Kneipengespräch: Statistisch gesehen, nur auf ein Kölsch (2)


Argwöhnisch schielt er auf das frische Kölsch des Neuen und redete den Neuen an:

»Sagen Sie mal … dat haben Sie aber geschickt eingefädelt.«

»Hm? Wie meinen Sie?«

»Na, sich hier als Statistiker auszugeben, nur damit der Wirt Ihnen überhaupt noch ’en Kölsch zapft. Der lässt sonst keine Fremden an ‚meinen‘ Platz hier.«

»Aber guter Mann, ich bin Statistiker.«

»Jaja. Und ich bin der Papst un ming Frau is dat Marieche der Funken. Statistiker trinken kein Kölsch. Statistiker trinken Mineralwasser und zählen die Blubberblasen. Und wenn einer kein Kölsch trinkt, is er statistisch gesehen ein …? Na?«

Der Neue rückt seine Brille zurecht: »Schaun Sie mal. Lassen wir die Deduktion. Was isst man zum Kölsch?«

»Nen Halve Hahn. Oder Mettbrötchen.«

»Falsch. Global gesehen: Wurst. Bratwurst. Currywurst. Fettiges Protein. Und wo isst man die? Im Stehen. An der Bude. Jetzt raten Sie mal, wo in Deutschland die höchste Imbissbudendichte herrscht?«

»In Bayern natürlich. Wo der Uli Hoeneß seine Würstchenfabrik hat und der Söder den ganzen Tag Weißwurst zuzzelt. Dat is doch dat Epizentrum des Cholesterins.«

»Ein populärer Irrtum! Weit gefehlt. Dortmund!«

»Dortmund?«

»19,5 Buden auf 100 000 Einwohner. Der Ruhrpott ist der Olymp der Fritteuse! München? Lächerliche 7,5. Selbst Bochum, wo Grönemeyer die Currywurst besungen hat, kommt nur auf 13,4. Bayern ist Wurst-Entwicklungsland.«

»Dafür zocken die in München ab.«

»Korrekt. München führt bei den Straßenpreisen. Fünf Euro für ’ne Bratwurst. Wenn Sie noch ’nen Fünfer drauflegen, kriegen Sie hier beim Türken um die Ecke schon den ersten Döner. Aber der wahre Wucher lauert in Nürnberg.«

»Wieso? Die haben doch diese winzigen Dinger.«

»Eben! ‚Drei im Weggla‘. Rechnen Sie das mal auf das Kilo hoch. 50 Euro pro Kilo Wurstbrät! Das ist Filet-Preis für Abfallprodukte. München hält dafür den Rekord beim Döner-Kilopreis: 22 Euro.«

Er nimmt einen großen Schluck und schaut den Neuen spöttisch von der Seite an:

»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst … Wat hat dat jetzt mit Ihrem Kölsch zu tun?«

»Moment, die Korrelation kommt noch! München hat zwar wenig Wurstbuden, aber über 1000 Beautysalons.«

»Wat?«

»Ja. Aber pro Kopf liegen Wiesbaden, Aachen und – man höre und staune – Köln vorn. 85 Studios auf 100 000 Einwohner.«

»Woran liegt dat? An der Bratwurst wohl kaum.«

» … aber jetzt kommen wir zum Kern der bayerischen Anomalie. Ich nenne es das ‚Weißwurst-Paradoxon‘.«

»Dat klingt wie ’ne Krankheit.«

»Passen Sie auf: Bayern repräsentiert die Konstante der Tradition. Meine Daten zeigen eine signifikante Korrelation zwischen hohem Bier- und Fleischkonsum einerseits und stabilen Familienstrukturen sowie einer soliden Geburtenrate andererseits.«

»Moment, Moment. Sie wollen mir erzählen, wenn ich mehr Schweinshaxe esse, läuft mir die Frau nit weg?«

»Statistisch gesehen: Ja. Der bayerische Durchschnittsbürger ist zwar etwas schwerer, aber er lebt in einem stabileren sozialen Gefüge als der schlanke, vegane Großstädter. Die Hypothese lautet: Cholesterin als sozialer Klebstoff.«

Er stellt sein Kölsch energisch ab und dreht sich frontal zum Neuen:

»Juter Mann, jetzt hören Sie mir mal zu. Dat is doch Kokolores. Dat is, wie wenn Sie sagen: ‚Wenn et regnet, wird der Rasen nass, und wenn ich heule, wird dat Taschentuch nass – also heule ich, weil et regnet ‘.«

»Äh … das ist meteorologisch nicht ganz …«

»Dat nennt man ’ne Scheinkorrelation! Dat lernen wir schon im Kindergarten. Der Bayer bleibt nit bei seiner Alten, weil er Leberkäs frisst. Der isst Leberkäs und bleibt verheiratet, weil er katholisch is und Angst hat, dass der Dorfpfarrer ihm am Sonntag die Leviten liest, wenn er sich scheiden lässt!«

»Nun, die konfessionelle Variable habe ich noch nicht multivariat gewichtet …«

»Eben! Sie verwechseln Ursache mit Beilage! Nur weil Störche in Bayern brüten und da viele Kinder geboren werden, bringt der Storch trotzdem nit die Kinder. Oder wollen Sie dat auch noch behaupten?«

»Korrelationstechnisch gibt es da tatsächlich eine Überlappung in ländlichen Regionen ..«

Er schaut den Neuen aus zusammengezogenen Lidern an, richtet sich dabei gerade auf, lässt seinen Kopf ein wenig zur Seite fallen, hebt beide Hände zur Faust geballt auf Brusthöhe, die Handinnenseiten dem Neuen zugewendet, und seine Stimme verändert sich vom Kölschen zum amerikanisch Nasalen, zum Rauhen, mit Tendenz zu Höhen:

»Well. Also mal ehrlich. Sie da. Sie selbst ernannter Statistiker. Glauben Sie mir, sehr schwach. Logisch extrem furchtbar. Viele Leute sagen das, die besten Logiker. Wirklich viele. Wissen Sie, Sie nehmen eine großartige Wurst und machen daraus eine schreckliche Familie. Völlig katastrophal. Korrupte Fake Science!«

»Aber die Zahlen …«

»Niemand sollte Ihnen jemals ein wunderschönes Kölsch geben. Denn niemand durchschaut betrügerische Kausalitäten besser als ich. Ich habe den unglaublich besten Instinkt. Brilliant und outstanding! Und glauben Sie mir eines: Ihre schwache Statistik … ein totales Desaster. Very bad and very sad! Pete, hegseth him up!“«