Verloren, als ich mir den Weg zeigen musste

Es regnet. Ich stehe auf. Ganz nass. Der schwarze Asphalt. Es ist schon spät. Ich muss weg hier. Unfähig, den Weg selbst hinauszufinden. Suchen, finden, gesucht, gefunden und dann wieder verloren. Im grauen Alltag. Einen Weg hinaus?

Den Weg selbst finden? Oh, Heiliger Antonius, Franziskanerpater von Padua, wo ist deine Straße, die der herumirrenden Seelen? Oh, Heiliger Antonius, Beschützer der Verlorenen auf ihren Wegen, sag, führt deine Straße auch an Flüssen vorbei? Oder lediglich an Pfützen? Einer einfachen Laache? Laachen verboten? Ohne dieses „L“ wird daraus auch nur ein Ort mit heiß-warmen Quellen.

Aachen.

Das Ende der Autobahn 544 ist der Anfang von Aachen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt man, springt doch dort ein Springbrunnen munter prächtig vor sich hin. Am Anfang war der Springbrunnen, und der Springbrunnen war beim Europaplatz, und der Europaplatz wart Sprungbrunnen.

Vierzig Jahre zuvor mündete die Autobahn direkt an dem Springbrunnen. Dessen Bordstein lauerte tückisch auf unbedarfte Autofahrer. Kerben im Bordstein erzählten von Fahrern, welche die Begrüßung Aachens auf ihre eigene Weise zelebrierten: als automobiler Badegast, getauft in Aachener Springbrunnenwasser. Mit allen Wassern gewaschen, am Europaplatz. Hoffentlich Allianz versichert.

Inzwischen ist der Bordstein nigelnagelneu. Die Abfahrt der Autobahn verläuft butterweich in den Kreisverkehr des Europaplatzes. Bei überhöhter Geschwindigkeit muss niemand mehr dran glauben – woran niemand glauben möchte –, aus der Spur zu geraten. Die direkte Möglichkeit, sich im Namen der hochheiligen Religionsgemeinschaft „Freie Fahrt für freie Bürger über Leichen, Stock und Stein“ im Springbrunnen selber zu taufen, sie existiert nicht mehr. Verschwunden gemacht.

Wie Graf Orlok am Aachener Ponttor. In der Unterführung dort gab es früher ein Graffiti vom Grafen der Finsternis. Schemenhaft stand er dort hinter Gittern an der Wand. Heute fehlen die Gitter. Das gräfliche Graffiti in der Nische lässt sich kaum noch erahnen. Ein Schatten maximal nur. Eigentlich fast weg. Lediglich, wer in Besitz von damaligen Fotos ist, der weiß, dass dort Graf Orlok auf seine Freiheit lauerte. Inzwischen ist Nosferatu wohl auf freien Freiersfüßen in Aachen. Dort, wo er einkehrt, ist die Folge Leerstand und Leblosigkeit. Horror vacui.

Die Unterführung am Ponttor stinkt nach Pisse. Dabei wirkt die hineinführende Pontstraße selber so heimelig. So wie in den 90ern die dortige Aachener Mensa.

Die Innenstadt ist leer, mit Baustellen gepflastert. Lebloses Museum für Touristen. Das ehemaligen „Lust for Life“ der ins Jenseits verschwundenen „Horten“-Geschäftskette umgibt der bittersüße Hauch von verschimmelndem Beton tropischer Metropolen Südamerikas.

Der Platz für Wasserkunst im Zentrum am Aachener Fenster ist unerreichbar. Verrammelt und versperrt. Dort befand sich ein Kaiserbad. Der Quellen wegen. Beides verschwunden. Wie die Wasserkunst.

In der Fußgängerzone der Adalbertstraße glänzt nicht nur das nasse Pflaster, sondern auch Erinnerung an Zeiten ohne Leerstand. Nicht nur jenseits des Kugelbrunnens bewegt sich nichts mehr. Selbst der Kugelbrunnen ist ein Schatten seiner Vergangenheit.

Und dort, wo ich vor Jahrzehnten noch ein Ticket für meinen letzten in Aachen geschauten Kinofilm kaufte, ist jetzt der Eingang eines Hotels. Und nicht nur dort.

Das Parkhaus im Zentrum ist ebenfalls verschwunden, hinterließ ein Horror vacui für Stadtplaner. Für die Aussätzigen der Stadt, jene Alkoholiker und Drogenabhängigen, ist es eine Heimat. Wie die Empusa, das Schiff, mit dem Graf Orlok kam, wirkt die Freifläche am Büchel. Empusa, das war eine Dämonengestalt aus der griechischen Mythologie, welche sich als schöne Frau verkleidete, um Männer zu verführen und ihnen das Blut auszusaugen. Ethylen und andere Drogen schaffen gleiches.

Lediglich die Straße des Schutzpatrons für Verlorenes, die Antoniusstraße mit ihren Präsentationsfenstern für Sexarbeiterinnen, den Prostituierten. Es scheint ein eigenwilliges Bollwerk gegen Nosferatus Wirken in Aachen zu sein. In der Antoniusstraße scheint Graf Dracula, mit seinem Schiff Demeter dort gestrandet. Demeter, das war der Name der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, der Ernte. Eine Ernte, welche immer die Nachfahr-Grafen Draculas für sich einfahren.

Ob Orlok oder Dracula. In neoliberalen Zeiten gilt als ungeschriebenes Gesetz, eine Krähe hackt der anderen eben nun mal kein Auge aus.

Die Antoniusstraße hatte schon immer sein eigenes Publikum. Das kam regelmäßig nach den Predigten aus dem Aachener Dom. Es gilt der katholische Glaubensgrundsatz: ohne Sünde, keine Ohrenbeichte. Ohne Ohrenbeichte, kein Priesterbedarf. Somit ermöglichte erst die Antoniusstraße die Daseinsberechtigung und Beschäftigungsgarantie der Aachener Beichtpriester. Letztendlich wollten die ja auch ein wenig Spaß beim Beichten.

Dass damals auch ein Teil der Aachener Kunstszene in der Straße beheimatet war, darüber spricht heuer garantiert niemand mehr. Vernissagen und Ausstellungen im Puff. Darüber sprach niemand gerne. Und falls doch, dann nur vom Hören-Sagen.

Dass wiederum anderes Publikum nur zum Sex-haben dorthin ging, das blieb dann die offizielle, beliebte Version. Sie gefiel der Mehrheit, welche sich ja dort eh nie im Leben hinbewegt hatte, aber ebenfalls vom Hören-Sagen alles genau wusste. Selbst wer zu den Vernissagen dort hinging. Vielleicht hatte ja auch nur ein Beichtpriester zu seinen persönlichen Ministranten geplaudert …

Die Edelcafes wie Egmont und Café Kittel gibt es weiterhin. Und wer dort regelmäßig hinging, dem hing etwas halbwegs Intellektuell-elitäres in der Maschinenbau-Studenten-Stadt an. Aber das ist so wie mit einer Flasche Wein: Eine Flasche Wein macht nicht betrunken, man muss sie dafür auch erst einmal getrunken haben. Geändert scheint es sich dort nicht zu haben.

Gestolpert war ich, am Elisenbrunnen. Auf dem nassen Asphalt. Zum Hotel wollte ich. Zurück dorthin, wo einst das UFA-Kino war. Weg hier. Raus aus dem Pflasterstein-Dschungel, weg von den eigenen leblosen Erinnerungen. Aufhören, von alten Träumen zu leben. Das Leben war nicht das, was es schien. Laachen verboten.

Und der Lippenstift der Stadt? Knallig rot, verwischt auf aufgespritzten Lippen, in einem blass-rosa geschminkten Botox-Gesicht. Es macht mich nicht mehr an. Selbst nicht mit jenen Fünftel der Zeit meines bisherigen Lebens von damals. Die Stadt sagt mir nichts mehr. Sie spricht nicht mehr zu mir. Sie kommt nicht mehr, um mich zu holen. Sie hat mich stehen gelassen, sie hat mich verloren. Und jetzt wird sie mich nicht finden, auf meinem Weg hinaus.

PKWs aus Aachen tragen „AC“ als Kennung. Als ich die Stadt an dem Europaplatz-Springbrunnen vorbei verließ, kam mir bei dem gelben, mit rotem Balken durchstrichenem Ortsschild eine Abkürzung ins Gedächtnis: „ADAC“. Ausgesprochen als »AD AC«.

Das war es, mein letzter Kommentar zu jener Stadt.