Ohne schmuckes Beiwerk, beinahe sachlich

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***

»Warum liest du nicht mal das durch, was ich dir geschickt hatte?«

Jürgen sah mich leicht verärgert an.

»Die Papiere des PentAgrions?«
»Ja, die Papiere des PentAgrions.«

Statt ihm etwas zu erwidern, ergriff ich den Teebecher vor mir auf dem Tisch. Ich führte ihn mir an den Mund, nahm seinen zitronigen Duft wahr und schlürfte vorsichtig davon. Ein leicht saurer, herber Geschmack entfaltete sich auf meiner Zunge. Ich schluckte, bemerkte aber zu spät, dass der Tee dafür noch nicht kühl genug war. Hustend schnappte ich nach Luft, saugte sie förmlich in mich rein. Ohne Zögern reichte mir Jürgen die halbvolle Karaffe Wasser. Dankbar nahm ich an und etwas später, noch leicht außer Atem, setzte ich die fast geleerte Karaffe ab. Der Hals brannte zwar noch immer, aber jetzt war es zu ertragen.

»Und?«
»Es ist besser, es brennt nicht mehr so.«
»Das war klar.«
»Warum?«
»Am Anfang war es die brennende Neugierde.«
»Wie gut, wenn der Schmerz nachlässt.«
»Aber die Ungewissheit brennt weiter.«
»Gibt es überhaupt eine Gewissheit?«

Jürgen lächelte vorsichtig.

»Gewissheit gibt es nur, wenn du die Papiere liest.«
»Mir fehlt die Zeit.«
»Plumpe Ausrede. Am Anfang konntest du die Papiere nie schnell genug haben und jetzt willst du dich nicht mehr damit beschäftigen?«
»Tja, ich hatte mich wohl dran verschluckt. Jetzt brennt die Neugierde nicht mehr.«
»Dafür hast du dir beim Spekulieren die Pfoten verbrannt. Aber das brennt auch nicht mehr, weil du kein Geld mehr zum Verbrennen hast.«

Er quälte mich, streute mir Salz in meine noch nicht verheilten Wunden. Die Kellnerin kam und räumte meinen Absinth und die Wasserkaraffe ab. Auf seine Frage, ob ich einen weiteren haben wollte, antwortete ich mit einem verneinenden Kopfschütteln. Stattdessen ergriff meinen Tee. Er war inzwischen nicht mehr so heiß wie vorher.

»Du willst es nochmals versuchen?«
»Hm?«
»Die Papiere zu lesen?«
»Ich werde es versuchen. Nur aufrichtig gesagt, ich weiß nicht mehr, wozu. Mir ist die Motivation abhandengekommen.«
»Wie ein Stock oder Hut?«
»Wie?«
»Dir kam wohl deine Motivation plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.«
»Kann sein. Mein Feuer ist wohl einstweilen eingefroren.«
»Feuer frieren nicht ein.«

Von der Untertasse nahm ich die Portionstüte Zucker, riss sie auf und schüttete den Zucker in meinen Tee. Schweigend rührte ich den Tee mit meinem Löffel um. Und mit jedem Umrühren hatte ich das Gefühl, dass mir der Tee immer fremder wurde. Irritiert legte ich den Löffel beiseite. Meine Uhr zeigte mir kurz vor vier an.

Ich ergriff meine Geldbörse, um Geld zum Bezahlen heraus zu holen. Eine Visitenkarte fiel mir heraus und Jürgen direkt neben die Teetasse. Interessiert nahm er sie auf.

»Was ist das? ‚Heinemeier Wohlstandsberatung‘? Ist das derjenige, welcher dich beraten hat?«
»Nein. Der war es nicht.«

Jürgen drehte die Visitenkarte um und las halblaut den auf der Rückseite stehenden Werbetext:

»Eine Herangehensweise maßgeschneidert für Sie und Ihre Familie. Eine Herangehensweise für Sie, mit der Sie Sieger sind. Sie werden Ihren Lebensstandard fühlbar verbessern. Ich bringe Ihnen mehr Vermögen. Vermögen jetzt und Bonität für Ihre Zukunft, Transformation von Steuern in privates Eigenkapital, Objektwerte, Schutz vor Geldentwertung, Besitzstandswahrung für Ihre Familie. Sie können auf mich bauen. Ich bin offen und geradeheraus. Sie können sich darauf verlassen, dass Sie das optimale Lösungskonzept für Ihre Zukunft erhalten. Ihre wird die eines erfüllten, selbstbestimmten Privatiers sein. Nutzen Sie die Gunst der Stunde. Es macht sich bezahlt.«

Ich versuchte ihm die Karte wegzunehmen, aber Jürgen zog sie schützend zurück. Er warf nochmals einen Blick auf die Vorderseite der Visitenkarte.

»Wow. Die ‚Heinemeier Wohlstandsberatung‘ hat sogar eine IHK-Registrierungsnummer. Ein ‚Finanzwirt‘ nennt sich dieser Herr Heinemeier. Mit Foto auf der Visitenkarte. Wie schick. Das ist jetzt wohl Münchener Stil, oder?«

Mit leicht herablassender Handbewegung gab er mir die Karte zurück.

»Interessant, welche Berufe es gibt. Reichtum ist wohl doch keine leichte Bürde. Das machen sich letztendlich die vielen Sozialgeld- und Hartz-4-Junkies gar nicht klar. Geld macht nicht glücklich. Erst recht nicht, solange es des Wohlstandsberaters als Unterstützung nicht hat.«

Ich ergriff hastig die Karte und steckte sie schnell in meinem Portemonnaie zurück. Den Herrn Heinemeier hatte ich eine Woche zuvor kennengelernt. Er hatte mir zwei interessante Konzepte für Geldanlagen vorgestellt: Alternative Energien und Biolebensmittel, beide mit interessanten Wachstumsraten. Sobald ich wieder einigermaßen Liquide sein würde, wollte ich mit dem Herrn Heinemeier Kontakt aufnehmen. Als Wohlstandsberater schien er mir ein fähiger Kopf zu sein.

Jürgen war aufgestanden und verabschiedete sich von mir. Er wollte noch zu einem Streitgespräch auf dem Kirchentag, wie er mir sagte. Wir schüttelten uns die Hände.

»Denk an die Papiere.«
»Wenn mich das Feuer dazu wieder packt.«
»Dann fang doch einfach mitten drin an. Du musst dich nicht von Anfang an durcharbeiten.«

Ich sah ihn an und wusste nicht mehr weiter.
Eigentlich waren mir die Papiere des PentAgrion egal.
Und uneigentlich? Eigentlich auch.
Egal.

Klaviermusik erfüllte die Luft, als ich das »Cafe Bleu« verließ. Nebenan übte ein Mensch Klavier. Die kalte Mai-Luft umgab mich. Ich konnte es noch immer nicht erfassen. Es war Ende Mai 2010 und das Wetter benahm sich wie Anfang März.

Jürgen ging vor mir und bog nach rechts ab. Ich schlug den Kragen meines Mantels hoch und wählte die andere Richtung.

Fortsetzung