Mama was queen of the mambo
Papa was king of the Congo
Deep down in the jungle
I started bangin‘ my first bongo
Every monkey’d like to be
In my place instead of me
Cause I’m the king of bongo
… Eigentlich hätte der Thread doch eher
Kulturschock
heissen können / sollen / müssen / dürfen / usw., aber warum einfach, wenn es auch komplizierter geht? Eben drum …
Es ist mittlerweile fast 20 Jahre her .
Mein IBERIA-Flieger brachte mich von fast fünf Wochen des Kennenlernens von Südbrasilien zurück.
War es noch strahlend blauer Himmel am Flughafen von Rio und eine gesunde Wärme, sah es in Madrid bei der Zwischenlandung schon grauer und regnerischer aus. Aber wen interessiert schon Madrid, wenn Erinnerungen von 34 Tagen lebendig in den Erinnerungen herumstromerten.
Ich kam zurück von Brasilien nach Deuschland.
Der Blick durchs Flugzeugbullauge klärte mich darüber auf, dass ich doch ein paar Sachen extra anziehen würde müssen. Unter mir erstreckte sich also meine Heimat. Wie leicht gezuckert lag leichter Schnee auf den Feldern. Die Resultate der landwirtschaftlichen Herbstbewirtschaftung trat jetzt deutlich zu Tage. Jedes Feld ein Quadrat, ordentlich gescheitelt und gekämt. Ich bin zwar ein Landei, aber nie war mir dieses so deutlich geworden wie damals im Flieger zurück nach Deutschland. Klar, dass Felder so aussehen mussten. Die traditionelle konventionelle Landwirtschaft kannte nur harken, säen und ernten. Ach ja und Jauche ausfahren. Ein Lieblingssport im Sommer, wenn es heiss war.
In knapp fünf Wochen hatte ich mich an einem verwalteten Chaos gewohnt gehabt: Bushaltestellen ohne Fahrpläne; Leute mit dem genauen Zeitgefühl einer relativen speziellen Relativitättheorie; Schlangen vor bestimmten Geschäften und trotzdem irgendwie keine wütende oder hetzende Ungeduld; Telefone, die in erster Linie fleissig fichas schluckten, um dann eine bescheidene Verbindung zu bringen; paramilitärisch ausschauende Polizisten mit grauen Stahlhelmen, auf denen ein PM prangte; Fahrzeuge, die irgendwie aus dem europäischen Jahrzehnt zuvor erschienen, aber trotzdem voll in Schuss schienen; an jeder Ecke ein Käfer („fusca“); fliegende Kakerlaken; leckere Bananen; dutzende fruchtige Früchte, die ich noch nicht mal im Supermarkt in D-Land kannte; spontane Besuche und nirgendwo war man wirklich unerwünscht; Feten, die auch ohne Bier durchstarteten (obwohl meistens Bier dann später kam, es herrschte eine konjunkturelle Bierflaute verursacht durch die Brauereien); aufrichtiges Lachen und trotzdem Gemauschele; Gott musste wirklich Brasilianer sein.
Im grossen Ganzen lernte ich einen unverkrampften Pragmatismus kennen, der natürlich auf mich abfärbte wie Rotwein auf weisser Kleidung. Ja, lieber Rotwein trinken und lustig sein, als Tee trinken und abwarten. Lieber locker vom Hocker als hektisch überm Ecktisch. Abgegriffene Sponti-Sprüche der 80er, jedoch treffend.
So landete ich also wieder in Frankfurt (… und bei jeder Landung – ob in Madrid, Rio oder Frankfurt – gab’s noch einen riesen Applaus des fliegenden Publikums …).
Koffer fassen, die BGSler prüfend anschauen, ob die was von mir wollten, dann raus und rüber zum alten Untergrundbahnhof der DB. Fahrplan abchecken (kein Ticket ziehen, da ich auf Bundeskosten fahren durfte) und der sagte, dass der nächste Zug in 34 Minuten käme. Und so war es dann auch. Pünktlich wie die Maurer (damals!).
Rauf in den Norden ins westfälische Kuhkaff (altbekannter Witz: Wisst ihr warum der Bahnhof von XY so weit draussen vor dem Dorf liegt? Damit das Dorf auch noch nen Bahnanschluss hat …) , Begrüssung der Eltern in der eisigen Kälte. Die Tage danach Akklimatisierung und jet-lag-Bekämpfung. Und dann zwei Tage später „Heilig Abend“. Kirchgang. Nach der Christmette auf dem Kirchhof weihnachtlich besinnliches Rumhüpfen in der Kälte, um noch den ein oder andern Small-Talk (auf alt-deutsch: „Klatsch und Tratsch“) zu führen. Dort bin ich Freunden wiederbegegnet.
Und einer (Karlchen) sagte mir dann wörtlich: „Mensch, komm doch mal vorbei. Erzähl mal von Brasilien hört sich ja spannend an. Du hast ja sicher mächtig was zu erzählen.“
Und damit begann ein Verhängnis, was nachhaltig zum Kulturschock beitragen sollte:
1. Weihnachtstag. Es wurde abend so gegen 17:00 Uhr. Ich rief noch meinen Eltern zu: „Ich radle noch mal eben zu Karlchen. Der hat mich eingeladen von Brasilien zu erzählen.“ Die seltsamen Blicke meiner Eltern hatte ich nicht verstanden. Fünf Wochen Brasilien hatten mir den deutschen Instinkt für Formelhaftigkeiten und Etiketten eingeschläfert.
Ich kam bei Karlchen ne Viertelstunde später an und fing an fleissig zu erzählen. Was ich seltsam fand, dass seine Eltern nicht auftauchten und nur einer seiner beiden geschwister mal für ne kurze Zeit reinschaute. Aber ich machte mir keine Gedanken und erzählte und erzählte und erzählte und Karlchen fragte sichtlich interessiert und hielt somit das Gespräch in Gange.
Die Zeit verflog und das gleiche sollte auch mit meiner Unbekümmertheit recht schnell geschehen.
Es war so gegen 19:30 Uhr, als plötzlich die Wohnzimmertür aufflog und die Eltern von Karlchen das Räumkommando spielten. Die beide strömten gleichzeitig in das Zimmer und deren Gesichter sahen alles andere als freundlich aus.
„Herr Careca, haben Sie kein Zuhause?“ knallte es mir von ihr entgegen.
„Jo. Stimmt“, kam es vom Mann zurück.
Die Geschwindigkeit, mit der sie sich mir näherten, war alles andere als vertrauenserweckend.
„Herr Careca, Heilig Abend und der erste Weihnachtstag gehören der Familie und der zweite der Verwandschaft!“ blaffte sie mich wie aus einem Maschinengewehr an und rief mir mein Vergehen gegenüber der deutschen Tradition knallhart ins Gedächtnis zurück.
„Jawohl!“ kam es vom Mann.
Ich versuchte mich stotternd zu entschuldigen. Aber es kam nichts vernünftiges heraus. Der Kontrast von brasilianischer und deutscher Gesellschaft und die sich daraus ergebenen zwei unterschiedlichen Realitäten blockierten mein Hirn.
Und beide näherten sich mit hoher Geschwindigkeit, so dass ich instinktiv nur noch an FLUCHT dachte, wie um mein Leben zu retten.
„Sie haben unser Weihnachten verdorben, Herr Careca! Das ist unser Haus! Nicht Ihres! Das ist unser Fest! Suchen Sie sich doch Ihr eigenes und nicht bei uns!“
„Sie haben es verdorben!“ echote es von ihm.
Sie war schon auf Greifweite nah und ich fand meine Jacke, riss sie an mich, stemmte mich aus dem weichen Sessel und sprang Entschuldigungen stammelnd Richtung Ausgang. FLUCHTartig. Adrenalin pur in den Adern. Ob die Fra
u mich geschlagen hätte, wäre sie meiner habhaft geworden? Ich weiss es nicht, aber ich befürchtete es damals und auch noch heute.
Mein Freund selber stand entsetzt im Raum und brachte selber kein Wort heraus.
Zwei Jahre später trafen wir uns zufällig und redeten nochmals über jene Szene zum „Fest der Liebe“. Ihm war die Szene hochnot peinlich und war zutiefst beschämt, so drückte er sich selber aus. Meine Erzählungen über das Erlebte in Brasilien (POA und Umgebung) waren für ihn faszinierend und er spürte, dass da was war, was es vorher in mir nicht gab. Er sprach von einer Lebendigkeit und Lebensfreude, die er total klasse und passend zum Weihnachtsfest empfand. Jedoch als seine Eltern reinstürmten, sei es wieder kalt im Raum geworden. Die ganze Zeit war er mir ausgewichen, da er mir nicht in die Augen sehen konnte. Das war übrigens wechselseitig: Ich war auch ihm ausgewichen, weil ich ja die erklärte Ursache dafür war, dass einer Familie das Weihnachtsfest verdorben worden war. Das steckte in mir.
Jenen Abend legte ich die drei Kilometer-Strecke in weniger als zehn Minuten bei Schnee und Eis zurück, um die eisige Lähmung des Geschehenen weg zu strampeln. Es gelang allerdings nie mehr. Seit jenem Abend ist meine private Meinung über das deutsche Weihnachten bei mir eingebrannt wie damaligen Sklaven das Brandeisen.
Weihnachten sind drei langweilige Tage mit Friedhofsruhecharakter, obwohl verdammt viele Menschen bei der Geburt deren eigenen Kinder viel mehr Begeisterung aufkommen lassen (und über jeden Besuch sich freuen), als bei der Geburtstagsfeier für jenes Menschen, von dem sie ihr Seelenheil erwarten. Wo sind die Feten und Feiern? Ist das Fest der Liebe nur was für die eigenen vier Wände? Die weihnachtlichen Gottesdienste als Cat-Walks der Eitelkeiten und der Präsentation der Geschenke? Sehen und gesehen werden? Ist das wirklich alles?
(*Häresiemodus on*) Wenn wundert es, dass viele nach vier, fünf Monaten wieder aufatmen und sagen „Nu isser wieder angenagelt und alles hat wieder seine Ruh! Jetzt können wir wieder weitermachen.“ Damit diese Zeit nicht allzu öde wird (“ Wir warten aufs Kreuzigen ! „), hat man in gewissen Regionen gleich noch ein wenig karnevalistisches in den Zeitraum reingelegt. Manche können halt nicht dauernd nur warten stattdessen als Ventil organisiertes Feiern mit Narhalla-Marsch und roter Schnapps-Nase … dann aber lieber „ALAAF mit“ als nur ein trockenes dreifaches „Helau ohne“ … das ganze als Abwechselung zur erwarteten Bunny-Zeit … (*Häresiemodus off*)
Meine Eltern waren über meinen Bericht gleichfalls nicht begeistert, sagten aber nichts, da es sich bei den Eltern beides um sogenannten „graue Eminenzen“ der Dorfgemeinschaft zählten.
Weihnachten ist schön für die, die es noch er-leben können …
Später war ich zu Weihnachten mal in Rio. Und da wurde mir schon klar, dass diese Feiertage allein den Familien vorbehalten bleiben. Singles haben an solchen Tagen immer so ne Art Arschkarte gezogen. Es wurde mir klar, dass mein obiges Verständnis von Feten und Feiern wohl nirgendwo auf der ganzen christlichen Welt entsprochen werden kann. Jedes Land – egal ob Deutschland oder Brasilien – hat seine Einstellung zu so einem Fest und das muss ich berücksichten (Häresiemodus von vorhin hin oder her). Das ist halt so.
In Rio war es zur Weihnacht zwar auch still, aber beileibe nicht so friedhofsstill wie in D-Land es immer ist. Aber das ist eine andere Geschichte …
Je ne t´aime plus mon amour
Je ne t´aime plus tout le jour
Je ne t´aime plus mon amour
Je ne t´aime plus tout le jour
Gefällt mir Wird geladen …