»Wenn das Jahr zu Ende geht, machst du dann auch deinen Jahresrückblick?«
»Sicher.«
»Wann?«
»Nach dem nächsten Kölsch.«
Der Wirt schiebt ein Kölsch rüber.
»Jetzt?«
»Wie war Weihnachten?«
»Schön und kalt.«
»Gut beschenkt worden?«
»Nicht ein einziger Weihnachtswunsch, noch eine einzige Karte.«
»Ah. Dich mag wohl niemand.«
»Vor Jahren habe ich immer ein Weihnachtspaket von meinem Bruder erhalten.«
»Das ist doch schön von ihm.«
»Nachdem ich ihm eines geschickt hatte.«
»Hm.«
»Beim letzten Mal hatte ich ihn am 23sten aus einem nichtigen Grund angerufen und erwähnt, dass ich es gerade noch per Express geschafft hatte, sein Weihnachtspaket auf den Weg zu bekommen. Zwei Tage nach Weihnachten erhielt ich sein Paket. Und ein Tag darauf einen Anruf von ihm, wann denn sein Paket von mir wohl eintreffen würde.«
»Und wann hat er es erhalten?«
»Gar nicht. Ich hatte ihm keines geschickt. Seitdem ignoriert er mich an allen Feiertagen und bedeutenden Tagen, an denen er mich ignorieren kann.«
»Hm. Und wie war da Jahr sonst so?«
»Wie ein Glas Amarone. Schwer, mit charakteristischem Abgang. Jetzt warte ich aufs nächste Jahr.«
»Okay. Ich hab dieses Jahr mal was völlig Neues ausprobiert. RP im Internet mit GTA.«
»RP? GTA?«
»Rollenspiel. Du erschaffst dir ’nen Avatar und erkundest damit deine Mitwelt in der Spielumgebung von Grand Theft Auto, einem Computerspiel, mit dem man mit anderen zusammenspielen kann.«
»Rollenspiel? Und wie war’s?«
»Intrigen, Crime, Mord, Spaß, Totschlag, aufgedonnerten Mädels, schnelle Autos und jede Menge Trash-Talk mit anderen Spielern.«
»Also wie das wahre Leben.«
»Nur, dass wir alle lediglich virtuell unsere Rollen gespielt haben. Aber wie im wahren Leben.«
»Und hat’s was gebracht?«
»Ich wurde gebannt.«
»Ah.«
»Weil ich denen meine Meinung gegeigt hatte.«
»Bist schon ziemlich frech, oder?«
»Fast wie im richtigen Leben.«
Der Wirt schiebt ein weiteres Kölsch rüber.
»Und was gab es dieses Jahr sonst noch bemerkenswertes?«
»Da war der Sohn, der mit einer Haarbürste in der Hand seine Mutter vor mir fragte, ob jene Haarbürste neu wäre. Denn wenn es sie nicht wäre, dann wäre es jene, die er damals seiner Bekanntschaft anal eingeführt hätte.«
»Was?«
»Er sagte auch, dass er es respektlos empfände, wenn in Deutschland wie üblich verdientes Geld einem geneidet würde. Deutschland wäre halt eine Neidgesellschaft. Wenn er mit einem Lambo in ein ärmeres Viertel fahren würde und würde sich dann jemand abfällig darüber äußern, wäre das absolut respektlos. Er hätte für seinen Lambo ja schließlich sehr hart gearbeitet.«
»Mit welchen Leuten verkehrst du eigentlich sonst noch so?«
»Mein Autohändler hat mir erklärt, dass es keine Weihnachtsreifen mehr gibt. Diese Gender-und Sprach-Fanatisten Deutschlands hätten vor Jahren es bereits gesetzlich geschafft, dass diese jetzt Winterreifen heißen.«
»Du hast falschen Umgang mit falschen Leuten. Das sollte dir zu denken geben.«
»Hm.«
»Und was sagt uns das?«
»Sie trinken alle kein Kölsch.«
»Na denn, Stößcken.«