Kölle, dat verlorene Klüngel-Jeföhl, und eine angekündigte Taxifahrt

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3

***

„Sie kommen jetzt also direkt aus München? Nur um hier in einem Restaurant zu essen? Wie schräg ist das denn?“

Der Taxifahrer warf mir einen zweifelnden Blick zu.

„Das ist wirklich so. Ich habe ein Abendessen in Köln vom Radiosender „1Live“ gewonnen.“
„Das kann ja sein. Aber eine Flug gibt’s ja nicht umsonst. Und nur wegen eines Abendessens einen Flug zahlen?“
„Es ist ein sehr gutes brasilianisches Restaurant. Eine Churrascaria. Fleisch all you can eat.“
„Und deswegen nach Köln? Das können Sie meiner Oma erzählen.“
„Wo wohnt die?“
„Wer?“
„Na, ihre Oma.“
„Melatenfriedhof, Flur 72a.“

Warum sollte ich dem Taxifahrer sagen, weswegen ich hier war. Die Antwort „Geschäftsreise“ war mir zu langweilig. Aber wenn der mich unter der Erde sehen will, auf Besuch bei seiner Oma …
Die roten Bremslichter des vorausfahrenden Autos unterbrachten meine Gedanken. Mein Taxifahrer trat nur kurz in die Bremsen – ich flog nach vorne in meinen Sicherheitsgurt –, zog geschmeidig nach links rüber – ich bewegte mich in einem Kreisbogen, bis mich die Beifahrertür hart abfing – und zog stark beschleunigend an dem Fahrzeug vorbei – die Rückenlehne vom Sitz hatte mich wieder.

„Bergheimer! Mal wieder typisch. Nur weil der Michael Schumacher ein paar Mal die Formel 1 gewonnen hatte, glauben die dort alle, sie wären seine Erben. Aber Schuhmacher hat nie gebremst!“

Ich nickte wortlos und versuchte die vorherige Adrenalinausschüttung in meinem Körper zu verarbeiten.

„Sie waren schon mal in Köln?“
„Ich habe fast drei Jahre dort gearbeitet.“
„Und sind dann nach München gegangen?“

Bestätigend nickte ich.

„Da haben Sie richtig gehandelt.“
„Wieso?“
„Köln ist ein richtiges Drecksloch geworden.“
„So schlimm?“
„Köln wird inzwischen als die korrupteste Stadt Europas bezeichnet.“
„Aber Köln hatte doch schon immer seinen Klüngel.“
„Das ist nicht das Gleiche.“
„Sondern?“
„Der Übergang vom damaligen Kölner Klüngel zur jetzigen Kölner Korruption wurde dadurch begünstigt, dass eine geänderte Einstellung eine Profit- oder Erfolgsmaximierung bei gleichzeitiger Aufwandsminimierung sich verbreitert hat.“
„Wie das?“
„Schaun Sie nur mal, was hier abgeht. Die kümmern sich nicht mehr um die Belange der Bewohner. Jenen Kloochschesser da oben gehen ihre eigene Kölner doch total an deren Kackäsche vorbei. Da wird gelogen, betrogen und abgezockt, das ist schon nicht mehr feierlich.“
„Seit wann?“
„Seit mehr als zehn Jahren geht das so.“

Ein Krächzen drang durch den Funk des Taxifahrers.

„37, wo bist du?“
„Ich bin auf dem Weg zum Barbarossaplatz.“
„37, da will in der Nähe jemand ein Taxi. Dokumentenfernfahrt.“
„Übernehme ich.“

Das Krächzen verstummte. Der Taxifahrer konzentrierte sich kurz auf die Verkehrsschilder. Das Kölner Innenstadt-Schild hatten wir schon passiert. Über der Stadtsilhouette lugten vorwitzig die beiden Turmspitzen des Kölner Doms hervor.

„Bei den Kommunalwahlen gabs dann die Quittung.“
„Welche?“
„Alle Parteien unter die 30 Prozent, Wahlbeteiligung bei 50 Prozent.“

Mit finsterem Blick fixierte er die rote Ampel, an der wir standen. Eine der oberirdischen U-Bahnen passierte unseren Weg. Vier Waggons, recht lang und langsam, und als Dreingabe auch noch spärlich besetzt.

„Jetzt schauen Sie sich das an. Hauptverkehrszeit und keiner sitzt in der U-Bahn, aber dafür wird extra der ganze Verkehr aufgehalten.“

Mit seiner rechten Hand schlug er kurz und trocken verärgert auf sein Lenkrad. Er seufzte.

„Die machen sich hier überhaupt keine Gedanken, wie man diese Stadt nach vorne bringen kann. Und dann erst die Katastrophe mit dem Stadtarchiv in der Südstadt. Erst bohren die fleißig Brunnen im U-Bahn-Schacht, bis dass das Stadtarchiv einstürzt, und dann als erste Reaktion gleich: ‚Das waren wir nicht, da waren die Römer schuld. Wenn die damals aufgeräumt hätten, als sie gingen.‘ Tolle Politiker haben wir hier. Was soll der Driss mit einer U-Bahn hier? Die braucht niemand. Köln ist nicht mehr unsere Stadt.“
„Und warum sind Sie dann noch hier?“
„Es ist der Menschenschlag. Die Menschen halten mich noch hier. Ohne die wäre ich schon weg.“

Der Taxifahrer hielt vor meinem Hotel. Ich kramte meine Geldbörse hervor und beglich die Fahrtkosten. Der Taxifahrer stieg mit mir aus und öffnete den Kofferraum. Ich hob meinen Koffer heraus.

„Nebenbei: Wissen Sie überhaupt, wer auf dem Melatenfriedhof Flur 72a sein Grab hat?“
„Ihre Oma, so hatten Sie mir doch gesagt.“
„Jeck! Auf Flur 72a befindet sich das Familiengrab der Millowitschs. Schönes Grab. Schauen Sie es sich an, wenn sie Zeit haben.“
„Sind Sie etwa ein zum Taxifahrer umgeschulter Friedhofsgärtner?“

Er lachte und stieg ohne Antwort in sein Taxi. Ein Krächzen drang durch das geöffnete Fenster des Taxis.
„37, wo bist du?“
„Am Barbarossaplatz.“
„37, fahr zum Mediapark beim Cinedom. Vor dem Pizza-Hut steht einer mit einem großen gelben Briefumschlag, ein Herr Stein Vanderford. Der benötigt eine Dokumentenfahrt nach Brüssel.“
„Wird gemacht.“

Das Krächzen verstummte. Hatte die Stimme etwa „Stein Vanderford“ gesagt? Oder war es vielleicht doch eher „Stijn van de Voorde“? Dokumente nach Brüssel? Brüssel? Studio Brüssel?
PentAgrion?
Einen Moment lang wollte ich die Tür vom Taxi wieder öffnen, um sofort wieder einzusteigen und mitzufahren. Aber ich hatte für den Abend schon einen Termin. Im Restaurant „Rodizio-Pantanal“.
Ich holte meine Einladung aus der Jackentasche: „Rodizio-Pantanal am Mediapark/Cinedom um 19:30 Uhr“ stand drauf geschrieben.
Mist.
So ist das Leben.
Das Taxi blinkte kurz und zwängte sich in eine winzige Verkehrslücke. Sekunden später hatte der Feierabendverkehr das Taxi verschluckt. Ich ging ins Hotel.

(Fortsetzung hier)

Entschuldigung an alle Asterix-Fans

Ich wollt es nicht. Das war nie mein Plan. Noch mein Ansinnen. Noch entspricht es meiner Natur. Ich habe Asterix ungewollt überfahren . . .

Seher.jpg

Ein Schloss, ein König, erneut PentAgrion und dann die Zahlenmystik

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2

***

Es war ein regnerischer Tag. Für Mitte Oktober war es eindeutig ein zu kalter Tag. Im Grunde war das einer der Tage, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und weiter zu schlafen.

Stattdessen stand ich an einem Schlossfenster und starrte auf den Hof. Bekannte hatten mich zu Schloss Neuschwanstein mitgenommen. Es war nicht das erste Mal, dass ich das Schloss besuchte, aber meine Hoffnung war, dass das Wetter dort vielleicht besser sein würde. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Sie starb.

Wir nahmen die Pferdekutsche, um den Weg zum Schloss zu bewältigen. Zu Fuß wollten wir nicht. Es fiel uns zu viel Regen. Oben am Schloss hatte es aufgehört zu regnen. Dafür schneite es. Die Sicht war bescheiden, die Berge nicht zu erkennen.
Selbst vom Schlossfenster aus war nicht viel zu erkennnen. Der Blick auf das Füssener Umland war das Einzige, was ein wenig lohnte. Aber das Bergpanorama fehlte mir nun doch ein wenig.

Im Hof vom Schloss befanden sich kaum Menschen. Die Besucher hielten sich im Torbogen zum Hof auf und warteten darauf, dass deren Tournummer angezeigt werden würde. Sprang die Anzeige um, dann setzte ein Schubsen und Stoßen ein, die Menge lebte auf und die Besucher versuchten, zu den Kartenlesern im Hof zu gelangen.

Der Reiseführer unserer Gruppe erschien mir ein wenig vergeistert. Seine Präsentation lief in einem Tempo ab, dass es eigentlich nur mit dem Wort „lahm“ beschrieben werden kann. Es ist nicht so, dass er Uninteressantes erzählte. Aber so gleichmäßig, so ohne bemerkenswerte Betonung, so wie er seinen Text rüber vortrug, er wäre der ideale Märchenvorleser für Kinder, die noch nicht müde sind. Er hatte ein gewisses Leuchten in seinen Augen, als er von der Wagner-Leidenschaft des Schlossbauherrn erzählte. Seine Stimme hatte einen salbungsvollen Unterton und seine Handbewegungen waren von ausgesuchten Andeutungsphasen.

So stand ich nun immer noch am Fenster, als der Reiseführer sich neben mich an das andere Fenster schob. Naja, er hat sich nicht direkt neben mich geschoben, ich würde es eher als schweben beschreiben. Ich blickte ihm kurz ins Gesicht, um mit einem Lächeln kurz Kontakt aufzunehmen. Aber er beachtete mich nicht.

Er streckte langsam seine linke Hand zu dem geöffneten Fenster aus. Es war, als ob er seine Hand durchs Fenster strecken wollte, um zu fühlen, ob es regnen würde. Langsam bewegte sich seine Hand durch das Fenster. Aber auf dem halben Weg hielt er inne. Seine Hand schien fast schwerelos zu verharren. Ich versuchte, sein jugendhaftes Gesicht zu lesen. Aber es war mir nicht möglich. Ich sah das gleiche vergeistigte Gesicht, das er während der Führung präsentierte. Wie lobotomiert. Genau so, wie, das von Jack Nicholson als „Randall Patrick McMurphy“ nach seiner Operation in dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“.

So verharrte er einen Moment. In diesem Moment passierte mir die Dummheit des Tages. Der peinliche Augenblick. Der Moment, wofür ich mich hätte, nachträglich Ohrfeigen könnte. Den Moment hätte ich mir sparen sollen. Ein innerer Drang ließ meine Lippen aufeinanderpressen und mit Innendruck auseinanderfliegen, die Zunge danach an meine Schneidezähne rutschen und den Rest des Wortes formulieren.

„PentAgrion.“

Das Wort war nicht mehr zurückzuholen. Das Wort bahnte sich seinen Weg und er musste es gehört haben. Er reagierte jedoch nicht. Sein Gesicht ließ keine Regung erkennen. Seine Hand schwebte für eine unendlich kurze weitere Zeit lang, dann zog er sie ganz langsam zurück, führte seine Hand an den Hosenbund und drehte sowohl Körper als auch Gesicht mir zu.

„Gibt es nicht.“

Seine Worte kamen so gleichförmig, so tonlos, so teilnahmslos. Er sah mich zwar an, aber seine Augen waren auf einer sanften freundlichen Art ausdruckslos, was mich unwillkürlich an Krankenhauspatienten unter Medikamentenauswirkung denken ließ.

Und dann fiel mir ein, dass der Reiseführer auch unter einer anderen Droge stehen könnte. Vielleicht hatte er sich vor der Führung eine Portion Richard Wagner reingepfiffen. Eine deftige Portion „Lohengrin“ oder „Parzival“? Kurz vor der Führung noch die volle Dröhnung „Ritt der Walküren“ oder „Tannhäuser“?

Egal, was er vorher sich eingeschmissen hatte, ich würde es nicht haben wollen. Ich wartete auf weitere Worte von ihm. Aber er sah mich nicht mehr an, sondern wandte sich den Besuchern wieder zu.

„Gibt es nicht“, waren seine Worte. Er hatte keine Anzeichen von Überraschung gezeigt, keine Anzeichen von Verwunderung, kein Hinweis darauf, dass er mit meinem so überraschend ihm zugeworfenem Wort „PentAgrion“ Schwierigkeiten hätte.

Ich atmete durch. Wie konnte er antworten, dass es „PentAgrion“ nicht gebe? Wäre nicht die normale Reaktion gewesen, zu fragen, wer oder was „PentAgrion“ sei? War seine Antwort nicht der Beweis, dass er das Wort „PentAgrion“ sehr wohl einordnen konnte? In mir wuchs die Überzeugung, dass der Reiseführer sehr wohl wissen musste, wer oder was „PentAgrion“ sei.

Der Reiseführer hatte seinen Erklärungen gemacht, verließ den Raum und schritt (schwebte?) zu dem letzten Schlossraum, in die Sängerhalle. Ich versuchte ihn einzuholen. Aber die vielen Besucher erwiesen sich als schwierige Slalomstangen. In die Sängerhalle kamen die letzten Erklärungen. Dann verabschiedete er sich von allen Besuchern und stellte sich neben der Ausgangstür, wie um sich von jedem Besucher zu verabschieden. Diskret hielt er dabei seine Hand auf und ebenso diskret drückten ihm die Besucher Geldmünzen in seine Hand. Mir kam der Gedanke in den Kopf, ob ich ihn nochmals auf unsere Begegnung am Fenster ansprechen sollte. Ich unterließ es und drückte mich bei dem Verabschiedungsritual an einem Besucher vorbei.

Meine Bekannten warteten am Ausgang auf mich an dem Postkartenständer. An den Wänden hingen Fotos vom Aufbau des Schlosses. Dessen Bauherr starb im Jahre 1886 an den Ufern des Starnberger Sees. Ertrunken. Gemäß bestimmten Quellen in 40 Zentimeter Wassertiefe. Noch heute streiten sich die Experten aller Couleur, ob er sich selbst ertränkte oder ermordet wurde. Die Bayern jedenfalls lieben ihren „King Lui“, König Ludwig II., im bayrischen Volksmund auch „Kini“ genannt. Für den Bau des Schlosses hat er sein Volk bluten lassen, aber es liebt ihn trotzdem. Für Bayern ist das nichts Ungewöhnliches. Herrschafts- und Gottes-gläubig, wie die sind, sehen sie die Regierenden immer als Gottesurteil und als Schwert Gottes. Schon seit der „Sendlinger Blutweihnacht“ 1705/1706, als der bayrische Kurfürst es sich in Brüssel gut gehen ließ und sein Bauernvolk vor den Toren Münchens abgeschlachtet wurde, das hat das Bayernvolk nicht wirklich von den Obrigkeiten entfremdet.

Aber warum sollte der „Kini“ sterben müssen? Drei Tage, nachdem er bereits entmündigt worden war? Wollte er was ausplaudern?
Eine Frau stand neben mir und sah mich in einem Buch über den angeblichen Selbstmord blättern.

„Er wurde umgebracht! Der Märchenkönig hätte sich niemals selber umgebracht!“
„Aber er war doch bereits entmündigt worden.“
„Das war eine Verschwörung. Da waren verkappte Revolutionäre am Werk. Die wussten das nicht und haben ihn deswegen umgebracht.“
„Wer?“
„Revolutionäre. Vielleicht die Preußen.“
„Die Preußen?“
„Schatz, unser Bus fährt gleich,“ sprach ein untersetzter Mann, packte die Frau am Arm und zog sie weg.
„Ja, wegen des Wissens, gutes Bier zu brauen“, konnte sie noch sagen.

Aber es klang nicht sehr überzeugend. Wegen des Bierbrauerwissens? Ich vermute, sie wollte was anderes sagen, aber der Mann hatte uns überrascht und unterbrochen. Meine Bekannten rissen mich aus meinen Gedanken und teilten mir mit, dass sie jetzt unbedingt zur Zugspitze wollten.

„Vielleicht finden wir ja nen Ötzi auf den Weg dorthin“, war die lakonische Bemerkung von mir.
Eisleichen? Früher durfte es diese wohl öfters an der Zugspitze gegeben haben. Aber heute?

Wir programmierten das GPS-Gerät auf „Zugspitze“ und ließen uns durch Satelliten leiten. Es ging durch Österreich. Der Regen wurde erneut zu Schnee und die Straßenbedingungen verschlechterten sich erheblich.Irgendwann tauchten die ersten Menschen mit Schneefräsen auf. Die Äste der Tannen bogen sich unter der Last des Schnees. Der Winter hatte am österreichischen Plansee Rast gemacht.
Als wir letztendlich am deutschen Elbsee ankamen, war es fünf Uhr nachmittags. Die Zugspitz-Seilbahn hatte schon geschlossen. Wir waren zu spät angekommen. Die Reise von 1000 Metern auf knapp 3000 Meter hätte 30 Euro gekostet. Erschwinglich, aber wir kamen zu spät.

Wir steuerten ein Restaurant an und setzen uns in eine Ecke der Stube. Es war ein seltsames Restaurant. Überall standen Bücher herum, die meisten sahen schon abgegriffen aus. An einem Tisch blieb ich stehen und nahm mir ein Buch. Ein Buch über Zahlenmystik und Numerologie. Ich fing an zu blättern und quer zu lesen.

Jedem Buchstaben ist eine Zahl zugeordnet. Das „A“ hat den Wert „1“, das „B“ die „2“, „C“ die „3“ und so weiter. Durch Addition dieser Zahlen und durch Bildung der Quersummen ergibt sich eine Zahl, welche die Pflichten für das eigene Leben ausdrückt. In einer Laune berechnete ich die Namenszahl für das Wort „PentAgrion“. Die Zahl, die sich ergibt, ist die „2“. Die Zwei steht für die Dualität, die Zweiheit. Ich war fasziniert, denn das Wort „PentAgrion“ trägt diese Dualität in sich. Der Bestandteil „Penta“ und „Agrion“. „Penta“ ist ein griechisches Zahlenwort und bedeutet „5“. Die Pythagoreer sahen die 5 als Zeichen der Ehe und geistigen Vervollkommnung. „Agrion“ ist eine Wasserjungfer-Libelle. Die Libelle ist der nordgermanischen Göttin Freya zugeordnet, welche wiederum die Göttin der Ehe ist. Trägt also der Name „PentAgrion“ eine Bedeutung, welche auf das Prinzip der so oft beschworenen Keimzelle der Gesellschaft? Die eheliche Gemeinschaft?

Mittels dieser Zahlenmystik rechnete ich noch die anderen Daten durch, welche Trithemius bei sich veröffentlicht hat:
PentAgrion soll vom 7. November 1999 bis zum 28. Juni 2009 sich auf der Erde aufgehalten haben. Diese beiden Daten nahm ich als Geburts- und Sterbedatum. Als Geburtszahl erhielt ich die „1“ und als Sterbezahl die „9“. Die Geburtszahl ist der Anfang, die Sterbezahl das Ziel, an dem das Leben seinen Zweck erfüllt hat.

Bei den beiden hier vorliegenden Daten, steht die „1“ steht das Unteilbare, das Göttliche. Die „9“ als Zahl drückt die höchste Vollendung aus. Die Zahl der Erleuchteten. Denn die 9 ist die Quadratzahl der „3“ und die „3“ gilt als heilige Zahl schlechthin. Nicht umsonst heißt es, aller guten Dinge seien derer drei. Die „3“ löst das Spannungsverhältnis der Zahlen „1“ und „2“ auf. Sie ist die Summe der beiden.

Im Endeffekt bestand nach dem Buch der Zahlenmystik, alles, was ich bisher von PentAgrion an Daten gelesen hatte, aus einer Kombination von den Zahlen „1“, „2“ und „3“. Eine fast schon zu einfache Deduktion einer Person, der bislang jeder nur über Dritte im Internet begegnete.
Zufall?

Als meine Bekannten gehen wollten, hatten sie mich kurz suchen müssen. Sie meinten nachher, ich sei total entrückt an dem Regal mit dem Buch in der Hand gestanden haben. „Irgendwie weggetreten“ soll ich ausgesehen haben. Meine Cola stand noch unberührt auf jenem Tisch, wo meine Bekannten zuvor gesessen und auf mich gewartet hatten. Sie wollten zurückfahren. Ich legte das Buch zurück, ging zum Tisch, leerte mein Glas in einem Zug, legte mein Geld hin und folgte ihnen zum Wagen.

Auf der Fahrt war ich wohl sehr unkommunikativ. Sie versuchten mich mit Witzen abzulenken, aber ich war von den Gedanken an das Gelesene vertieft. Eisleichen am Fuße der Zugspitze hatte ich nicht gesehen, aber das Gelesene im Restaurant ließ mich erstarren.
War das jetzt alles nur ein Zufall?

Der Mensch versucht, selbst im größten Chaos eine Ordnung hineinzuprojizieren. Ohne diese Ordnung des Chaos wäre der Mensch nicht überlebenswert. Er würde im Chaos untergehen und darin sterben. Darum sind viele Menschen auch für Verschwörungstheorien anfällig. Sie mögen denen von außen seltsam und unwirklich, ja, gar paranoid erscheinen, aber wenn der eigene Verstand plötzlich Linien in ein unübersichtliches Meer von Informationen zieht, wie soll er da noch sich orientieren und diesen Theorien nicht verfallen?

Der Mensch versucht, die Entropie des Chaos in einem höheren Energie-Niveau zu bringen. Sein Verstand beginnt, dem Körper die Energien zu entziehen, die er vielleicht für wichtigere Dinge benötigt. Nur, wo Energie fehlt, da stellt sich Kälte ein. Wenn alle verwertbare Energie verwertet ist, dann ist die Entropie null. Die Eisleichen der Berggipfel sind der Beweis dafür, dass Energie-Niveaus nichts mit der Höhe der Gipfel zu tun haben muss. Die Erfrorenen sind ganz Berg geworden. Nicht zu nutzende Energieformen. „Null-Entropie“ würde der Thermodynamiker lapidar sagen.

Wikipedia bezeichnet die Entropie auch noch als ein Maß für den mittleren Informationsgehalt pro Zeichen einer Quelle, die ein System oder eine Informationsfolge darstellt. In der Informationstheorie spricht man bei Information ebenso von einem Maß für beseitigte Unsicherheit. Je mehr Zeichen im Allgemeinen von einer Quelle empfangen werden, desto mehr Information erhält man und gleichzeitig sinkt die Unsicherheit über das, was hätte gesendet werden können.

Beim Schreiben dieses Artikels fühle ich, wie ich diese zuvor erwähnte Entropie vergrößert habe. Es gibt ein nicht genau Definierbares, was sich mit Namen „PentAgrion“ immer mehr Raum greift, was immer mehr die Gedanken von mir beschäftigt.

Das, was die Zukunft bringen mag, werde ich betrachten und überlegen, ob es wert sei, darüber zu berichten.

(Fortsetzung hier)

PentAgrion und kein Ende

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1

***

Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf.
„PentAgrion“, war mein erster Gedanke.
Mist. Der Name ging mir nicht aus dem Kopf. Wie mit einem Ohrwurm hatte der sich durch meine Gehörgänge gefressen und sich jetzt in irgendeinen meiner Hirnlappen festgesetzt.

PentAgrion.

Ich hatte mir im Internet die Seiten von Trithemius dazu durchgelesen. Verwirrt hatte mich der Inhalt und dazu animiert, ebenfalls zu kommentieren. Und die Kommentare wurden dankbar aufgenommen. Es schien, als ob sich meine eingeworfenen Bemerkungen in die Gedanken wie fehlende Puzzle-Teilchen passgenau einordneten.
Seit Dan Brown einen Erfolg nach dem anderen mit seinen „Fast-Food“ (Zitat Prinz Rupi) feiert, scheinen alle nach den verlorenen Illuminati zu fahnden. Der Illuminaten-Orden hat eine Faszination erreicht, die beunruhigt. Der Orden hatte sich damals der Aufklärung verschrieben. Die bayrischen Obrigkeiten empfanden dieses aber als nicht passend für deren Bevölkerung und verfügte die Einstellung jeglicher Ordenstätigkeiten im Jahre 1785.

Nach knapp neun Jahre mit dem Ziel der Verbesserung und Vervollkommnung der Welt hatte der bayrische Staat sich die Stammtischhoheit über allen Biertischen zurückgeholt. Das Ziel der Illuminati war eine herrschaftsfreie Gesellschaftsform. Diese sollte gewaltlos erreicht werden.

In Bayern?
Jawohl, in Bayern. Solche Zielsetzungen in Bayern sind automatisch verdächtig subversiv. Denn der Bayer an sich sieht solche Bestrebungen mit gewaltlosen Mitteln als eindeutige Gefährdung der eigenen Herrschaftsansprüche.
Als in den 80ern des letzten Jahrhunderts die Mehrheit der West-Deutschen gewaltlos gegen eine militärische Aufrüstung protestierte, war es der Bayer Friedrich Zimmermann (CSU), der diese gewaltlosen Bestrebungen 1983 mit einem einzigen Satz in die Illegalität verschob:
„Gewaltloser Widerstand ist Gewalt!“

Doch zurück zu dem PentAgrion.
Oder lieber doch nicht. Ich wollte das Wort vergessen. Aber wie sollte das gehen? Der geneigte Leser sollte folgenden Selbstversuch unternehmen:

Bitte denke nicht an das Wort „Fensterglas“!

Und? Hat es geklappt, nicht an „Fensterglas“ zu denken?
Nun, so erging es mir mit dem Wort „PentAgrion“.
Ich forschte und suchte, um etwas von dem wiederzufinden, von dem ich in diversen Blogs lesen konnte. Wer oder was ist „PentAgrion“? Alle wissen etwas, keiner alles und dann noch ein Video eines Hannoveraner Dachbodens. Und in einer Szene des Videos erkannte ich eine Krone. Ich setzte dazu einen Kommentar. Ein Kommentar als Versuchsballon, um erneute Informationen aus den Mitlesern heraus zu kitzeln. Aber wieder wurden Informationshappen gestreut. Mein Hinweis auf royalistische Tendenzen wurde nicht widersprochen.

Später las ich bei Trithemius über die Zunahme der Eisleichen auf den Gipfeln dieser Welt, weil die ganzen Bonus-Banker sich jetzt versuchen, sogar die höchsten Ziele zu erreichen. Dieses Bild amüsierte mich: Während jeder Politiker über eine Begrenzung von Bonus-Zahlungen nach oben spricht, reiben sich die Erben der Eisleichen vor Vergnügen die Hände, weil deren moderner Raubritter der Finanzen bei seiner hohe Zielsetzung auf dem Dach der Welt verfroren ist. So ist ja auch das Vermögen vieler Menschen entstanden. Wer damals ein mieser Raubritter und Ausbeuter war, den lieben die Nachfahren für deren angehäufeltes Vermögen.
Selten setzt so etwas wie Reue über vergangenes Raubrittertum ein. Denn Alt-Reiche haben einen diskreten Charme. Geld ist kein Gesprächsthema, es stinkt auch nicht, man hat es einfach. E basta! Wozu dann Reue? So wie beispielsweise bei der Familie Quandt, welcher fast die Hälfte von BMW gehört. Erst auf Nötigung von Journalisten wollte die Vergangenheit deren Vermögens untersuchen lassen. Dass ausgerechnet die Frau Klatten der Familie Quandt einem anderen Raubritter, dem „Frauenflüsterer Helg Sgarbi“ (Zitat BR-online vom 10.3.09), in den Fingern geriet, das ist letztendlich ein Treppenwitz der Geschichte.

Angesichts solcher Dinge ist so etwas wie PentAgrion eigentlich nebensächlich. Und erst recht meine Begegnung in der Kneipe und das Gespräch dazu, das Ganze war eigentlich nebensächlich.
Unbedeutsam.
Ich wette, zehn Kölsch mehr und vier, fünf Schabaus zusätzlich und ich hätte mich schon nicht mehr an das Kneipengespräch erinnert gehabt. Aber es fehlten diese vier, fünf. Und so schrieb ich es einfach nieder, nachdem ich überprüft hatte, dass jene „Papiere des PentAgrion“ kein MacGuffin waren.
Ein bisschen ausgeschmückt, ein bisschen aufgepeppt, und dann niedergeschrieben, um es los zu werden.
Fire and forget.

Aber nichts da.
Es geschah Weiteres.
Unbedeutsames.
Gerade soviel, um eine als Spielerei angesehene Vorstellung voranzutreiben.

(Fortsetzung hier)

Das Traktat des PentAgrion (Kneipengespräch)

Prolog

***

Tresen2

„Das Kölsch in der Hand ist aller Anfang Schand“, pflegte mein Vater zu sagen und trank am Wohnzimmertisch sein Altbier.

Das war damals. Wie der Vater so der Sohn. Damals hatte ich es auch gern getrunken. Mit einem Schuss Malzbier drinnen. Oder hin und wieder auch Himbeersaft. Selbst Berliner Weiße mit Himbeersaft war eines meines Lieblingsbiergetränke.

Berliner Weiße mit Himbeersaft und Trinkhalm. Strohhalm wurden diese vor 30 Jahren noch genannt. In frühester Jugend hatte ich manchen Fruchtsaft mit einem Halm aus echtem Stroh getrunken. Jene Halme hatten zwei Funktionen: zum Trinken von Säften im Sommer oder zum Basteln von Strohsternen im Winter.

Mit 16 Jahren kam für mich die Funktion „Berliner Weiße mit Schuss“-Trinken hinzu. Aber da waren die meisten Strohhalme schon aus Plastik und wurden fortan Trinkhalme genannt.

Altbier mit Schuss. Berliner Weiße mit Schuss. Später kam noch „Pils-Schuss“ hinzu. Und noch viel später lernte ich noch eine Spezialität des wilden Südwestens der Baadenser kennen: Hoepfner Weizenbier mit Bananensaft. Das war in Karlsruhe. Der Bananensaft machte das Weizenbier gerade noch genießbar. Die Karlsruher liebten das. Mir wurde jedes mal speiübel.

Wiederum etwas später verstand ich, dass Biere auch ohne „Schuss“, Trinkhalme oder Bananensaft schmecken können.
Bier pur sozusagen.
Aller Anfang ist halt schwer.

– Das Kölsch in der Hand ist aller Anfang Schand.
– Wie meinen?
– Das hat immer mein Vater gesagt, wenn er sein Altbier trank.
– Du weißt schon, wo du hier bist, oder?

Freilich wusste ich es. Der Wirt schaute mich fragend an und mein Nachbar hob herausfordernd seine Kölsch-Stange.

– Natürlich weiß ich das.
– Na also. Dann: „Prösterchen“.

Der erste Schluck Kölsch ist zwar immer der beste, aber nach der zweiten Stange ist das eh einem total egal. Und wir waren inzwischen schon bei der vierten Stange angekommen. Damit war das sowieso so etwas von total egal. Egaler ging es da schon nicht mehr. Hauptsache Kölsch. In meiner Münchener Kölschkneipe.

Er stellte seine Stange vor sich hin und drehte sich mir zu.

– Sag mal, hast du schon mal etwas total Verrücktes gelesen?
– Ich lese die BILD-Zeitung schon seit Langem nicht mehr. Maximal den Aufmacher und die Nackte von Seite 1.
– Nein, nein. Ich meine etwas, was jemand selber eigenhändig geschrieben hat.
– So wie das „Traktat vom Steppenwolf“?
– Jetzt nicht das Traktat von einem berühmten Schriftsteller wie Hesse oder so. Sondern von einer Privatperson.

Von einer Privatperson? Ich überlegte.

– Vor Jahren hatte mein Freund und ich mal eine Frau getroffen. Die hatte uns in einer Disko angemacht. Oder besser gesagt meinen Freund. Den hatte sie zu sich nach Hause abgeschleppt. Am nächsten Tag hatte mein Freund dann von ihr einen Packen Papier mitgebracht. So eine Art Traktat mit dem Titel „Himbeereis auf Stragula Oder: Colabüchse am Westwall“.
– Und?
– Ich hatte versucht, das Traktat zu lesen. Schon nach einer Seite musste ich kapitulieren. Es war so eine Mischung aus Hermann Hesse und Erich Fromm. Und absolut knochentrocken. Allein die vier Hauptwörter des Titels bestanden zur Hälfte aus mir unbekannten Worten. „Stragula“. „Westwall“. Das sagte mir alles nichts. Und der Inhalt war noch viel schlimmer. Dagegen ist Hesses Traktat vom Steppenwolf eine Wohltat zu lesen.
– Ja, so eine Situation kenn ich. Hast du das Traktat noch?
– Nein, ich nicht, aber vielleicht mein Freund.

Er nickte und nippte nachdenklich an seinem Kölsch.

– Soll ich ihn fragen, ob er es noch hat?
– Ich kenn jemanden, der ist offenbar auch auf so ein total schräges Dokument gestoßen.
– Ein Traktat?
– Es scheint so. Der Autor nennt sich selbst „Pentagramm“ oder „Pentagon“ oder so ähnlich.
– Pentagon? Ein Politischer? Aus den USA?
– Ein Holländer. Ich habs: „Pentagrion“ nennt der sich. Mit einem großen „A“ in der Mitte.

Er erzählte mir, dass dieser „PentAgrion“ seit 1999 zehn Jahre auf der Erde gelebt und seine Erfahrungen niedergeschrieben hätte. Es soll eine Studie im Auftrag der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft des Planeten Usjh gewesen sein. Ins Internet seien dann diese Studien gelangt. Inzwischen seien diese aber dort nicht mehr auffindbar.

– Weißt du, als ich diese Studie zum ersten Mal las, dachte ich nur an eine Fiktion. So etwas wie die Bielefeld-Saga, nach der es Bielefeld eigentlich nicht gäbe. Oder wie jene Geschichte von den kleinen Leuten aus Swabedooda. Die mit ihren Pelzchen.
– Kenn ich. Eine süße Geschichte. Ich habe sie meinen Enkeln schon zum Einschlafen vorgelesen.
– Ein Stijn Van de Voorde hatte diese Studien ins Netz gestellt und nur durch Zufall fand ich in einem Unterverzeichnis seiner Homepage eine Übersetzung auf Deutsch.
– Hattest du dir die Studie abgespeichert?

Er verneinte.

– Ich hatte die Seiten eigentlich vergessen gehabt. Aber jetzt lese ich im Internet von einem Blog-Schreiber, dass der die Studie auch gelesen haben will.Und das wirklich Seltsame ist, der hat auch so einen komischen Namen gewählt wie jener „PentAgrion“.
– Welchen?
– „Tritterminus“ oder so. Ach ja, „Trithemius“ nennt der sich. Aber dann nicht nur das. Anfangs dachte ich, unter dem Eintrag des Trithemius wären nur dumme frotzelnde Kommentare zu jenem Beitrag.
– Was denn?
– Die fingen an, über schwarzes Internet und Illuminaten zu schwafeln.
– Illuminaten? Haben die zu viel Dan Brown gelesen?
– Hatte ich erst auch gedacht. Dan Brown ist ja momentan nach der Verfilmung seiner Bücher viel gelesen. Aber dann fingen die Kommentatoren an, immer wilder zu phantasieren.
– Wie das?
– Der Trithemius hatte ein Video in sein Blog reingestellt und darin tauchte ein Symbol auf mit zwei Buchstaben. Zwei „T“s. Aber zuvor war schon gemutmaßt worden, dass der PentAgrion mit dem Gründungsort des Illuminatenordens in Verbindung stehe.
– Mit Ingolstadt?
– Richtig. Und mit der großen Automobilfirma dort. Dem Audi.
– Na und?
– Die Diskussion begann just zu dem Zeitpunkt, als der Todestag von Jörg Haider sich jährte. Du weißt, das ist der, der in dem VW Phaeton in Österreich tödlich verunglückte.
– Und?

Er nahm einen Schluck aus seinem Kölsch. Fahrig wischte er sich seine Haare mit der flachen Hand zurück.

– Die graue Eminenz von VW ist doch der Piech, der Österreicher. Der hatte damals in Ingolstadt bei Audi sich hochgearbeitet. Und jetzt gehört dem quasi der VW-Konzern. Dort herrscht er wie Göttervater Zeus und hat dort seinen Phaeton in Dresdens Gläsernen Manufaktur erschaffen. Und mit diesem Phaeton soll er indirekt jenen anderen aufstrebenden Österreicher von der Straße gestoßen haben. Und dem VW-Konzern und somit dem Piech gehört doch die Ingolstädter Audi-Produktion. Und jetzt kommt es: Audi produziert seinen „Audi TT“ in der ungarischen Stadt Györ. Und jetzt ist Györ die Partnerstadt Ingolstadts! Und jetzt findet der Trithemius am Kamin seines Hauses die beiden „T“s wieder.

Ich schaute mir meinen Nachbarn an. Das waren mir entschieden zu viele „und jetzt“s, mit denen er anfing, mich zuzutexten. Er schien mir einen an der Waffel zu haben.

– Du glaubst, ich habe einen an der Waffel, nicht wahr?
– Du kannst Gedanken lesen.
– Warte erst einmal, bevor du urteilst. Du musst wissen, dass der berühmte Knigge bei Hannover lebte. Jener Adolph Freiherr Knigge. Der war auch mal ein Illuminat.

Die Geschichte langweilte mich langsam aber sicher immer stärker. Jegliches Verständnis dafür, was er mir überhaupt sagen wollte, das hatte ich schon lange nicht mehr. Ich trank mein Kölsch leer und orderte per Fingerzeig ein neues. Am Anfang war die Welt wüst und leer, bis jemand das erste Kölsch bestellte.

– Der Trithemius lebt auch in Hannover.
– Na und? Warum sollte er nicht? Aber was hat das mit Jörg Haider und seinem Todestag zu tun?
– Nicht Jörg Haider, sondern PentAgrion.
– Okay, PentAgrion oder wie der heißen mag. Was hat der damit zu tun?
– Sein Traktat. Ich hatte es damals auch im Internet gelesen.
– Wie schön für dich. Damit haste zweifelsohne dein Grundschulwissen angewandt, stimmts?
– Hör mal auf mich zu veräppeln.
– Ach ja?
– Als ich PentAgrions Studien gelesen hatte, zog ich gerade von Hannover nach Köln um. Ich hatte mir den Bookmark in Hannover gemacht, um die Studien nochmals zu lesen. Als ich in Köln meinen Computer wieder ins Internet brachte, führte der Bookmark ins Internet-Nirvana. Und kurz danach erhielt ich einen Job in Ingolstadt bei AUDI.
– Ach ja? Na, wie der Piech biste aber wohl nicht zum Chef von VW geworden, oder?
– Du nimmst mich nicht ernst!
– Wie sollte ich dich ernst nehmen? Wir sitzen hier zwischen Salzgebäck und Kölsch. In Münchens Kölschkneipe und nicht in Ingolstadt Kirmesbierzelt. Und du laberst etwas von erleuchteten Traktat-Autoren aus einer Stadt an der Isar.
– Donau!
– Oder Donau. Ist auch unwichtig, wenn es nicht der Rhein ist.
– Ingolstadt liegt an der Donau! Das Traktat selber wurde in Holland geschrieben.
– Und wenn die ganze Welt an der Donau liegt, es gibt keine Außerirdischen mit holländischen Sprachkenntnissen.
– Woher willst du das wissen?
– Weil E.T.s keine Wohnwagenführerscheine haben. Sondern sich maximal bei Steven Spielberg von Kindern an dem Mond vorbei schweben lassen.

Er schaute mich beleidigt an. Ja, sein Blick war regelrecht kalt geworden. Er nahm seine Geldbörse, kramte einen 20-Euro-Schein hervor, legte diesen auf den Tresen und ging wortlos.
Der Wirt schaute mich erstaunt an.

– Was ist denn mit dem los?
– Ach, der halluziniert.
– Komisch, das Fass Kölsch hatte ich heute Nachmittag extra frisch angestochen. Am Kölsch kann es nicht liegen.
– Der redete was von PentAgrion, Ingolstadt an der Oder und Traktaten von außerirdischen Holländern. Totaler Driss. Ich hoffe, der landet nicht demnächst in der Klapse.
– PentAgrion?

Der Wirt schaute mich ernst an. Nicht ein Minenzug schien mir Zustimmung zu signalisieren. Meine Verwirrung wuchs erneut.

– Du kennst doch nicht etwa auch den PentAgrion? Oder was?
– Ich lebte damals in Groningen in Holland. Meine Freundin rief mich damals am Sonntag Nachmittag über ihr Handy an. Sie wollte bei ihrer damalige Freundin in Amsterdam ein Manuskript abholen und daher dort übernachten. Sie fuhr daher spontan nach Amsterdam.
– Von Groningen nach Amsterdam?
– Es ist jetzt 17 Jahre her. Am 4. Oktober 1992, an dem Tag starb meine Freundin in der Wohnung ihrer Freundin. Der verdammte Flug El-Al 1862 krachte genau in den Amsterdamer Wohnblock. Genau dort, wo sich beide aufhielten. Ein Triebwerk der Frachtmaschine war genau in der Wohnung der Freundin eingeschlagen. Die Wohnung war komplett leergebrannt. Meine Freundin wollte nur kurz zu ihr hin. Am nächsten Tag wollte sie wieder bei mir sein. Sie meinte am Handy, es gehe um ein bedeutendes Manuskript. Eines holländischen Autors. Nie werde ich dessen Namen vergessen. Er hieß PentAgrion.

Komplett verwirrt starrte ich den Wirt an.
Wie komplett bescheuert muss denn eine Welt sein, dass alle plötzlich von jemandem mit einem total unholländischen Exotennamen reden, den die Welt nicht braucht?
Wut stieg in mir auf. Eigentlich wollte ich mich nur zerstreuen, ein paar nette Kölsch trinken und dann nach Hause. Der Abend war verdorben. Ich kramte mir einen 10-Euro-Schein aus meiner Geldbörse, legte ihn auf den Tresen und verlies wort- und grußlos die Kneipe.

PentAgrion. Mit einem großen „A“ in der Mitte.
PentAgrion. PentAgrion. PentAgrion.
Der Name ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Kälte drang durch meine Jacke. Vor paar Tagen war es noch Sommer.
PentAgrion. PentAgrion. PentAgrion.
Mein Atem produzierte in der Kälte kleine Wölkchen. Der Winter war eingetroffen.
PentAgrion. Mit einem großen „A“ in der Mitte.

Schneeflocken tanzten um mich herum. Der erste Schneefall in München.

Der Wirt hatte mich total verarscht.
Hatte mir der andere nicht gesagt, dass PentAgrion erst ab 1999 in Holland lebte? Mal wieder klar: Wer nichts wird, wird Wirt und Geschichtenerzähler für Tresen-Hocker. Typisch. Und ich als dämlicher Gast glaubte ihm auch noch.

Der Abend war jetzt endgültig versenkt.

„Hoffentlich kann ich vor lauter „PentAgrion“ noch schlafen“, waren meine letzten Gedanken, als ich in den Kissen meines Bettes versank.

(Was danach geschah)

Das Hexen-Einmaleins

0:
Es ist der Ursprung. Der Ursprungspunkt. Undefinierbar. Wenn es keine anderen Standpunkte gibt, dann ist der Punkt nicht räumlich definierbar. Er ist überall und nirgends. Er wird als Beobachterposition gebraucht. Er ist da, aber hat keine Dimension, keine Ausdehnung. Einfach nur ein Punkt. Einfach nur anwesend. Mehr nicht. Er zählt nicht.

1:
Durch den zweiten Punkt ist es möglich, auf diesen aus der Richtung vom ersten Punktes aus zu schauen. Der zweite Punkt existiert, weil er vom Ursprung aus gesehen werden kann. Aber es fehlt die Möglichkeit den ersten Punkt zu beschreiben, es fehlt der objektivierbare Vergleich. Ob der zweite Punkt groß oder klein ist, ob er weit oder nah entfernt, all das ist nicht beschreibbar. Denn diese dimensionellen Begrifflichkeiten fehlen mangels Vergleichbarkeit.

2:
Erst mit dem dritten Punkt lässt sich der vorherige Punkt vergleichen. Wer von beiden größer ist, kann jetzt vom Ursprungspunkt aus beschrieben werden. Und es ist jetzt auch möglich die erste Verbindung herzustellen. Eine Linie kann zwischen diesen beiden Punkten definiert werden. Aber diese Linie ist ohne definierte Lage.

3:
Mittels des nächsten Punktes ist es möglich den ersten vorherigen Punkten eine definierte Lage zu geben. Der dritte Punkt ermöglicht Entfernungen zu vergleichen. Die Längen der Linien, die jeweils immer zwei Punkte verbinden, können jetzt untereinander verglichen werden. Zum ersten Mal ist es möglich zu sagen, wie weit die Punkte untereinander entfernt liegen. Die Begriffe „näher“ und „weiter“ bekommen einen Sinn.
Auch spannen zum ersten Mal alle drei Punkte über diese Linien eine Fläche auf: Das Dreieck.

4:
Wird ein neuer Punkt in das obige System eingefügt, wird damit die dritte Dimension ermöglicht. Natürlich ist es möglich, mit dem vierten Punkt ein Viereck aufzuspannen. Aber dann würde der Punkt in der Ebene der drei Punkte nur eine Position einnehmen, die auch jeder der drei anderen Punkte einnehmen könnte.
Mittels des neuen Punktes außerhalb der Ebene der drei anderen Punkte kann die Neigung der Ebene bestimmt werden, sollte die Entfernung der anderen drei zum letzten neuen Punkt unterschiedlich sein. Mit diesem Punkt ist es möglich einen Raum aufzuspannen, den ersten dimensionellen Körper auf, den Tetraeder, eine dreiseitige Pyramide. Der Körper nennt sich auch Vierflächner, weil deren vier Punkte mit ihren sechs Verbindungslinien vier Dreiecksflächen erzeugen, welche einen Raum umschließen. Das erste dreidimensionale Gebilde wurde geschaffen.

5:
Der nächste Punkt wird heikel. Denn vom Ursprungspunkt aus betrachtet können mit den anderen drei Punkten jede neue Punkt in dessen Lage beschrieben werden. Jeder Punkt ist so verschiebbar, dass der nun sechste Punkt ersetzbar ist. Dieser Punkt benötigt eine neue Dimension. Eine Dimension, die unabhängig von den anderen fünf Punkten ist. Dieser Punkt wird in die Zeit ausgelagert. Es ist der Zeitpunkt „0“. Er erinnert an den ersten Nullpunkt, den Ursprungspunkt „0“. Der sechste Punkt eröffnet lediglich die neue Dimension.

6:
Ein weitere Punkt muss der Zeit-Dimension hinzugefügt werden. Zusammen mit dem vorherigen Punkt kann ein Zeitstrahl errichtet werden. Die Lage der anderen geometrischen Punkte kann nun von verschiedenen Zeitpunkten aus betrachtet werden. Noch fehlen aber die Begrifflichkeiten wie „vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“. Daher wird es notwendig, einen weiteren Punkt in der Dimension der Zeit einzufügen.

7:
Dieser Punkt ermöglicht den Vergleich der verschiedenen Zeitpunkte. Genauso wie der Punkt „3“ es uns ermöglichte Vergleiche anzustellen. „Vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“ erhalten einen Sinn.Die geometrischen Punkte lassen sich im Wandel der Zeit betrachten.

8:
Nehme ich mir noch einen weiteren Punkt in der Zeitdimension hinzu, dann habe ich die Möglichkeit einen „Zeitraum“ zu errichten. Jetzt kann ich die geometrischen Figuren innerhalb eines Zeitraumes betrachten

9:
Bislang waren alle Punkte in den geometrischen und in den zeitlichen Dimensionen verteilbar. Beide Dimensionen sind vollständig darstellbar. Der neunte Punkt kann also nicht in diesen beiden Dimensionen liegen. Er liegt außerhalb unserer normalen Vorstellungswelt. Es ist der Punkt der alle Dimensionen umfasst. Die Abstraktion der Punkte zuvor. Das eigene Erleben.

Und somit wird man mit dem nächsten Punkt wieder auf Ursprungspunkt und dem ersten Punkt zurück geworfen:

Die 10

************

Zu schwierig?

Dann gehe ich mal das ganze rückwärts.

9:
9 Musen gibt es. Genauso viele Köpfe hat die mythische Hydra. Im Alten Testament bezeichnet die „9“ die Vollendung des Schicksal. Im Neuen Testament starb Jesus in der 9. Stunde. König Arthur brachten 9 Könige ihre Gaben dar. Die Germanen hatten 9 Beurteiler eingesetzt, die eine Frist zum Urteilen von 9 Tagen hatten.

8:
Im Islam gibt es 8 Himmel, weil Allahs Barmherzigkeit um eins größer ist als sein Zorn (7 Höllen). Der Buddhismus kennt einen achtfachen Pfad, der zum Nirvana führt. In Israel wird am 8. Tag nach der Geburt die Beschneidung vorgenommen. 8 Menschen wurden in der Arche Noah gerettet. 8 steht im Neuen Testament für die Auferstehung. Das Jahresrad der Germanen hat 8 Speichen. Die Zahl 8 steht für die Unendlichkeit, denn wird sie hingelegt zeigt sich das Symbol, was auch in der Mathematik für die Unendlichkeit verwendet, die Lemniskate.

7:
7 Tage hat die Woche. Am 7. Tag ruhte Gott nach der Schöpfung der Erde aus. 7 Erzengel bevölkern den Himmel. Der Pharao sah 7 fette und 7 magere Kühe, 7 dicke und 7 dünne Ähren. Allahs Zorn hat 7 Höllen. Die Eröffnungssure des Korans hat 7 Verse. Alchemisten müssen zur Herstellung von Gold 7 Arbeiten durchführen. Die 7 Todsünden. 7 Chakras. 7 Teufel treibt Jesus aus Maria Magdalena aus.

6:
6 ist nach Meinung der griechischen Mathematiker eine vollkommene Zahl, da sie durch die ersten drei zahlen darstellbar ist. Gott erschuf binnen 6 Tagen die Welt und Jesus wurde am 6. Wochentag zur 6. Stunde gekreuzigt. Der Himmel der Chinesen ist 6-stufig. Das Druidenjahr beginnt am 6. Tag des Vollmondes. 6 Druiden schneiden den Mistelzweig.

5:
5 Finger hat die Hand. Der 5-zackige Stern, das Pentagramm, wird zur Abwehr des Bösen verwendet. Der Islam kennt fünf Säulen (Bekenntnis, 5-maliges Beten am Tag, Almosen, Fasten, Hadsch). Die Chinesen kennen 5 Richtungen (die vier Himmelsrichtungen plus der Mitte). Die Pythagoreer sahen die 5 als Zeichen der Ehe und geistigen Vervollkommnung.

4:
Es gibt 4 Temperamente, 4 Evangelisten, 4 Jahreszeiten, 4 Kasten der altindischen Sozialordnung, 4 Wahrheiten im Buddhismus, 4 Kardinaltugenden, 4 Elemente, 4 Himmelsrichtungen

3:
Die 3 gilt als die heilige Zahl schlechthin. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Anfang, Mitte, Ende. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wodan, Donar, Ziu. Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Caspar, Melchior, Balthasar.

2:
Die Dualität, die Zweiheit. Ying und Yang. Männlich und Weiblich. Himmel und Erde. Gott und Mensch. Gut und Böse. Salzgebäck und Bier. Tag und Nacht. Das Alte und das Neue Testament. Zwitter. Zweifel. Zwietracht. Zwillinge. Vishnu und Shiva.
2 ist die Abspaltung von der

1:
Im Arabischen wird die 1 durch den ersten Buchstaben Alif ausgedrückt. Es ist auch das Symbol Allahs. Die Juden und Moslems akzeptieren nur einen Gott. Die 1 hat die Eigenschaft, dass sie mit sich selbst multipliziert unveränderlich ist.

0:
Die Erfindung der Null verdanken wir den Indern. Die indische Bezeichnung lautet „sunya“ und heißt übersetzt „Leere“. Die Araber übersetzten es mit „sifr“, woraus sich über das lateinische „zephirum“ bei den Engländern „zero“ und „cipher“, bei den Franzosen „zero“ und „cifre“ und bei uns das Wort „Ziffer“ entstand. Die arabische Ziffer für Null und das Zeichen der Null bei den Mayas haben die Form der Vagina. Die Null ist die Gebärmutter, aus der alle Zahlen entstanden. Die Zahl „Null“ gebar das Dezimalsystem. Führende Nullen werden in der Mathematik nicht geschrieben.
Führende Nullen in der Wirtschaft haben wir dagegen haufenweise. Und sie gebären die Zahlen, die uns nachher als Rechnung zum Begleichen überlassen werden.

Endgültig verwirrt?

„Du mußt versteh’n!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß geh’n,
Und Drei mach gleich,
So bist Du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex’,
Mach Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins!“

von Goethe