Es ist Samstag und Fußball – ein Ausblick

Liebe Leute des Entzugs.

Am 12. August beginnt wieder der Alltag.

Vorbei ist es dann endgültig mit den Erinnerungen an konkrete Mannschaftsnamen, welche in FIFA-Weltmeisterstadien um den goldenen Pokal Kopfstösse und Schwalben verteilten.

Der Bundesligaalltag wird uns wieder einholen.

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Jetzt geht’s wirklich los … Brasilien legt los!

Sodele.

Mitternacht ist vorbei.

In knapp 20 1/2 Stunden wird Brasilien ins Weltmeisterschaftsgeschehen
eingreifen.

Hoffentlich genau so erfolgreich, wie die restlichen Favoriten auch.
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WM Stadträte

„Ohohooooo Franz! Dass du deinem armen Tantchen keine Karten zur WM geschenkt hast!“ So tönt es momentan schluchzend durch Deutschlands Wohnstuben mit TV-Geräten.

In einem Werbespot steigt eine ältere Dame im eleganten konservativen hellen Zweiteiler einen Aufzug, wartet bis die Tür schliesst und fängt effektvoll an zu schluchzen. Dann lässt sie den obigen Satz ab und pufft den Nebenmann. Und neben ihr steht Franz Beckenbauer und spielt seine Lieblingsrolle:

Keine Ahnung von nichts aber mitlächeln. ;D

Eine jüngere Frau dreht sich um und faucht den Beckenbauer an, dass er wohl hätte mehr Dankbarkeit seiner Tante gegenüber zeigen können. Beckenbauer zuckt die Schultern und sagt einen Satz, den wohl jeder Zuhörer als Charakterisierung für ihn selber unterschreiben würde:

„Da kenn ich mich nicht mehr aus!“

:roll:
:roll:
:roll:
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Es gibt einen neuen Trend in München.
Türsteher in Diskotheken verfügen über Internetlisten, die sie heimlich immer wieder studieren.
Vor dem Münchener Rathaus stehen verschiedene Leute, die ebenfalls diese Listen besitzen und argwöhnisch jeden Menschen mit Aktentasche beaugapfeln und mit ihren Listen vergleichen.
Normale Kneipenbesucher schauen sich in diversen In-Lokalen jeden Besucher genau an und vergleichen mit diesen Listen.
Es ist unheimlich.
Offenbar haben sich ganz normale Bürger zu „Linzen und Partner“ entwickelt. Jeder ein „Sherlok Holmes und Dr. Watson“. …

Ich komme in eine Kneipe und will mir an der Theke ein Bier bestellen. Eine Menschentraube von Frauen umlagert einen lächelnden Mann, versperrt mir den Weg. Der Mann erscheint mir nicht sonderlich attraktiv, aber die Frauen mögen ihn offensichtlich. Drumherum stehen und sitzen Männer, die aufmerksam die Szenerie betrachten und mich aus den Augenwinkel mit Argusaugen misstrauisch beobachten.
Mühsam erkämpfe ich mir an der Theke ein Bier, werde aber dabei von den Frauen zum Teil mehrfach in die Seite gepufft. Ich soll wohl gehen. Kopfschüttelnd trete ich beiseite. Einen Mann, der mich mit leicht gekniffenen Augen betrachtet, frage ich, wer der Mann dort wohl sei.

„Stadtrat“, ist die kurz angebundene Antwort.

„Und die Frauen?“ frage ich.

„Keine Ahnung. Meine ist die im roten Mini. Und ihre?“ fragt er zurück.

„Ich bin allein hier.“

Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ob er einen Konkurenten in mir hätte.
Ich trinke aus und gehe.

In einer anderen Kneipe, eine durchschnittliche Frau an der Theke umlagert von lachenden Männern. Einsame Frauen drumherum. Als ich einer zu zwinkere, zeigt mir diese ihre kalte Schulter und starrt auf die Gruppe vor ihr. Ich frage den Kellner, wer jene Frau sei, die von Männern umlagert sei.

„Stadträtin“ sagt der nur und zuckt gleichgültig mit den Schultern.

Als ich eine offensichtliche Solo-Frau an der Menschentraube zu einem Drink einladen will, deutet diese auf einen Mann in der Gruppe um jener anderen Frau und weisst zugleich auf ihren goldenen Ring.

Es ist überall das gleiche. Seit dem bekannt wurde, dass Stadträte das Vorkaufsrecht auf 15 unvinkulierte WM-Karten für das Münchener Stadion haben, sind die Mitglieder des Stadtrats heiss begehrt.

Man/frau sucht Anschluss.
Man/frau will deren Freund werden.

Im Umkehrschluss öffnet einem der Satz „Ich bin Stadtrat“ magische Türen. Die VIP-Lounges öffnen sich wie von Märchenhand. Allerdings gibt es schon die ersten Stadtrat-Immitanten. Seitdem besitzen die Türsteher von Promi-Diskotheken jene Internetlisten. Ausgedruckt von der homepage der Stadt München, wo man alle Stadträte mit Bild abrufen kann.

Waren vorher die Stadträte noch die Langeweiler der Münchener Abendgesellschaft, so sind sie zu Sternchen der Bussi-Bussi-Gesellschaft aufgestiegen.

Selbst Kontaktanzeigen wie „Bayrischer Schmerbauchstadtrat sucht heisse Affäre gegen ein WM-Ticket“ werden inzwischen hemmungslos beantwortet. Leider beklagte sich jedoch jener Stadtrat, dass ihm besonders viele Heteros in Frauenkleider schrieben, nur um ein WM-Ticket zu ergattern. Er sprach sogar von organisierten Fussballfan-Clubs, die u.a.a. deren Pin-Ups auf ihn gehetzt haben sollen.

Auch andersherum wird inzwischen kontaktet:
„Australierin tut alles für Stadträte bis zur WM für ein Ticket“ und sollen auch schon Erfolg gehabt haben.

Der Oberbürgermeister Ude hatte inzwischen schon sein Unverständnis über diese neue Art des Schwarzmarktes den Kopf geschüttelt. Die normalen Bürger sollen doch lieber bei der Ticketverlosung teilnehmen, statt sich auf diesen Parallelmarkt herum zu treiben.

Beckstein hat dann auch gleich den Begriff aufgegriffen und dem Ude vorgeworfen, er würde nicht energisch genug gegen diese Parallelkultur vorgehen. Sowas würde nur die Integration der normalen Münchener Bussi-Bussi-Gesellschaft in die Normalität verhindern. Wer seine Hoffnung so einfach aufgebe, bei der Ticketlotterie zu gewinnen, der könne auch nicht hoffen, dass Integration mehr als nur Worthülse bleibe.
Trank sein Mass und liess sich gleich nachschenken.

Die WM ist noch knapp 130 Tage entfernt. Und für die meisten Bewohner einer Stadt mit WM-Austragungsort wird wohl das eigene Stdion nur über den Fernseher zu bewundern sein.

Ausser man ist Münchener Stadtrat oder ist mit einem befreundet. Dann hat man sein Ticket sicher.

Das Anrecht auf 15 Tickets der Münchener Stadträte hängt übrigens mit deren Engagement zur WM-Organisation und dem Stadionbau zusammmen. Denn jene Stadträte haben nachts unbemerkt von der schlafenden Öffentlichkeit in mühsamer schweisstreibender Kleinstarbeit das neue Stadion aufgebaut. Dafür haben sie sich 15 Plätze verdient. Bewiesen wurde deren nächtliche Arbeit durch die Beobachtung, dass viele während den Sitzungen schliefen, manche dabei sogar stehend.

Kein Wunder, wenn also der Beckenbauer-Franz in die Werbekamera seinen ambivalenten Satz runterleiert:

„Da kenn ich mich nicht mehr aus!“

Verdient ist verdient.

Sowieso.

Und ich hoffe, es hat dem Beckenbauer weh getan, als die alte Dame in der Werbung mit der Handtasche nach ihm puffte.

meint

Careca :wave: