Lunatic

Da schreibt der nette Meister Frieling was über den Mondaufgang, bringt ein paar Dateien und vergisst die wichtigste überhaupt zu diesem Thema:

Aus dem Jahre 1981 Dieter Hildebrandt spricht Matthias Claudius

… oder „Der Mond, meine Damen und Herren – und das möchte ich in aller Offenheit sagen – ist aufgegangen!“ …

Voila, Monsieur Frieling, für dich!

Und dazu noch in Farbe und Stereiro!

Über das Lachen (6) … über ein spezielles Lachen: In memoriam Wolfgang Neuss

1958 erschien der Film „Wir Wunderkinder“ mit dem damaligen Traumpaar des deutschen Kabaretts Wolfgang Müller und Wolfgang Neuss in den deutschen Kinos. Begeistert war das deutsche Kinopublikum nicht gerade. Der Film war zu kritisch mit der bis dato deutschen Entwicklung umgegangen. 

Wer waren Wolfgang Müller und Wolfgang Neuss?

Wolfgang Neuss ist ein Begriff: „Der Mann mit der Pauke“. Am 03. Dezember 1923 wurde er in Breslau geboren, 1941 schießt er sich im Krieg den Zeigefinger der linken Hand ab, um ins Lazarett zu kommen. Im Lazarett spielt er für die Verwundeten.

1946 erzählt er in seinem Programm folgende Polit-Pointe:

Da wir gerade davon sprechen. Die Engländer sind ja feine Leute, alles was recht ist … Sehen Sie mal, was machen die Engländer neuerdings? Schon von gehört? Die fahren mit ihren Schiffen ins Bikini-Atoll. Da haben sie Schweine drauf. Und natürlich Engländer. Jetzt kommt’s: Erst schmeißen sie die Schweine ins Wasser, dann werfen sie eine Atombombe. Wissen Sie was passiert? Ein Teil der Schweine geht unter, die anderen Schweine fahren wieder nach Hause …“

Neuss erhielt für diese Polit-Pointe wegen Verächtlichmachung der Besatzungsmacht ein halbes Jahr Gefängnis. Neuss hatte die Verwarnung eines britischen Theateroffiziers in den Wind geschlagen, weil er beteuerte, auf den Witz nicht verzichten zu können. Daß sich die Briten überhaupt angesprochen fühlten, entsprach der Alliierten-Mentalität. Immerhin waren es nicht die Engländer, sondern die Amerikaner, die im Sommer 1946 derartige Versuche durchführten. Neuss, dem die Haftstrafe bald zur Bewährung ausgesetzt wurde, schwärmte noch in den Siebzigern: “Ein halbes Jahr für ein Witz? Glück!“

1949 treten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller zum ersten Mal gemeinsam auf. Das Duo Müller/Neuss spielt nicht nur Kabarett, es taucht auch in normalen Theater, im Kino, in Radio und Fernsehen auf. 

      1955. Theodor Blank ist erster deutscher Verteidigungsminister geworden (… Strauß war angeblich zuvor ‘ne Hand abgefallen [“Wenn wir jemals wieder in Deutschland eine Waffe anfassen sollten, soll uns die Hand abfallen.“] und als das „Amt Blank“ zum Verteidigungsministerium umgewandelt wurde, war er wohl noch nicht genesen …) und somit wird Blank zum Vater der Bundeswehr. Hildegard Knef spielt am Broadway in dem Musical „Silk Stockings“, nachdem sie mit dem Film „Alraune“ in Deutschland bekannt wurde. Der SFB-Intendant Braun schaltet während einer Neuss Live-Nummer im Fernsehen den Ton ab und täuscht eine „technische Störung“ vor. Das Pointenfeuerwerk, mit dem Adenauer, Neonazis und Militarismus eingedeckt wurden, war den Verantwortlichen zu erleuchtend. Deutschland hat seinen Jahresskandal.

Im April 1960 kommt Wolfgang Müller in der Schweiz bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Wolfgang Neuss: „Als Wolfgang Müller starb – zuerst hab’ ich mich einfach geweigert, das zu glauben. Und dann hab’ ich mir gesagt: Jetzt mußt du eben alleine weitermachen. Das, was wir zusammen vorhatten. So kam ich zu meinem ersten Solo-Programm. Ich hab’ den Müller irgendwie selbst mitgespielt. So ist Kabarett. Und dazu gehört auch, daß ich selbst bei dem Tod eines Mannes einen Witz nicht verabscheuen würde. Leben und Tod, das hat beides mit der Bühne zu tun. Weil sich hier alles abspielt.“

Die 60er Jahre sind die Jahre des Wolfgang Neuss. 1962 bringt Neuss für 787,15 DM „die Nation in Aufruhr“ (Der Spiegel). Im Westberliner „Abend“ verrät er einen Tag vor Schluß der Durbridge-Krimi-Serie „Das Halstuch“ in einer Anzeige den TV-Mörder: Dieter Borsche. Neuss hatte bloß geraten, er kannte die Serie nicht, er wollte in der Anzeige bloß geschickt für seinen Film „Genosse Münchhausen“ werben. Die Entrüstung in Deutschland ist groß. Der „Verrat“, wer der „Halstuch-mörders“ sein soll, wird zum Bumerang. Sein Film wird kaum besucht und floppt. Obwohl Neuss vorübergehend in Ungnade verfallen ist, setzt sich sein Aufstieg weiter fort. Neuss bleibt Nonkonformist und wird Mitte der 60er von den Berliner Tageszeitungen mit Anzeigenboykott für sein Programm und mit täglichen journalistischen Angriffen belegt. Er hatte sich im Vietnam-Krieg auf der Seite von Nord-Vietnam gestellt und eine Sammelaktion der Berliner Tageszeitungen für amerikanische GI-Opfer des Vietnam-Krieges mit dem Hinweis kritisiert, daß der von den Amerikanern unterstützte südvietnamesische Machthaber offiziell Adolf Hiltler zu seinem Vorbild erklärte. Seine Solo-Programme bleiben aber stets ausverkauft. Aufgrund der täglichen Angriffe der Zeitungen wandert Neuss vorübergehend für ein Jahr nach Göteborg/Schweden aus. Neuss steigt darauf in die 68er Bewegung ein und wird von der SPD zuerst ausgeschlossen, dann aber leise wieder aufgenommen.

So ab 1973 wird es still um Wolfgang Neuss. Neuss zieht sich von der Kabarett-Bühne zurück. Wegen Haschisch- und LSD-Besitzes wird Neuss 1979 zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

In den 80ern tritt Neuss wieder öfters in Erscheinung. Unfreiwilligerweise: Die Presse stürzt sich erneut begierig auf Neuss, nachdem sie erfährt, daß Neuss von der Sozialhilfe leben muß. Freiwilligerweise: Legendär ist sein Auftritt im Dezember 1983 in einer ZDF-Talk-Show mit Richard von Weizsäcker, der gerade für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen wurde. Die ZDF-Talkmaster müssen vor Neuss kapitulieren, weil Neuss sie einfach verbal überfährt und Weizsäcker nachher einfach selber interviewt. 1984 wird Neuss erneut wegen Haschisch- und LSD-Besitzes verurteilt, diesmal zu einem Jahr auf Bewährung.

Für Kabarett-Freunde ist Wolfgang Neuss inzwischen ein Guru des Wortwitzes, ein Mensch, der bewußt auf Konsum verzichtet und asketisch lebt. Für die Presse ist Wolfgang Neuss aber das typische Beispiel eines verwahrlosten und verhaschten Drogenabhängigen, ein Beispiel zur Abschreckung, zudem sich Wolfgang Neuss auch noch für die Legalisierung von Canabis-Produkten einsetzt.

1988 betritt Neuss anläßlich seines 65. Geburtstages zum letzten Mal die Bühne. Anfang Mai wird eine TV-Dokumentation mit Wolfgang Neuss gedreht.

O-Ton Neuss:

Du hast gar keine Chance, nicht zu leben. Du lebst heute schon woanders. Du lebst auf deinen Sohn, auf deiner Tochter. Du lebst auf allen Leuten, bei denen dein Herz etwas schneller geht. Und Müller, der da abgestürzt war mit dem Flugzeug, der Wolfgang Müller hat vorher schon auf jemanden gelebt, bevor er tot war. Das ist die Botschaft, die ich habe: Wir haben gar keine Chance, nicht zu leben. Wir leben immer. Die Botschaft ist zwar nicht tröstend, weil man ja auch ableben muß. Aber man lebt nur ab, um zu leben. Es gibt keinen Tod in dem Sinne. Es gibt keine Chance, nicht zu leben. Keine. Man lebt immer. Immer, immer, immer.“

Wolfgang Neuss stirbt wenige Tage später, am 05. Mai 1989 in seiner Charlottenburger Wohnung. Er wird am 19 Mai auf dem Berliner Waldfriedhof Zehlendorf an der Seite seines Kabarett-Partners Wolfgang Müller beigesetzt. Deutschland hatte einen großen Kabarettisten verloren.

Eine Frage schwirrt mir durchs Hirn: Kann man so geschickt schweigen, daß man verstanden wird?“

Wolfgang Neuss

Anmerkung:
Es gibt diesen Text exakt noch zwei weitere Male im Internet. Unter „http://archiv.hanflobby.de/wolfgang-neuss/wer.html“ und unter „http://www.kominform.at/article.php/20031203105021701“.
Ich habe diese Texte weder zu deren Veröffentlichung autorisiert noch selber direkt dort eingestellt.

Insbesondere der erste Link der „Hanflobby“ ist eine exakte Kopie meiner damaligen Neuss-Seite, die ich unter dem damaligen Provider „geocity“ (inzwischen gibt es den Dienst nicht mehr)führte. Die Bilder hatte ich damals eingescannt und das Foto des skizzierten Neuss hatte ich im Aachener Pontviertel an einer Kneipe gemacht (Negativ ist in meinem Besitz). Im Jahr 2009 erhielt ich eine Aufforderung eines Rechtsanwalts, eines der Bilder zu entfernen, welches Neuss und Richard Weizsäcker in der ZDF Talkshow zeigte. Ich kam dem nach. Dieses wurde auch bei der Hanflobby entfernt (ins Netz gestellt Mai 1999; geändert am 21. Oktober 2009).

Die Seite von „KomInform“ ist eine pure Copy&Paste-Aktion (keine Quellcode-Kopieraktion), was auch an den Fehlern im Text zu erkennen ist. Sie steht seit dem 3.12.2003 im Internet.

Da – wie ich erwähnte – Geocity im Internet geschlossen wurde, starb auch meine Neuss-Seite. Die beiden anderen Kopien finden sich noch im Netz. Sie existierte von September 1997 bis 2009.

Es bleibt immer etwas zurück. Manchmal auch fremd angeeignetes.

Über das Lachen … (5)

Als Rabbi Jehosua ben Hananja nach Athen kam, um dort mit Philosophen zu disputieren, stellten sie ihm viele Fragen, und er beantwortete sie alle zu ihrer Zufriedenheit.

Eine der Fragen lautete: „Wo ist die Mitte der Welt?“

Rabbi Jehosua deutete mit seinem Zeigefinger auf eine nahegelegene Stelle am Boden und sagte „Hier.“

Sie sagten: „Woher sollen wir wissen, daß du recht hast?

Da sprach er: „Holet Stricke und messet nach.“

Talmud (Becheroth 8b)

Über das Lachen

Wenn ich beim Thema „Lachen“ offensichtlich dieses bislang nur auf das Kabarett reduzieren tat, stellt sich jetzt die Frage:

Sind nur die Kabarettisten die rechtmässigen Vertreter des Lachens? Haben Kabarettisten die Wahrheit eigentlich gepachtet? Oder gar mit Löffeln gefressen?

Sicherlich nicht, weil sie als normale Menschen wohl kaum die besseren Witze kennen, denn  …

Wenn ein Kind geboren wird, kommt ein Engel und berührt sein Gesicht. Wissen Sie, warum? Damit es die Wahrheit vergißt, die es im Augenblick der Geburt weiß. Würde das Kind die Wahrheit nicht vergessen, dann wäre sein späteres Leben unerträglich. So heißt es im Talmud.“

Dieser Satz kommt von der Grande Dame des deutschen Kabaretts Lore Lorentz. 

Und meine Antwort? Wahrheit ist schwierig zu erkennen. Humor ist ein Weg sie zu erschließen.

Aber was ist schon „Humor“?

Jeder Humor ist anders, allein das Ergebnis sollte das gleiche bleiben. Aber selbst das Ergebnis verringert sich in Deutschland auch schon. Professor Claus H. Bick (… „Muß man den kennen?“ fragt der bislang geneigte Leser …) von der „European Society of Medical Hypnosis“ berichtete in der Süddeutschen Zeitung (05.12.1997, Nr. 280) von Ergebnisse, über eine von ihm betriebene „Lachforschung“: „1956 haben die Menschen noch 16 Minuten am Tag gelacht, heute sind es nur noch acht.“ Acht Minuten. Acht chinesische Kostbarkeiten? … Menschen aus anderen Ländern beschreiben uns als recht ernsthafte Menschen …

Es ist schade, daß noch nie die Auswirkung der Shoa auf die Art des deutschen Humors analysiert wurde. Fragt man die Menschen und sie werden oftmals immer zuerst den Verlust in der wissenschaftlichen Forschung anführen. Den jüdischen Witz oder Humor nie, obwohl der gerade vor dem zweiten Weltkrieg in Europa einen hohen Stellenwert besaß. Ich denke, daß das Nazi-Regime im Bereich unseres Humorverständnisses irreparable Schäden angerichtet hat. Der jüdische Witz nimmt oftmals auf eine selbstironische Art jüdische Eigenarten aufs Korn, weil sich Juden selber nicht ernster als notwendig sehen. Wir Deutsche können über uns selber nur allzu selten lachen, weil wir uns so ernst nehmen, weil aber auch das Lachen über sich selber schmerzt. Darum feiert auch die Comedy eine derartige Hochkultur, denn wir sehen uns selber in jenen Spiegeln (die uns die Comedy durch Parodien oder verbalen Sinnlosigkeiten vorhält) nie, aber dafür immer nur den anderen. Schadenfreude ist schon immer eines unserer Steckenpferde.

Im deutschen Westen kennen die Menschen die Geschichte des westlichen Kabaretts recht gut, aber das staatlich observierte und kontrollierte Kabarett der DDR ist ihnen recht unbekannt; allerdings ist es auch unverständlich, weil die jeweiligen feinen, politischen Anspielungen nicht wiedererkannt werden können.

Im Westen mußte schon lauter, konkreter und auch schärfer auf der Kabarettbühne geschossen werden, um zu treffen. Jedoch selbst jetzt erschliessen sich uns viele Pointen und Wortspielereien von damals nicht mehr so richtig. Im Dunste der Geschichte wird deren Rolle immer unklarer.

Klar ist nur, der oppositionelle Witz ist immer ein Feind der Regierenden. Deshalb wollen Schergen einer diktatorischen Gesinnung das freie Lachen immer unterdrücken, denn Lachen befreit den Menschen von Angst, selbst wenn es hin und wieder schmerzt. Klar ist außerdem noch, daß Kabarett nie die Welt verbessern wird oder gar schon verbessert hat, denn Kabarett ist an sich immer destruktiv ausgelegt. Es geht nicht darum, jemanden von einer Meinung zu überzeugen, sondern den Menschen zum Nachdenken zu bringen, indem man ihn über sein eigenes Wissen stolpern läßt. Welche Schluß-folgerungen aus dem Nachdenken gewonnen werden, das kann das Kabarett nicht steuern, will es auch gar nicht. Sollte aus dem Nachdenken die Schlußfolgerung entspringen, daß das Kabarett überflüssig ist und das Heil allein in der Comedy liegt, dann muß auch dieses das Kabarett verkraften.

Kabarett ist nicht rechts und auch qua definitionem nicht links. Kabarett ist immer die kritische Opposition, der „François Villon“-Faktor in der Kultur, die zehnte Muse. Kritische Opposition nicht allein der Politik, sondern auch des Zeitgeistes.

Über das Lachen

Es heißt, wenn man einem Bauern einen Witz erzählt, lacht er dreimal –
einmal, wenn man den Witz erzählt, noch ei
nmal, wenn man ihm den Witz erklärt und das dritte Mal, wenn er ihn verstanden hat – denn Bauern lachen schrecklich gern.

Wenn man einem Gutsbesitzer einen Witz erzählt, lacht er zweimal  –
einmal, wenn man den Witz erzählt, und noch einmal, wenn man ihm den Witz erklärt – verstehen wird er ihn nie.

Wenn man einem Offizier einen Witz erzählt, lacht er nur einmal –
und zwar, wenn man ihn erzählt. Verstehen wird er ihn nicht, aber er ist immer zu stolz ihn sich erklären zu lassen.

Wenn man allerdings einem Juden einen Witz erzählt, dann wird er einen, noch eh’ man richtig begonnen hat, unterbrechen:
Erstens kennt er den Witz schon, zweitens fragt er, warum man ihn falsch erzählt und schließlich wird er den Witz selber erzählen, natürlich in seiner weitaus besseren Version.

 

Über das Lachen … (4)

 

Der Fall der Mauer 1989 war nicht nur verheerend für sozialistische Systeme. Auch das Kabarett erfuhr eine bislang noch nie erlebte Zäsur. Kritik an bestimmten Zuständen wurde mit Nichtbeachtung vom Publikum bestraft. Das Volk mochte (und will) nicht mehr mit Problemen belastet sein. Amüsement darf nur noch selten weh tun. Mit ihren Humor verstehen die Deutschen keinen Spaß mehr. Humor ist halt eine ernste Sache.

1991 fällt in Deutschland der Karneval aus: Der Zweite Golfkrieg verlangt seinen gnadenlos grausamen Tribut auch in Deutschland, mit all seinen Lügen und Irrationalitäten. Allein in Köln wagen sich einige unentwegte Karnevalsfetischisten auf die Straße.

Der ausgefallene Karneval scheint den Deutschen wie eine Stein im Magen zu liegen. Bald schon verlangt es nach Plattem und Flachen, als ob Quantität gebraucht wird, um irgendein schlechtes Gewissen zu übertünchen. Es herrscht jetzt wieder eine Amüsierwut wie in den Zwanzigern. Das Fernsehen liefert die angepaßte Munition dazu: aus dem Schwank wurde die Situationskomödie, die „sitcom“ mit wohldosiertem Gelächter aus der Konserve unterlegt, aus Komikern wurden Comedians, aus der Klamotte die Comedy, meist hochgejubelt, oft abgrundtief banal.

Heute brauchste Humor für dat, wat andere für Humor halten“, sagte Wolfgang Gruner, der Gründer der in den 60ern gegründeten und erfolgreichen Berliner Kabarett-Gruppe „Die Stachelschweine“.

Eine Generation lacht ab.

Der Erfolg von Tom Gerhard, Helge Schneider, Wigald Boning mitsamt Hugo Balders „RTL Samstag Nacht“-Crew, Gaby Köster, „Herbert Knebels Affentheater“, Piet Klocke oder „Marlene Jaschke“ paßt hervorragend in unsere Bierdosen- und Plastikkultur. Selbst textile Scheußlichkeiten der siebziger Jahre („Wenn man eins aus der deutschen Geschichte lernen kann, dann daß Schlaghosen Scheiße aussehen.“ Dieter Nuhr) und die schlimmsten Schlagerergüsse jener Zeit von griechischer Wein, hossa, hossa, hossa und Tränen, die nicht lügen, passen in diese Amüsierwut und liefern uns Bühnenkreationen wie den von Fans als „Meister“ titulierten „Guildo Horn und seine orthopädischen Stützstrümpfe“ oder „Dieter Thomas Kuhn“. Man kann wieder lauthals „Mendocino“ mitgröhlen und ohne Nebenwirkungen über Sachen lachen wie: „Ich esse morgens auffem Brötchen unheimlich gerne Nutella. Mir schmeckt das unheimlich prima. Ich wollt’s eigentlich nur mal gesagt haben.“

Wer aber politisch und kritischer als erlaubt die Gesellschaft betrachtet, gilt als peinlich, weil nestbeschmutzend. Es darf nicht mehr schmerzen, wenn man lacht, besonders wenn man auch noch über sich selber lachen soll. Kabarett-Gruppen distanzieren sich plötzlich freiwillig von jeglichem politischen Anspruch und versuchen sich in Comedy.

Wir amüsieren uns zu Tode …

Über das Lachen 

Wigald Boning (39), berühmtgewordener Star durch Comedy-Serie „RTL Samstag Nacht“, Sänger der Gruppe „Die Doofen“, Moderator und Mitspieler diverser Sendungen wie z.B. „Clever!“ „Genial Daneben“ „Extreme Activity“) ist der Meinung, daß politisch korrektes Kabarett für ihn etwas furchtbar peinliches sei. Er verstehe nicht, wie man nach 1989, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme, allen Ernstes immer noch die linke Fahne hochhalten könne. Darüber befragt, ob der aktuelle Comedy-Boom irgendetwas bedeutet:
„Hoffentlich nicht, ich finde es gut, wenn die Deutschen das Volk der Humorlosen blieben. Hoffentlich werden die Deutschen nicht lustig.“ […] „Mein Lachgefühl in der Freizeit hält sich sehr in Grenzen, Humor hat bei mir einen sehr geringen Stellenwert.“

 

(aus Süddeutsche Zeitung vom 30.12.1995)

Über das Lachen … (3)


Nach dem zweiten Weltkrieg gewinnt die zehnte Muse vorsichtig, aber beständig wieder an Lebenskraft. Zwar liebt das Volk anfangs nur harmlos, unverfängliche Späße, aber im Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ beginnt das Kabarett dank Kai und Lore Lorentz Maßstäbe für seinen politisch-literarischen Anspruch zu setzen und mit den „Insulaner“ (u.a. mit der großartigen Kabarettistin Hanelore Kaub) swingt es in den kalten Krieg.

Es trommelt mit dem Kabarettduo Wolfgang Müller/Wolfgang Neuss in den Fünfzigern und mit Wolfgang Neuss allein („Das Neuste vom Aufschwung: Mutti, über uns wird ‘ne Kellerwohnung frei.“ W. Neuss) in den Sechzigern die Folgen der Wirtschaftswunderjahre ins bundesdeutsche Bewußtsein und feiert mit der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ bald telegen Silvester. Neben „Väterchen Franz“ (Josef Degenhardt), Dieter Süverkrüpp und Hans Dieter Hüsch (jeweils alleine und später zusammen mit Wolfgang Neuss im legendären „Quartett ’67“) singt es in den späten Sechzigern immer schärfer gegen das Wiederaufkommen der Neonazis an und agiert mit der Apo – teilweise im vollkommen kritiklosen Dienste der Apo – in den wilden siebziger Jahre hinein, in denen es aber dann auch deutlich an Boden verliert.

Die Ernsthaftigkeit der Baader-Meinhoff-Bande und der RAF nimmt Deutschland die Toleranz gegenüber Systemkritischen. Wer versucht, öffentlich über die Reaktion seitens des Staates und der Medien auf den Terrorismus nachzudenken, wird als Sympathisant der Terroristen und somit als Staatsfeind eingestuft. Das Publikum zieht harmlosere Unterhaltung á la Otto Waalkes, Dieter Hallervorden oder „Klimbim“ vor. Kleinkünstler wie Jürgen von Manger in der Rolle des „Adolf Tegtmeier“ oder des Schweizers Emil Steinberger gehören hierbei schon zum höheren Unterhaltungsniveau. Da vergnügte sich der gemeine Bürger lieber anders: Auf einem CDU-Parteitag tanzen zum ersten (und letzten) Mal nackte Frauen auf der Bühne, um die CDU-Partei-Mit-Glieder-Angehöriger trotz Regierungsabstinenz bei Laune zu halten.

Ende der 70er und Anfang der 80er entdeckt das Publikum wieder seinen Anspruch nach kabarettistischen Tiefsinn. Das Kabarettduo „Schneyder/Hildebrandt“ und die Berliner Kabarett-Gruppe „Die 3 Tornados“ prägen diese Zeit der zehnten Muse. Die Veränderung der politischen Landschaft mit dem Postulat der „geistig moralischen Wende“ bringt den ersten Einschnitt. Beliebt sind Politikerparodien, aber nach einiger Zeit ist auch hier der Bedarf gedeckt.

Hans Dieter Hüsch „Hagenbuch“ erklärt alle(s) für krank und verrückt, derweil das Kabarett mit dem aufkommenden Privatfernsehen zunehmend seinen Marktwert entdeckt.

Über das Lachen … (2): Was ist Kabarett?

Kabarett ist Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums. Der erworbene Wissenszusammenhang ist die sprachlich erschlossene Erfahrung. Ist Kabarett Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums, dann sind seine möglichen Gegenstände die Bruchstellen dieses Wissenszusammenhangs. Es purzelt das zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört: Terroristen und Staatsmänner, Polit-Ganoven und Profit-Gauner, Opfer und Täter, Verfolger und Verfolgte, Mörder und Ermordete, Oppositionelle und Opportunisten. Soweit die trockene Theorie.

Am 18. Januar 1901, zur Kaiserzeit, wurde das erste Kabarett in Deutschland mit dem Programm Bunter Abend des Über-Brettl genannten Ensembles (in Anlehnung an Nietzsches Über-Mensch) in Berlin vom vornehmen Baron Ernst von Wolzogen aus der Taufe gehoben. Abgeguckt hatte man die große Kunst der kleinen Form in Paris, wo 20 Jahre zuvor das erste Cabaret in der Künstlerkaschemme Chat Noir am Monmatre das Licht der Welt erblickte. Bohèmiens prägten das Erscheinungsbild der ersten Stunde, literarisches Cabaret war „en vogue“. Bald eingedeutscht, mit harten K und zwei T, geriet es zum Experimentierfeld von Caféhaus-Literaten, Dadaisten und Expressionisten, Jakob von Hoddis sei hier stellvertretend genannt.

Kurt Tucholsky und Walter Mehring ragen als Kabarettisten aus den zwanziger Jahren heraus: Wortführer kämpferischer Satire, die daneben aber auch hinreißend Poetisches oder rein Komisches zur Unterhaltung ihres Publikums schrieben.

Die Mischung machte es. Nicht umsonst stammt der Name Cabaret von der in Fächern eingeteilten Salatplatte ab: immer bereit zum bunten Durch-, Gegen- und Nebeneinander verschiedener Stile für verschiedene Geschmäcker. In der Plattenmitte befand sich das Fach für die alles verbindende Soße. Diese Rolle kam den Présentateur oder Conférencier zu. Rodophe Salis, Gründer des Chat Noir, war der erste seiner Zunft.

Kabarett reifte in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts und entwuchs als ein reiner Gegenstand des Amüsements. So wurde die zehnte Muse für wenige Kabarettisten wie Werner Fink in den dreißiger Jahren zum Überlebensmittel und -risiko zugleich. In Karl Valentin verkörperte sich volkstümlich-absurd der entwurzelte Komiker von der traurigen Gestalt.

Über das Lachen … (1)

„Ich lache Tränen, heule Heiterkeit.
Ich schöpfe Trost aus mancher Leute Traurigkeit.“
Wolfgang Neuss

Ein Weiser von Chelm (Chelm liegt in Polen, südöstlich von Lublin und war vom zwölften Jahrhundert bis zur Shoa Sitz einer jüdischen Gemeinde) kam mit einer Frage zum Rabbi.
„Wie kommt es“, fragt er, „das ein Butterbrot immer mit der Butterseite nach unten fällt?“
„Ist das so?“ fragte der Rabbi. „Wir wollen sehen, ob das stimmt.“
Der Rabbi strich Butter auf eine Scheibe Brot und ließ sie fallen. Diesmal zeigte die Butterseite nach oben.
„Nu, was sagst du jetzt?“ fragte der Rabbi.
„Aber, Rabbi“, kam die Antwort, „du hast die Butter offensichtlich auf die falsche Seite geschmiert.“


Eine gute Abhandlung über das Lachen findet sich bei Umbertos Ecos Roman „Der Name der Rose“

Darf man über Hitler lachen? …

Heute las ich ein Post beim Blogger „limited„:
Darf man über Hitler lachen?

Darf man einfach so lachen?
Über Hitler? Über Ausschwitz?
Über Stalin? Über die Guklags?
Über die USA? Über My Lai in Vietnam?
Über die Serben? Über Srebrenica?
Über Ruanda? Über Tutsi und Hutu?
Darf man das?
Einfach so?

Was jetzt kommt wird eine mehrteilige Auslassung über das Lachen …

Ich kann nicht anders …