29. September 2006. 10:00
Sie reicht mir mein Frühstück rüber und lächelt charmant. Ihr kleiner, schmaler Mund öffnet sich und ein Schwall französisch ergießt sich über mich.
Ich verstehe sie nicht.
Ich will sie nicht verstehen.
Obwohl ich weiß, was sie mich fragt.
Aber französisch gleich mit der erstbesten dahergelaufenen Saftschubse? So nötig habe ich es schließlich auch nicht. Machen die Franzosen bei Nicht-Franzosen schließlich auch nicht anders. Und reden aus Prinzip nicht ausländisch.
Sie wiederholt ihre Frage auf englisch.
Na also, es geht doch.
„Ja“, antworte ich ihr und bestelle „One coffee and one tomato soup.“
Ich bin müde und merke zu spät, dass mein Englisch unpräzis wird und ich eigentlich „juice“ statt „soup“ meinte. „Saft“ statt „Suppe“.
Suppe, so meint die Stewardess lächelnd ironisierend, würde nur in der 1. Klasse auf Langstreckenflügen serviert.
Ich bin zu müde für diese nette Flaxerei.
Ich bin nur müde.
Boshaft entgegne ich ihr, warum sie mich denn dann verdammt nochmal erstens nicht nach vorne setzt und zweitens die Piloten anweist statt nach Paris drittens nach Rio zu fliegen. Ich wolle meinen „tomato juice“.
Ignorant sage ich jetzt „Saft“ nicht „Suppe“ und übergehe einfach meinen vorherigen Fehler und ihre nette, augenzwinkernde Art.
Die perfide normative Kraft des brutal Faktischen.
Ihre Lippen werden schmal , ihre Augen ziehen sich zusammen und schicken flammende Blitze in meine Richtung. Sie gibt mir herablassend meinen Kaffe und zieht sofort wortlos weiter.
Es ist mir egal.
Total egal.
Ich bin nur müde.
Als ich wieder aufwache, räumt sie mein unangerührtes Frühstück wieder ab und nimmt mir den inzwischen kalten Kaffee weg, klappt mein Tischen hoch, schaut mich angewiedert an und sagt mir im perfekten Deutsch nur:
„Wir landen gleich. AIR FRANCE wünscht Ihnen, gut geschlafen zu haben.“
Gefällt mir Wird geladen …