Kneipengespräch: Wer schreibt, der bleibt …

C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxOVolkstrauertage sind traurig. Erst recht, wenn man in Kneipen sitzt und er, der Unvermeidliche, neben einem sitzt.

„Kennste den? Kennste den?“

„Wen?“

„Kennste, kennste? Warum darf ein Allergiker Cola und Bier nicht gemischt trinken? Weißte?“

„Nein.“

„Weil er sonst kollabiert. Du verstehst? Co-la-Bier-t!“

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Wo man alles sagt, da fällt kein Wort …

Herr Kiki-Jouzu ist gestorben. Eigentlich sollte ich besser „Kiki-Jouzu-san“ schreiben, denn er ist Japaner und Japaner verwenden die Anrede „Herr“, indem sie dem Namen ein wertschätzendes „-san“ anfügen.

Yasashii Kiki-Jouzu-san ist also tot. Er lebt nicht mehr. Er hat die Löffel abgegeben. Er ist sowohl über den Jordan, als auch über die Wupper gegangen. Er hat abgedankt und das Zeitliche gesegnet. Er biss in Gras und streift jetzt durch die ewigen Jagdgründe. Er hat aufgehört zu existieren. Sein Leben endete tödlich. Yasashii Kiki-Jouzu-sans Leben war ungewöhnlich, so wie sein Sterben gewöhnlich war.

Ich sah ihn zum ersten Mal auf einer Tagung der „Freunde künstlerisch geschnitzter Go-Steine“, im Sommer 2002 in Bern. Er begleitete einen Vertreter einer winzigen Go-Steine Manufaktur aus Chindougu der Provinz Dokomo. Diese Manufaktur hielt damals noch 85% der globalen Kunst-Go-Steine-Geschäfte. Für Spieler des Brettspiels Go waren jene Steine das Edelste auf dem Markt. Und das Geschäft lief glänzend, bis jedoch ein Student aus Süd-Korea fünf Jahre später jener Manufaktur alle derer Geschäfte mittels eines 3D-Druckers in Vaters Garage entriss. Jener Vertreter und Redner der Kunst-Go-Steine-Manufaktur war ein gewisser Seki-san und eine bekannte Größe in der Go-Brettspiel-Szene. Und er hielt vor dem Publikum eine 45-minütige Rede über die Bedeutung einer Go-Stein-Kette, welche nur noch eine Freiheit besaß, und darüber, welche Macht dabei handgeschnitzte Go-Steine haben können, um aus solche unangenehmer Situation zu entkommen. Seki-sans Rede wurde von einem Kasachen auf unsere Kopfhörer simultan übersetzt. Leider aber aß der Kasache schwedisches Trockenbrot, weswegen ich irgendwann entnervt den Kopfhörer absetzte und einfach dem Klang der japanischen Sprache nachhorchte. Dabei fiel mir Yasashii Kiki-Jouzu-san auf. Er saß neben Seki-san und warf immer Zwischenbemerkungen in Seki-sans Rede ein: „Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“ und „Kyou-mi shin-shin!“ waren die Worte, die ich immer wieder identifizieren konnte. Yasashii Kiki-Jouzu-san war ein kleiner, hagerer, weißhaariger Mensch, unscheinbar. Und immer schien er leicht mit dem Kopf zu wackeln, wobei er ohne Unterlass lächelte. Seine Brille im John-Lennon-Stil hat ihn für mich aber unverwechselbar gemacht.

2007 begegnete ich Yasashii Kiki-Jouzu-san wieder. Es war eine kleine Klima-Konferenz über „Abholzung von Wäldern“ in Bologna. Der Japaner Hashi-san erklärte wie seine Firma in einem eigenen Biotop Bäume anbaute, um japanische Essstäbchen für den Weltmarkt zur produzieren. Kiki-Jouzu-san saß neben Hashi-san auf einem Rednerpult. Wieder gab es Kopfhörer und erneut einen unfähigen Übersetzer, den ich mir nicht antun wollte. Also lauschte ich dem Klang der Sprache. Und wieder warf Kiki-Jouzu-san in Hashi-sans Rede seine Zwischenbemerkungen ein.

Erneut vier Jahre später sah ich Yasashii Kiki-Jouzu-san in einem Hotelkonferenzsaal in Wanne-Eickel neben einem Japaner mit dem großen Namensschild Nejimakidori-san. Es war die Jahreshauptversammlung eines überregionalen Brieftaubenzüchtervereins, und irgendwer musste es wohl für eine geniale Idee gehalten haben, einen Gastredner zu arrangieren. Aber es gab keine Simultanübersetzung und Nejimakidori-san hielt selbstbewusst seine Rede komplett in Japanisch. Am Anfang war es im Publikum still und nur Yasashii Kiki-Jouzu-sans leises „Hai!“, „Ochin harasho!“ und „A so“ war zu hören. Aber dann rief jemand „Hey, tu mal Übersetzung!“ und ein anderer rotzte ein „Versteh nix!“ in die Rede. Nejimakidori-san schienen diese Einwürfe zu beflügeln. Seine Brust wurde breiter, seine Haltung aufrechter, seine Augen strahlten und seine Stimme wurde wesentlich lebendiger. „Wat sacht der Spakko?“, rief der nächste Zuhörer und ein anderer: „Kann der Zwerg neben dem nicht mal übersetzen tun?“ Nejimakidori-san redete sich offensichtlich in einen Rausch rein. Nur war die Reaktion des Publikums eine andere. Die ersten verließen den Saal. Bevor die Peinlichkeit des Publikumsschwund überhand nehmen konnte, trat der Veranstaltungsleiter applaudierend auf die Bühne, nahm Nejimakidori-san das Mikro weg und erklärte bedauernd, dass Yasashii Kiki-Jouzu-san wohl zur Übersetzung unfähig wäre. Nejimakidori-san und Kiki-Jouzu-san verließen kurz darauf das Podium. Nejimakidori-san zwar noch mit geschwellter Brust, aber bereits sichtlich ein wenig irritiert, und Kiki-Jouzu-san gebeugt, ihm hinterher laufend mit offensichtlich bekümmerten Blick.

Am gleichen Abend am Dortmunder Flughafen sah ich Kiki-Jouzu-san dann wieder. Er stand an einem Würstchenstand und stocherte mit einem Holzgäbelchen in einer Currywurst rum. Ich fasste die Gelegenheit beim Schopfe, ging zu ihm hin, stellte mich auf englisch vor und erklärte ihm, woher ich ihn kennen würde. Er schaute mich unangenehm berührt an.

„Careca-san? Sie sind Careca-san? Ich kenne Sie nicht.“

„Aber ich Sie. So oft habe ich Sie auf Podien gesehen und mich gefragt, was Ihre Aufgabe sei. Sie sitzen da immer neben dem Redner und das einzige, was sie sagen ist ‚Ja‘, ‚Sehr gut!‘, ‚Ach so‘ oder ‚Sehr interessant!‘. Warum machen Sie das? Was hat das für eine Bedeutung?“

Er musterte mich über den Rand seiner John-Lennon-Brille an und ein Lächeln huschte über seinen Lippen. „Doch jetzt erkenne ich Sie wieder. Hatten Sie nicht mal auf einem Go-Kongress ‚Smörrebröd-dump-ass-Junkie‘ gerufen und ihren Kopfhörer weggeworfen?“

Ich zuckte zusammen. Ja, offenbar hatte er mich wohl wieder erkannt. Er lächelte erneut und fuhr fort: „Ich bin ein guter Zuhörer.“

„Das tut mir leid, damals. Ich dachte, ich wäre damals dabei leise gewesen. Sie scheinen mir wirklich ein guter Zuhörer zu sein.“

„Nein, nein, Sie verstehen nicht. Meine Aufgabe ist, ein guter Zuhörer zu sein.“

„Ich verstehe nicht.“

„Ich werde dafür bezahlt, meine Auftraggeber bei deren Reden durch aktives Zuhören zu unterstützen.“

„Aktives Zuhören?“

„Schauen Sie. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Angenommen Sie führen einen Blog im Internet, dann wollen Sie doch wissen, ob er gelesen wird, nicht wahr. Sie bauen einen Besucherzähler in ihrem Blog ein, der Ihnen zeigt, wie viele Besucher sie hatten. Aber das reicht Ihnen nicht. Sie wollen aktive Resonanz. Sie wollen wissen, ob ihr Blogeintrag dem Leser gefallen hat. Sie wollen nicht nur Besucher des Besuches willen, oder. Sie wollen aktive Wertschätzung, nicht wahr.“

„Und was hat das mit aktivem Zuhören zu tun?“

„Meine Aufgabe ist es, dem japanischen Redner während seiner Rede eine Rückmeldung zu geben, dass ihm mindestens einer zuhört. In Japan wird mein Job nicht benötigt. Dort übernehmen das die Zuhörer. So etwas gehört zum guten Ton, zu unseren Sitten und Gebräuchen. Aber das Problem mit euch Europäern ist, dass ihr immer zu ruhig seid, bei den Reden anderer Leute. Nie weiß man, ob ihr nicht bereits eingeschlafen seid oder ob euch die Rede interessiert. So wie jemand bei seinem Blog ‚Mag ich‘-Klicks oder Kommentare haben will, so benötigen wir Japaner bei unseren Reden in Europa Rückmeldungen, dass man ihnen zuhört. Ansonsten können wir keine Reden halten.“

„War deswegen der Referent der Brieftaubensitzung so begeistert, weil ihn keiner verstand, er aber meinte, er bekäme positive Rückmeldung auf seine Rede?“

Kiki-Jouzu-san seufzte. „Das, was da heute geschah, war anfangs für Nejimakidori-san unglaublich. Er hatte sich auf das normale Schweigen von euch Europäer eingestellt. Und als die ersten dazwischenriefen, glaubte er, seine Rede würde die Zuhörer mitreißen.“

„Hatte er nicht gemerkt, dass niemand ihn verstehen konnte, dass es keine Simultanübersetzung gab?“

„Er glaubte, alle hätten diese neuen Knöpfe im Ohr, jene die man nicht mehr sieht und trotzdem so unglaublich gut funktionieren. Jene mit dem japanischen Technik-Know-How.“

„Aber doch nicht in Wanne-Eickel!“

„Das hatte er nachher auch erfahren. Auf Englisch. Vom Veranstalter. Und Nejimakidori-san hat es mir angelastet, weil ich dem Veranstalter angeblich nicht richtig zugehört hatte. Nejimakidori-san hat meinen Vertrag gekündigt. Jetzt darf ich noch nicht mal ‚Gefällt mir‘-Klicks generieren, wenn er wie üblich auf seiner Firmen-Facebook-Seite und in seinem privaten Blog Zitate von Dōshō und Lehrmeister Kong veröffentlicht. Diese Referenz wird mir fehlen in meiner Aufgabe als aktiver Zuhörer.“

„Wo ist Nejimakidori-san jetzt?“

„Er ist dort hinten in der Senator-Lounge. Ich durfte ihn nicht begleiten und muss hier warten, denn sonst würde ich ihm unendliche Schande bringen und er sein Gesicht verlieren.“

Kiki-Jouzu-san hielt inne und schob sich eine Scheibe Currywurst in den Mund. Belustigt bemerkte ich, dass er in seiner Hand zwei Holzgäbelchen dazu benutzte, wie japanische Essstäbchen.

„Noch eine letzte Frage: Was um Himmels willen hatte Nejimakidori-san auf jener überregionalen Jahresversammlung von Brieftaubenzüchtern des Ruhrgebiets zu suchen?“

„Nejimakidori-san hat im Norden Japans eine sehr erfolgreiche Produktion von mechanischen Aufziehvögeln. Man nennt ihn deswegen in seinem Ort auch achtungsvoll ‚Mister Aufziehvogel‘. Er war zufällig in Europa und erhielt über Internet eine Einladung, weil die Brieftaubenzüchter ihrerseits dachten, dass ‚Aufziehvogel-Experte‘ für den Begriff ‚Aufzucht‘ stehen würde.“

Ich hatte erfahren, was ich wissen wollte und somit begann ich mich, zu verabschieden. Während der Verabschiedung und dem Austausch der Business-Karten kramte er noch schnell in seiner Aktentasche, um mir eine Doppel-CD zu überreichen. Er sagte, es wäre seine neuste Geschäftsidee: eine CD für japanische und europäische Anwender zur Unterstützung bei einer zu haltenden Rede.

Drei Wochen nach der Fukushima-Katastrophe glaubte ich Kiki-Jouzu-san während einer Podiumsdiskussion in Wackersdorf im Bayrischen Fernsehen wieder erkannt zu haben. Er saß dort neben einem japanischen Manager, der einer schweigenden Menge erklärte, warum Europas Energieunternehmen sichere Bündnispartner für Japans Energieunternehmen seien. Danach sah ich Kiki-Jouzu-san nie wieder.

Während meines Zwischenaufenthalts in einem billigen Hotel in Kölleda fiel mir eine alte Zeitung vom vergangenen Sommer in die Hand. In dem Lokalteil stand ein kurzer Bericht über ein japanisches Konsortium, welches Geld in einen Freizeitpark bei Sömmerda investieren wollte. Das ganze endete jedoch als ein Fehlschlag. Ein schlechtes Ohmen und Menetekel sollte wohl gewesen sein, dass ein Delegationsmitglied, ein gewisser Herr Yasashii Kiki-Jouzu, während des Vortrags des japanischen Redners offenbar verstorben wäre. Es fiel dem Publikum aus Presse und Zuschauern zuerst gar nicht auf, denn er verschied schlafend in aller Stille auf dem Podium. Allerdings – so meinte der Schreiber des Artikels – wäre der Name nicht gesichert, denn der Name wurde von den Japanern genannt, hieße allerdings übersetzt „der wohlwollende gute Zuhörer“ und man wisse nicht, ob jenes nicht doch eher dessen Funktion statt Name gewesen wäre.

Vor der Weiterfahrt in meinem Auto am nächsten frühen Morgen fiel mir bei der Suche nach Musik die Doppel-CD vom Dortmunder Flughafen in der Hand. Ich hatte sie achtlos in der Seitentasche der Tür verstaut gehabt. Als Verkäufer, der die kometenhaften Popularität der letzten Jahre dieser neuartigen Jojo-Kartuschen mit doppelwandigem Magnetzipper nach dem bilokativen Mirosions-Verfahren auf dem Lande verursacht hat und worüber jeder Landwirt momentan schwärmend spricht, dafür benötigte ich keine Unterstützung für Reden. Ich bin Verkäufer. Kein Redenschwinger.

Vorsichtig nahm ich die eine CD mit der Aufschrift „Effective support for Japanese Speaker (45 minutes)“ heraus und schob sie in den CD-Player. Die Zeit im Display lief los und kurz danach vernahm ich in kurzen Abständen Kiki-Jouzu-sans Stimme:

„Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“, „Hai!“, „Kyou-mi shin-shin!“, „Hai!“, „Ochin harasho!“, …

Ich nahm die CD wieder heraus und legte die zweite CD ein: „Effective support for European Speaker (45 minutes)“. Wieder lief die Zeit im Display los und ich lauschte intensiv, aber ich hörte nichts. 45 Minuten lang ertönte kein Ton aus dem Lautsprecher. Nur Stille. Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.

Nach 45 Minuten Tonlosigkeit wurde die CD automatisch ausgeworfen. Ich ergriff sie und steckte sie in die CD-Hülle zurück und legte die CD in meine Aktentasche.

Den Rest des Tages verbrachte ich in Schweigen.

Der Fotoladen (Läden einer Kindheit – ein Erzählprojekt)


laden-alltagskultur

Dieser Eintrag ist Teil eines Erzählprojekts von Jules van der Ley. In seinem Blogeintrag „Die Läden meiner Kindheit“ erklärt er dazu Intention und Motivation. Dort finden sich auch weitere Verlinkungen zu anderen Blogs, die das Thema aufgenommen haben und sich lohnen zu lesen.


Das Dorf war nicht groß, aber es repräsentierte die damalige Struktur eines gewachsenen Dorfes. Ein jedes Dorf braucht einen Mittelpunkt, um den es stetig wachsen konnte. Eine Keimzelle des organisierten Lebens gewissermaßen. Und in meinem Dorf war das die Kirche. Dort wurde jedes Wochenende den Dorfbewohnern erklärt, wogegen sie sich permanent im Kriege befinden würden: der heilige Krieg gegen Tod und Teufel. Und traditionsgemäß befand sich um die Kirche somit auch der erste weltliche Verteidigungsring: die Dorf-Kneipen. Von der Heiligen Kommunion überreicht vom wichtigen Dorfpfarrer bis zum ersten Pils-Korn-Gedeck serviert vom bedeutesten Dorf-Wirt betrug der Abstand vielleicht maximal vierzig Schritte.

Dass sich der Kirchen-Organist diesen Abstand immer zu eigen machte, um sich statt der Predigt solch ein westfälisches Gedeck zu gönnen, das ist aber nicht der Kern dieser Geschichte und auch nicht, dass paar Jugendliche sich den Streich erlaubten und den Organist einfach von der Orgelbühne aussperrten, als er zum Te-Deum wieder auf die Orgelbühne zurück wollte, aber nicht konnte und der Pfarrer irritiert blickte, weil zum Lobpreisen nicht den Anwesenden die Orgeltöne gespielt wurden.

Zurück zur Dorfstruktur: ein zweiter Verteidigungsring existierte nicht. Denn für die Verteidigung sind traditionsgemäß Männer zuständig und die Männerwelt war die Kneipenwelt. Die dahinter gelegenen Blumen- und Bäckereigeschäfte waren erst sekundär wichtig: für Geburtstagsblumen oder Grabgestecke und für was Süßes zum Fest oder für Bestellungen zum Leichenschmaus. Danach kamen erst Banken und Rathaus. Das Leben musste ja bezahlt oder ab- oder angemeldet werden. So hatte alles seine Ordnung.

Ganz am Rande des Dorfes existierte ein Laden, der hatte seine Magie. Gewissermaßen eine Magie in dörflicher Randlage. Der Laden war nicht groß und er war nicht aufgeräumt. Oder er war es doch, aber als kleiner Steppke durchblickte ich die Ordnung nicht. Die Größe des Ladens würde heute wahrscheinlich keiner mehr als Große der eigenen Wohnung akzeptieren. Es war ein Kramladen. Sein Besitzer war Fotograf. Mein Vater bezeichnete ihn wegen dessen Stirnglatze einmal als Denker und erklärte mir, dass der Besitzer sich gerade deswegen mit dem Fotografieren wohl so gut auskennen würde. Meine Vater hatte eine alte AGFA Kamera und hegte und pflegte sie mit Liebe. Und der Ladenbesitzer – ich nenne ihn mal Rudi – hatte meinen Vater bei dessen Begegnung dazu sehr beglückwünscht. Aufrichtige Wertschätzung bindet Kundschaft. Und AGFA war auch die Marke des Vertrauens von Rudi. Draußen am Eingang des Ladens hatte er als Überzeugungstäter auch das AGFA-Reklameschild. Während der Drogist in der Nähe der Kirche KODAK-Negativfilme als das non-plus-ultra anpries, vertrat Rudi die Marke AGFA. Mein Vater war überzeugter AGFA-Fotograf. Ob Schwarz-Weiß oder später in Farbe, er vertraute AGFA. Abzüge auf AGFA-Papier von AGFA Negativen waren immer besser, egal in welcher Farbausprägung. Das war so. Damals.

Rudi entwickelte Negativfilme selber in seiner eigenen Dunkelkammer und stellte auch die Abzüge her. Daher war Vertrauen wichtig und mein Vater vertraute Rudi. Und ich durfte immer dabei sein, wenn mein Vater sich neue Negativfilme kaufte. Der Laden war im Grunde nicht unbedingt hell gestaltet, aber das vorhandene Licht war ausreichend, um alles aus meiner kleinen Größe aus anzuschauen. Denn Rudi bot nicht nur Fotoapparate an, sondern sein Laden hatte auch Schreib- und Spielsachen. Und besonders die Spielsachen interessierten mich. So sah ich in einem Herbst ganz oben auf einem Regal den Karton einer Carrera-Rennbahn. Heilig Abend stand dann der Karton unterm Weihnachtsbaum, für mich und meinem Bruder.

Das Thema „Fotografie“ hatte aber auch mich gepackt. Und so quengelte ich bei meinen Eltern so lange, bis ich mit meinem Vater bei Rudi im Laden stand. Und Rudi hatte die passende Idee: ein „Opticus Baukasten“ der Firma „Kosmos“. Damit könnte ich etwas über Linsen, Objektive und Kameras lernen. Und: der Clou war, dass ich mir meine eigene Kamera basteln könnte. Ich bastelte fleißig und die Kamera war fertig. Der mitgelieferte Schwarz-Weiß-Rollfilm kam rein und ich versuchte mich zum ersten Mal daran, mit Licht zu gestalten. Die Negative des Rollfilms wurden freilich in Rudis Dunkelkammer entwickelt. Ich war schon ein wenig enttäuscht, als er mir und meinem Vater zeigte, dass ich nur ein zwei Silhouetten fotografiert hatte und der Rest der 34 Negativbilder schlichtweg schwarz glänzten. Die Kamera war wohl einfach nicht lichtdicht.

Nur, der Foto-Virus hatte mich infiziert und das Ziel war für mich klar: wenn ich mir keine funktionierende Kamera basteln konnte, dann musste es eine fertige sein. Und wieder stand mein Vater und ich vor Weihnachten in Rudis Laden. Mein Vater wollte, dass die Kamera was taugte, also musste es AGFA sein, und nicht zu teuer werden würde. Rudi wusste, was passend sein könnte, und am Schluss hatte ich unterm Weihnachtbaum meine „Ritsch-Ratsch-Klick“ mit rotem Auslöseknopf: eine Pocketkamera, die „Agfamatic 4000“.

Beim Kauf der Pocketkamera war mir noch etwas im Kramladen aufgefallen: es roch noch Streu, nach Heu und im Hintergrund tschilpten Vögel. Irgendwann musste Rudi sein Geschäft um eine Zoohandlung erweitert haben. Und wenn Sohnemann quengelig wird, aber Vater sein dagegen sehr …

Und wieder stand ich mit meinem Vater im Laden von Rudi. Die Spielsachen interessierten mich schon wie beim Kauf der Pocketkamera nicht die Bohne. Ich hatte die zugesagte schulische Leistung gezeigt und mein Vater löste seinen Teil des Versprechens ein. Kurz darauf versorgte ich zu Hause einen Wellensittich. Meinen Wellensittich.

Zehn Jahre war ich alt, als mein Vater mir traurig mitteilte, dass Rudi überraschend gestorben sei. Das Dorf verlor seinen Foto-Chronisten und entsprechend groß war die Trauergemeinde bei der Beerdigung. Als ich verstanden hatte, was „gestorben“ bedeutete, fragte ich meinen Vater:

„Was ist mit den AGFA-Filmen?“ „In der Drogerie gibt es welche.“ „Und das Futter für meinen Peterle?“ „Auch in der Drogerie.“ „Und die Schulsachen?“ „Die kaufen wir woanders, aber nicht in der Lottoannahmestelle an der Eisdiele.“

Deren Besitzerin mochte mein Vater nicht. Er ging dort nur hin, wenn es um Karten für alle Gelegenheiten ging. In jenem Geschäft war das Kopierer- und Druckerei-Monopol des Dorfes beheimatet. Ging es um Geburts-, Trauer-, Kommunions- und Einladungskarten, dann führte an jenem Laden kein Weg vorbei. Weder mein Vater, noch meine Mutter mochten die Besitzerin. Sie würde zu viel Böses tratschen, sagten sie mir. Ich selber, nebenbei angemerkt, mochte sie auch nicht. Denn sich in ihrem Kramladen etwas anzuschauen, das war für jene Frau offenbar ein Gräuel. Noch heute höre ich ihre meckernde Stimme beim autologistisch dahin gerotzten Standardsatz: „Wenn du es nicht kaufen wirst, brauchst du es dir auch nicht anschauen.“

Rudis Laden wurde geschlossen. Es eröffnete dort niemand mehr einen anderen Laden, denn der Besitzer der Drogerie hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt und übernahm das Foto-Monopol des Dorfes. Jahrelang fuhr ich als Jugendlicher am ehemaligen Laden von Rudi vorbei. Jener kleine Kramladen mit seinem AGFA-Werbeschild und seiner seltsam muffig, heimeligen Atmosphäre blieb mir in lebendiger Erinnerung. Vor einem halben Jahr kam ich dort wieder einmal vorbei. Nichts erinnerte mehr daran, dass in dem Haus ein Foto-Kramladen war. Ein normales Familien-Eckhaus in einer normalen Straße.

Die Fotografier-Leidenschaft meines Vaters habe ich weiterentwickelt. AGFA spielt bekanntermaßen keine Rolle mehr am Fotomarkt, weder als Kamera-Hersteller noch als Film-Hersteller (ja, ich fotografiere sowohl analog als auch digital). Rudi allerdings bleibt mir weiterhin in Erinnerung. Letztens, als ich ein Foto des Schauspielers Vincent Schiavelli aus jungen Jahren sah, musste ich an Rudi denken. Rudi war zwar eher ein gesetzter Typ, aber Vincent und Rudi haben ähnliche Physiognomien. Rudi war der Typus Mensch, welchen man  gern als „väterlichen Onkel“ bezeichnen würde. Und beim Betrachten von Schiavellis Foto glaubte ich für einen Moment Rudis Stimme zu hören, aber das war nur eine Illusion. Von Rudi ist letztendlich bei mir nur ein vages Bild zurück geblieben. Seine Stimme ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Nach jetzt vierzig Jahren.

Wenn die Fahne weht, steckt der Verstand in der Trompete

„Und jeden Morgen steht ein Idiot auf.“

„Wie belieben?“

„Ich sagte Dir: Und jeden Morgen steht ein Idiot auf.“

„Wegen der Wahl in den USA?“

„Ich weigere mich in Zukunft, auch nur ein Wort Englisch zu sprechen!“

„So schlimm?“


„Erst der Brexit und dann der Trump. Von solchen Dummköpfen kann ich mich nur distanzieren und mit der Sprache fange ich an. Aus welchem Grund soll ich deren Sprache sprechen?“

„Um sie zu verstehen? Zwecks Völkerverständigung?“

„Scheiß auf Deine dummdreiste Völkerverständigung. Ich werde die Tommies und die Amies spüren lassen, dass ich keineswegs gewillt bin, ihre Sprache mehr zu sprechen. Soviel Eier habe ich, keine Angst. “

„Eine Frage der Eier?“

„Es kotzt mich an, dass die Sprache dieser Idioten Weltsprache sein soll. Die ist primitiv wie ihre Einwohner. Deren Mehrheit sind unverantwortliche, selbstherrliche Ignoranten. Sie sind dumm. Nicht böse, aber dumm. Sie haben keine Ahnung.“

„Jetzt haben Sie aber Donald Trump zitiert.“

„Was?“

„Sie haben mit Ihrem letzten drei Sätzen Donald Trump zitiert. Sie tanzen den Donald-Trump-Niveau-Limbo.“

„Na und? Warum darf ich nicht das sagen, was meine Freunde und jeder andere auch bereits im Internet auf Facebook und Twitter sagen? Was interessiert mich, was dieser Arsch mit Ohren auf zwei Beine ablässt? Der beleidigt doch, ich nicht. Ich sag nur die Wahrheit. Oder darf man die nicht mehr sagen? Oder hältst du etwa zu so einem Rassisten, Sexisten, Fremdenfeind und Umweltverächter, der unsere Welt in den Abgrund stoßen will?“

„Also sollte man wegen Brexit und Trump in Zukunft amerikanisch-englische Produkte und Geschäfte meiden und keine englisch-sprachige Musik mehr hören?“

„Vielleicht. Ich höre weiterhin Udo Lindenberg und die Toten Hosen.“

„Beide singen auch in Englisch.“

„Da schalte ich in Zukunft immer ab. Die Eier dazu habe ich.“

„Eier? Soso. Wissen Sie, was?“

„Was?“

„Wissen Sie, wie man mit rohen Eiern umgeht?“

„Wie?“

„Man haut Sie öffentlich in die Pfanne.“