so leicht erkältet, wenn ich bei Wasserwerfern einnässe. Reicht schon, wenn ein solches Gerät 100 Kilometer in ner Nebenstraße irgendeiner Nachbarstadt steht. Habe ich sofort die Nase voll. Bin dann nur noch verschnupft. Und dann kann ich nicht schreiben. Dann würde das revolutionäre Element fehlen. Geht gar nicht.”

“Wahnsinn. Du bist mein Held. Ashes to ashes, clay to clay. Steigerung von Berg? Berger! Verstanden. Lediglich meine private Meinung dazu: da wird der mitteldeutsche Berg zum Flachlandtiroler mit Powerwiderstand durch eigens erichtete Quixote-Windmühlen … ”

“Hier bei mir auf dem Flachlande, bei uns, ist schon ein protestierender Gesichtsausdruck Demo, wenn der Döner schon mal etwas schärfer als normal gewürzt ist. Sowas hat fast schon etwas wie ne dreiviertel Protestaktion gegen Gesetz und Ordnung.”

“Weil ‘mit viel scharf’ nicht typisch deutsch ist? Oder gar zu unpolitisch? Zu sehr ‚Cancel Culture‚? Wurde dein revolutionärer Akt des Widerstandes auf den Parkplätzen deiner Ländlichkeit wenigstens honoriert? ”

“Danke. Du bist ja so etwas von verständig. Du kriegst von mir die blecherne Klobrille mit Hab-mich-lieb-Klobürste. Wer dich hat, der braucht keine Kritiker mehr.”

“Kam etwas auf deinen Artikel zurück?”

“Leserbriefe. Noch und nöcher.”

“Echt?”

“Echt. Alle lobten mich über den grünen Klee. Alle schrieben mir über die Auswüchse und deren Corona-Wahn-Empfindungen.”

“Alle? Über den grünen Klee? Grün ist doch eigentlich nicht deine Farbe, oder?”

“Negative Reaktionen kommen eh nur von Hatern und Hetzern. Die veröffentlichen wir nur hin und wieder, damit niemand meint, wir kriegen nie negative Post. Aber die anderen, die veröffentlichen wir. Negative Reaktionen will eh keiner lesen. Einer schrieb, in allen Supermärkten würden ihn alle mit entsetzten, angsterfüllten Augen anstarren, käme er denen nur etwas zu nahe.”

“Absender war ein Oger?”

“Wieder ein anderer beschrieb Horden von Menschen, die in Supermärkten um Obst, Gemüse, Getränke und Sonderposten sich türmen und niemand würde auf Abstand achten, weil der Gesetzgeber alle Einzelhändler geschlossen habe.”

“Kam der Schreiber nicht mehr an seine Produkte? Ein zu kurz Gekommener? Ein Kleinwüchsiger?”

“Ein anderer lobte mich überschwänglich, weil ich generell von Experten schrieb und den Lauterbach davon ausdrücklich ausnahm.”

“Ich möchte wetten, welche ‘Experten’ genau du meintest, das war dem wohl egal. Hauptsache, nicht Lauterbach.”

“Experte ist Experte, da muss man als Leser nicht nachfragen, wen der Autor meint, woll. Ich weiß doch, was unsere Leser so einfach ohne nachzudenken wegschlucken. Darüber hat keiner nachgedacht.”

“Ist ja okay, denn du bist deren Experte, nicht wahr.”

“Wieder einer erwähnte ausdrücklich, dass in Bayern noch Ausgehverbot ab 21:00 gilt.”

“Naja, wenn ihm dessen Frau Ausgehverbot ab 21:00 erteilt hat, dann hat er ja Recht, nicht wahr. Er schrieb sicherlich nicht ‘in ganz Bayern’ oder von wem das verordnet war, oder? Also entspricht es der Wahrheit. Die Wahrheit des Leserbriefschreibers. Ansonsten gibt es nur eine Ausgangssperre für Gebiete mit Inzidenz über 100, aber nur von 22 bis 5 Uhr.”

“Du hast mit allem ja so recht. Wir haben es auch unkommentiert gelassen, dafür uns in der Redaktion über diesen Briefe totgelacht. Und den Brief veröffentlicht. Leserbespassung muss sein. Besser geht’s ja nicht. Aufgeklärte Bürger müssen wir über unaufgeklärte Bürger nicht aufklären. Das wäre, wie Witze zu erklären.”

“Leserbespassung?”

“Naja, nicht wirklich. Man muss auch mal irgendetwas schreiben, nur um Reaktionen von Lesern rauszukitzeln. Lobbriefe fallen dann dabei immer ab und die drucken wir ab. Der Leserbrief ist das, was der Applaus für Künstler ist. Applaus ist das Brot für den Künstler. Künstler wie meiner einer.”

“Echt?”

“Nö.”

“Stößcken.”

“Prost. Herr Oberspielleiter, machen’se mal zwei neue!”

Der Wirt schaute kurz auf, räumte die geleerten Stangen weg und stellte zwei frisch schäumende Stangen Kölsch auf deren Deckel.

“Was war das Bedeutendste für dich in den letzten Wochen?”

“Mein Kölsch.”

“Aha. Wieder Revolutionäres? Noch ne DreigestirnBiergartenrevolution? Auch du mein Sohn, Brutus? Wie langweilig.”

“Hast Recht. Wiederholungen gefallen nicht. Dann lieber demonstrativ keine aufgesetzte Maske beim sonntäglichen Aussteigen auf dem Bäckereiparkplatz.”

“Revolutionär! Na denn. Prost.”

“Prost.”

Krieger, denk mal. Und zwar nach. Nachdenken auf Denker-Seiten …

Ich bin es leid, Dinge von verklemmt, kurzseitigen, engstirnigen Heuchlern zu hören.

Die Wahrheit ist alles, was ich will. Nichts als die Wahrheit.

Ich habe genug davon, Dinge zu lesen von euch neurotischen, psychotischen Pseudo-Grüblern.

Kein irgendwelcher Sohn mit irgendwelcher weichen Soap-Attitüden-Schreiberei-Gehabe. Lediglich einer mit einer Handtasche voller dunklen Hoffnungen aus einer eigens selbst geöffneten Büchse einer selbsternannten Pandora.

Ich bin todkrank, wenn ich Dinge von herablassenden herablassenden kleinen Chauvinisten sehe, die mich herablassend “beckmesserisch” nennen.

Alles was ich will ist Wahrheit. Keine Pilatus-Schale mit Wasser. Gib mir nur die Wahrheit.

Ich hatte genug davon, halluzinierten Szenen von schizophrenen, egozentrischen, paranoischen Schreiberlingen zu lesen. Ein hübsches Gesicht kann ein oder zwei Jahre dauern. Aber ziemlich bald werden alle sehen, was er kann. NachDenkSeiten mit Buchstaben effektiv und effizient füllen. Oder so. Und Hände in Wasserschalen ohne Palmolive baden.

Alles, was ich will, ist die Wahrheit. Keine Pilatus-Schale mit Wasser. Gib mir nur etwas Wahrheit.

Ich bin todkrank, wenn ich Dinge von solchen aufrichtigen, kurzsichtigen, engstirnigen sich empathisch nennenden Heuchlern höre. Die Pontius Pilatus sich als immanentes Vorbild genommen haben.

Alles, was ich will, ist die Wahrheit. Keine Pilatus-Schale mit Wasser. Gib mir nur etwas Wahrheit.

Ich habe dazu genug davon, Dinge zu lesen von neurotischen, psychotischen Politikern. Dazu noch von ebenfalls gut bezahlten neurotischen, psychotischen Anti-Politikern. Von neurotischen, psychotischen rechten oder linken Handwaschungs-Visionären mit gut bespendeten Geldbörsen.

Wie schlaft ihr eigentlich des Nachts auf eurem Kissen?

Alles, was ich will, ist die Wahrheit. Keine Pilatus-Schale mit Wasser. Gib mir nur etwas Wahrheit.

Aber lass mich nicht an deinen ungaren Halbwahrheiten und aufgekochten Weglassungen ersticken. Wenn du Nachdenker bist. Weil sonst bist du lediglich ein inkarnierter Komparativ. Ein kleiner Berger der großen Berge. Wie schläfst du ob deiner Schreiberei eigentlich des Nachts?

Another troll eats in the dust. Good night, sleep tight.

All I want is the truth. Just gimme some truth.