In memoriam: Karl Brzeskiewisc … Wider den Vergessen

Beim Entstauben meiner bescheidener Bibliothek fiel mir das hundert Jahre alte Buch mit seinen massivem Umschlag wieder in die Hände:
Eine Lutherbibel aus dem Jahr 1900.

Auf der ersten Seite finden sich Widmungsgedanken in Sütterlin vom 30. März 1902.

Ostersonntagswünsche.

Und dann fallen mir zwei Bilder heraus.

Der alte Mann und sein Mini und der alte Mann und sein Vorgarten.

Karl Brzeskiewisc.

Er war der erste Mensch, von dem ich meine ersten eigenen 14 qm mit Nachtwärmespeicherheizung mietete. 149 DM zahlte ich damals und das waren ungefähr ein Viertel meines StudentenBAFöGs. Das Zimmer war ohne Dusche aber mit Klo auf dem Gang und lag in einem alten Haus.

Der Vermieter, Karl Brzeskiewisc, war die eigentlich gute Seele des Hauses. Alt war er schon, aber jemand von der Sorte, die man in der Rubrik „schrullig“ einordnete. Und gerade diese Schrulligkeit machte ihn so liebenswert.

Legendär und in meinen Erinnerungen eingegraben sind die „Vin de Pays de Herault“-Nächte, eben mit jenem Landwein (ALDI NORD für 1,99 DM). Im Sommer gab es den Wein pur. Im Winter wurde der einfach erhitzt, Nelken und Zimtstange rein und schon mutierte er zum erwärmenden Glühwein in der kalten Wohnung.

Dann erzählte er von seiner Gefangenschaft im 2. Weltkrieg, von dem zerbombten Köln und von anderen Geschichten, die man nie mehr wiederlesen wird. Geschichten, die nur er erzählen konnte.

Oder von seiner Leidenschaft für MINIs (damals noch nicht BMW sondern Rover) und seiner Leidenschaft für Käse aus Belgien. Er servierte mir einen Herveé (?), der eigentlich recht fad schmeckte, aber dann in Kümmel gewälzt sich vom grauen Mauerblümchen zur Geschmacksexplosion wandelte.

Allerdings war nicht jeder von seiner Käsebegeisterung ebenso begeistert. Ein Freund vom Karl versteckte so einen Stinkkäse ihm kurzerhand unters Bett. Wochenlang zog der scharfe Geruch von Käse durchs Treppenhaus, bis die Haushälterin von Karl den Käse entdeckte.

Im Jahr 1993 – es war zur damaligen Ostern-Zeit – hatte ich es geschafft, zum zweiten Mal in meinem Leben für vier Wochen nach Brasilien zu reisen. Ich schrieb ihm die versprochene Karte.
Vier Wochen später kam ich wieder zurück.

Durch den wie immer verwucherten Vorgarten trat ich wieder in das Hau ein.
Es herrschte eine seltsame Stille in dem Haus.
Ungeöffnete Post lag vor seiner geschlossenen Wohnzimmertür.
Er war wohl aus?
Aber irgendwas stimmte nicht.
Es lag was in der Luft, was ich nicht fassen konnte.
Wie eine düstere Schwingung.
Ich ging mit meiner Reisetasche auf mein Zimmer hoch.
Doch auspacken konnte und wollte ich nicht.
Wie gerne hätte ich mit Karl über meine Brasilienimpressionen geplaudert und ihm meine Geschichten erzählt.
Die Begegnungen und Eindrücke von dort, die wollte ich ihm mitteilen.
Ich ging runter zu seiner Wohnzimmertür und klopfte an.
Die Tür war offen, aber niemand war im Wohnzimmer drin.
Das alte seltene pneumatische Klavier stand staubfangend an der Ecke. Karl hatte original Abspiel-Rollen für das Klavier. Also Rollen, die von dem Komponisten vorher bespielt worden waren. Originale, keine Kopien. Eine Luftbombe im 2. Weltkrieg hatte die Schläuche des Klaviers zerfetzt. Er hatte es nie reparieren lassen.
Und auch der Eckschrank, in dem noch immer der Splitter einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg steckte, erschien so wie immer. Und in einem Fenster des Eckschranks lugte auch meine Karte aus Brasilien hervor. Sie war also schon angekommen. Er hatte sie gelesen. Und sie hatte einen Sonderplatz erhalten. Schön …
Die Küchentür war auch geöffnet. Auf einem Tisch stand eine vertraute Flasche „Vin de Pays de Herault“.

Aber wo war Karl?

Meine Unruhre und Nervösität konnte ich nicht mehr unterdrücken. Ich rief die Haushälterin vom Karl am nächsten Morgen an.
„Was? Sie wissen es nicht?“
Karl war eine Woche zuvor an den Auswirkungen eines Schlaganfalls im Bett gestorben.
Karls Haushälterin fand ihn sterbend im Bett vor. Die eintreffenden Sanitäter und Notärzte konnten ihm nicht mehr helfen.

Karl Brzeskiewisc.

Es gibt Menschen, an die sich nur wenige erinnern.

Wie heisst es bei Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W.“?
Der Mensch stirbt erst dann, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert …

Wider den Vergessen an einen großartigen Menschen, den nur wenige kennengelernt haben:

Karl Brzeskiewisc

In memoriam Karl Brzeskiewisc.

Aufgespießt …

Im Netz unter Yahoo-Nachrichten gelesen:

Riesengroße Alkohol-Wolke im All entdeckt
Paris (AFP) – Britische Astronomen haben eine 463 Milliarden Kilometer lange Alkohol-Wolke im All entdeckt. Die Riesen-Wolke befinde sich in einem Teil der Milchstraße mit dem Namen W3(OH), in dem Sterne durch die Zusammenballung von Gas und Staub entstünden, teilte das Jodrell Bank Observatory der Universität von Manchester mit. …

Wird auf der internationalen Raumstation wieder gesoffen?
Russen wieder im Weltraum? …
Oder hat der Brasilianer Cachaça mit in den Weltraum genommen?
Mixt er vielleicht Caipirinha?

Fragen über Fragen

fragt sich sinnloserweis zu später Stunde

Careca :wave:

Fundstücke (Flashback)

Hotel União – Rio de Janeiro

Auf der Suche nach dem ultimativen Budget-Hotel muss man auch bereit sein ungewöhnliche Wege zu gehen.

Warum immer gleich im Zentrum?
Es ist bekannt, dass man dort mit erhöhtem Touristenaufkommen rechnen muss.
Wo viele Touristen, da wenig Einheimische.
Diese Rechnung geht immer auf und enttäuscht manche Manager immer wieder bei deren Suche nach dem ultimativen Survival-Erlebnis-Anti-Stress-Trip.

Also raus aus dem Altbekannten ausgetrampelten Pfaden Rios, raus in den Schutz der Policia Militar der unmittelbaren Nachbarschaft, hin zu dem Flair von Militär in mittelbarer Umgebung, ab zur „Avenida Brasil“.

Wenn nicht beim nächsten Urlaub, wann denn dann sonst?

Hotel União – das ultimative Off-Roader-Hotel für Aussteiger der Aufstiegsgesellschaft, die erstmal ein paar Meter abseits der Avenida Brasil dem Duft der Millionenstadt hinterher schnuppern wollen.

Hotel União - Rio de Janeiro

Das gnadenlose Programm für den gestressten Manager, der eine Woche mal was anderes will, als organisierten Luxus, aber trotzdem auf gute Verkehrsanbindung nicht verzichten wollen.

Auf der Avenida Brasil ist man sowohl recht schnell am Sambadromo als auch bei den vielen Drill-Master-Übungsplätze der Brülloffiziere der Militärs.

Das Hören des Lärms der Strasse garantiert dem Bewohner, dass erstens sein Gehörsinn noch funktioniert und zweitens er lebendig ist.

Hier weht im Hotel der Wind noch, wie er will.

Die Wärme des Tages und die Kühle mancher Nacht dringt ungefiltert in das eigene Reich der vier Hotelwände.

Denn die Klimaanlagen wurden vorsorglich demontiert, da es vereinzelt vorkam, dass russische Human-Resources-Manager diese einfach abmontierten, um sie in ihren sibirischen High-Tech-Datschas als Erinnerung an schlechte Zeiten einzubauen.

Dieses fünfgeschossige Hotel bietet für alle etwas und für andere unbedarfte noch weniger.

Einkaufsmöglichkeiten gibt es genug.

Und wer entsprechende Real-Scheine mitbringt, kann sich bei den vielen engagierten Automobil-Einzelteilhändlern der Umgebung sogar das ein oder andere Vehikel selber zusammenkaufen.

Telefonanschluss gibt es freilich auch.

Aber im Sinne der Philosophie „NO STRESS“ wurde dieser ausgelagert und findet sich als Orelhão der Telemar direkt vor dem Hotel.

Karten gibt es bei Bedarf von jedem ambulante.

Und auch des nachts steht dem geneigten Besucher auch noch eine Unterhaltung zur Verfügung:

Im Baissement befindet der „Strip Club 13“ diskret aber eindeutig deutlich auf einem weissen Pappschild ausgeschildert.

Hier wird gestrippt, was der Büstenhalter hergibt.
Bis der letzte Fetzen Stoff in der Ecke liegt.
Bis die Mädels ausgepumpt sind.
Bis der Zuschauer in seiner Verzweifelung zu den Eiswürfeln greift.
Bis dass es dem Morgen graut.

Da sowas für manchen Besucher recht schnell geht – nicht jeder gehört zu der schnellen Sorte – wird das ganze auch als Slow Motion für entsprechenden Gegenwert angeboten.

Hierzu kann das Objekt der Begierde auch mitgenommen werden.

Leider steigen aber die Preise proportional mit der Höhe des Stockwerkes, in dem man wohnt, wenn man eines der Mädels in sein Zimmer darüber mitnehmen möchte.

Insider raten indes dazu die gute infrastrukturelle Anbindung des Hotels an der Avenida Brasil zu einem zusätzlichen Motelbesuch zu nutzen.

Also raus aus dem Altbekannten ausgetrampelten Pfaden Rios, rein ins Hotel União an der „Avenida Brasil“.

Wenn nicht beim nächsten Urlaub, wann denn dann sonst?

Aber vertut euch nicht, das Hotel ist möglicherweise belebter, als es wirkt.

Ich selber durfte nicht einchecken, da ich öffentlich bekennender Anhänger der Anti-Kakerlaken-Liga und Anti-Ratten-Liga bin, pingelig und versnobt auf klinisch saubere Umgebung achte, mich nicht auf jede ausgelutschte Matraze lege und generell alles tip-top in Ordnung haben muss und mich somit völlig für den Aufenthalt dequalifizierte …

… bin halt ein verwöhntes Balg und ansonsten ein Schisser, um mich in solch gut infrastrukturell ausgebauten Gegenden aufzuhalten …

Erinnerungen an meinen letzten Rio-Aufenthalt in 2005

Blitzeis

Blitzeis ist eine gefährliche Geschichte.

Jeder weiss es und jeder hasst es. Nur wenige verspüren die Folgen davon.

Ich erlebte es gestern nacht um halb acht:
Fünf Fahrzeuge und ein LKW auf der Autobahn verkeilt. In einem der Fahrzeuge sass ich drin.
Alleine.
In einem Audi A6 meiner Firma.
Auf Dienstreise.

Wie durch ein Wunder ist bei dem Massenunfall niemand verletzt worden. Die Insassen zweier Fahrzeuge sind nur knapp am Tode vorbeigerutscht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eines der beiden Fahrzeuge wurde von mir gelenkt. Über eine eisglatte Piste. Auf der Bremsen keine Wirkung mehr zeigten. Wie Kugeln beim Pool-Billard klackten Autos gegen Autos gegen LKW mit Anhänger.

Als ich stand, rief mir ein Unfallbeteiligter zu:
„Rennen Sie weg! Schnell! Der Kranwagen kommt!“

Ein sechs-achsiger Kranwagen näherte sich der Unfallstelle und es war unklar, ob er rechtzeitig zum Stehen kommen würde.
Ich wollte weg, drehte mich um, wollte rennen. Dabei wäre ich fast gestürzt. Meine Füsse rutschten haltlos über die Eisschicht. Der Mann fasst mir helfend beim Arm, ich fing mich und konnte schlitternd weg. Aber wohin? Bei Blitzeis wird jedes bewegte Fahrzeug zum unkalkulierbaren Geschoss. Und auf der rechten Seite am Standdtreifen türmte eine zwei Meter hohe Schneewand.
Der Kranwagen kam – Gott sei Danke – rechtzeitig zum Stehen.

Zwei der Unfallfahrzeuge hatten Totalschaden. Bei einem Golf war ein Hinterrad abgeknickt. Seitenscheibe zertrümmert und der Motor freigelegt. Beide Airbags hingen raus.
Bei meinem Audi war das linke Vorderad und die linke Motorhaubenhälfte zerlegt und ein Reifen explodiert.

Ich stand auf der Autobahn im kalten Regen in der Dunkelheit, während die Polizei den Unfall aufnahm und ein vier Kilometer laner Stau sich bildete.
Vollsperrung.
Aber das war mir egal. Auch wenn ich bei den Leuten im Stau mitfühlte, dass sie von uns aufgehalten wurden.

Aber im Grunde war mir auch das egal.
Gott sei dank, keine Verletzten, nur Blechschäden.

Ich spürte den kalten Regen nicht wirklich. Ich spürte im Abschleppwagen nachher nur, dass sich meine Schuhe mit kalten Wasser gefüllt hatten, dass ich eigentlich komplett vom Regen durchweicht war.
Im Abschleppwagen war es mollig warm.

Heute bleib ich zuhaus.
Der Schreck steckt mir noch immer in den Gliedern.
Arbeitsunfähig.

Nach zwanzig Jahren unfallfreies Fahren gleich eine Massenkarambolage.

Aber das war mir egal.

Bemerkenswerter für mich ist nur:
Ich bin wieder mal mit dem Leben davongekommen … das zweite Mal in drei Monaten …

Ich hasse Winter.
Ich hasse Schnee.
Ich hasse Blitzeis.

Hoffentlich kommt bald der Frühling und dann sofort ein langer Sommer … .

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Vogelgrippe mal auf türkisch …

Hatte das letztens mal am Flughafen gesehen. Für mich Türkisch-Legasteniker kam mir die Übersetzung des Wortes „Vogelgrippe“ eindeutig zweideutig vor:

„kus gribi“

Liest sich für mich wie

„Kussgrippe“

Da denk ich doch gleich an das „Pfeiffersche Drüsenfieber“.
Kann man beim Küssen bekommen.
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WM Stadträte

„Ohohooooo Franz! Dass du deinem armen Tantchen keine Karten zur WM geschenkt hast!“ So tönt es momentan schluchzend durch Deutschlands Wohnstuben mit TV-Geräten.

In einem Werbespot steigt eine ältere Dame im eleganten konservativen hellen Zweiteiler einen Aufzug, wartet bis die Tür schliesst und fängt effektvoll an zu schluchzen. Dann lässt sie den obigen Satz ab und pufft den Nebenmann. Und neben ihr steht Franz Beckenbauer und spielt seine Lieblingsrolle:

Keine Ahnung von nichts aber mitlächeln. ;D

Eine jüngere Frau dreht sich um und faucht den Beckenbauer an, dass er wohl hätte mehr Dankbarkeit seiner Tante gegenüber zeigen können. Beckenbauer zuckt die Schultern und sagt einen Satz, den wohl jeder Zuhörer als Charakterisierung für ihn selber unterschreiben würde:

„Da kenn ich mich nicht mehr aus!“

:roll:
:roll:
:roll:
:roll:

Es gibt einen neuen Trend in München.
Türsteher in Diskotheken verfügen über Internetlisten, die sie heimlich immer wieder studieren.
Vor dem Münchener Rathaus stehen verschiedene Leute, die ebenfalls diese Listen besitzen und argwöhnisch jeden Menschen mit Aktentasche beaugapfeln und mit ihren Listen vergleichen.
Normale Kneipenbesucher schauen sich in diversen In-Lokalen jeden Besucher genau an und vergleichen mit diesen Listen.
Es ist unheimlich.
Offenbar haben sich ganz normale Bürger zu „Linzen und Partner“ entwickelt. Jeder ein „Sherlok Holmes und Dr. Watson“. …

Ich komme in eine Kneipe und will mir an der Theke ein Bier bestellen. Eine Menschentraube von Frauen umlagert einen lächelnden Mann, versperrt mir den Weg. Der Mann erscheint mir nicht sonderlich attraktiv, aber die Frauen mögen ihn offensichtlich. Drumherum stehen und sitzen Männer, die aufmerksam die Szenerie betrachten und mich aus den Augenwinkel mit Argusaugen misstrauisch beobachten.
Mühsam erkämpfe ich mir an der Theke ein Bier, werde aber dabei von den Frauen zum Teil mehrfach in die Seite gepufft. Ich soll wohl gehen. Kopfschüttelnd trete ich beiseite. Einen Mann, der mich mit leicht gekniffenen Augen betrachtet, frage ich, wer der Mann dort wohl sei.

„Stadtrat“, ist die kurz angebundene Antwort.

„Und die Frauen?“ frage ich.

„Keine Ahnung. Meine ist die im roten Mini. Und ihre?“ fragt er zurück.

„Ich bin allein hier.“

Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ob er einen Konkurenten in mir hätte.
Ich trinke aus und gehe.

In einer anderen Kneipe, eine durchschnittliche Frau an der Theke umlagert von lachenden Männern. Einsame Frauen drumherum. Als ich einer zu zwinkere, zeigt mir diese ihre kalte Schulter und starrt auf die Gruppe vor ihr. Ich frage den Kellner, wer jene Frau sei, die von Männern umlagert sei.

„Stadträtin“ sagt der nur und zuckt gleichgültig mit den Schultern.

Als ich eine offensichtliche Solo-Frau an der Menschentraube zu einem Drink einladen will, deutet diese auf einen Mann in der Gruppe um jener anderen Frau und weisst zugleich auf ihren goldenen Ring.

Es ist überall das gleiche. Seit dem bekannt wurde, dass Stadträte das Vorkaufsrecht auf 15 unvinkulierte WM-Karten für das Münchener Stadion haben, sind die Mitglieder des Stadtrats heiss begehrt.

Man/frau sucht Anschluss.
Man/frau will deren Freund werden.

Im Umkehrschluss öffnet einem der Satz „Ich bin Stadtrat“ magische Türen. Die VIP-Lounges öffnen sich wie von Märchenhand. Allerdings gibt es schon die ersten Stadtrat-Immitanten. Seitdem besitzen die Türsteher von Promi-Diskotheken jene Internetlisten. Ausgedruckt von der homepage der Stadt München, wo man alle Stadträte mit Bild abrufen kann.

Waren vorher die Stadträte noch die Langeweiler der Münchener Abendgesellschaft, so sind sie zu Sternchen der Bussi-Bussi-Gesellschaft aufgestiegen.

Selbst Kontaktanzeigen wie „Bayrischer Schmerbauchstadtrat sucht heisse Affäre gegen ein WM-Ticket“ werden inzwischen hemmungslos beantwortet. Leider beklagte sich jedoch jener Stadtrat, dass ihm besonders viele Heteros in Frauenkleider schrieben, nur um ein WM-Ticket zu ergattern. Er sprach sogar von organisierten Fussballfan-Clubs, die u.a.a. deren Pin-Ups auf ihn gehetzt haben sollen.

Auch andersherum wird inzwischen kontaktet:
„Australierin tut alles für Stadträte bis zur WM für ein Ticket“ und sollen auch schon Erfolg gehabt haben.

Der Oberbürgermeister Ude hatte inzwischen schon sein Unverständnis über diese neue Art des Schwarzmarktes den Kopf geschüttelt. Die normalen Bürger sollen doch lieber bei der Ticketverlosung teilnehmen, statt sich auf diesen Parallelmarkt herum zu treiben.

Beckstein hat dann auch gleich den Begriff aufgegriffen und dem Ude vorgeworfen, er würde nicht energisch genug gegen diese Parallelkultur vorgehen. Sowas würde nur die Integration der normalen Münchener Bussi-Bussi-Gesellschaft in die Normalität verhindern. Wer seine Hoffnung so einfach aufgebe, bei der Ticketlotterie zu gewinnen, der könne auch nicht hoffen, dass Integration mehr als nur Worthülse bleibe.
Trank sein Mass und liess sich gleich nachschenken.

Die WM ist noch knapp 130 Tage entfernt. Und für die meisten Bewohner einer Stadt mit WM-Austragungsort wird wohl das eigene Stdion nur über den Fernseher zu bewundern sein.

Ausser man ist Münchener Stadtrat oder ist mit einem befreundet. Dann hat man sein Ticket sicher.

Das Anrecht auf 15 Tickets der Münchener Stadträte hängt übrigens mit deren Engagement zur WM-Organisation und dem Stadionbau zusammmen. Denn jene Stadträte haben nachts unbemerkt von der schlafenden Öffentlichkeit in mühsamer schweisstreibender Kleinstarbeit das neue Stadion aufgebaut. Dafür haben sie sich 15 Plätze verdient. Bewiesen wurde deren nächtliche Arbeit durch die Beobachtung, dass viele während den Sitzungen schliefen, manche dabei sogar stehend.

Kein Wunder, wenn also der Beckenbauer-Franz in die Werbekamera seinen ambivalenten Satz runterleiert:

„Da kenn ich mich nicht mehr aus!“

Verdient ist verdient.

Sowieso.

Und ich hoffe, es hat dem Beckenbauer weh getan, als die alte Dame in der Werbung mit der Handtasche nach ihm puffte.

meint

Careca :wave:

Aufregende Begegnung mit brasilianischer "Dame" … einmal anders …

… und da war noch die seltsame Begegnung der dritten Art, die ein Brasilienreisender in seiner kleinen westlichen deutschen printenbackenden Heimatstadt hatte …

… zu Karneval gab es dort im Schutze der Kirche immer eine öffentliche Karnevalsfete. Nicht nur die Musik sondern auch das Essen wurde von Brasilianern organisiert. Die Räumlichkeiten wurden kirchlich verliehen.

Die kleine brasilianische Community hatte Zuwachs bekommen. Eine Frau aus Recife weilte seit neuestem in der Stadt (ich nenn sie mal „Tüdelkirchen“; ich meinte mit „sie“ die Stadt! nicht die Frau!!!), wohnte bei einer anderen Bekannte aus Recife und mischte mit, wenn auch ein wenig scheu und zurückhaltend.

Mein Geschmack war sie nicht. Sie war eher eine recht herbe Schönheit, Mulatta von ca. 25 Jahren, mit langen schwarzen wehenden Haaren und mit Augen wie stechend klare Scheinwerfer. Ihr Lächeln war selten und aber dann immer ein wenig schief.

Das Fest startete und der Brasilienreisende (ich nenn ihn mal „Dietrich“) war gerade wieder mal von seinem viermonatigen Rundtrip durch Brasilien zurück. Während wir so bei Caipi und Bier seinen Geschichten lauschte, kam dann die neue (ich nenn sie mal „Adriana“) vorbei geschlichen. Der Brasilienreisende hatte sie nicht bemerkt, aber dafür ein anderer Brasilianer.

Und der hatte sogleich Dietrich auf Adriana aufmerksam gemacht:
„Hey Dietrich, kennst du schon die neuste Brasilianerin hier in Tüdelkirchen? Die wohnt bei der Clara seit knapp zwei Wochen!“
und deutete auf Adriana.
„Oi Adriana, vem cá!“ (=“Hey, Adriana, komm her!“)

Aber Adriana schien nicht unbedingt interessiert.

Dietrich schaute ihn Richtung Adriana und bemerkte laut und trocken:
„Sei ela! Ela é da praia de Recife!“
Und direkt zu ihr gewendet:
„Você não é uma mulher, você é um homen.“
Und für die umstehenden ohne Portugiesisch-Kenntnisse wiederholte er im breitesten Heimatslang:
„Die kenn isch! Die kommst vom Strand von Recife! Das is keene Frau. Dat isse ne Mann!“

Der Tumult danach ist unbeschreiblich und war von Verwünschungen und Flüchen seitens dem Adriana („Sou mulher sim!“ „Ich bin eine Frau!“) geprägt und weiteren Enthüllungen seitens Dietrich auf Deutsch („Ach hürens doch opp! Ich han dich doch da an Recifes Strand rumposieren sehen! Du bisse ja ne janz billige Transe!“ usw.).

Beide sind sich auf dem Fest nicht mehr begegnet und auch später mied der Adriana die Gegenwart von dem Dietrich …

erfuhr

Careca :wave: