Zuerst einmal ein paar Worte für alle, die jenseits von Eden wohnen:
In München ist man mal wieder seiner Zeit voll voraus. Da hat noch nicht mal der kalendarische Winter 2006 begonnen, da wird dann schon gleich der Frühling 2007 gefeiert.
Mit Volksmusik.
Mit was denn sonst?
Dreimal war Mr. Entertain-you in München und lud zu seiner Party ein. Für alle, die es darauf anlegten, konnte somit dreimal die Robbie-Williams-Show besucht werden.
Mein Ticket hatte ich mir im Dezember letzten Jahres im Vorverkauf einkaufen lassen.
Also, was wollte ich schon am 1. August am Olympiastadion? Nur mal so gucken? Einfach mal schauen, wieviel Leute da so vor den Toren herum lagerten?
Quatsch! Ich wollte wissen, wo man wie am schnellsten aufs heilige Grün des Olympiastadions kommt. Am besten irgendwo am Elfmeterpunkt. Direkt vor dem gigantischen Fussballtor genau in der damaligen Bayern-Nordkurve.

Direkt vor Ort. Aber dafür benötigt man … eben ein Ticket … und die gab es draussen vor der Tür des Olympiastadions. Es mag sein, dass die Tickets für Robbie-Konzerte in Guiness-Rekordzeit vergriffen waren, aber das lag wohl daran, dass die selbsternannten Zwischenhändler sich eine ordentliche Gewinnmarge aus dem Marktgesetz von „Angebot und Nachfrage“ erhofften. Hoffen darf ja jeder im freien Markt. Nur die normative Kraft des faktische Preisverfalls war enorm. Mir wurde ein 120 € Sitzplatzticket erst für 35 € dann für 25 € (!!!) angeboten. Am Ende hatte ich gegen 17 Uhr eines der begehrteren Innenraumtickets im Werte von 73 € für 45 € gekauft. Nebenbei, am dritten Tag ergatterte ich noch vor dem offiziellen Einlass ein 30-€-Ticket für den Innenraum.
Unterbrochen vom Gedudel der Videoleinwände mit ihren Werbebotschaften füllten noch die beiden Vorgruppen ORSON (sie flogen am 29. Juli von Berlin nach Frankfurt nach Honkong nach Tokyo zum Fuji-Rock und wieder zurück nach München, um wie zuvor auch im Vorprogramm von RW zu spielen …) und Basement Jaxx die Zeit. Insbesondere die Werbebotschaften der T-Com konnten einem schon die Nerven auf eine Bewährungsprobe ziehen. Denn sie nutzten für zwei Spots sowohl „Tripping“ als auch „A place to crash“ als Hintergrundmusik. Und dann forderte eine Stimme noch auf an die Nummer 82400 das Stichwort ANGELS zu schicken, und dann würde man für läppische 6 € einen Klingelton und ein Video auf sein Handy und PC geschickt bekommen, während bierträgende Verkäufer dem wartenden Zuschauern für 3,80 € (+ 2 € Pfand für den 0,5 ltr. RW-Plastikbecher …) oktoberfestmässig eingeschenktes bayrisches Bier anboten. Selbstverfreilich war auch die unvermeindliche Pitu-Caipi-, Red-Bull-Vodka- und Coca-Cola-Verkäuferfraktion mit missionarischem Eifer den Geldbörsen der Fans hinterher.
Aber dann punkt 21 Uhr erschien er unter Rauchfontänen mit dem Stück „Radio“ aus der Plattform heraus mitten im Publikum und über den Köpfen der vor Freude tobenden Fans …
Das personifizierte englische VARTA-Häschen, Robbie Williams …
Nein, es waren nicht nur Frauen anwesend. Es gab auch Männer. Hierzu sollten die Frauen wissen, auch Männer können Robbie cool finden, ohne gleich sexuelle Hintergedanken zu haben.
Das Plakat „Robbie, make me pregnant!“ wurde von Männerseite mit einem eindeutigen Plakat „Robbie, what about Gay marriage?“ gekontert. Und Robbie gefiel es offensichtlich. Nur mit dem „Robbie, pluster me up!“ konnte er nichts anfangen („What the fuck means ‚pluster me up‘? “ )
Gut, am zweiten Tag wurden die Offerten auf den Plakaten eindeutiger („Brasil girls taste better! 24 h test offer. I’m 39 and you can “ ). Am dritten Tag hielten sich die Plakate deutlich in den Hintergrund. Der Dauerregen hatte da wohl einiges vernichtet.

Was Frauen angeht, da ist Robbie jetzt wohl recht eisern, da er offenbar mit seiner Freundin und deren Kleinkind im Nobelhotel „Bayrischer Hof“ abstieg.
Da waren Frau Schicki und Herr Micki aus der Münchener In-Szene schon ein wenig depürt, dass Robbie nach seiner ersten Show seine Hoteletage der von Nobeldisco „P1“ veranstalteten „After Show Party“ vorzog.
Macht man das denn?
So musste die Münchener Prominenz mal wieder – wie so häufig in Münchens Szene – inzestuös sich selber feiern.
Robbie, scheint dort anzukommen, wo generell 30 Jährige ankommen. In einer gewissen Art Häuslichkeit mit Freundin und Kind.
Und überhaupt rutschte seine Hose auch nicht mehr auf Kniehöhe. Dafür redete er aber am zweiten Tag mit seinem Klein-Robbie, was mit Frauenkreischen quittiert wurde.
Und über den deutschen Fußball fachsimpelt. Allerdings hatte er sich ausschließlich am ersten Tag auf das letzte internationale Fußballspiel im Münchener Olympiastadion bezogen: Deutschland gegen England mit dem deutichen Endergebnis 1:5 für England. Deutschland habe während der WM großartig gespielt und das Publikum sei grandios gewesen und daher wird Deutschland bei der nächsten WM in Südafrika ins Endspiel kommen. Aber leider gegen England nachher verlieren, so Robbie lakonisch und maliziös grinsend. „Tripping“ widmete er da noch Jürgen Klinsmann.
An allen drei Abenden hat er mit seinem Freund John nach der Swing-Nummer einen seiner zwei Bälle ins Publikum geschossen (hey, haben die Leute sich um die Bälle gebalgt …).
Von der Musik her waren alle drei Shows fast identisch. Nur am zweiten Abend (120 min) wurde ein Lied („Kids “ ) mehr gespielt, dafür war Robbie am ersten Abend (120 min) gesprächiger und am dritten Abend (105 min) wohl nachher auch nur drum bemüht, im 14 °C warmen Dauerregen seine Band nicht zu verschleissen und selber nicht sich zu erkälten.
Überhaupt das Wetter:
Da gibt es acht Wochen fast nur Sonnenschein bei angenehmen Temperaturen, jedoch als Robbie in München eintraf, war es vorbei:
Der erste Abend war fast regenfrei. Als dann aber die letzte halbe Stunde der Show mit „Let me entertain you“ eingeläutet wurde, öffnete sich der Himmel. Das tat der Stimmu
ng aber keinen Abbruch, sondern ganz im Gegentum schien der Regen das Publikum noch eher zusätzlich anzuheizen!
Während ich am zweiten Tag ab 9:00 vor dem Südeingang lagerte und nur hin und wieder paar Tröpfchen Regen runterkamen, blieb es nacher vollkommen trocken.
12 Stunden Warten für eine zweistündige Show …

… von 9:00 bis 16:00 vor dem Eingang, danach ein Hindernislauf an den Ordnern vorbei (wahrscheinlich unter den Augen des DLV-Präsidenten Clemens Prokop; wer die 300 Meter in Rekordzeit runtergejoggt hatte erhielt wahrscheinlich ne DLV-Einladung … obwohl, für Robbie sich nen guten Stehplatz zu ersprinten, fällt das nicht unter Doping? …), um in den gesonderten Bereich zu gelangen. Dann wieder 5 Stunden Warten im Sonderbereich, der nur für 65 Zuschauer freigegeben wurde.
Das ist dann immer genügend Zeit, um sich die Sicherheitsleute ausgiebig anzuschauen. Einheitlich schwarz gekleidet. Wahrscheinlich war deren Einstellungsvorraussetzung richtig mies und finster dreinschauen zu können. Da war das Gesicht von dem Security-Knispel mit dem blond gefärbten Schnurrbart, dem beidseitig zum „Z“-rasierten Kotletten und der eigenwilligen Brille. Wahrscheinlich hat der sich sein Styling aus X-Men abgekupfert. Lachen war für den als Rudelführer garantiert tabu …
Die Leute der ersten Reihen an der Absperrung erhielten dann auch zur Belohnung kostenlos Wasser …
… aus einem nicht unbedingt als sauber zu bezeichnenden Wassereimer. Die security tränkte die Fans wie Pferde. Nur mit dem Unterschied, wir erhielten das Wasser in kleinen Plastikbecherchen überreicht. So sah es wenigstens hygenischer aus, als die Eimer es wirklich waren.
Ach ja, nur die Mehrheit der Security war übrigens arogant. Ein solcher „Ich-bin-das-Universum“-Typ bewegte sich auch keinen Zentimeter, als er von Fans gebeten wurde ein wenig beiseite zu gehen, um bessere Fotos von Robbie machen zu können. Halt ein Menschenfeind, wie er im Handbuch für vorbildliche Security-Knispels gefordert wird …
Die Minderheit war allerdings trotz des martialischen Auftretens sympatisch und nett.
Tja, aber dann endlich die zwei Stunden Show … .

Nur der dritte Tag war der eindeutig der härteste aller Tage.
Dauerregen.
Die Wolken schwebten in hundert Metern Höhe vorbei und hinterliessen Feuchtigkeit in jeder Kleidungsritze und in den Schuhen. Kalte Feuchtigkeit. Da nützten die kostenlos an der U-Bahn verteilten Regen-Capes des T-Com-Konkurrenten O2 und die mitgebrachten Regenschirme. Wer weder einen Regenschirm noch ein O2-Cape ergattert hatte, konnte sich auch bei den fliegenden Verkäufern bedienen. Regen-Cape zu 5 €, eben jene Plastik-Hüllen, die man im Laden im schlimmsten Fall für maximal 1 € kaufen kann. Aber was hilft so ein Regen-Cape, wenn das Bier verwässert schmeckt und der Caipi garantiert viel Wasser enthält. Mein Ruf nach Glühwein rief nur Belustigung bei Umstehenden hervor. Na gut, in der Not frißt der Teufel Fliegen und ich trink dann auch mal verwässertes Bier (schliesslich wollt ich mir noch so’n RW- Becher mit nach Hause nehmen ….).
Hauptsache der Veranstalter sagt das Konzert nicht wegen Regen ab. Klar, eine Absage geht nicht ohne grössere Probleme. Da heisst es für Publikum und Künstler, sich das beste daraus zu machen. Und Mr. Robert Peter Williams wäre nicht Robbie Williams würde er nicht auch daraus das beste machen.

„Alles fit im Schritt?“ Seine Deutschstunden zeigten Wirkung. Auch das entscheidende Wort kriegte er fast korrekt hin: „Schaise“.
Mit Blick auf den Südblock und seine Treppe aus dem Innenraum heraus, pflegte er den Smalltalk mit den Leuten auf der Treppe: „Where the fuck are you going? I know where you are going. Shaisen!“
Belohnt wurde seine Treppenkonversation mit einem von einem Besucher auf der Treppe blankgezogenen Hintern übertragen auf der Videoleinwand.
„Hey, Mr. Greenshirt, why are you leaving? Where are you going?“ So war seine Frage am zweiten Tag. Und der Angesprochende im grünen T-Shirt antwortete mit eindeutig rubbelnden Handbewegungen. „Hey, Mr. Greenshirt, do you know that are children here? Dickhead!“ war der verärgerte Kommentar von Robbie dazu.
Am dritten Tag war das Riesenrad vor dem Olympiastadion fertig gebaut und wurde prompt Ziel seines Spotts. „Hey, there are people inside trying to look at my show. Hey, you idiots, don’t pay the wheel, come directly to my show!“
Der Ruf in Richtung Riesenrad zeigte am dritten verregneten Abend („That was my wetest show I’d ever had! “ ) das Maleur. Zwar waren die Sitzplatzränge wie üblich gut belegt, jedoch war der Innenraum nicht so gut gefüllt, wie die beiden Abenden zuvor. Diesmal war die Zahl der 70.000 Zuschauer deutlich verfehlt worden. An den Kassen des Olympiastadions lagen noch dicke Blöcke mit Innenraumkarten.

Und an allen drei Abenden stellte er sein neues Stück RUDEBOX vor, welches das englische Boulevard-Blatt SUN als die schlechteste Single aller Zeiten betitelte. Dieses Stück kam nach dem Re-Opener „Let me entertain you“, welches eben nach jener einer kurzen Pause grandios die letzte halbe Stunde einläutete.
RUDEBOX funktionierte live ungefähr eine Minute, danach sackte die Begeisterung des Publikums doch ein wenig arg zusammen. RUDEBOX ist ein reines Club-Stück. In Clubs kann es erheblich funktionieren. Aber live? Nach jeder Performance erschien Robbie Williams sichtlich zufrieden über die Reaktionen vom Publikum.
Interessanterweise fiel mir dann auf, dass er in dem Lied sowohl für DUREX am Rande als auch für ADIDAS explizit Werbung macht. Egal.
…
Und?
Hat es sich gelohnt?
Dreimal Robbie binnen drei Tagen?
Drei Tage das gleiche Vorprogramm, die gleiche nervige T-Com-Werbung, die gleichen Lieder, die gleiche Performance, auch wenn die Sprüche der Abenden unterschiedlich waren?
Und das alles für ein spezielles Armband (für den Bereich zwis
chen Bühne und Plattform; Auflage: 100 Stück), nen Plastik-Becher, zwei Hard-Tickets und ein Online-Ticket?
Es hat sich gelohnt. Jeder einzelne Tag. Sogar der letzte, verregnete Tag mit den völlig durchweichten Schuhen.
Zudem hatte ich allerdings den Eindruck, dass die kometenhafte Karriere von Robbie Williams schon seinen ersten Zenit überschritten hat. Die jetzigen Konzerte sind für Leute, die 2003 wie ich nicht dabei waren, ein eindeutiges Highlight.
Die erste Show am 1. August war die beste und seltsamerweise die verregnete Show am 3. noch besser als die am 2. . Trotz des Regens kam auch nie das Gefühl auf, da würde eine Show schnell durchgezogen werden, um wieder schnell ins Hotel zu kommen. Irgendwie war allen klar, entweder feiern oder frieren. Das beste draus machen oder gleich nach Hause. So wurde die verregnete Show trotz Regens richtig mitreißend.

Okay, selbst die Knebworth-DVD ist besser als diese Shows in München. Aber sie hat jedoch den entscheidenen Nachteil, man sieht Knebworth nur auf dem Fernseher. Aber live ist live und prägt mehr als nur ne DVD, die man in ein Gerät rein- und rausschiebt.
Es wird dauern, bis Robbin Williams wieder durch Europa rumtourt. Aber dann wird es wieder kurzweilig werden. Und sollten die selbsternannten Zwischenhändler wieder die Tickets so schnell aufkaufen wie für diesen Konzertvorverkauf im November/Dezember 2005, dann darf man sich als Verbraucher erneut auf radikal zusammenbrechende Schwarzmarktpreise freuen.
Und auf einen gut aufgelegten, sich ums Publikum bemühende Robbie Williams.
Auf Mister „Let me entertain you!“

Viel Spass allen Leuten, die am 8. und 9. August auf den Jahnwiesen in Köln das Spektakel miterleben werden.
Übrigens, am 8. August ab 20:00 überträgt der Radiosender Einslive das Robbie-Konzert. Der Live-Stream dazu findet sich auch auf deren Internet-Seite unter http://www.einslive.de.
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