Joachim Gauck, ein Unfall und der Fahrradfahrer …

Erinnert sich noch wer an die letzte Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010?

Es ging darum, ob Joachim Gauck oder Christian Wulff der erste Mann im Staat werden sollte. Die Diskussionen schwankten zwischen Bewertung wie „Gold und Silber“, „Pest und Cholera“, „Menschenrechtsvertreter und Menschenrechtvertreter“.

Joachim Gauck, der Preisträger des Aachener Karlspreises als Europa-Wohltäter und ehemaliger Vorsitzender einer Behörde, deren neuer Name „Birtler-Behörde“ im Gegensatz zur „Gauck“-Behörde nicht wirklich der Renner ist.
Und Christian Wulff, als Kenner der Maschmeyer-AWD-Szene und der Koch-Merz-Bouffier-Öttinger-Connection, jenem „Anden-Pakt“, wie der SPIEGEL diese Männer-Macht-Freundschaften betitelte.

Und dann das:
Eine Woche vor der Wahl, er war ja nur bei der Münchener SPD, um für sich zu werben. Nicht mehr und nicht weniger. Das was jeder so vor der Wahl zum Bundespräsidentenamt so unternimmt. Und genau dabei gerät dem Fahrer des eigenen Wagens ein Radfahrer vor die Motorhaube des gepanzerten und mit Sicherheitsleuten ausstaffierten 7er-BMWs.

Ein Terrorakt?
Nein, freilich nicht, denn der Fahrradfahrer trug keinen Helm. Nach Angaben mehreren Zeitungen war der Fahrradfahrer nach dem Zusammenstoß sofort bewusstlos (… uff, Glück gehabt …).
Die „Süddeutschen Zeitung“ berichtet sogar, dass der Fahrradfahrer „sehr flott“ unterwegs gewesen wäre und der Bundespräsidentschaftsanwärter in dem BMW sollte kurz nach dem Unfall den verletzten Radler im Krankenhaus besucht haben. Von dem Klinikum hätte er denn auch erfahren, dass was er am Krankenbett des Schwer-Verletzten nicht mitgeteilt bekam: der Fahrradfahrer sollte den Unfall überleben. Das sagte eben jener nach dem Unfall am Abend in der ZDF-Sendung „Was nun?“. Da befand er sich bereits wieder in Berlin …

Natürlich meine ich hiermit nicht Christian Wulff sondern den anderen, der das nicht wurde, was der Wulff nachher wurde. Joachim Gauck hatte wohl irgendwie nur Pech. Und erst recht bei dem Unfall, so vermittelte es uns betroffen die Presse. Denn sein Fahrer fuhr normalerweise so 80.000 Kilometer im Jahr. Unfallfrei. Und nun das. Eine Woche vor der Präsidentschaftswahl. Ein Fahrradfahrer bewußtlos auf der Straße und Gauck kurz darauf am Krankenbett.

Was ist eigentlich aus dem Fahrradfahrer geworden?

Er betreibt ein Restaurant im Münchener Stadtteil Sendling, nicht unweit von der Stelle, wo dem Münchener Schmied von Kochel gehuldigt wird.

Der Schmied von Kochel ist eine Bayrische Sagengestalt. Er hat so in etwa die Stellung des biblischen Samsons, der einst fürchterlich stark war, bis ihm Delila einfach die langen Haare abschnitt. Und weil Samson gottesfürchtig war, erhörte die biblische Hauptperson des Buches seine Stoßgebete und in einem letzten Kraftakt soll Samson dann noch mal eben mit einem Eselskinnbacken 1000 Gegner niedergemeuchelt haben. Als Belohnung erhielt er für dieses Massaker das Amt eines Richters.
Für deutsche Geschichtshistoriker ist das nichts ungewöhnliches. Man gedenke nur des Tausendjährigen Nazi-Reichs, was sich geistig, moralisch und wirtschaftlich aufs Übelste und Makaberste schon nach zwölf Jahren vorsätzlich abgewirtschaftet hatte. Die Karrieren einiger der damaliger deutschen Nazi-Protagonisten wurden danach mit Richterposten und anderen Ehren entlohnt. Manche wurden sogar demokratisch gewählte Präsidenten mitteleuropäischer Staaten.
Also nicht wirklich neues, könnten da Historiker über Samson beruhigt konstatieren, auch für die heutige Zeit. Man sieht, die Bibel ist nicht in-aktuell in der Beschreibung der bestialischen Niederungen der Menschheit.

Aber es geht ja nicht um Samson.

Und um den Schmied von Kochel geht es hier auch nur am Rande. Denn jener lebt in der bayrischen Erinnerung als Held weiter. Lediglich mit einer Stange ausgerüstet, soll er das Stadttor von Belgrad erfolgreich zerstört haben. Dafür starb er dann in der Sendlinger Mordweihnacht 1705 in dem Bauernaufstand, einem Ausdruck des niedrigen Wutbürgertum gegen den Staat, als Vertreter von recht und Ordnung. Der Schmied von Kochel hat jetzt gegenüber der alte Pfarrkirche St. Margaret in Sendling sein Denkmal.

Und 300 Meter weiter hat das Unfallopfer von Joachim Gauck sein Restaurant seit Weihnachten eröffnet. „Ferry’s Holzofen Pizzeria“ in Sendling. Gut, das mag jetzt wie billige Werbung sich lesen. Aber darum geht es mir nicht.

In jener Pizzeria erzählte mir das Unfallopfer seine Geschichte.
Er sei prominentes Unfallopfer, meinte er.
Ich verstand nicht.
Ob ich nicht die Zeitungen gelesen hätte.
Nein, Boulevard lese ich eigentlich nicht. Und uneigentlich nur das Fett-Gedruckte zu meiner Belustigung. Unfallgeschichten sind nicht mein Metier.
Er erzählte mir die Geschichte von dem Unfall. Wie es ab lief, woran er sich erinnerte. Er erinnerte sich bis zum Zusammenstoß, dann endete seine Erinnerung.

Direkte Unfallzeugen gab es. Vier waren es auf alle Fälle. Und deren Aussage hatte erhebliches Gewicht: die vier Sicherheitsbeamten, die alle ähnlich lautend das Unfallopfer als Unfallverursacher belasteten. Zwei weitere, zivile Zeugen gab auch noch. Sie hatten den Unfall nur aus den Augenwinkel mitbekommen und konnten die Aussagen der Sicherheitsbeamten nicht direkt erhärten oder widerlegen.
Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen Gauck seinen Fahrer eingestellt. Die Aussagen der Sicherheitsbeamten wären eindeutig, die der beiden Zeugen schwammig und die Aussagen des verunfallten Radfahrers nicht stichhaltig.
Akte geschlossen. Prozess zu Ungunsten und zu Lasten des Radfahrers beschieden.

Drei Operationen am Kopf waren die Konsequenz aus dem Zusammenstoß mit dem 7er BMW. Der Radfahrer kam sofort für niemanden erreichbar auf die Intensivstation. Jede Operation dauerte länger als die vorherige. Die letzte dauerte neun Stunden.
An einen Joachim Gauck an seinem Krankenbett konnte er sich nicht erinnern. Auch keine andere Person konnte den Besuch bezeugen. Wie auch? Nur engste Familienangehörige würden die Chance haben auf die Intensivstation des Krankenhauses zu gelangen.
Wer hat denn da verbreitet, dass Gauck sich am Krankenbett des Verunfallten befunden haben sollte? Gauck, der mitfühlende Kandidat zum Bundespräsidentenamts. Das war opportun. Und wir alle haben es geglaubt. Können Politiker lügen? Oder Zeitungen? Oder beide?

Nur, das einzige, was der Verunfallte an seinem Krankenbett fand, war ein Blumenstrauß des SPD-Kreisvorsitzenden. In dessen Büro hatte Joachim Gauck vor dem Unfall noch für seine Kandidatur geworben.
Von Joachim Gauck persönlich hatte der Verunfallte nie mehr etwas gehört. Es mag sein, dass er sich vielleicht über seinen Zustand erkundigt haben mochte. Vielleicht über Mittelsmänner. Aber auch davon hatte der Verunfallte keine Kenntnisse erhalten. Nichts.

Ganz staatsmännisch hatte Joachim Gauck sich auf seine Wahl konzentriert und seine Bemerkung in der ZDF-Sendung „Was nun?“ ist das, was medientechnisch über die Zeitungen dem Verkehrsopfer übermittelt worden war: „Es war so ein Schreck.“ (Joachim Gauck)

Das Restaurant hatte das Unfallopfer mit mehr als einem halben Jahr Verzug zu Weihnachten 2010 eröffnet. Als offizieller „Unfallverursacher“ muss er für alle Schäden des Unfalls aufkommen: der beschädigten gepanzerten 7er BMW, die eigenen Operationen, die Prozesskosten und die Kosten aufgrund der verspäteten Eröffnung. Er habe es bereut, dass er keine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hatte. Denn für einen Widerspruch im Prozess fehlte ihm das Geld. Also habe er das Urteil gegen ihn akzeptiert. Durch den Unfall habe er aber festgestellt, dass er ein „Steh-auf-Männchen“ sei und nicht aufgegeben hätte. Das Ergebnis sei schließlich sein Restaurant.

Nein, ich möchte an dieser Stelle nicht ins Horn von „Justizirrtum“ oder „Gesinnungsjustiz“ stoßen. Auch wenn es nach meinen vorherigen Bemerkungen danach schmecken könnte.
Was mich an dieser Geschichte im Restaurant so wortlos werden werden ließ, war einfach der Fakt, dass sich Gauck zuvor als der „Bürgerpräsident“ hingestellt hatte. Aber als es auf einen Bürger ankam, da war von ihm nichts mehr zu sehen. Selbst Thomas Gottschalk hat sich mehr um seinen verunfallten „Wetten, dass“-Gast gekümmert als Joachim Gauck um jenen Menschen. Beide waren betroffen, ohne eigentlich direkt schuldig am Geschehenen gewesen zu sein. Allein Gauck als Kandidat für das bedeutendste Amt der Bürgerschaft interessierte sich nur für seine Außendarstellung. Der Rest war ihm herzlichst egal.

Letztendlich wurde Christian Wulff der neue Bundespräsident und Gauck ging als schulter-geklopfter „Verlierer“ aus der Wahl hervor.
Christian Wulff ist vielleicht doch der ehrlichere, denn für ihn ist der Bürger ostentativ nur Staffage (siehe seine Weihnachtsansprache), während ihm die Maschmeyers näher sind als die Probleme vieler Bundesbürger, die er lieber in der Marginalität sehen möchte.

Früher hieß es in einer Waschmittelwerbung immer „Weißer geht’s nicht“. In einer Parodie wurde daraus „Weiter geht’s nicht“.
Doch es geht weiter.
Immer weiter.
Nach der heutigen, vernommenen Geschichte weiß ich, was immer Zukunft in diesem Land hat: Verarschung durch Medien und Politiker findet noch immer guten Nährboden zur fruchtbaren Verbreiterung …

Ach ja, dem Restaurantinhaber (ex-prominentes Unfallopfer) wünsche ich, dass sein Restaurantkonzept aufgeht. Das, was ich dort verzehrte, fand 1a (siehe auch hier). Meine Restaurant-Empfehlung.

Wintertag am Isarkanal

Kaltes klares Wasser … will denn heute keiner baden? Sonne scheint …

Von unterwegs mobil verschickt

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Staatsbürger ganz unikonform

Ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.

Wie bitte?
Die Vierschanzentournee war heute gar nicht in Oberstdorf? Sondern in Innsbruck?
Macht nichts. Wintersport interessiert mich ja auch nicht die Bohne. Nur, warum war denn dann der Kalle denn dort? Wollte der für die Oberstdorfer Kandidatur zu den Winterspielen mit seiner Neujahrsansprache werden?

Wie? Oberstdorf kandidiert nicht? Warum denn nicht? Und der Kalle war ebenfalls nicht dort? Die Neujahrsansprache hat er auch nicht gehalten? Aber wer hat denn dann der Nation die Neujahrsansprache gehalten? Der Vermittlungs-Heiner, die Geißel? Schrödinger? Von der Leine? Osterwelle?

Wer? Angela Merkel? Die schon wieder? Aber die hatte doch schon letztes Jahr …

Okay, da gehe ich ganz konform. Die darf das. Dafür wurde sie vom Bundestag ja gewählt. Als Stummelmutti der Nation. Und? Hat sie endlich die Wahrheit gesagt? Hat sie gestanden? So wie der Wulf? Nein? Nicht? Sie steht halt nicht zu dem, was sie sagt. Selbst Wulf traute sich vor der Kamera nicht, zu seiner Rede alleine einzustehen.

Wie? Ich hab keine Ahnung? Okay. Da gehe ich ganz konform. Wie es sich eben gehört, für einen Staatsbürger ohne Uniform. Nie war ich in der Staatsschule. Bin vielmehr Angehöriger der PISA-Staatsbürgerkundler. Immer schon gewissenhaft drauf bedacht gewesen.
Drückeberger ohne Uniform.
Die Ablehnung dieser Köpenickiade zur Rückgrat-Ausformung im noch formbaren Alter, diese schriftlich niedergelegte Entsagung war mein Vergehen an der deutschen Demokratie, die damals an den Ostgrenzen zur DDR verteidigt wurde und jetzt – kusch, kusch, kusch – am Hindukush.
Stattdessen hatte ich – gewissenlos dem Staate gegenüber – gewissenhaft Tucholsky und seine Sätze gelesen:

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
Sagte ich: Mord?
Natürlich Mord.
Soldaten sind Mörder.“

Aber jetzt, ganz nach Kiesingers Leitbild stellt Kanzlerin und Bundesregierung die Bundeswehr so dar, dass wir 08-15-Michel denken sollen: „Donnerwetter, das sind aber ganze Kerle in Afghanistan“.
Haben denn unsere Jungs in Afghanistan fleißig Weihnachtspäckchen bekommen?

Ich weiß.
Päckchen gen Afghanistan bedeuten nur eines: Wohltat und Anerkennung des soldatischen Handwerks.
Päckchen im eigenen Land: Terrorgefahr.
Das zu lernen, ist des Staatsbürgers zweite Pflicht.
Direkt nach dem Schweigen.

Aber ich schweige nicht.
Denn ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.

Egal. Auch Merkels Neujahrsansprache, phantasielose Kamerafahrten von links (von Weitwinkel) nach rechts (zur Naheinstellung) und Wintersport haben bei mir die gleiche Chance wie eine Schneeflocke im Hochsommer: Und tschüss …

Wenn das Fernsehvolk Kunst- und Handgriffe erfährt

Die Raute der Macht

Die Hände sind zu einer Raute geformt, die Daumen stützen die Unterarme gegeneinander ab, die aneinander gelegten Finger deuten verhalten auf den Betrachter. Auch wenn sie leicht nach unten gerichtet sind, so sprechen sie den Betrachter offensiv an. Diese Geste ist inzwischen schon all bekannt, von der Kanzlerin Merkel eingeführt (s.a. hier und hier), nach ihren eigenen Worten, um nicht gebuckelt herumzustehen. Das obige Bild sind die Hände vom Bundespräsident Wulff. Zum ersten Mal hielt ein Bundespräsident seine Weihnachtsansprache stehend und umgeben von Menschen. Die WELT schrieb bereits applaudierend, dass Wulff damit bei der Bevölkerung gewonnen habe und seine Sympathie gesteigert hätte.

Weihnachtsansprache Screenshot #1

Ein Bild fast wie bei einer privaten Traueransprache: Der Pfarrer spricht zu der Gemeinde, die wortlos dabei steht. Fast. Denn vor den Füßen von Wulff hocken Kinder, die andächtig seinen Worten lauschen. Das Ganze hat etwas von den Votivbildern, die es vor dreißig Jahren zu Kommunion, Firmung oder Konfirmation gab: Jesus hält Ansprache vor seinen Zuhörern und die Kinder durften zu ihm kommen, während die Erwachsenen andächtig lauschten.
Ja, die Rede hatte ich mir angeschaut. So etwas kann bei mir keine Weihnachtsfeststimmung versauen, das haben bislang immer schon die vier Wochen zuvor geschafft (wie dieses Mal). Aber ich musste mir die Rede nicht nur einmal anschauen. Nicht wegen dem Gerede vom Wulff, sondern weil ich ein Déjà-vu-Erlebnis hatte. Als die laufenden Bilder noch nicht digital korrigiert wurden und Leia Organa in Star Wars von 1979 noch jene bescheuerte Schneckenfrisur hatte, da war es ein Sport festzustellen, welche Unstimmigkeiten es in den Filmen gab. „Goofs“ werden diese Fehler in den Filmen genannt. Mikrofongalgen im Bild (z.B. „Willkommen, Mister Chance“) oder schneller Schuhwechsel von einer Szene zur nächsten („Romancing the Stone“). Ein „Goof“ wird erst dann zu einem richtig guten „Goof“, je perfekter der Film ist. Auch zu den Festtagen liefen wieder diverse Meisterwerke im Fernsehen. Wenn Henry Fonda Charles Bronson im Zug gefesselt zurück lässt und sich dann mit seiner Gangsterbande buchstäblich aus dem Staube macht, dann erscheinen nach 85 Minuten „Spiel mir das Lied vom Tode“ bei der Kamerafahrt in den Hintergrund im Vordergrund die Reifenspuren des Kamerawagens.

Screenshot Once upon a time in the west

Auf dem Fernseher wirkt das nicht mehr so wie damals noch im Kino auf der Riesenleinwand, wo ich tief im Sessel gedrückt diesen genialen Höhepunkt des „Western“-Genres sah. Nun, auch bei der Weihnachtsansprache vom Bundespräsidenten Wulff finden sich „Goofs“. Der Regisseur der Rede hatte versucht, einen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung herzu stellen. Fast – aber auch nur fast – hatte ich den Eindruck aus jedem Sektor des deutschen Lebens hätten die Verantwortlichen ein Paar ausgewählt. So wie damals Noah auf der Arche. Fast so. Denn in Wahrheit waren es entweder drei oder eine Person einer Bevölkerungsgruppe. Fast ein jeder Bevölkerungsgruppe. Denn Gangsta-Rapper und Strauchdiebe fanden sich ebenso wenig wie Banker und Priester. Böse Stimmen könnten zwar behaupten, der Vertreter der letzteren Gruppe der beiden von mir Genannten wäre der Wulff sowieso und die letztere Gruppe versuchte er durch seine salbungsvollen Rede zu repräsentieren. Andererseits wurden diverse Bevölkerungsgruppen geschickt in Stereotypen verpackt um den Bundespräsidenten herum drapiert. So fanden sich in weißer Burka gesteckte Frauen wieder, welche sowohl das Christentum in seiner Asexualität wie die des Islams präsentierten. Soldaten als Repräsentanten der waffengläubigen Gewalt. Multikulti – was doch bereits Frau Merkel als für gescheitert erklärt hatte – repräsentiert durch entsprechende Alibi-Menschen. Und gerade diese Weihnachtsansprachen-Multikulti-Präsentation ließ mir die Goofs ins Auge springen. Schaut einfach mal die nächsten Bilder an:
Weihnachtsansprache Screenie #3 Weihnachtsansprache Screenie #2

 

 

 

 

Weihnachtsansprache Screenie #5

 

Weihnachtsansprache Screenie #4

 

 

 

 

Während der Rede herrschte also ein reger Positionswechsel und keiner hat es im Bild gesehen. Das ist doch mal ein Applaus an den Regisseur vom Wulff fällig, nicht wahr? Ehre, wem Ehre gebührt.
Weihnachtsansprache Screenie #6

Und dann war noch der fromme Wunsch eines 7-jährigen Mädchens: „Mer Zeit mit den Eltern“. Dem Kinde kann geholfen werden. Nicht nur bei der Rechtschreibung, auf welche der Regisseur und der Wulff garantiert geachtet hatten.
Bei momentan de facto mehr als 7,5 Millionen Arbeitslosen, da sollte es doch möglich sein, den Eltern des Kindes ebenfalls ein Platz im Heer der Arbeitslosen zu vermitteln. Und dann können die Eltern in deren Arbeitslosenzeit, dem Kind beibringen, dass ein „Mer“ nicht immer mehr ist, sondern das ein „weniger“ von allem unser aller Zukunft ist, was Hilfe durch den Staat angeht. Das glaubte ich zumindest vom Gesicht unseres Bundespräsidenten ablesen zu können. Oder ich habe es zumindest hinein projiziert. Oder sollte Wulff sich im nächsten Jahr an die Spitze der Gewerkschaften setzen wollen und die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich zur Ankurbelung der Binnennachfrage und der Wirtschaft fordern?
Aber sicherlich wird es nur so sein wie immer: Die Kinder werden gerne in den Mittelpunkt der Gesellschaft hinein gesetzt, um dann über ihre Köpfe hinweg zu reden. Und die Kinder langweilen sich, schneiden Weihnachtssterne aus und schreiben ihr „Mer Zeit“ drauf. So wie bei dieser Weihnachtsansprache.
Oder lernen von der Straße. So wie im wahren Leben. Und dürfen dafür auch an der nächsten Weihnachtsansprache in der Mitte stimmlos auf dem Boden hocken. Oder auch nicht. Dafür sorgen die Hände der Macht. Und das nicht nur die vom Wulff.

 

Die Raute der Macht

Kunst- und Handgriffe werden durch Hände geführt. Durch eine „Be hand lung“. „Eine Hand voll“. Die entsprechende lateinische Übersetzung dazu heißt „manipulus“. Im Deutschen entstand daraus das Wort „Manipulation“. Uns behandeln derzeit die „Hände der Macht“ auf allen Ebenen. Nicht nur im Fernsehen …

Quellennachweis: Bei allen Bildern handelt es sich ausschließlich um Screenshots aus den entsprechenden Video-Materialien.

Umnächtigtes Erwachen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17

***

Wann beide Züge in einen gemeinsamen Bahnhof einlaufen, ob es je geschieht, das ist eine offene Stelle in der Netzstruktur.

Bahnhof.
Das war das erste Wort, dass mir einfiel, als ich langsam zu mir kam. Mein Kopf schmerzte, besonders vorne rechts an der Stirn. Mir war, als würde ich schwitzen. Ein Tropfen lief mir zäh am Augewinkel vorbei, die Backe runter, wo er verharrte. Ich registrierte, dass ich mit dem Gesicht nach unten auf einem Boden lag.
Die Kopfschmerzen verlangten kurzfristig wieder meine Aufmerksamkeit, stechende Kopfschmerzen, die wie Blitze von meiner Stirn auszugehen schienen und sich wie ein glühender Ring um meinen Kopf zu legen schienen. Die Schmerzen dauerten nur Sekunden, aber ließen mich innerlich verkrampfen. Etwas in mir sagte mir, mit jeder Muskelfaser meines Körpers dagegen anzukämpfen und alle Muskeln gehorchten. Einem Spasmus gleich verkrampfte sich mein Körper. Vor Schmerzen versuchte ich meine Augen gewaltsam zusammen zukneifen, mein Oberkiefer schien gewaltsam auf meinen Unterkiefer zu pressen, sodass mein Kinn auf meine Brust gedrückt wurde. So schnell, wie die stechenden Kopfschmerzen gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Mein Körper entspannte sich wieder, der Druck im Gebiss ließ nach, meine Augen entkrampften sich. Zögernd öffnete sich, aber ich konnte nichts erkennen, es war dunkel um mich herum. Die Luft schmeckte eigentümlich. Es war aber nicht die Luft, die so schmeckte. Es war eine Erinnerung, die in mir auftauchte und in meinem Mund diesen Geschmack hervor rief.
Ein Fahrradunfall in meiner Jugend.
Damals wollte ich den Abstandshalter vom Vorderradschutzblech vom Vorderrad wegbiegen, damit dieser nicht in mein Vorderrad geraten konnte. Stattdessen geriet ich mit meiner Hand ins Vorderrad. Wäre das im Stehen geschehen, es wäre keiner Erwähnung mehr wert gewesen. Es geschah aber in voller Fahrt. Aufgrund dieses Leichtsinns überschlug ich mich. Als ich nach dem Überschlag wieder auf der Straße liegend erwachte, hatte ich einen eigentümlichen Geschmack im Mund. Leicht steinig, erdig, mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge und metallischen Nachhall an den Zähnen.
Es wurde für mich der Geschmack von Beton und Asphalt. Jedes Mal, wenn ich mit diesem Material näher in Kontakt kam, schmeckte ich ihn im Mund. Dafür brauchte ich noch nicht mal gewaltsam mit diesen Materialien in Kontakt kommen. Es reichte, wenn ich mich in Vollkontakt mit ihm begab. Dann tauchte der Geschmack auf, so wie das Amen in der Kirche.
Und wieder schmeckte ich ihn wieder, diesen Untergrund, im Dunkeln. Ich versuchte meine Hände zu bewegen und war im ersten Moment überrascht, dass ich nicht wusste, wo sie waren. Erst als ich meine Schultern bewegte, bemerkte ich, in welcher beengten Lage ich mich befand. Meine Arme waren mir an den Körper gepresst. Vermutlich lag ich zwischen zwei Wänden eingeklemmt, meine Ellenbogen drückten gegen diese und kaum hatte ich das bemerkt, meldeten sie sich mit einem leichten Schmerzgefühl. Für einen Augenblick ging ich der Frage nach, was zuerst war, der Schmerz oder der Gedanke, es müsse eigentlich Schmerzen geben. Ich ließ den Gedanken fahren und konzentrierte mich, meine Hände zu entdecken.
Es war ein eigentümliches Gefühl, jedes Körperteil gewissermaßen per Gedanken reaktivieren zu müssen. Und wieder hatte ich ein Déjà-vu. Diese Situation des Wiederentdeckens kannte ich bereits. Von meinem damaligen Fahrradunfall.
Nachdem ich alle meine Sinne wieder beisammenhatte, erkannte ich, dass ich wohlmöglich in einem Schacht lag, der wahrscheinlich nicht mehr als einen halben Meter Breite maß. Und, obwohl ich beengt lag, meine Ellbogen leicht schmerzten und mein Kopf auf Beton lag, fühlte ich mich nicht unwohl in meiner Position.
Einstweilen aber nur.
Zumal verstand ich nur Bahnhof, wo ich mich befand. Bahnhof. Mein Hirn fing emsig an, mit dem Wort »Bahnhof« zu arbeiten. Irgendetwas sollte das Wort sagen. Aber warum “Bahnhof” und nicht “Schacht”? Und überhaupt wie kam ich hierher?
Zu dem Geschmack von Beton und Asphalt mischte sich nun auch noch der Geschmack von Magensäure und diversen Alkoholika. Rotwein, Bier, Absinth. Und wieder Magensäure. Nein, mir war nicht übel, aber der Geschmack von Magensäure signalisierte mir unmissverständlich, dass es mir wohl vorher schon erheblich schlechter gegangen sein muss.
Ich versuchte leicht den Kopf zu heben und sofort setzte der stechende Schmerz wieder ein. Wie ein Blitzstrahl strahlte er auf meinen gesamten Kopf aus und umfasste ihn wie einen Schraubstock. Mein Körper verkrampfte erneut. Diesmal spürte ich, wie sich meine Hände in den auf denen liegenden Oberschenkel krallten. Ich wollte locker lassen, aber es ging nicht.
Kurze Zeit später verschwand der Schmerz, so wie er gekommen war. Mein Körper entkrampfte. Erleichtert seufzte ich. Wie schön, wenn Schmerz nachlässt. Gleichzeitig übermannte mich Müdigkeit. Ein wenig ruhen, nur noch ein wenig, nur ein wenig Schlafen, ein bißchen. Meine Gedanken wurden matter, erlahmten regelrecht und mein Körper fiel in ein schwarzes Loch aus unruhigem Schlaf.

(Fortsetzung)

Eingefroren

Kette im Eismantel …

Gefroren

Wie erkennt man einen Terroristen?

Was man schon immer wissen wollte, aber nie zu fragen wagte.
Politiker wissen jetzt schon ganz genau, wie man Terroristen erkennen kann:

http://www.youtube.com/watch?v=mSaNMDLrd04 :

Also, Leute, im Winter nur in Badehose ungebräunt sich einem Bahnhof nähern, denn dann ist man unverdächtig …

Ohne schmuckes Beiwerk, beinahe sachlich

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16

***

»Warum liest du nicht mal das durch, was ich dir geschickt hatte?«

Jürgen sah mich leicht verärgert an.

»Die Papiere des PentAgrions?«
»Ja, die Papiere des PentAgrions.«

Statt ihm etwas zu erwidern, ergriff ich den Teebecher vor mir auf dem Tisch. Ich führte ihn mir an den Mund, nahm seinen zitronigen Duft wahr und schlürfte vorsichtig davon. Ein leicht saurer, herber Geschmack entfaltete sich auf meiner Zunge. Ich schluckte, bemerkte aber zu spät, dass der Tee dafür noch nicht kühl genug war. Hustend schnappte ich nach Luft, saugte sie förmlich in mich rein. Ohne Zögern reichte mir Jürgen die halbvolle Karaffe Wasser. Dankbar nahm ich an und etwas später, noch leicht außer Atem, setzte ich die fast geleerte Karaffe ab. Der Hals brannte zwar noch immer, aber jetzt war es zu ertragen.

»Und?«
»Es ist besser, es brennt nicht mehr so.«
»Das war klar.«
»Warum?«
»Am Anfang war es die brennende Neugierde.«
»Wie gut, wenn der Schmerz nachlässt.«
»Aber die Ungewissheit brennt weiter.«
»Gibt es überhaupt eine Gewissheit?«

Jürgen lächelte vorsichtig.

»Gewissheit gibt es nur, wenn du die Papiere liest.«
»Mir fehlt die Zeit.«
»Plumpe Ausrede. Am Anfang konntest du die Papiere nie schnell genug haben und jetzt willst du dich nicht mehr damit beschäftigen?«
»Tja, ich hatte mich wohl dran verschluckt. Jetzt brennt die Neugierde nicht mehr.«
»Dafür hast du dir beim Spekulieren die Pfoten verbrannt. Aber das brennt auch nicht mehr, weil du kein Geld mehr zum Verbrennen hast.«

Er quälte mich, streute mir Salz in meine noch nicht verheilten Wunden. Die Kellnerin kam und räumte meinen Absinth und die Wasserkaraffe ab. Auf seine Frage, ob ich einen weiteren haben wollte, antwortete ich mit einem verneinenden Kopfschütteln. Stattdessen ergriff meinen Tee. Er war inzwischen nicht mehr so heiß wie vorher.

»Du willst es nochmals versuchen?«
»Hm?«
»Die Papiere zu lesen?«
»Ich werde es versuchen. Nur aufrichtig gesagt, ich weiß nicht mehr, wozu. Mir ist die Motivation abhandengekommen.«
»Wie ein Stock oder Hut?«
»Wie?«
»Dir kam wohl deine Motivation plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.«
»Kann sein. Mein Feuer ist wohl einstweilen eingefroren.«
»Feuer frieren nicht ein.«

Von der Untertasse nahm ich die Portionstüte Zucker, riss sie auf und schüttete den Zucker in meinen Tee. Schweigend rührte ich den Tee mit meinem Löffel um. Und mit jedem Umrühren hatte ich das Gefühl, dass mir der Tee immer fremder wurde. Irritiert legte ich den Löffel beiseite. Meine Uhr zeigte mir kurz vor vier an.

Ich ergriff meine Geldbörse, um Geld zum Bezahlen heraus zu holen. Eine Visitenkarte fiel mir heraus und Jürgen direkt neben die Teetasse. Interessiert nahm er sie auf.

»Was ist das? ‚Heinemeier Wohlstandsberatung‘? Ist das derjenige, welcher dich beraten hat?«
»Nein. Der war es nicht.«

Jürgen drehte die Visitenkarte um und las halblaut den auf der Rückseite stehenden Werbetext:

»Eine Herangehensweise maßgeschneidert für Sie und Ihre Familie. Eine Herangehensweise für Sie, mit der Sie Sieger sind. Sie werden Ihren Lebensstandard fühlbar verbessern. Ich bringe Ihnen mehr Vermögen. Vermögen jetzt und Bonität für Ihre Zukunft, Transformation von Steuern in privates Eigenkapital, Objektwerte, Schutz vor Geldentwertung, Besitzstandswahrung für Ihre Familie. Sie können auf mich bauen. Ich bin offen und geradeheraus. Sie können sich darauf verlassen, dass Sie das optimale Lösungskonzept für Ihre Zukunft erhalten. Ihre wird die eines erfüllten, selbstbestimmten Privatiers sein. Nutzen Sie die Gunst der Stunde. Es macht sich bezahlt.«

Ich versuchte ihm die Karte wegzunehmen, aber Jürgen zog sie schützend zurück. Er warf nochmals einen Blick auf die Vorderseite der Visitenkarte.

»Wow. Die ‚Heinemeier Wohlstandsberatung‘ hat sogar eine IHK-Registrierungsnummer. Ein ‚Finanzwirt‘ nennt sich dieser Herr Heinemeier. Mit Foto auf der Visitenkarte. Wie schick. Das ist jetzt wohl Münchener Stil, oder?«

Mit leicht herablassender Handbewegung gab er mir die Karte zurück.

»Interessant, welche Berufe es gibt. Reichtum ist wohl doch keine leichte Bürde. Das machen sich letztendlich die vielen Sozialgeld- und Hartz-4-Junkies gar nicht klar. Geld macht nicht glücklich. Erst recht nicht, solange es des Wohlstandsberaters als Unterstützung nicht hat.«

Ich ergriff hastig die Karte und steckte sie schnell in meinem Portemonnaie zurück. Den Herrn Heinemeier hatte ich eine Woche zuvor kennengelernt. Er hatte mir zwei interessante Konzepte für Geldanlagen vorgestellt: Alternative Energien und Biolebensmittel, beide mit interessanten Wachstumsraten. Sobald ich wieder einigermaßen Liquide sein würde, wollte ich mit dem Herrn Heinemeier Kontakt aufnehmen. Als Wohlstandsberater schien er mir ein fähiger Kopf zu sein.

Jürgen war aufgestanden und verabschiedete sich von mir. Er wollte noch zu einem Streitgespräch auf dem Kirchentag, wie er mir sagte. Wir schüttelten uns die Hände.

»Denk an die Papiere.«
»Wenn mich das Feuer dazu wieder packt.«
»Dann fang doch einfach mitten drin an. Du musst dich nicht von Anfang an durcharbeiten.«

Ich sah ihn an und wusste nicht mehr weiter.
Eigentlich waren mir die Papiere des PentAgrion egal.
Und uneigentlich? Eigentlich auch.
Egal.

Klaviermusik erfüllte die Luft, als ich das »Cafe Bleu« verließ. Nebenan übte ein Mensch Klavier. Die kalte Mai-Luft umgab mich. Ich konnte es noch immer nicht erfassen. Es war Ende Mai 2010 und das Wetter benahm sich wie Anfang März.

Jürgen ging vor mir und bog nach rechts ab. Ich schlug den Kragen meines Mantels hoch und wählte die andere Richtung.

Fortsetzung