Der Fall der Mauer 1989 war nicht nur verheerend für sozialistische Systeme. Auch das Kabarett erfuhr eine bislang noch nie erlebte Zäsur. Kritik an bestimmten Zuständen wurde mit Nichtbeachtung vom Publikum bestraft. Das Volk mochte (und will) nicht mehr mit Problemen belastet sein. Amüsement darf nur noch selten weh tun. Mit ihren Humor verstehen die Deutschen keinen Spaß mehr. Humor ist halt eine ernste Sache.
1991 fällt in Deutschland der Karneval aus: Der Zweite Golfkrieg verlangt seinen gnadenlos grausamen Tribut auch in Deutschland, mit all seinen Lügen und Irrationalitäten. Allein in Köln wagen sich einige unentwegte Karnevalsfetischisten auf die Straße.
Der ausgefallene Karneval scheint den Deutschen wie eine Stein im Magen zu liegen. Bald schon verlangt es nach Plattem und Flachen, als ob Quantität gebraucht wird, um irgendein schlechtes Gewissen zu übertünchen. Es herrscht jetzt wieder eine Amüsierwut wie in den Zwanzigern. Das Fernsehen liefert die angepaßte Munition dazu: aus dem Schwank wurde die Situationskomödie, die „sitcom“ mit wohldosiertem Gelächter aus der Konserve unterlegt, aus Komikern wurden Comedians, aus der Klamotte die Comedy, meist hochgejubelt, oft abgrundtief banal.
„Heute brauchste Humor für dat, wat andere für Humor halten“, sagte Wolfgang Gruner, der Gründer der in den 60ern gegründeten und erfolgreichen Berliner Kabarett-Gruppe „Die Stachelschweine“.
Eine Generation lacht ab.
Der Erfolg von Tom Gerhard, Helge Schneider, Wigald Boning mitsamt Hugo Balders „RTL Samstag Nacht“-Crew, Gaby Köster, „Herbert Knebels Affentheater“, Piet Klocke oder „Marlene Jaschke“ paßt hervorragend in unsere Bierdosen- und Plastikkultur. Selbst textile Scheußlichkeiten der siebziger Jahre („Wenn man eins aus der deutschen Geschichte lernen kann, dann daß Schlaghosen Scheiße aussehen.“ Dieter Nuhr) und die schlimmsten Schlagerergüsse jener Zeit von griechischer Wein, hossa, hossa, hossa und Tränen, die nicht lügen, passen in diese Amüsierwut und liefern uns Bühnenkreationen wie den von Fans als „Meister“ titulierten „Guildo Horn und seine orthopädischen Stützstrümpfe“ oder „Dieter Thomas Kuhn“. Man kann wieder lauthals „Mendocino“ mitgröhlen und ohne Nebenwirkungen über Sachen lachen wie: „Ich esse morgens auffem Brötchen unheimlich gerne Nutella. Mir schmeckt das unheimlich prima. Ich wollt’s eigentlich nur mal gesagt haben.“
Wer aber politisch und kritischer als erlaubt die Gesellschaft betrachtet, gilt als peinlich, weil nestbeschmutzend. Es darf nicht mehr schmerzen, wenn man lacht, besonders wenn man auch noch über sich selber lachen soll. Kabarett-Gruppen distanzieren sich plötzlich freiwillig von jeglichem politischen Anspruch und versuchen sich in Comedy.
Wir amüsieren uns zu Tode …
Über das Lachen
Wigald Boning (39), berühmtgewordener Star durch Comedy-Serie „RTL Samstag Nacht“, Sänger der Gruppe „Die Doofen“, Moderator und Mitspieler diverser Sendungen wie z.B. „Clever!“ „Genial Daneben“ „Extreme Activity“) ist der Meinung, daß politisch korrektes Kabarett für ihn etwas furchtbar peinliches sei. Er verstehe nicht, wie man nach 1989, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme, allen Ernstes immer noch die linke Fahne hochhalten könne. Darüber befragt, ob der aktuelle Comedy-Boom irgendetwas bedeutet:
„Hoffentlich nicht, ich finde es gut, wenn die Deutschen das Volk der Humorlosen blieben. Hoffentlich werden die Deutschen nicht lustig.“ […] „Mein Lachgefühl in der Freizeit hält sich sehr in Grenzen, Humor hat bei mir einen sehr geringen Stellenwert.“
(aus Süddeutsche Zeitung vom 30.12.1995)
