Louise

When he saw her getting of the bus
It seemed to wipe away the years
Her face was older, just a little rough
But her eyes were still so clear

 Arte pour l’art …
Teil 2

Ein Jahr später.

Ich hatte wieder meinen Urlaubstrip und ich überlegte mir, die Stadt erneut zu besuchen. Alte Erinnerungen an die Stadt wach zu rufen und wieder zu erwecken, in der ich erheblich mehr erlebte als nur jene Affäre. Erinnerungen auffrischen und zu sehen, wie sich die Stadt entwickelt hatte. Ob die alten Stellen noch die selben Gäste, Kellner und Besitzer hätten wie damals. Nochmals das Leben dort aufsaugen. Nur für vier, fünf Tage. Ein letztes Mal „Lebewohl“ dort sagen. Auf meine Art.

Es war wohl auch der Strickpullover, der mir insgeheim einflüsterte, doch mal nachzuschauen, wie es dem Rest des Wollfadens noch ging, ob er da irgendwo noch herumliegen würde. Ob Ariadne vielleicht noch den roten Faden in ihren Händen hielt.

Ich kam in der Stadt an. Die Sonne schien. Der altbekannte Geruch der Strassen rief in mir die altbekannte wohligen Erinnerungen der Vergangenheit hoch. Die Menschen um mich herum spielten Klavier auf den Saiten meiner Erinnerungen und riefen Assoziationen in mir wach. Wie in einem Trancegefühl der Erinnerungswellen lief ich mit meiner Reisetasche an dem Busbahnhof vorbei.
Meine Füsse berührten alten Boden und ich wusste, welche Richtung ich zu gehen hatte.
Wohin mich der Weg führen würde.
Welches Hotel ich aufsuchen würde.
Was ich danach als nächstes tun würde.

Eine Gruppe von drei Zivilpolizisten stand an einer Wand und versuchte beruhigend auf jemanden einzureden, der verdeckt war.
Ich ging zügig weiter.
Die Perspekive und der Betrachtungswinkel der Szene änderte sich.
Die Polizisten hatten offenbar eine besoffene Person abgezirkelt.
Eine übliche immer mehr verbreitete Tendenz, dass man ungeliebtes Pack von öffentlichen Plätzen und Gebäuden fern halten will, ging mir durch den Kopf.
Ein erneuter Blick von mir zeigte, dass es eine Frau in einem leicht angegrauten Mottenfiffi auf die Polizisten einzureden versuchte.
Ungewöhnlich für diese warme Jahreszeit.
Sie kriegte allerdings kein Wort heraus.
Das einzige was zu hören war, waren Zisch- und Röchellaute.
Die Frau hob ihre Hand und ihren Kopf und zog mit ihrem Zeigefinger über ihre Kehle.

Mir lief beim Anblick der Kehle das kalte Grausen über den Rücken.

Auf ihrer Kehle liefen mehrere langliche Quernarben. Die Narben waren offenbar verheilt, aber nicht sehr alt.
Die Frau hatte offensichtlich Selbstmord mit einer Rasierklinge versucht und sich dabei wohl die Stimmbänder zerschnitten und überlebt.

Erst jetzt blickte ich der Frau ins Gesicht und erkannte

ANA ExclamationShocked


Ich ging weiter und richtete meinen Blick erstarrt vor mir auf den Boden. Und ging und ging.
Sie hatte mich nicht gesehen.
Nein, eigentlich ging ich nicht mehr. Ich lief hastig weiter. Ich floh.
Zum nächsten Taxi.
Zum Hotel.
Ins Zimmer.

Am nächsten Tag verlies ich die Stadt sofort wieder …

… der weiter gestrickte Pullover gehört mir noch immer …

… Ende? Sowas hat nie ein Ende …

 It’s not always true that time heals all wounds
There are wounds that you don’t wanna heal
The memories of something really good
Something truly real, that you never found again

 

The Actor

 Principal actors to the stage please,
Act One is about to begin in 8 seconds.


Wie ich dazu kam?
Wie die Jungfrau zum Kinde?
Wohl eher nicht.

Eigentlich wollte ich nur eine Reportage mit einem Interview machen.
Das Stück „Maria kämpft mit den Engeln“ von Pavel Kohout sollte in vier Wochen aufgeführt werden.
Meine erste längere Reportage, mein erstes Interview für die Zeitung. Ich war ausgewählt worden. Ich wäre geeignet dazu.
Nur Mut, du schaffst es. Wir vertrauen auf dich.

Nervösität machte sich vor dem Termin bei mir breit.
Die beiden Regisseure hatten mich schon begrüsst und leiteten die Probe.
In einer der mittleren Reihen hockte ich und ließ die Probe auf mich wirken.

We all watch
The Actor Acting.


Und in der ersten Reihe die beiden Regisseure, welche verschiedene Anweisungen gaben und immer wieder korrigierend eingriffen.
Weder Stück noch Inhalt waren mir bekannt. Trotzdem merkte ich worum es ging.
Die Schauspieler spielten ihre Rolle, brachen aus und ärgerten sich über Fehler und ich merkte es oftmals viel zu spät. Ein faszinierendes Ratespiel, was zum Theaterstück gehörte und was zum Leben der Schauspieler.

Irgendwann kamen die beiden Regisseure auf mich zu und ich zückte meinen Block mit den vielen Stichworten und Fragen. Ich fühlte mich bereit für meinen ersten ernsteren journalistischen Einsatz.

Sie begrüssten mich und fragten, ob es mir gefallen hätte.
Ein munteres Interview und mein Block füllte sich.
Hintergrund-Infos sprudelten.
Es ging dem Ende entgegen.

“ Und nun haben wir noch ne Frage an Sie“, meinte er zu mir.
„In unserem Stück ist die kleine Rolle des Metzgers frei geworden. Der Schauspieler wollte nicht mehr und wir suchen dringend Ersatz!“

You love to act, I wish you would,
It’s not acting, it’s re-acting
Act like you’re not from out of space,
When I’m on stage I feel alive


So stand ich eines Abends auf der Bühne, hatte eine Metzgerschürze, eine Metzgermütze und ein Metzgerbeil in den Händen.
Zerhackte auf der Bühne eine Salami.
Antwortete auf eine Frage in perfektem Französisch.
Und hatte dann meinem alleinigen Abgang von der Bühne mit einem kräftigen:

“ SCHEISS DRAUF, ICH WÜRD DRAUF SCHEISSEN!“

Bretter, die die Welt bedeuten und die süchtig machten.
Applaus ist das Brot des Künstlers und zum Schluss wurden wir fleissig vom Publikum gefüttert.
Vorhang auf Vorhang, bis er nicht mehr aufgehen wollte und die Technik versagte.

Bis heute spreche ich kein Wort Französisch. Wenn ich was französisches lese, kann ich es maximal mit meinem Portugiesisch-Verständnis übersetzen.
Mehr nicht.

Bis auf eben jenen Satz, den ich auf der Bühne sprechen gelernt hatte.
Von dem ich nicht weiß wie er geschrieben wird.
Ein Satz, der Franzosen spontan aufstrahlen lässt, bevor ich Ihnen auf Englisch erkläre, dass es mein einzigstes Französisch ist.
Ein Satz, der andere imponiert, obwohl wenig wert ist:

„Aber ja, Madame. Ich spreche perfekt französisch. Meine Großmutter war Französin.“

You are the Alpha Male,
I’m just too pretty for that role
You are the good, you are the great,
The words have power

 

Lovelight

Now you’re making holes in my heart
And yes it’s starting to show

Heute morgen,
als ich aufgestanden bin,
habe ich dir einen Gedanken geschickt

Return to sender, address unknown.
No such person, no such zone.

Since you walked right into my life
And interrupted my flow

 

Rudebox

Do the rudebox, Shake your rudebox

Ich war Kriegsgewinnler.
Eindeutig, ich war einer der Gewinner des zweiten Golfkriegs, als die Koalition der Alliierten 1991 in einem “ Desert Storm“ die Irakischen Militärs aus Kuwait trieben und sie in deren eigenen Land in die Enge trieben.

Um Kriegsgewinnler zu werden, brauchte ich nicht mit Helm und Gewehr blutiges Soldatenhandwerk erledigen.
Ganz im Gegentum.
Ich war im Grunde während des Wüstensturms sowohl paralysiert als auch sauer.
Paralysiert weil ich es nicht glauben konnte, was da vor sich ging.
Und sauer, weil die obersten Moralapostel dieses Landes hier meinten, wir könnten nicht einfach Karneval feiern, während woanders Menschen für Freiheit ihr Blut auf den Ölfeldern hinterliessen.
Als ob das letztere vorher nie zu den Karnevalszeiten passiert wäre.

Der Krieg war vorbei und ich las im März in der Süddeutschen Zeitung eine ganzseitige Anzeige der „British Airways“.

Viele hatten vor dem Fliegen Angst und rechneten ernsthaft, dass „Lockerbie“ sich jederzeit wegen des Krieges wiederholen könnte.
So lobte die BA also Tickets in der ganzen Welt für Flüge nach England aus. In Brasilien ebenso wie in Deutschland.

Vorbedingung?
Coupon ausschneiden, auf eine Postkarte kleben und einschicken.

Irgendwann im Mai übergab mir mein Vermieter einen Brief der BA. Ich geriet ins Grübeln, war ich doch in meinen Leben bis dato nur einmal geflogen.
Interkontinental.
Aber das war die IBERIA.
Ich öffnete also den Brief und … ich wurde zum Kriegsgewinnler für zwei Personen nach London.

Mit meinem Freund stiegen wir in den Flieger und freuten uns wie Schnitzel auf paar Tage London.
Abends in der Dunkelheit
erreichten wir „Piccadilly Circus“.
Keinen Plan von nichts, aber das volles Hörnchen. So liefen wir durch London City.
Ohne jegliche feste Übernachtung, aber mit Schlafsäcken und in der Überzeugung, dass sich uns schon ne Möglichkeit bieten würde.
Wir prosteten uns unter Nelson zu und schauten den Tauben beim Kacken zu. „Trafalgar Square“  grüssen.
Irgendwann des Nachts kamen wir dann an einer billigen chinesischen Imbissbude vorbei und bestellten uns dort jeder eine Styroporschale chinesisches Essen.
Wir schluckten unseren ersten Bissen und mein Freund bemerkte nur trocken:
“ Das schmeckt ja wie Hund hinten.“

„Rudebox“ eben.
Das wäre damals die passende Übersetzung dazu gewesen.
Wie Hund hinten.
Jetzt wissen wir es, Robbie sei Dank.

Aber was singt Robbie Williams sonst noch in diesem Lied?

Achtung, zuerst noch ’ne Warnung!

Parental Advisory

Jack those jills shake your Playtex rock 3 stripes not the asics
A. D. I. D. A. S old school cos it’s the best – yes
Tk max cost less yes

Kann man sowas überhaupt übersetzen?
Ja, es geht.
„jack and jills“ heisst übersetzt Extacy.
„Playtex“ bedeutet Kondom.
„asics“ eine Turnschuhmarke? Vielleicht.
Denn nachher singt er buchstabierend A.D.I.D.A.S.
Aber „asics“ steht auch für „Aplication Specific Integrated Circuits“, also für schnelle Schaltkreise, die interne Kurzschlüsse zur Schaltung nutzen.
Und A.D.I.D.A.S. ist mitnichten eine Schuhmarke sondern die Abkürzung für
„All Day Long I Dream About Sex“.
Und was heisst zum Teufel heisst „TK max“?
„Maximal Team Killer“. Das ist jemand der in online-Spielern in einem Team seine eigenen Leute umbringt. Entweder weil er das Spiel nicht beherrscht oder weil er egoistischerweise seine eigenen Erfahrungspunkte günstig auf Kosten anderer hochschrauben möchte.

Rudebox.
„A dogs arse. The ass of a canine.“
Hört sich nicht nur eben an „wie Hund hinten“.

Wie kann man aber das Lied überhaupt verstehen, wenn nichts so klingt wie er singt?
Und wenn man nicht dafür fünfzehn Jahre Stoke-on-Trent in Staffordshire hinter sich gebracht hat?

Woher ich glaube das Lied überhaupt verstehen zu können?

EInfach mal unter Urban Dictionary nachlesen.
Dort wird all das übersetzt, was wir bei unseren Oxford-English-Unterrichtsstunden nie beigebracht bekommen.

Viel Spass beim Übersetzen der Liedzeile:
„Ok bum rush the show I got high speed dubbing on my stereo.“

Rudebox eben.

Grab this double fantasy where we just never stop,
I’ve got one desire and that’s to funk you to the top.
Know what’s on my mind
There’s only one thing you will find,
I got one desire and that’s to bump you ‚till you drop

 

Dickhead

  What’s your problem, dickhead?

Ich hann met ührer Loogik nix ahm Hoot,
Ding Schachfijure hann et denke geliert.

Irgendwann auf der Londoner M25 erreichte mich der Anruf des Personalchefs.
Ich hätte doch mit Sicherheit ein besseres Angebot erhalten und deshalb habe ich gekündigt.
Nein, entgegnete ich ihm. Ich hätte wegen der Firma gekündigt. Ich spiele da nicht mehr mit. Es gebe auch noch ein Leben nach der Firma.
Was ich damit meine?
Ich meine damit die Personalpolitik. Immer mehr Aufgaben auf immer weniger Leute mit jedesmal nach oben hin angepassten Zielen bei gleichzeitig reduzierter Fähigkeit der Firma auf deren Mitarbeiter zu hören.

Ich hätte doch sicherlich schon eine neue Arbeit, warf der Personalchef ein.

Nein, entgegnete ich. Ich würde jetzt das wichtigste in meinem Leben wahr nehmen. Etwas, was diametral mit den Aufgaben der Firma entgegenstehen würde. Und zwar meine Freundin.
Ob ihm schon mal aufgefallen sei, dass die Mehrheit der Mitarbeiter der Firma geschieden sei, fragte ich den Personalchef provozierend.

I’ve nothing for your, dickhead.
Go to bed, dickhead.

Irritiert wusste er auf diesen Fakt nichts zu antworten.
Tja, bei meinem Bewerbungsgesrpäch war er damals erheblich wortgewandter gewesen.

Aber nicht nur er sondern viele der Firma waren sprachlos.

Sie haben doch garantiert einen neuen Job, oder?

Das war keine Entscheidung für einen neuen Job, sondern eine Entscheidung gegen meinen gegenwärtigen Job, so war meine selbstbewusste Antwort. Und sie entsprach der Wahrheit.

I found the DICKHEAD OF THE YEAR
and you’re  fu c k ing  it.
Where is the cause?
No cause?

Ich stand noch immer im Stau der Londoner Autobahn M25, als der Personalchef mir sagte er würde mit mir noch ein abschliessendes Gespräch führen. Weil er ja in seinen Zielen Mitarbeiterzufriedenheit stehen hat. Dann wünschte er mir noch ne schöne Zukunft und legte dann auf.

Er meldete sich nie wieder, obwohl er mit mir noch das angekündigte Gespräch führen wollte.

Später erfuhr ich, dass in den geänderten Planungen der Firma der Arbeitsinhalt meines Jobs auf meine verbleibenden Ex-Kollegen umverteilt wurde.

Wie immer, wie zuvor auch.

Französische Personalpolitik …

Mein Zeugnis erhielt ich ein halbes Jahr später.
Allerdings nur über einen eingeschalteten Rechtsanwalt.

Why do you   pi s s ed   me off this class, dickhead.
Isn’t it lovely,
That we can still be good friends?
Now you still want me, because I’m still lovely, baby.
Dickhead.

Nach dem Telefongespräch nahm ich mir meine CD-Mappe hervor, zog mir die CD von Eminem, schob sie in meinen CD-Player und englische Autofahrer konnten die seltsamen Gymnastik-Aufführungen eines Deutschen zu den Klängen von „Sing for the moment“ zuschauen!

Yeah!

Bongo Bong/Je Ne T’Aime Plus


Mama was queen of the mambo
Papa was king of the Congo
Deep down in the jungle
I started bangin‘ my first bongo
Every monkey’d like to be
In my place instead of me
Cause I’m the king of bongo

… Eigentlich hätte der Thread doch eher

Kulturschock

heissen können / sollen / müssen / dürfen / usw., aber warum einfach, wenn es auch komplizierter geht? Eben drum …

Es ist mittlerweile fast 20 Jahre her .
Mein IBERIA-Flieger brachte mich von fast fünf Wochen des Kennenlernens von Südbrasilien zurück.
War es noch strahlend blauer Himmel am Flughafen von Rio und eine gesunde Wärme, sah es in Madrid bei der Zwischenlandung schon grauer und regnerischer aus. Aber wen interessiert schon Madrid, wenn Erinnerungen von 34 Tagen lebendig in den Erinnerungen herumstromerten.

Ich kam zurück von Brasilien nach Deuschland.

Der Blick durchs Flugzeugbullauge klärte mich darüber auf, dass ich doch ein paar Sachen extra anziehen würde müssen. Unter mir erstreckte sich also meine Heimat. Wie leicht gezuckert lag leichter Schnee auf den Feldern. Die Resultate der landwirtschaftlichen Herbstbewirtschaftung trat jetzt deutlich zu Tage. Jedes Feld ein Quadrat, ordentlich gescheitelt und gekämt. Ich bin zwar ein Landei, aber nie war mir dieses so deutlich geworden wie damals im Flieger zurück nach Deutschland. Klar, dass Felder so aussehen mussten. Die traditionelle konventionelle Landwirtschaft kannte nur harken, säen und ernten. Ach ja und Jauche ausfahren. Ein Lieblingssport im Sommer, wenn es heiss war.

In knapp fünf Wochen hatte ich mich an einem verwalteten Chaos gewohnt gehabt: Bushaltestellen ohne Fahrpläne; Leute mit dem genauen Zeitgefühl einer relativen speziellen Relativitättheorie; Schlangen vor bestimmten Geschäften und trotzdem irgendwie keine wütende oder hetzende Ungeduld; Telefone, die in erster Linie fleissig fichas schluckten, um dann eine bescheidene Verbindung zu bringen; paramilitärisch ausschauende Polizisten mit grauen Stahlhelmen, auf denen ein PM prangte; Fahrzeuge, die irgendwie aus dem europäischen Jahrzehnt zuvor erschienen, aber trotzdem voll in Schuss schienen; an jeder Ecke ein Käfer („fusca“); fliegende Kakerlaken; leckere Bananen; dutzende fruchtige Früchte, die ich noch nicht mal im Supermarkt in D-Land kannte; spontane Besuche und nirgendwo war man wirklich unerwünscht; Feten, die auch ohne Bier durchstarteten (obwohl meistens Bier dann später kam, es herrschte eine konjunkturelle Bierflaute verursacht durch die Brauereien); aufrichtiges Lachen und trotzdem Gemauschele; Gott musste wirklich Brasilianer sein.

Im grossen Ganzen lernte ich einen unverkrampften Pragmatismus kennen, der natürlich auf mich abfärbte wie Rotwein auf weisser Kleidung. Ja, lieber Rotwein trinken und lustig sein, als Tee trinken und abwarten. Lieber locker vom Hocker als hektisch überm Ecktisch. Abgegriffene Sponti-Sprüche der 80er, jedoch treffend.

So landete ich also wieder in Frankfurt (… und bei jeder Landung – ob in Madrid, Rio oder Frankfurt – gab’s noch einen riesen Applaus des fliegenden Publikums …).

Koffer fassen, die BGSler prüfend anschauen, ob die was von mir wollten, dann raus und rüber zum alten Untergrundbahnhof der DB. Fahrplan abchecken (kein Ticket ziehen, da ich auf Bundeskosten fahren durfte) und der sagte, dass der nächste Zug in 34 Minuten käme. Und so war es dann auch. Pünktlich wie die Maurer (damals!).

Rauf in den Norden ins westfälische Kuhkaff (altbekannter Witz: Wisst ihr warum der Bahnhof von XY so weit draussen vor dem Dorf liegt? Damit das Dorf auch noch nen Bahnanschluss hat …) , Begrüssung der Eltern in der eisigen Kälte. Die Tage danach Akklimatisierung und jet-lag-Bekämpfung. Und dann zwei Tage später „Heilig Abend“. Kirchgang. Nach der Christmette auf dem Kirchhof weihnachtlich besinnliches Rumhüpfen in der Kälte, um noch den ein oder andern Small-Talk (auf alt-deutsch: „Klatsch und Tratsch“) zu führen. Dort bin ich Freunden wiederbegegnet.

Und einer (Karlchen) sagte mir dann wörtlich: „Mensch, komm doch mal vorbei. Erzähl mal von Brasilien hört sich ja spannend an. Du hast ja sicher mächtig was zu erzählen.“

Und damit begann ein Verhängnis, was nachhaltig zum Kulturschock beitragen sollte:
1. Weihnachtstag. Es wurde abend so gegen 17:00 Uhr. Ich rief noch meinen Eltern zu: „Ich radle noch mal eben zu Karlchen. Der hat mich eingeladen von Brasilien zu erzählen.“ Die seltsamen Blicke meiner Eltern hatte ich nicht verstanden. Fünf Wochen Brasilien hatten mir den deutschen Instinkt für Formelhaftigkeiten und Etiketten eingeschläfert.

Ich kam bei Karlchen ne Viertelstunde später an und fing an fleissig zu erzählen. Was ich seltsam fand, dass seine Eltern nicht auftauchten und nur einer seiner beiden geschwister mal für ne kurze Zeit reinschaute. Aber ich machte mir keine Gedanken und erzählte und erzählte und erzählte und Karlchen fragte sichtlich interessiert und hielt somit das Gespräch in Gange.

Die Zeit verflog und das gleiche sollte auch mit meiner Unbekümmertheit recht schnell geschehen.

Es war so gegen 19:30 Uhr, als plötzlich die Wohnzimmertür aufflog und die Eltern von Karlchen das Räumkommando spielten. Die beide strömten gleichzeitig in das Zimmer und deren Gesichter sahen alles andere als freundlich aus.

„Herr Careca, haben Sie kein Zuhause?“ knallte es mir von ihr entgegen.
„Jo. Stimmt“, kam es vom Mann zurück.

Die Geschwindigkeit, mit der sie sich mir näherten, war alles andere als vertrauenserweckend.

„Herr Careca, Heilig Abend und der erste Weihnachtstag gehören der Familie und der zweite der Verwandschaft!“ blaffte sie mich wie aus einem Maschinengewehr an und rief mir mein Vergehen gegenüber der deutschen Tradition knallhart ins Gedächtnis zurück.

„Jawohl!“ kam es vom Mann.

Ich versuchte mich stotternd zu entschuldigen. Aber es kam nichts vernünftiges heraus. Der Kontrast von brasilianischer und deutscher Gesellschaft und die sich daraus ergebenen zwei unterschiedlichen Realitäten blockierten mein Hirn.

Und beide näherten sich mit hoher Geschwindigkeit, so dass ich instinktiv nur noch an FLUCHT dachte, wie um mein Leben zu retten.

„Sie haben unser Weihnachten verdorben, Herr Careca! Das ist unser Haus! Nicht Ihres! Das ist unser Fest! Suchen Sie sich doch Ihr eigenes und nicht bei uns!“

„Sie haben es verdorben!“ echote es von ihm.

Sie war schon auf Greifweite nah und ich fand meine Jacke, riss sie an mich, stemmte mich aus dem weichen Sessel und sprang Entschuldigungen stammelnd Richtung Ausgang. FLUCHTartig. Adrenalin pur in den Adern. Ob die Fra
u mich geschlagen hätte, wäre sie meiner habhaft geworden? Ich weiss es nicht, aber ich befürchtete es damals und auch noch heute.

Mein Freund selber stand entsetzt im Raum und brachte selber kein Wort heraus.

Zwei Jahre später trafen wir uns zufällig und redeten nochmals über jene Szene zum „Fest der Liebe“. Ihm war die Szene hochnot peinlich und war zutiefst beschämt, so drückte er sich selber aus. Meine Erzählungen über das Erlebte in Brasilien (POA und Umgebung) waren für ihn faszinierend und er spürte, dass da was war, was es vorher in mir nicht gab. Er sprach von einer Lebendigkeit und Lebensfreude, die er total klasse und passend zum Weihnachtsfest empfand. Jedoch als seine Eltern reinstürmten, sei es wieder kalt im Raum geworden. Die ganze Zeit war er mir ausgewichen, da er mir nicht in die Augen sehen konnte. Das war übrigens wechselseitig: Ich war auch ihm ausgewichen, weil ich ja die erklärte Ursache dafür war, dass einer Familie das Weihnachtsfest verdorben worden war. Das steckte in mir.

Jenen Abend legte ich die drei Kilometer-Strecke in weniger als zehn Minuten bei Schnee und Eis zurück, um die eisige Lähmung des Geschehenen weg zu strampeln. Es gelang allerdings nie mehr. Seit jenem Abend ist meine private Meinung über das deutsche Weihnachten bei mir eingebrannt wie damaligen Sklaven das Brandeisen.

Weihnachten sind drei langweilige Tage mit Friedhofsruhecharakter, obwohl verdammt viele Menschen bei der Geburt deren eigenen Kinder viel mehr Begeisterung aufkommen lassen (und über jeden Besuch sich freuen), als bei der Geburtstagsfeier für jenes Menschen, von dem sie ihr Seelenheil erwarten. Wo sind die Feten und Feiern? Ist das Fest der Liebe nur was für die eigenen vier Wände? Die weihnachtlichen Gottesdienste als Cat-Walks der Eitelkeiten und der Präsentation der Geschenke? Sehen und gesehen werden? Ist das wirklich alles?

(*Häresiemodus on*) Wenn wundert es, dass viele nach vier, fünf Monaten wieder aufatmen und sagen „Nu isser wieder angenagelt und alles hat wieder seine Ruh! Jetzt können wir wieder weitermachen.“ Damit diese Zeit nicht allzu öde wird (“ Wir warten aufs Kreuzigen ! „), hat man in gewissen Regionen gleich noch ein wenig karnevalistisches in den Zeitraum reingelegt. Manche können halt nicht dauernd nur warten stattdessen als Ventil organisiertes Feiern mit Narhalla-Marsch und roter Schnapps-Nase … dann aber lieber „ALAAF mit“ als nur ein trockenes dreifaches „Helau ohne“ … das ganze als Abwechselung zur erwarteten Bunny-Zeit … (*Häresiemodus off*)

Meine Eltern waren über meinen Bericht gleichfalls nicht begeistert, sagten aber nichts, da es sich bei den Eltern beides um sogenannten „graue Eminenzen“ der Dorfgemeinschaft zählten.

Weihnachten ist schön für die, die es noch er-leben können …

Später war ich zu Weihnachten mal in Rio. Und da wurde mir schon klar, dass diese Feiertage allein den Familien vorbehalten bleiben. Singles haben an solchen Tagen immer so ne Art Arschkarte gezogen. Es wurde mir klar, dass mein obiges Verständnis von Feten und Feiern wohl nirgendwo auf der ganzen christlichen Welt entsprochen werden kann. Jedes Land – egal ob Deutschland oder Brasilien – hat seine Einstellung zu so einem Fest und das muss ich berücksichten (Häresiemodus von vorhin hin oder her). Das ist halt so.

In Rio war es zur Weihnacht zwar auch still, aber beileibe nicht so friedhofsstill wie in D-Land es immer ist. Aber das ist eine andere Geschichte …

Je ne t´aime plus mon amour
Je ne t´aime plus tout le jour
Je ne t´aime plus mon amour
Je ne t´aime plus tout le jour

Dickhead

  What’s your problem, dickhead?

Ich hann met ührer Loogik nix ahm Hoot,
Ding Schachfijure hann et denke geliert.

Irgendwann auf der Londoner M25 erreichte mich der Anruf des Personalchefs.
Ich hätte doch mit Sicherheit ein besseres Angebot erhalten und deshalb habe ich gekündigt.
Nein, entgegnete ich ihm. Ich hätte wegen der Firma gekündigt. Ich spiele da nicht mehr mit. Es gebe auch noch ein Leben nach der Firma.
Was ich damit meine?
Ich meine damit die Personalpolitik. Immer mehr Aufgaben auf immer weniger Leute mit jedesmal nach oben hin angepassten Zielen bei gleichzeitig reduzierter Fähigkeit der Firma auf deren Mitarbeiter zu hören.

Ich hätte doch sicherlich schon eine neue Arbeit, warf der Personalchef ein.

Nein, entgegnete ich. Ich würde jetzt das wichtigste in meinem Leben wahr nehmen. Etwas, was diametral mit den Aufgaben der Firma entgegenstehen würde. Und zwar meine Freundin.
Ob ihm schon mal aufgefallen sei, dass die Mehrheit der Mitarbeiter der Firma geschieden sei, fragte ich den Personalchef.

I’ve nothing for your, dickhead.
Go to bed, dickhead.

Irritiert wusste er darauf nicht zu antworten.
Bei meinem Bewerbungsgesrpäch war er damals erheblich wortgewandter gewesen.

Aber nicht nur er sondern viele der Firma waren sprachlos.

Sie haben doch garantiert einen neuen Job, oder?

Das war keine Entscheidung für einen neuen Job, sondern eine Entscheidung gegen meinen gegenwärtigen Job, so war meine selbstbewusste Antwort.

I found the DICKHEAD OF THE YEAR
and you’re  fu c k ing  it.
Where is the cause?
No cause?

Ich stand noch immer im Stau der Londoner Autobahn M25, als der Personalchef mir noch ne schöne Zukunft wünschte und dann auflegte.

Er meldete sich nie wieder, obwohl er mit mir noch ein Gespräch führen wollte.

Ich erfuhr, dass in den geänderten Planungen der Arbeitsinhalt meines Jobs auf die verbleibenden Kollegen umverteilt wurde.

Wie immer zuvor auch.

Französische Personalpolitik …

Mein Zeugnis erhielt ich nur mit dem Rechtsanwalt.

Why do you   pi s s ed   me off this class, dickhead.
Isn’t it lovely,
That we can still be good friends?
Now you still want me, because I’m still lovely, baby.
Dickhead.

Nach dem Telefongespräch nahm ich mir meine CD-Mappe hervor, zog mir die CD von Eminem, schob sie in meinen CD-Player und englische Autofahrer konnten die seltsamen Gymnastik-Aufführungen eines Deutschen zu den Klängen von „Sing for the moment“ zuschauen!

Yeah!

Summertime

This is how we feel in the summertime
This is how we feel in the summer

Sie sah mich an und schüttelte den Kopf.
“ Du bist nicht nur unvernünftig, du scheinst ja auch noch verrückt zu sein.“
Ich lachte sie an.
Sie schüttelte nur den Kopf und sah mich ungläubig an.
“ Du wirst diese Nacht nicht schlafen können!“
Ich konnte jene Nacht nicht schlafen.
Wir konnten beide jene Nacht nicht schlafen.
Wir wollten nicht.
“ Du bist verrückt!“

Got my my glass of shandy
Now I feel fine
This is how I pray in the summer

“ Du wirst Dich ärgern, wenn du älter wirst. Deine Haut wird älter ausschauen, als du selber sein wirst!“
Ihre feinen Gesichtszüge umrahmt von einem gelockten Mahagoni-Schopf, der im Wind wiegend schwebte.

“ Du wirst Hautkrebs bekommen.“
Sie reichte mir eine Zigarette.
Mit nichts bekleidet ausser einer Zigarette, bedeckt mit dem Salz der wärmenden Luft und entspannt liegend auf einer Matraze aus weichem Sand.

If the more you pray
The more you stay
The less it’s gettin you down

“ Du solltest aus der Sonne rausgehen, du riskierst sonst einen Sonnenstich.“
Verbrannte Haut.
Haut mit Blasen.
Blasse Winterhaut unter der Sonne des normalen Sommers.
“ Du solltest dich abkühlen. Dort am Posto gibt es Duschen.“
Sie reichte mir den Metallbecher mit dem gekühltem Rotwein.
Mit einer natürlichen Leichtigkeit stiess sie an.
Ihre roten Lippen umschlossen den Rand des Metallbechers, ihre Augen drangen in den meinen und ihre Blicke unter meiner Haut.
Ihre Hand umschloss spielerisch den silbernen Metallbecher, als sie ihren Schluck nahm.
Der kühle Wein rannte mir durch die Kehle und zeitgleich ihre grünen Augen in mein offenes Herz.

Take a break from the strain
Get out your card
And drink a glass of wine
Admit it you feel great

“ Ich dachte, du wärest einer von uns.“
Sie ging formvollendet runter in die Hocke, raffte ihren Kanga mit der riesigen Landesflagge aus dem weissen Sand und verstaute das Tuch in ihrer flache Basttasche.
Einen Moment
verblieb sie in der Hocke.
Einen Moment zu lange.
Ihr entwaffnendes Lachen umhüllte mich wie ein Schutzschild.
Sie verlor ihr Gleichgewicht.
Sie fiel.
Sie fiel mir entgegen.
Unsere Arme umarmten sich.
Unsere Herzen kamen uns näher.
Haut auf Haut.
Zahn zu Zahn.
Gefühl zu Gefühl.
Warm und zart sich den Weg dazwischen hindurch suchend
.

What’s mine is yours
What’s yours is mine
This is how I play, yeah

“ Du musst dich eincremen. Du wirst nicht schlafen können.“
Die Nacht kam gelindert durch ihre Creme.
Zarte, kräftige Hände Zeugnis ihre Handlungsfähigkeit.
Ihre Creme, einzigartig heilend.
Perfekte Handarbeit.
Da wo die Hitze der Nacht uns umgab.
In der Hitze der Nacht.
Wo die warme Sommerbrise uns auf dem Balkon umfangen hielt.
Erhitzte Körper, gekühlt durch den leichten Windhauch, der unseren Schweiss mitnahm.
Das Rauschen des Meeres, unseren gemeinsamen Kanon untermalend hinaustragend in die ozeanischen Weiten des Meeres.
Auf und davon.
Das, was endlich zusammen gehörte, kam zusammen.
Clash zweier Kulturen in Harmonie

This is how we feel in the summertime
This is how we feel in the summer
Take it back to the summer of 89
This is how I play, yeah, oh

Später im Flieger.
Den Rücken halb vernarbt.
Andenken der Sonne des Landes und ihrer Fingernägel auf meiner Kehrseite.
Von nichts, kommt nichts.
Die Kladde auf meinen Knien, das Glas Rotwein in meiner Hand, auf den Kugelschreiber kauend.
Suchend nach Worten.
Suchend nach ihren Atem in meinem Ohr.
Ihrem Geschmack auf meiner Zunge.
Ihrem Geruch in meiner Erinnerung.
Ihrer Stimme als Echo in meinem Körper.
Ein Herz schlagend und rufend.
Eine Seele im Gleichklang schwingend und kompromisslos fordernd.
Ein Geist, beharrlich gleich dem eines Mantras, der mir stetig das Gleiche vortrug.
Das Geheimnis, welches sie mir in jener Nacht als Rezept des Lebens in mein offenes Ohr hauchte:
.
.
.
.
.
.

Lebe!!!

Autumn time leaves fallin‘ all around
Wintertime follows suit
Little bunnies freezin‘ in the snow
Winter’s such an ugly brute