Tunnellicht-Rede (2)

Verehrte Damen und Herren,

nach all den Würdigungen zu 60 Jahre Deutschland ist es doch mal an der Zeit etwas zu würdigen, was in der ganzen Welt tagtäglich immer mehr an Bedeutung gewinnt und auch in Deutschland nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Es geht um die Ressource Mensch und deren individuelle Individualressource Hirn.

Nicht erst seit heute, an dem Tag, an dem auffiel, dass Frau Pauli noch nicht mal ihre Unterschrift beherrscht, um ihre Partei, die FREIE UNION, in Bayern zur Wahl zu bringen, nein, schon seit PISA dürfte jedem Bundesbürger klar geworden sein, welches Wohl wir genießen, wenn Dummheit sich als Massenphänomen Breschen in die deutsche Gesellschaft schlägt. Die fehlende Unterschrift der Frau Pauli verringert die Länge der Wahlzettel in NRW und Bayern und trägt in Folge zur Papiereinsparung, vulgo, umweltfreundliche Ressourcenschonung bei. Die fehlende Unterschrift dürfte dem ein oder anderem Baum in Deutschland das Leben retten und dem Wähler Übersicht bei der Wahl wahren.

Das Beispiel zeigt, dass Dummheit nicht unbedingt schädlich sein muss. Sie kann sogar erheblich wirtschaftsfördernd sein.

Eine Untersuchung hat gezeigt, dass in Stadtteilen mit Einwohnern niederer Bildung ein erhöhter Pommes-Frites-Verbrauch einher ging. Gerade in der Umgebung von Hauptschulen werfen dort beheimatete Pommesbuden oder MacDonalds-Filialen einem erhöhten Fast-Food-Umsatz ab. Die Erklärung liegt auf der Hand. Dort, wo höhere Bildung herrscht, lohnt es nicht fettige Pommes oder Gammeldöner zu verkaufen, eben weil die besser Gebildeten erkannt haben, dass sowas der Gesundheit abträglich ist. Eltern mit akademischen Hintergrund werden ihre Kinder nicht mit Pommes und Cola groß ziehen, weil sie wissen, dass dieses nachhaltig Intelligenz, Knochenbau und Fetthaushalt ihrer Kinder schadet. Und gerade dieses ist der einfachen Bildungsschicht unbekannt. Deshalb findet sich auch Fettleibigkeit gerade in den Schichten der Basiseinkommensverdiener wieder.

Die Hauptschulen als Sammelbecken von sprachgehemmten Ausländern, verfetteten deutschen Kindern und gescheiterten Lehrerexistenzen sind gerade zu ideal, um die Lebensmittelindustrie auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten zu stützen. Kindern aus Arbeiter-, Bauern- und Ausländerfamilien sind dankbare Abnehmer von Pommes, Burgern und Dönern. Würden diese ihre Kinder nicht mit einem 5-Gänge-Cola-Pommes-Menü groß ziehen, sondern mit fettarmer Vollkost, wie sollten unsere Pharmaindustrien überleben. All die Krankheiten aus falscher Ernährung sichern doch Millionen Menschen in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie ihr Überleben.

Wer die Menschen aus MacDonalds oder Burger King heraus halten will, wer Pommes-Rot-Weiß als Kulturgut in Frage stellt, der muss sich öffentlich fragen lassen, wie er es mit den Millionen Arbeitsplätzen in der Pharmaindustrie hält, ob er von Gesundheitsministerium jetzt eine jährliche Jahrhundertreform zum Schutze von Ärzten, Apothekern und Gesundheitssystem haben will.

Verehrte Damen und Herren, wir dürfen uns doch glücklich schätzen, dass es solche Pöbelsammelbecken wie Hauptschule, MacDonalds oder ALDI gibt. Würden sich all diese Menschen an wahren Bildungszentren rumtreiben, es wäre nicht auszudenken, was das für unsere Gesellschaft bedeuten könnte. Wir hätten mit mehr Nachfragereien zu rechnen. Die Gesellschaft würde zu einer kritischen Masse mutieren. Und wir alle, die wir die Intellienz Einsteins lieben und verehren, würden mit unserem sozialen Errungenschaften in dieser kritischen Masse kollabieren.

Seien wir doch mal ehrlich: wir können damit leben als „Wixer“, „Momgos“ und „Schlampen“ bezeichnet zu werden, also in der Heimatsprache der Hauptschüler angeredet zu werden, solange das ohne wirtschaftliche Einbußen von statten geht.

Wir sollten froh sein, dass wir in PISA nicht die besten sind. Denn wir brauchen die PISA-Verlierer für unseren Gewinn. Denn nur solchen Menschen läßt sich diese Welt so erklären, so wie wir sie sehen.

Meine Damen und Herren, lasst uns das Glas heben auf die Hauptschüler und Paulis Deutschlands. Sie haben ihren Platz in unserer 60jährigen demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft gefunden und das ist auch gut so.

Guten Abend.

Nicht so gemeint (3)

17 Uhr.
Mühsam die Augen aufgekriegt und als erstes nach Wasser verlangt. Man durfte mir Wasser geben, einem waschechtem Bayer allerdings hätte man das Wasser nie reichen dürfen. So einer hätte sowieso ein vitales, isotonisches, vitaminhaltiges, kalorienbewußtes Kaltgetränk verlangt, ein Weißbier Light.
Ich wollte lediglich Wasser. Mein Flüssigkeitsumsatz war gnadenlos beunruhigend. Die Nachtschwester tippte in ihrer Verzweifelung auf Diabetis bei mir. Der Test hinterließ eine zerstochene Fingerkuppe bei mir und ein negatives Resultat auf ihrem Teststreifen. Zum späteren Ausgleich erhielt ich undichte Urinalflaschen und in Folge eine feuchte Bettunterlage. Ich hätte doch lieber zuvor nicht den Borat-Witz machen sollen. Die, die mir das Wasser reichen reichte, kam aus Kasachstan, ich mit meiner pseudowitzigen Bemerkung aus Hinteroberuntervorderbayern, trotz französisch-preußisch-polnischen Urspungs.

Sommerwein

Nicht so gemeint (2)

13 Uhr.
Die OP-Schleuse habe ich passiert. Die Kanüle befindet sich schon im linken Handrücken. Ich liege auf dem OP-Tisch und betrachte das Muster der Deckenventilation. Wenn der Anästesist erscheint, wird Showtime sein.

Und immer wieder geht die Tür auf und ich werde mit einem bayrischen „Grüß Gott“ bedacht. Ob ich denen sagen soll, dass ich das nicht vorhabe? Ich will doch noch eine ganze Menge leben.

Die Tür geht auf, „Grüß Gott“, ich will dem Anästesisten noch was sagen, ihm sagen, dass er es nicht soweit kommen lassen soll. Die Decke verschwimmt … .

It’s showtime.

Nicht so gemeint (1)

12 Uhr in Deutschland.
Über den Gängen der Büros wogt die einmütig monotone „Mahlzeit“-Welle.
Begegnen sich zwei, kommt es wie aus der Kanone geschossen:

„Mahlzeit“.

In der Kantine, wenn man sich zu den anderen setzt:
„Mahlzeit.“
Klar.

Aber was sagt man auf dem Klo beim Einreihen an der Pissrinne, oder wenn jemand in die Einzelkabine entschwindet?

„Mahlzeit.“

Oft gesagt bekommen, oft gehört.
Ich hoffe, die Kollegen meinten das nicht ernst.
Ansonsten: Prost Mahlzeit.

Tunnellicht-Rede

Sehr verehrte Damen und Herren,
hier ist zwar nicht das Berliner Adlon mit Sekt und Kaviar, trotzdem ist es an dieser Stelle angemessen hier und heute eine weitere Ruck-Rede selbst bei heimischen Bier und Weißwurst zu halten.

Lassen Sie es mich so formulieren: die Talsohle ist durchschritten, das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar und es handelt sich laut ifo nicht um Gegenverkehr. Unsere bisherigen wirtschaftlichen Seitwärtsbewegungen können als sinnlicher Tango zur Prüfung der Flexibilität und Biegsamkeit der Arbeiter und Angestellten verstanden werden.
Unsere soziale Marktwirtschaft hat funktioniert. Wie immer in Krisen befreit sich unsere Marktwirtschaft von unnötigem Ballast und differenziert zwischen Gewinner und Freigesetztem. Letztere sorgen für Vollzeitbeschäftigung bei den Transfergesellschaftlern und sind auch noch später durch Hartz-IV sozial abgefedert.

Sie wissen meine Meinung zu Hartz-IV, aber inzwischen hat sich bei mir der Erkenntnis-Prozess durchgesetzt, dass Hartz-IV doch wohl nötig ist . Arbeitslosen wird hierdurch neue Arbeit geschaffen. Jeder von uns hat doch in den letzten fünf Jahren gelernt:
„Sozial ist, was Arbeit schafft“.

Das weiß inzwischen sogar die deutsche katholische Bischoffskonferenz und steht hinter diesem marktwirtschaftlichen Leitsatz. Wenn man sich überlegt, dass gleiche Gruppierung vor Jahrzehnte nicht direkt Abstand von ihrer „Theologie der Befreiung“ genommen hat, so ist dieser Meinungswandel ein Quantensprung. Wenn diese noch Fortschritte bei deren analfixierten Priestern macht und dann auch ihre Pius-Randgruppe mäßigt, erst dann wird sie im realen Hier und Jetzt nachhaltig angekommen sein.
Nein, ich will hier nicht zum Katholen-Klatschen ausholen, das ist auch nicht mein Thema. Aber solange Priester das Leben unserer braven Söhne und Töchter als dehnbare analoge Begrifflichkeit auffassen, solange sollte sich niemand darüber aufregen, wenn die offene jederzeit diskutierbare Meinungsäußerung über Juden durch eine katholische Marginalität verbreitert wird.

Meine Damen und Herren, wie gut inzwischen Hartz-IV greift, läßt sich faktisch erfahren und macht sich auch in unserem Geldbeutel durch Preisnachlässe bemerkbar: kostengünstiger Spargel, saftige deutsche Erdbeeren, bunte Gladiolen und saubere Bürgersteige. Hartz-IV kann uns noch mehr bringen.

Klar, Hartz-IV kann jeden treffen. Nicht nur den Arbeiter mit Halbwissen bei Opel oder die vielen ungeschulten Arbeitskräfte bei Quelle. Selbst sehr gut geschulte Firmenbesitzer droht Hartz-IV.
Letztens erzählte mir in Vaduz ein befreundeter Firmenbesitzer, dass er inzwischen Kredite aufnehmen musste, dass er faktisch ein Hartz-IV-Kandidat sein würde, sollte er Pleite gehen. Und bei dieser Bedrohung muss er auch an das soziale Wohl seiner Mitarbeiter denken. Er hat ja auch gesellschaftliche Verantwortung. Daher kam er an der Freisetzung einiger Mitarbeiter nicht vorbei. Anfangs hatte er vorgesehen, 20% frei zu setzen. Aber durch generelle Einführung der 35-Stunden-Wochebei Angestellten und Arbeitern, müssten nur 10% in eine Transfergesellschaft überführt werden. Und die anderen werden mit Kurzarbeit aus der Krise geführt.
Klar sei ihn das nicht angenehm, aber besser das 10% von Hartz-IV bedroht seien, als alle Mitarbeiter und er selber auch. Ein 30%iger Einkommensverlust ist immer noch besser als AlG oder Hartz-IV.
Das traurige Beispiel der Witwe Schickedanz diente ihm hierbei als Mahnung.

Meine Damen und Herren, die Zeiten sind schlecht, wie man an der Deutschen Bank wieder sehen kann. 9% Einbruch bei der Rendite. Das sind harte aber traurige Fakten. 9%! Im Hinblick auf die Bundestagswahl bleibt lediglich zu hoffen, das jene Parteien einen gleichen Einbruch erfahren, so wie sie es verdient haben. Wobei, den ersten öffentlichen Einbruch hat die SPD durch Ulla Schmidt sich schon eingehandelt, wenn ich mal ironisch bemerken darf. Selbst Schuld, wer seine Autoschlüssel nicht im Hotelsafe deponiert. Sowas ist falsch verstandenes soziales Verhalten der Ulla Schmidt, wenn sie auf Kosten unserer Steuerzahler ihren Dienstwagen Bedürftigen zum Stehlen anbietet. Das ist falsch verstandenes soziales Bewußtsein, den Rettungspaketen für unsere Banken einfach Geld durch unsinnige Dienstreisen abgraben zu wollen. Aber zur Korrektur gibt es ja die Bundestagswahl. Dann wird Frau Schmidt schon verstehen, was ein wirklicher Einbruch ist. Wenn die gute Frau nach einem Jahr Arbeitslosigkeit zum Hartz-IV-Fall wird, dann wird sie verstehen, dass nur das sozial ist, was Arbeit schafft, Frau Schmidt. Und nicht was Arbeit macht.

Meine Damen und Herren, ich denke, wir Arbeitgeber können mit Hartz-IV leben. Bietet es uns Wirtschaftkräften doch ein soziales Auffangnetz, aus dem wir weiter mit Arbeitslosen gesund wirtschaften können. In einer sozialen Marktwirtschaft eben.
Guten Tag.

(Rede der bayrischen Landespolitikerin Marta Maria Solln, CSU, übersetzt ins Hochdeutsche)

Pause

Zimmer mit Aussicht und Vollpension. Für die nächsten paar Tage.

Room-with-a-view

Radio-Days

Ein Hörspiel über 7 CDs. Jetzt in kaum mehr als 6 Stunden. Damals dauerte es sieben Sendungen. Oder eine Nacht im dritten Westdeutschen Fernsehen. Erinnerungen und erneute Begeisterung, wenn sich deutsche Comedians über deutsche Jugendliteratur hermachen.

Einmal Sansibar hin und zurück – und dann Belgrano ade

Untergang der Belgrano im Falkland-Krieg am 2. Mai 1982
Wir sind ein streitbares Volk.
Schon als Germanen haben wir am Rande des Teutoburger Waldes hin und wieder unsere flüchtenden Möchtegern-Eroberer niedergemetzelt, bis dass die Römer nicht mehr Piep sagen konnten. Regelrecht mundtot haben wir sie gemacht.

Wir?

Jawohl wir! Es war ein Stellvertreterkrieg der unwissenden Vorfahren für deren Nachfahren. Und deswegen haben wir dem Hermann als Stellvertreter von uns eine Statue aufgebaut.

Drohend winkt sie gen Frankreich, wo Deutschland im 19. Jahrhundert die anderen Unboten Europas sahen. Aus sicherer Entfernung sollte die blanke Klinge das französische Volk zur Mahnung und Warnung dienen. Aber die hatte es aus der sicheren Entfernung nicht gesehen und so kamen sie dann noch ein paarmal bei den Deutschen vorbei, um diesen Baguettes, Rotwein und französische Rechtskultur beizubringen.

Eigentlich hieß der kupferne Germane auf seinem Sockel im Teutoburger Wald ja Arminius. Und als eben solcher hatte er den Varus und seine Römern einfach mal verraten. Aber das darf man freilich nicht als Verrat sehen, denn als Freiheitskämpfer ist man nie Verräter sondern Patriot.
Und im Grunde hieß der doch auch Hermann. „Hermann, the german“ wie die Engländer so treffend reimen.

Obwohl, Hermann war ja Cherusker. Und die Cherusker lebten bekanntlich in Ostwestfalen. Ostwestfalen. Da wo die Uhren einen Tick langsamer laufen als die von dem Rest der Welt. Viele Menschen denken bei Ostwestfalen eher an Bielefeld und seinen Merkspruch „Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir úns in Bielefeld“. Oder auch an Paderborn mit seinem Drei-Hasen-Fenster. Aber an aufmüpfige Germanen oder Cherusker?
Ja, hallo erstmal! Ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten: aber fragt man nach dem berühmtesten Ostwestfalen, da kommt kommt als Antwort „Rüdiger Hoffmann“. Oder der Antje Vollmer. Oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Oder „Gerry Weber“.
Okay, Wiglaf Droste und ein Heinz Rudolf Kunze könnten das wieder aufwiegen. Aber wenn man erstmal verinnerlicht hat, dass der ZDF-Prediger und Dauergrinser Peter Hahne und auch Schlagerfuzzi Peter Orloff auch Ostwestfalen sind …
Ich schieb dann mal schnell Jürgen von der Lippe und Iris Berben nach, um das vorher Gesagte ein wenig vergessen zu machen …

Aber wem haben wir das nun alles zu verdanken? Dass Ostwestfalen so eine historische Bedeutung erlangte?
Genau. Dem Varus, dem willig billigen Opfer.
Einer gegen alle. Er gegen die Germanen. Und Hermann gegen die Römer.
Klar, eigentlich ist schon die Frage nach der Dankbarkeit falsch gestellt. Die Frage müsste lauten, wer der berühmteste Freiheitskämpfer Deutschlands ist.
Wie der Germane hieß und wie er kämpfte, da gibt das Scheffel-Lied Auskunft:

„Mit Gott für Fürst und Vaterland
Stürzen sie sich wutentbrannt
Auf die Legionen.“

Man merke, der Hermann war schon gottesfürchtig, bevor der erste christliche Missionar Germanien bekehren konnte. Knapp 24 Jahre bevor Jesus ans Kreuz genagelt wurde und Petrus meinte „Nö, den kenn ich nicht.“

Varus ist es dabei nicht so gut ergangen wie dem Jesus. Der Germane hatte schon ein wenig mehr Brutalität im Blute als jene Römer dem Jesus gegenüber.

„Diesem ist es schlimm ergangen,
Eh daß man ihn aufgehangen,
Stach man ihm durch Zung und Herz,
Nagelte ihn hinterwärts
Auf sein corpus iuris.“

In der Schule habe ich dann immer im Chor das

Schnäde räng täng, Schnäde räng täng
Schnäde räng täng, de räng täng täng

schmettern dürfen. Schön war’s, so unter geistigen Pickelhauben singen zu dürfen.

Hermann ist freilich eindeutig Westfale.
Und so feierte er auch genau so, wie es heutzutage die Westfalen auf deren eigenen Dorfkirmessen veranstalten. Dort pilgern die wackeren Recken in der Tradition von Hermann, dem Cherusker, von Bierstand zu Bierstand, von Kneipentür zu Kneipentür und meinen das sei die einzig wahre Kneipkur. Und die Frauen dieser Helden nippen großzügig stolz an deren Willybecher, dem einzig wahren, deutschen Standardglas, und benehmen sich dem Scheffel-Lied entsprechend tusneldenhaft. Thusnelda war übrigens ein holdes Blondchen, aber gesoffen haben Tusnelda und Hermann wohl so, wie es heute den deutschen Bübchen und Mädchen beim Komasaufen ein Vorbild ist.

„Wild gab´s und westfäl´schen Schinken
Bier, soviel sie wollten trinken
Auch im Zechen blieb er Held
Doch auch seine Frau Thusneld
soff walküremäßig“

Das Komasaufen der beiden war sicherlich ein großer Schritt für deren eigene Leber, aber nur ein kleiner Schritt für das deutsche Volk an sich.
Denn Hermann war nur ein Stammesfürst. Sein Sieg verhinderte, dass die römischen Besatzer aus Germanien ein geeintes Volk erschufen. So lebten die Deutschen später fleißig untertänigst mit ihren Fürsten und Kurfürsten und deren Marionetten-Kaiser und -Könige, wobei die ersteren verhinderten, dass irgendwer der zweiteren Garde zuviel Macht erhalten konnte. Jeder der fürstlichen Herrschaften und Hochwohlgeborenen hatte ein wenig Macht, aber keiner dieser Machtgesellen zuviel davon im eigenen Portfolio. Ein Gleichgewicht des Schreckens im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“.
Im Überglanze jener prädeutschen Geschichte ist es ja inzwischen fast schon als Gerücht anzusehen, dass es 1989 eine Wiedervereinigung gegeben haben sollte.

Aber keine Sorge. Es hat sie gegeben, die Wiedervereinigung. Inklusive seinen begeisterten Menschen und den Kohl’schen Gärtnern der blühenden Landschaften. Und nicht zu vergessen, jene kritischen Geister, die die Wiedervereinigung rief und danach nicht los wurde. Jene die zwei Jahre später meinten „Wir sind vielleicht ein Volk“.

Doch zurück zur geschichtsbildenen Varus-Schlacht. Für Hermann war ja das Leben danach nicht einfach vorbei, als er Germaniens Besatzer auf deren Flucht permanent bis zur Unkenntlichkeit vereinzelnd gemetzelt hatte. Beim niedersächsischen Kalkriese soll bei Hermanns Haarespalten auf römischen Häuptern ordentlich Kalk gerieselt sein.
Die Geschichte meint, uns zu überliefern, dass Hermann später hinterrücks gemeuchelt wurde. Nein, nicht von seiner Ehefrau Tusnelda, sondern von seiner Verwandschaft, so wollen uns selbsternannte Geschichtsschreiber weiß machen.

Unser Hermann? Der heroische Befreier von der Knechtschaft Roms? Das offensichtliche Vorbild von Uderzos und Goscinnys Endszenen aus „Asterix und Obelix“? Das darf glauben, wer simpel gestrickt ist.
Denn in unseren Tagen weiß doch jeder, wo der Hermann mit seiner Tusnelda endete. Und zwar hier und hier.

Falls das nicht unser deutscher Hermann gewesen sein wollte, der von seiner Frau so genervt den Schlusssatz röchelte „Ich bringe sie um … morgen bringe ich sie um!“, dann weiß ich nicht, wieso ich schon damals vor Lachen unter deutschen Biedermeier-Nierentischen lag.

Jawohl! Hermann stieg auf zum gefürchteten Römer-Schlächter und endete bei Loriot als rentnender Bettvorleger seiner Frau. Wer noch nie im Kindheitsalter bei Detmold unterm Hermannsdenkmal rauf zur Schwertspritze schaute und darüber grübelte, warum Asterix dort ohne seinen Obelix rumsteht, der weiß auch nicht, dass in der Gegend drumherum die Externsteine stehen und viel interessanter sind. Da sprüht die Magie. Das ist Mystik. Das ist die dunkle Seite Germaniens. Da hat man aus Kröten mit einem Hauch Haselnussbraunfäule in Maiglöckchen-Sud gekocht, das brodelnde Gemisch den Feinden ins Gesicht geschleudert und sich nachher über deren Brandblasen ergötzt.

Ich habe noch vom 100-jährigen Jubiläum des Hermannsdenkmals ein kleines Taschenmesser. Dessen Klinge ist nicht so groß und prächtig wie die vom Hermann, eher klein und verrostet. Meine Eltern hatten es mir als Andenken gekauft und meine kleines Taschenmesser hatte mit der großen Statuenklinge eines gemeinsam: Es klebte nie Blut dran. Darum tauge ich auch nicht als Befreier der Cherusker oder Germaniens oder wenigstens Ostwestfalens. Und muss auch nicht fürchten, von der eigenen Verwandschaft gemeuchelt zu werden.Vormals Held, danach mit Neid überschüttet. Wie Hänsel und Gretel: Gehasst, geschasst und ausgesetzt.

Als streitbares Volk dürfen wir das. Ehrenmorde sind zwar verpönt (und werden zu Recht gerichtlich verfolgt), aber ein wenig Grube graben für sein Mörderherz, dagegen hat niemand was. Insbesonders nicht aus der Verwandschaft, denn das sind Familienangelegenheiten. Der angekündigte familiäre Mord ist ja immer noch ehrenhafter als der hinterrücks gestoßene Dolch aus dem Gewande der Aussenstehenden.

100 Kilometer südlich von Kalkriese im Städtchen Ahlen bewegte sich ein anderer König im letzten Jahrhundert in den Süden Deutschland und versuchte von dort aus den südlichen Überraschungsangriff auf Niedersachsens Stolz. Ein King dem Teilnamen nach. Sein Angriff misslang und der zuvor als Cherusker gefeierte forsche Porsche-Wiedeking harrt nun den meuchelnden Dolche seiner industriellen Familie.

Wiedekings Traum war der des Cheruskers: Täuschen, Tricksen, Anschleichen und dann scheibchenweises Übernehmen. Jetzt wird Wiedeking selber zerlegt. Genüßlich und mit maliziösem Lächeln seitens seiner buckligen Piech- und Porsche-Verwandschaft.
Terätätätäterä und simserim simsim simsim.
Wie hatte schon James Thurber am Ende einer seiner Gedichte gereimt gehabt:

Ashes to ashes
clay to clay
if the enemy don’t get you
your own folks may

Schnäde räng täng, Schnäde räng täng
Schnäde räng täng, de räng täng täng

Ünbrigens, Sansibar ist für Deutsche nicht das Land, wo der Pfeffer wächst. Der wächst zwar auch dort auf jener ostafrikanischen Insel. Jedoch steht „Sansibar“ im Deutschen für die Utopie nach einer besseren Zukunft (s.a. „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch).

Sansibars bekanntester „Sohn“ wurde dort mit dem Namen „Farrokh Bulsara“ geboren. Im November 1991 starb er in Kensington, London, an den Folgen seiner HIV-Erkrankung. Farrokh Bulsara ist uns besser als homosexueller Sänger der Gruppe QUEEN unter dem Künstlername „Freddie Mercury“ bekannt.

Und dann noch ganz nebenbei erwähnt:
Die Regierung von Sansibar erließ 2004 ein Gesetz, welches künftig homosexuelle Akte unter Strafe stellt.

Deja vue

Ist der rechte auf dem Werbeplakat nicht Gandalf, der Graue? Harry goes Hobbithausen?

HarryPotter

Kennt sich die Bundesregierung mit dem Internet aus?

Browser? Was sind denn noch mal Browser?

Unsinnige Unterhaltung

– Haben Sie kein Kölsch?
– Nein. Nur bayrische Biere. Sind Sie etwa aus Düsseldorf?
– Nein. Aus Bergheim.
– Liegt das bei Düsseldorf?
– Sind nur die Vororte von Köln.
– Und da gibt’s Kölsch?
– Literweise.

Horst in den Bundestag

Wenn eine Kader Loth im Dienste der Gabriele Pauli für den Bundestag kandidiert, dann darf so etwas ein Horst Schlämmer erst recht.

Horst Schlämmer, der einzige echte Vollhorst Deutschlands.
Alle anderen sind doch nur egomanistische Kopien.

Vollhorst

Schlagzeilen – Der Aufmacher

Der Wolf, der Lurch, der Habicht, das Lamm.

Ein 18-Jähriger, auf nem Gleis, der Kopfhörer, die S-Bahn, der Tod, die Zeitung schreit
„HURZ!“

Und wer ist Schuld, dass der Junge auf den Gleisen die S-Bahn nicht kommen sah?
Der Kopfhörer ist Schuld!
Eindeutig!
„So gefährlich sind Kopfhörer“

HURZ!

Schlagzeilen

*100#

*100# steht bei GSM-Prepaid-Handy für die schnell durchführbare Guthabenabfrage. Per Flash-SMS gibt es dann die Antwort.

Aber was motiviert meinen Provider SIMYO, daraus seit neuestem eine SMS-Antwort zu machen?
Genau. Das liebe Geld.
In der Antwort-SMS ist noch genügend Platz für Werbung …

Dämliche Idee …

Ghostwriter gesucht …

Den Kreditinstituten geht es nicht so gut. Man gibt denen momentan nicht so viel von dem Kredit, den sie bei uns verspielt haben. Den Glaubwürdigkeitskredit. Und gerade den benötigen sie besonders viel. Denn sonst klemmt die Kreditwirtschaft und wir haben wieder „notleidende Banken“. So etwas kann sich die Kreditwirtschaft nicht leisten.
Dagegen muss was getan werden.
Vor allem mit Reden. Darum suchen die jetzt auch Redenschreiber (aus der FAZ vom Wochenende):

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Wenn es mit dem Bürgermeister (siehe meinen vorherigen Blogeintrag) nicht klappt, dann werde ich mich halt hier bewerben. Mit folgendem Arbeitsnachweis:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ja wir stecken momentan in einer der größten Krisen seit dem zweiten Weltkrieg im letzten Jahrhundert. Um diese Krise zu überwinden, ist in mannhafter Kompromissverantwortung mit altbewährter Erinnerungskonzeption eine systematisierte Interpretationsflexibilität gefragt. Denn nur eine qualifizierte Kommunikationakzelleration unter historischer Zukunftsgläubigkeit bringt eine ambivalente Fluktuationsakzelleranz der unerschütterlichen Wesensverstrickung und emanzipatorischer Identifikationsproblematik.
Ja, meine Damen und Herren, in diesen hochbedeutsamen Zeiten der konstruktiven Aktionstendenz ist eine fanatische Zukunftsgewißheit genauso erforderlich wie diese unsere Gemeinschaftsverpflichtung in echter Motivationskonzeption. Permanente Innovationspräferenz verbunden mit machtvoller Geisteserhellung und kreativer Interpretationsphase bringt uns die mannhafte Erinnerungsaussage einer integrierten Beziehungspotenz, die in diesen unseren schweren Zeiten der fehlenden Krediten eine funktionale Fluktuationsflexibilität der tiefen Bildungsverantwortung nach sich ziehen wird.
Drum lassen Sie mich an dieser Stelle schließen mit einer liberalen Staatsbürgerkonzeption der qualifizierten Oragnisationsrelevanz und abendländischer Konsensinitiative:
Das Buffet ist eröffnet.
Und lasst mir noch was vom Champagner und Kaviar übrig. Danke.

Der Karrieretipp des Tages …

Verehrte Bürger und Bürgerinnen, liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, sehr verehrtes Feindesgesindel und Feindesgesocks!

In der Stadt Wedel haben CDU und Grüne zusammen vereinbart, eine zukunftsfähige Politik für jeden einzelnen der Wedeler Bürgerinnen und Bürger zu gestalten, die Entwicklung der Stadt nachhaltig zu fördern und die Lebensqualität für jeden Wedelaner zu verbessern.

Wedel?
Sie haben noch nie von Wedel gehört?
Also bitte!
Wedel, das ist die Stadt in Schleswig-Holstein nahe der Elbe am drei Bundesländereck Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen.
Ja, Wedel hat den norddeutschen Flair von „Schöner sitzen und auf die Elbe gucken„.

Aber Wedel hat jetzt ein politisches Problem. Bei der letzten Gemeinderatswahl vom 25.05.2008 verlor die CDU 9,8% und die SPD pulverisierte 2,2% an Zuspruch. Stattdessen rissen sich die Linken 8,8% der Stimmen unter ihre rot-lackierten Fingernägel.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erlitt Wedel einen Wahlbeteiligungseinbruch von mehr als 9%! 1829 Bürger haben sich gegenüber der letzten Gemeinderatswahl der Wahl verweigert.
Anders ausgedrückt: 39,2% der Stadt empfanden es überhaupt für nötig, zur Wahlurne zu schreiten. Darüber, dass davon 184 Wähler zu dumm waren, auch noch einen gültigen Wahlzettel abzugeben, darüber sei hier mal das Mäntelchens des Schweigens ausgebreitet. Das ist zu beschämend für das durch PISA in Schräglage geratene Bundesland (nur Platz 10 und somit nicht mal unter den 9 besten Bundesländern Deutschlands).

Also nur 39,2% bei der Gemeinderatswahl. Mag sein, dass die Wahl damit um 0,2 Prozentpunkte interessanter war als die Kreistagswahl.
ABER: Selbst die Europawahl mit 39,6% Wahlbeteiligung stieß auf mehr Interesse. Das ist ein Grund sich fleißig fremdzuschämen.

Die Weltuntergangsstimmung an dem Städtchen der Elbe ist groß. Selbst ohne Elbe-Hochwasser. Und kein Retter weit und breit in Sicht.

Und nun? Ein Messias muss her! Ein neuer Bürgermeister muss es sein! Ein niegelnagelneuer, der nicht aus der eigenen Stadt kommen muss. Einer mit frischem Wind statt altem Gepupe. Einer mit neuen Perspektiven! Nur ein neuer Bürgermeister kann die 32.500 Wedelaner wieder motivieren zur Wahlurne zu trotten.
Und mit einem gesicherten Einkommen von 6.400 bis 6.800 Euro monatlich, da sollte sich doch ebenfalls jemand als Kandidat zum Bürgermeisteramt finden lassen. Daher findet sich alles weitere in der Stellenanzeige der FAZ, bundesweit an diesem Wochenende veröffentlicht:

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Da sollte doch was machbar sein, oder?

Verehrte Wedelaner und Wedelanerinnen,
hiermit kündige ich meine Kandidatur an.
Für sechseinhalb Mille brutto plus den Zulagen netto bin ich dynamisch, zielstrebig, engagiert und verantwortungsbewusst. Meine Erfahrungen in Führungs- und Leitungsfunktionen habe ich untertänigst als vielfaches Parteimitglied erworben (besitze vier Parteibücher und bin bei einer fünften mit meinem Antrag auf Aufnahme in der Warteschleife). Zusätzlich weiß ich als Angestellter eines inzwischen sogar staatlich stark unterstützen Kreditinstituts, wie man trotz mancher Nähe der Bürger Verwaltungen nachhaltig und wirtschaftlich führen kann. Mit dieser Orientierung eines Kreditfachmanns kann man sich auch in Bürgermeisterämtern genügend leisten, so dass „leistungsorientiert“ schon mein zweiter Nachname ist.

Liebe Wedelaner und Wedelanerinnen,
merkt euch meinen Namen. Ab morgen kommt meine Bewerbung über euch.

MfG
Euer neuer, designierter Bürgermeister

Das Leben der anderen

Bridge Mein Eindruck verstärkt sich von Monat zu Monat:
Immer mehr Menschen meines Alters verfallen der Yellow Press. Es liegt wohl daran, dass meine Altersgruppe langsam in der Zielgruppe der Yellow Press reinwächst. Aber eigentlich ist dies nichts sonderbares. Eher der normale Lauf der Dinge …

Ich erinnere mich an meine erste BRAVO.
Mühsam hatte ich mir das Geld zusammen gespart gehabt. Von den 1,50 DM hatte ich mir das begehrte Heft gekauft, in einem Laden, wo mich garantiert niemand kannte. Ich dachte, es wäre etwas besonderes, das Heft zu kaufen, welches unter den Schulbänken kursierte und auf der Heimfahrt heimlich im Bus durchblättert wurde. Und daher war ich aufgeregt, als das diskrete Tauschgeschäft BRAVO gegen Einsfünfzig durchgeführt wurde. Das war fast so ein bisschen wie Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke.

Nebenbei: Genau dieses Herzklopfen verspürte ich später wieder, als ich mir – knappe 19 Jahre alt – meinen ersten PLAYBOY kaufte.

Öffentlich war BRAVO allerdings in meinem Umkreis verpönt. Zuviel Porno für die Jugend unter 16. Wer BRAVO las war verrucht, hatte wahrscheinlich Sex und nur deswegen Pickel mit Rückenmarkserweichung. Aber in Wahrheit kauften die doch alle nur die BRAVO wegen Schwarzenegger als „Conan, der Barbar“ oder Sylvester Stallone in „Rambo 1“.

Jedenfalls, mein BRAVO-Heft hatte ich zwischen Mathe- und Deutschheft versteckt. Der billige Versuch, einem Heft kalkulierte Kultur unterzujubeln. Das Titelbild der damaligen BRAVO war jedenfalls Désirée Nosbusch. Als Bikini-Mädchen war sie ein Traum für mich. Vormals existierte Désirée Nosbusch für mich nur als Co-Moderator des Mittelwellen-Senders „Radio Tele Luxemburg“, zusammen mit Georg Bossert. Als sympatische Stimme ohne Gesicht. Da gab es die „10 vor Sieben“-Radiosendung. Für mich hieß das, praktisch die letzte Sendung vor dem Abendessen und der „Heute“-Sendung dazu …

„Radio Tele Luxemburg“ … Erinnert sich noch wer an die Telefunken-Radios? Die hatten einen RTL-Knopf, der war auf MW-Wellenlänge 1492 kHz programmiert. Man drückte ihn und hörte sofort RTL. Im Ausland aus dem Ausland. Gegenüber den öffentlich rechtlichen ein wenig anarchistisch. In Deutschland waren ja Privatsender erst in den 80ern zulässig. Tja,lang ist’s her …

Doch zurück zu Désirée Nosbusch und der BRAVO. Meiner ersten BRAVO.
Zwischen Mathe- und Deutschheft hatte ich das Heft sorgsam geschützt verborgen und trotzdem hatte die Titelseite eine Beschädigung abbekommen. Und dann auch noch genau auf dem BH ihrer linken Brust.

Nun ja. Mein Freund goß deswegen Kübel des Spotts über mich aus. Denn für ihn war es nicht bloß eine mechanische Beschädigung der Titelseite. Nein, seinen Worten nach sollte ich wohl versucht haben, den BH von Désirées Brust abzuknibbeln. Ich hatte ihn nicht verstanden. Denn wieso sollte ich Interesse daran gehabt haben, den BH wezurubbeln? Und zweitens würde doch durch jegliche Rubbelei das Papier beschädigt! Oder etwa nicht?
Der berühmt berüchtigte Radiergummieffekt, der bei mir schon manche Schulbuchseite beschädigt hatte und mir nur Ärger mit Lehrern und Eltern eingebracht hatte.

Dass mein Freund meinte, ich will der Nosbusch durch Rubbeln an die Wäsche und deren Brust freilegen, die Idee kam mir nicht.
Die Magie eines entblößten Frauenbusens sagte mir noch nichts.
Die Seiten von Dr. Sommer las ich und ich amüsierte mich, weil sich die anderen darüber amüsierten. Aber verstanden hatte ich Dr. Sommer nie.

Zwei Tage später hatte das gezielte Ärgern meines Freundes seine Wirkung erzielt. Ich schenkte ihm das gesamte Heft und mit diesem das mir den Atem raubende Titelbild von Désirée Nosbusch. Worüber Dr. Sommer in seiner Kolumne referiert hatte, das weiß ich nicht. Das war für mich wohl uninteressanter als jenes Titelmädchen.

Erst Jahre später wurde mir klar, was mir mein Freund unterschieben wollte. Dass ich den Wunsch gehabt haben sollte, Désirée Nosbusch BH wegzurubbeln, um sie somit auf dem Titelbild auszuziehen. Damals war mir jedoch schon immer klar gewesen, dass Fotos nur eine Abbildung der Realität sind und nicht die Realität selber. Und dass man auf einem Foto keine Frau nackt rubbeln kann.

Gut. Später hatte ich mal Rubbellose von Beate Uhrse und damit ging es. Das Wegrubbeln. Ausziehen mit dem rechten Zeigefingernagel. So einfach sollte es nie wieder werden, Frauen aus ihren Klamotten zu bekommen …
Aber erstens waren die Rubbellose nicht frei erhältlich und zweitens voll Porno. Und eben nicht voll BRAVO. Aber das ist ne andere Geschichte. Und jene Rubbellose landeten auch nicht bei meinem Freund sondern im anonymen Altpapiercontainer. Jene BRAVO und die darauf im Bikini abgebildete Désirée Nosbusch diente meinem Freund allerdings wohl als Wixvorlage, wie ich indirekt erfuhr.

Zudem verlagerte sich mein Bewunderungsschwerpunkt recht schnell später sowieso auf eine „Kiki“ Plate. Auf Christina Plate. Sie war in meiner späteren Jugend für länger das echte Traummädchen. Mein Alter, meine Kragenweite, mein Traum. Das hatte nichts mit Wixvorlage zu tun, sondern mit verliebter Schwärmerei. Sie hatte für mich den erotisch freundlichen, aufgeschlossenen Charme eines erfrischend warmen Sommerregens. Ich mochte ewig darin tanzen.

Und jetzt, in einem beinahe gnadenlos überfüllten Zug von Norden nach Süden fiel mir ein Produkt der Yellow Press in die Hände. Und es berichtete über Christina Plate.
Fatal, fatal.

Nein, ich lese keine Yellow Press.
Nein, um keinen Preis lese ich Yellow Press.
So alt bin ich nicht.

Das war jedenfalls immer mein Mantra der Yellow Press gegenüber.
Und so saß ich nun ohne Mantra dort und las den Artikel über Christina Plate Wort um Wort, Buchstabe um Buchstabe, Zwischenzeile um Zwischenzeile. Und die Bilder verinnerlichte ich Rasterpunkt für Rasterpunkt. Die Erinnerungen an meine jugendliche Schwärmerei und die Bilder dieser mir immer noch attraktiven Frau ließen mich inwendig warm werden. Ja, man könnte sie mir auf dem Bauch binden, ich würde freiwillig schwanger werden. Und das als Mann.
Den „Stern“ mit Titelstory zu „Michael Jackson“, der daneben verwaist gelegen hatte, verspeiste ich lediglich, indem ich ihn oberflächlich quer las. Aber diesen Klatsch- und Tratschartikel über Christina Plate … ich verschlang ihn wie Honig.

Was ist bloß aus der damaligen Jugend geworden, dass sie der Yellow Press mehr Aufmerksamkeit widmet als dem wiedererstarktem „Stern“? Yellow-Press-Leser in vollen Zügen im Zuge der eigenen Zeit?

Immer mehr meiner Altersklasse verfallen der Yellow-Press und seiner Heile-Welt-Berichterstattung aus dem Umkreis der Reichen und Schönen.
Reich und schön, das beides zusammen, das hätte jeder gern.
Oder zumindest reich.
Oder schön.
Oder zumindest Heile-Welt.
Oder alles drei zusammen.
Illusionsverlust kompensiert durch Realitätsverlust. Ein bisschen zu träumen von dem, was hätte sein können, hätten sich eigene Illusion und Realität vermischt. Statt lediglich jetzt nur in die Zielgruppe der Yellow-Press reinzuwachsen und deren Leser zu werden. Aber wo ist schon der Unterschied zwischen BRAVO und heute, wenn die Wirklichkeit keine Wirkung im eigenen Leben erzielt?
Das Leben der anderen, auf das wir leben.
Über die Yellow Press.
Kaugummi fürs Großhirn.