Über das Lachen … (5)

Als Rabbi Jehosua ben Hananja nach Athen kam, um dort mit Philosophen zu disputieren, stellten sie ihm viele Fragen, und er beantwortete sie alle zu ihrer Zufriedenheit.

Eine der Fragen lautete: „Wo ist die Mitte der Welt?“

Rabbi Jehosua deutete mit seinem Zeigefinger auf eine nahegelegene Stelle am Boden und sagte „Hier.“

Sie sagten: „Woher sollen wir wissen, daß du recht hast?

Da sprach er: „Holet Stricke und messet nach.“

Talmud (Becheroth 8b)

Über das Lachen

Wenn ich beim Thema „Lachen“ offensichtlich dieses bislang nur auf das Kabarett reduzieren tat, stellt sich jetzt die Frage:

Sind nur die Kabarettisten die rechtmässigen Vertreter des Lachens? Haben Kabarettisten die Wahrheit eigentlich gepachtet? Oder gar mit Löffeln gefressen?

Sicherlich nicht, weil sie als normale Menschen wohl kaum die besseren Witze kennen, denn  …

Wenn ein Kind geboren wird, kommt ein Engel und berührt sein Gesicht. Wissen Sie, warum? Damit es die Wahrheit vergißt, die es im Augenblick der Geburt weiß. Würde das Kind die Wahrheit nicht vergessen, dann wäre sein späteres Leben unerträglich. So heißt es im Talmud.“

Dieser Satz kommt von der Grande Dame des deutschen Kabaretts Lore Lorentz. 

Und meine Antwort? Wahrheit ist schwierig zu erkennen. Humor ist ein Weg sie zu erschließen.

Aber was ist schon „Humor“?

Jeder Humor ist anders, allein das Ergebnis sollte das gleiche bleiben. Aber selbst das Ergebnis verringert sich in Deutschland auch schon. Professor Claus H. Bick (… „Muß man den kennen?“ fragt der bislang geneigte Leser …) von der „European Society of Medical Hypnosis“ berichtete in der Süddeutschen Zeitung (05.12.1997, Nr. 280) von Ergebnisse, über eine von ihm betriebene „Lachforschung“: „1956 haben die Menschen noch 16 Minuten am Tag gelacht, heute sind es nur noch acht.“ Acht Minuten. Acht chinesische Kostbarkeiten? … Menschen aus anderen Ländern beschreiben uns als recht ernsthafte Menschen …

Es ist schade, daß noch nie die Auswirkung der Shoa auf die Art des deutschen Humors analysiert wurde. Fragt man die Menschen und sie werden oftmals immer zuerst den Verlust in der wissenschaftlichen Forschung anführen. Den jüdischen Witz oder Humor nie, obwohl der gerade vor dem zweiten Weltkrieg in Europa einen hohen Stellenwert besaß. Ich denke, daß das Nazi-Regime im Bereich unseres Humorverständnisses irreparable Schäden angerichtet hat. Der jüdische Witz nimmt oftmals auf eine selbstironische Art jüdische Eigenarten aufs Korn, weil sich Juden selber nicht ernster als notwendig sehen. Wir Deutsche können über uns selber nur allzu selten lachen, weil wir uns so ernst nehmen, weil aber auch das Lachen über sich selber schmerzt. Darum feiert auch die Comedy eine derartige Hochkultur, denn wir sehen uns selber in jenen Spiegeln (die uns die Comedy durch Parodien oder verbalen Sinnlosigkeiten vorhält) nie, aber dafür immer nur den anderen. Schadenfreude ist schon immer eines unserer Steckenpferde.

Im deutschen Westen kennen die Menschen die Geschichte des westlichen Kabaretts recht gut, aber das staatlich observierte und kontrollierte Kabarett der DDR ist ihnen recht unbekannt; allerdings ist es auch unverständlich, weil die jeweiligen feinen, politischen Anspielungen nicht wiedererkannt werden können.

Im Westen mußte schon lauter, konkreter und auch schärfer auf der Kabarettbühne geschossen werden, um zu treffen. Jedoch selbst jetzt erschliessen sich uns viele Pointen und Wortspielereien von damals nicht mehr so richtig. Im Dunste der Geschichte wird deren Rolle immer unklarer.

Klar ist nur, der oppositionelle Witz ist immer ein Feind der Regierenden. Deshalb wollen Schergen einer diktatorischen Gesinnung das freie Lachen immer unterdrücken, denn Lachen befreit den Menschen von Angst, selbst wenn es hin und wieder schmerzt. Klar ist außerdem noch, daß Kabarett nie die Welt verbessern wird oder gar schon verbessert hat, denn Kabarett ist an sich immer destruktiv ausgelegt. Es geht nicht darum, jemanden von einer Meinung zu überzeugen, sondern den Menschen zum Nachdenken zu bringen, indem man ihn über sein eigenes Wissen stolpern läßt. Welche Schluß-folgerungen aus dem Nachdenken gewonnen werden, das kann das Kabarett nicht steuern, will es auch gar nicht. Sollte aus dem Nachdenken die Schlußfolgerung entspringen, daß das Kabarett überflüssig ist und das Heil allein in der Comedy liegt, dann muß auch dieses das Kabarett verkraften.

Kabarett ist nicht rechts und auch qua definitionem nicht links. Kabarett ist immer die kritische Opposition, der „François Villon“-Faktor in der Kultur, die zehnte Muse. Kritische Opposition nicht allein der Politik, sondern auch des Zeitgeistes.

Über das Lachen

Es heißt, wenn man einem Bauern einen Witz erzählt, lacht er dreimal –
einmal, wenn man den Witz erzählt, noch ei
nmal, wenn man ihm den Witz erklärt und das dritte Mal, wenn er ihn verstanden hat – denn Bauern lachen schrecklich gern.

Wenn man einem Gutsbesitzer einen Witz erzählt, lacht er zweimal  –
einmal, wenn man den Witz erzählt, und noch einmal, wenn man ihm den Witz erklärt – verstehen wird er ihn nie.

Wenn man einem Offizier einen Witz erzählt, lacht er nur einmal –
und zwar, wenn man ihn erzählt. Verstehen wird er ihn nicht, aber er ist immer zu stolz ihn sich erklären zu lassen.

Wenn man allerdings einem Juden einen Witz erzählt, dann wird er einen, noch eh’ man richtig begonnen hat, unterbrechen:
Erstens kennt er den Witz schon, zweitens fragt er, warum man ihn falsch erzählt und schließlich wird er den Witz selber erzählen, natürlich in seiner weitaus besseren Version.