»Schau mal Schatz, ich glaube, da ist jemand in Seenot.«
»Wo denn?«
»Dort drüben.«
»Okay. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Du weißt, das hier ist Grenzgebiet und wir müssen vorsichtig sein.«
»Wir sollten das aber nicht ignorieren.«
»Du hast recht. Moment: HALLO, SIE DA DRÜBEN! KÖNNEN SIE MICH HÖREN?«
»Ich glaube, er hat irgendetwas gerufen. Aber so unverständlich«
»KÖNNEN SIE MICH SEHEN? KÖNNEN SIE MICH HÖREN?«
»Jetzt schrei doch nicht so laut, man muss doch nicht alles gleich übertreiben, Schatz.«
»Aber sonst hört der mich doch nicht. Ich glaube sogar, es sind drei oder vier Personen.«
»Schatz, ich glaube, eine Person hat gerade Help gerufen.«
»Also Ausländer? HALLO, YOU! CAN YOU SEE ME? CAN YOU HEAR ME?«
»Die machen aber auch ein Spektakel, da auf dem offenen Wasser. Wenn die so weiter machen, haben die nachher keine Kräfte mehr und saufen ab. So lange die noch Help rufen können, Schatz, solange kann es denen nicht wirklich schlecht gehen.«
»Liebling, ich glaube, die rufen Help.«
»Das habe ich gehört, Schatz.«
»Help. Du verstehst? Das ist kein Deutsch. Kein Deutscher dieser Welt würde Help rufen. Niemals, ein Deutscher tut so etwas nicht.«
»Was meinste damit, Schatz?«
»Kannst du mit Sicherheit sagen, dass das normale Touristen sind? Vielleicht sind es Asylanten, die von einem Schlepper auf dem See hier ausgesetzt wurden, extra mit dem Vorsatz, dass wir die retten.«
»Wir?«
»Ja, Liebling, wir. Und weißte, was dann passiert, wenn wir die an Land bringen? Weißte, was uns dann blüht?«
»Was denn, Schatz?«
»Wir werden als Schlepper verhaftet und kommen ins Gefängnis.«
»Als Seenotretter?«
»Und nicht nur das: sogar Elon Musk wird uns von X verbannen, weil wir illegale Einwanderer einsammeln. Der ist überzeugt, dass solch eine Aktion den europäischen Selbstmord nicht stoppt. Es sei denn, dass die AfD endlich die Regierungsgeschäfte in Deutschland übernimmt.«
»Das heißt, wir verlieren unseren X-Account, Schatz? Mit unseren vielen schönen Urlaubsfotos?«
»Ja, genau.«
»Auch die vom Sonnenaufgang hier am See von heute morgen, wo unsere Freunde so viele Likes für geschickt haben?«
»Auch die, Schatz.«
»Guck mal, Liebling, die haben sich beruhigt, sie plantschen nicht mehr so heftig.«
»Und sie rufen auch nicht mehr so laut Help. Ist vielleicht doch nicht so schlimm, wie es aussah. Die kommen wohl zurecht.«
»Schatz, wo sollen denn die vier auch auf unserer kleinen Außenborder-Nussschale unterkommen. Das Boot ist doch bereits voll, mit unseren Rucksäcken und der Kühlbox. Und außerdem sind es Flüchtlinge. Hätten die ihr Zuhause nicht einfach so verlassen, dann wäre es jetzt nicht zu der Situation hier gekommen. Warum müssen wir jetzt damit belästigt werden. Flüchtlinge geht eh nicht. Da machen wir uns illegal und kommen ins Gefängnis. Das ist es nicht wert.«
»Lasst uns so tun, als hätten wir es nicht bemerkt, Liebling.«
»Okay, wir fahren heim, Schatz.«
Am nächsten Tag.
»Schatz, schau mal hier, im Ortsteil der Zeitung.«
»Hm?«
»Eine türkische Familie ist gestern hier auf dem See gekentert und ertrunken. Niemand hatte denen geholfen. Die führten seit fünf Jahren hier im Ort den türkischen Supermarkt.«
»Mal wieder typisch. Selber Schuld, wenn die nach fünf Jahren immer noch nicht vernünftig auf Deutsch Hilfe rufen konnten …«
Das wahre Maß einer Gesellschaft zeigt sich nicht darin, wie sie ihre stärksten Mitglieder behandelt, sondern darin, ob und wie sie für ihre schwächsten und verletzlichsten aufkommt.
LikeGefällt 3 Personen