9 Stunden für knappe 800 Kilometer. Ich habe offenbar jeden Stau mitgenommen, der sich finden ließ. Noch 300 Kilometer. Daher erstmal Pause. Mit Salsa-Musik am Aachener Elisenbrunnen. Aachen steppt ab.
Archiv für den Tag 30. September 2007
Du_bist_der_Stau
Kandidat für das Unwort des Jahres einfach zum Fremdschämen
Ich nehme mir ein Makaken-Neugeborenes in beide Hände, halte es vor meinem Gesicht und strecke ihm die Zunge raus. Das Makaken-Baby streckt mir die Zunge raus.
Und jetzt schäme ich mich fremd für das Makaken-Baby.
Wie kann es nur solch eine ungezogene Unartigkeit für Mitteleuropa nachmachen?
Und weil ich mich jetzt für das Makaken-Baby fremd schäme, schämt es sich für mich fremd. Es spiegelt einfach mein Verhalten.
Was will uns diese sinnlose Übung sagen?
Sowohl Makaken-Baby als auch der Mensch scheinen über Spiegelneuronen zu verfügen.
Spiegelneurone?
Spiegelneurone (auch: Spiegelneuronen) sind Nervenzellen, die im Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern (aktiv) gestaltet würde.
Quelle: Wikipedia
Diese Spiegelneuronen könnten eine Erklärung dafür sein, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, mit zu leiden. Genau das zu empfinden, was und wie der andere empfindet. Freude, Leid, Neid, Triumpf, Ekel. All diese Emotionen, die einem den Tag so bedeutsam machen können.
Aber der Mensch kann sogar noch mehr. Er kann sich sozusagen anstatt eines anderen schämen.
„Ich würd‘ mich an deiner Stelle schämen!“ ist so ein bekannter Satz. Nur kommt dieser Satz mit soviel erhobenen moralischem Zeigefinger daher, dass man sich dafür schon wieder schämen muss. Und das in Zeiten, wo es doch darauf ankommt, moralisch einwandfrei zu sein.
Daher hatten sich schlaue Köpfe in Deutschland zusammengesetzt, um einen Ersatz für den langen unhandlichen Satz „Ich würd‘ mich an deiner Stelle schämen“ zu finden. Diese Wortfindungskomission mit dem Gesamt -IQ von knapp 100 grübelte hinter verschlossenen Türen. Erst stieg dumpfer grauer Rauch auf und jeder meinte nur: „Das wird noch!“
Fünf Tage grübelten, überlegten und dachten sie.
Und am sechsten Tag stieg kurz vor Mitternacht urplötzlich weißer Rauch auf. Die Leute draußen jubelten und waren gespannt wie Flitzebögen. Aber am siebten Tag ruhte die Wortfindungskomission bekanntermaßen angesichts ihrer veritablen Schöpfungsphase. Somit gingen viele enttäuscht nach Hause und verpassten den Montag, als die Komission verkündete:
„Die Tätigkeit, sich ersatzweise öffentlich für andere zu schämen und die normalerweise mit dem Satz ‚Ich würde mich an deiner Stelle schämen‘ beschrieben wurde, heiße ab heute:
Fremdschämen.“
Nun ja.
So oder so ähnlich wurde dieses neue Unwort erfunden. Und ich muss sagen, es ist ein wirklich guter Kandidat für die Komission, die immer das Unwort des Jahres sucht.
Wenn nämlich ein Wort das ausdrückt, was man einerseits für andere moralischerweise machen würde, andererseits aber das ausdrückt, für was man sich generell schämen sollte, dann ist es das Unwort „Fremdschämen“.
Und das alles wegen ein paar lächerliche Spiegelneuronen bei uns im Hirn.
Nun ja.
Dann lasst es uns mal das Verb konjugieren:
- Ich schäme mich fremd.
- Du schämst mich fremd.
- Er, sie, es schämt mich fremd.
- …
Ups.
Kleiner Fehler.
Ich muss mich an dieser Stelle für mich fremd schämen. Denn das Verb ist eindeutig reflexiv und somit sollte es richtigerweise heißen:
- Ich schäme mich fremd.
- Du schämst dich fremd.
- Er, sie, es schämt sich fremd.
- Wir schämen uns fremd.
- …
Hm.
Kann ich mich eigentlich auch für jemanden fremd schämen, der mir bekannt ist? Kann ich mich folglich für jemanden „bekanntschämen“?
Wenn also ein Blogfreund, mit dem ich schon diverse Bierchen getrunken habe, plötzlich mitten des nachts auf der Strasse in Unterhosen steht, weil er ohne Hose da steht, kann ich mich dann für meinen Freund überhaupt „fremdschämen“? Müsste ich mich nicht „bekanntschämen“?
Wenn mir ein Schauspieler oder Fußballspieler bekannt ist, wäre dann „fremd“ schämen nicht eine radikale Brüskierung meiner eigenen Kenntnisse über diesen und für den nicht eine Art indirekte Beleidigung ihm gegenüber?
Und ist mir jemand wirklich absolut fremd, kann ich mich dann wirklich für ihn „fremdschämen“ oder ist das ganze nicht einfach nur eine Mache, um mich im moralisch besseren Licht dar zu stellen. Mich im Vergleich zu anderen als den besseren zu profilieren?
Inzwischen begegne ich dem Wort „fremdschämen“ immer häufiger. Auch hier in den Blogs ist das Wort ja eine ausgesprochene Modewelle geworden. Sei es in den Kommentaren, wo sich jeder wirklich kollektiv fremd geschämt wird. Oder in den Blogs selber, wo sich jemand mit erhobenen moralischen Zeigefinger fremd schämt.
Wie ich jetzt.
Das Wort ist fatal. Man kann es gar nicht benutzen, ohne dass man sich als den Besseren darstellt. Wir sollten uns für diejenigen fremd schämen, die das Wort „fremd schämen“ noch nie in ihrem Blog verwendet haben. Einmal so richtig gemeinsam „Fremdschämen“.
Außer natürlich für Enzyklopädie-Werke.
Nicht einmal Wikipedia kennt bislang dieses Wort. Zwar findet sich zum Thema „schämen“ der folgende Satz „Scham hat zu empfinden, wem Unrecht zugefügt wurde“. Aber das Wort „Fremdschämen“ ist dort noch undefiniert.
Vielleicht hat es auch noch niemand reflektiert, wie häufig das Wort inzwischen als neuer moralischer Zeigefinger verwendet wird.
Für mich ein Kandidat für das Unwort des Jahres. Ich werde der Uni Frankfurt dieses Wort als Unwort vorschlagen.
Wat mut, dat mut.
Fremdschämen.
Ein Modewort im Spiegel der Zeit.
Womit ich wieder bei den Spiegelneuronen wäre.
Ich strecke gleich nochmals dem Äffchen meine Zunge raus.
Und anschließend schäme ich mich mit brutalst offener Radikalität für das Äffchen einfach mal richtiggehend fremd.
Und fühle mich dann gut dabei.
Richtig fremd gut.
Im Zeichen der Spiegelneuronen.
Hugh.
