Vollmond, rück mich ins rechte Licht! oder: Menschen, die auf Displays starren


Es ist Vollmond. Die Leute verlassen ihre Wohnung. Das Licht des Mondes durchflutet die Straßen …
… nicht wirklich, dank Elektrizität schaffen wir es inzwischen schon selber. Aber das Licht des Trabanten ist weiterhin in dunklen Ecken …

Neuer Versuch:

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Nein, das ist kein Vollmond …

Es ist Vollmond.
Heute Nacht.
Die Leute verlassen ihre Wohnung. Risikoreich.
Auf eigene Gefahr.
Monster. Denn die Straßen sind voller Monster.
Aber die Menschen jagen sie. Alle. Unerbittlich.
Bei Vollmond.
Von Grundschulalter bis ins Rentenalter. Alle sind sie dabei.
Ich habe sie alle gesehen. Heute Abend. Heute Nacht.
Monsterjagd.
Mit dem Smartphone in der Hand.
Die Displays erleuchten deren Gesichter.
Menschen, die auf Displays starren.
Bei Vollmond.

Es geht nicht um Werwölfe oder Vampire, sondern:
It’s Pokémon-Time! Zeit für „Pokémon Go“!
Ein Spiel erobert die Menschen. Generationsübergreifend. Über deren Smartphone.
Eine Sucht? Ein Wahnsinn? Eine Idiotie? Vielleicht.
Allerdings ist ein Fakt unbestreitbar: Der Homo Ludens erwacht!
Der Mensch kehrt zum Spiel zurück. Der Mensch mag Spiele. Und der Mensch will spielen.

Es ist faszinierend. Eine laue Sommernacht in München und dazu noch der Mond, DER Vollmond. Also eine Nacht, in der schon eh alle alten Sagen, Legenden und Märchen Monster vorhersagen und drohend in Erwartung stellen. Die Nacht, in der der Vollmond angeblich den Schlaf sensibler Menschen rauben soll.

Weder Pikachu noch Co-KG habe ich auf den Minispielgeräten vor zehn, fünfzehn Jahren gemocht. Eine Freundin hatte damit Probleme. Wegen ihres Sohnes. Weil der danach süchtig war. Sie kaufte zwecks Suchtbefriedung die entsprechenden Spiel-Modul-Kartuschen: „Pokémon“, „Pokémon Bronze“ „Pokémon Silber“, „Pokémon Gold“, „Pokémon Titan“, „Pokémon extra teuer“, „Pokémon noch teurer“, „Pokémon total teuer“, „Pokémon – geht’s noch????“ Und die Geräte übernahmen die Erziehung ihres Sohnes. Nebenbei, der arbeitet inzwischen in der Programmierbranche sehr erfolgreich (falls jemand meinen sollte, „Pokémon“ mache dumm bis saudumm).

Und jetzt?
Jetzt habe ich „Pokémon Go“ auf meinem Smartphone und jage in der Vollmond-Nacht irgendwelchen Monster mit so bedrohlichen Namen wie „Taubsi“, „Ratzfatz“ oder „Traumato“ hinterher. Und ich ärgere mich gemeinsam mit vielen anderen Jugendlichen, Älteren und Rentnern auf einer Parkbank, dass der Server von „Pokémon“ für München in die Knie gegangen ist. Verwunderlich in einer lauen Vollmond-Sommernacht, wo in allen der „Jäger und Sammler“-Instinkt hoch kommt?

Aber auch jenen begegnet man: denen, die darauf pochen, dass man immer auf den Fußgängerverkehr zu achten habe und nicht dauernd auf sein Smartphone starren dürfe. Das habe ich sowohl von normalen Fußgängern als auch von Radfahrern auf Fußgängerwegen gehört. Besonders die Letzteren waren damit nicht einverstanden, dass sie keine Beachtung mehr fanden, weil jemand nur auf sein Smartphone starrte. Freilich, es ist ja auch ne totale Schweinerei, als Fußgänger im Fußgängerbereich den Radfahrern hinderlich zu sein. Schon klar. Besonders wenn der Radfahrer selber gerade mit nem Smartphone in der Hand förmlich einen Strafzettel der Polizei herbei bettelt. Oder ihren Hund an der Leine auf Fußgängerwegen auf dem Fahrrad Gassi führen, weil der Straßenverkehr fürs Hundi ja so gefährlich ist. Oder weil die anderen Mitmenschen prinzipiell dagegen sind, also gewissermaßen Fundamentaloppositionelle bei Dingen, an welche andere offensichtlich Spaß haben und jene Fundis nicht.

Auch Medien und Blogger haben die Gefahr „Pokémon Go“ erkannt, dass Fußgänger zu häufig auf ihr Smartphone starren, statt den Verkehr zu beachten. Und schon die ersten Stimmen zweifeln daran, ob das Spiel seine Berechtigung haben dürfte, weil es die Sicherheit des Straßenverkehrs und des Zusammenlebens gefährde. Nur, wer sich mal an einer Fußgängerampel wartend positioniert und genau hinschaut, wie es die Schnellsten der Verkehrsteilnehmer handhaben, der wird dann in 50% der vorbeifahrenden Autos einen Autofahrer mit Smartphone in der Hand sehen. Da helfen auch Geldstrafen und Punkte in Flensburg nicht als Abschreckung. Weder für Fahrradfahre noch für Autofahrer.
Jedoch Fußgänger mit „Pokémon Go“, ein Spiel, das gerade vor einer Woche in Deutschland (vor vierzehn Tagen in den Ländern Australien, Neuseeland und USA) erstmals offiziell herausgebracht wurde, solche Fußgänger sind die reale Gefährdung für Mitmenschen. Freilich direkt erst nach IS, Moslems, Flüchtlingen und Adipösen.
Es werden der Kuriositäten immer mehr und oftmals hilft auch kein Kopfschütteln, um sich von solchen seltsamen dunklen, schweren und einengenden Gedanken zu befreien. Nur eines, das ist so ehern und so unbezweifelbar in der Bevölkerung wie das „Amen“ in deren Kirchen: Hauptsache ist bei allen und Grundkonsens sowieso, das Bier wird nach dem bayrischen Reinheitsgebot gebraut, die Zigaretten werden nicht teurer und der Autofahrer hat immer und überall Netz, wenn er ausnahmsweise mal während der Fahrt dauernd zu seinem Smartphone greift. Aber „Pokémon Go“ ist wirklich gefährlich …
(externer Link zu Wikipedia über Gesellschaftliche Implikationen von „Pokémon Go“).

Es ist Vollmond.
Das Licht des Mondes durchflutet die Straßen und die Menschen genießen den Sommerabend.
Und einige viele jagen Monster.
Gemeinsam. In entspannter Atmosphäre. Mit ihren Smartphones in der Hand.
Man trifft sie überall und lernt sie kennen. Miteinander reden, obwohl man sie nicht kennt. Auf den Straßen und auf Parkbänken beim Fachsimpeln, wo man Pokémons am besten findet und wie man sie trainiert.

Es ist Vollmond. Und wolkenlos.
Ich genieße die Nacht.
Lang lebe der Homo Ludens.
Ohne ihn stirbt das Leben.

Cui bono?
Auf alle Fälle auch die Smartphone-Datentarif-Lieferanten.

Und ansonsten?
Pokémon-Nörgler?
Wat geiht meck dat an.

2 Gedanken zu „Vollmond, rück mich ins rechte Licht! oder: Menschen, die auf Displays starren

    • Dafür habe ich nicht so wie zig Millionen bewegungslos den EM-Spielen am Fernseher zugeschaut. Pokemon Go findet mit Bewegung an frischer Luft statt. Da darf ich das. :)

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