Können Artischockenherzen vegan ausbluten?


Seit einem Monat sitzt mein neuer Kollege vor mir. Ich mag ihn nicht. Er hat einen Kopf so stromlinienförmig, dass er wahrscheinlich der ideale Tour-de-France-Abfahrer wäre. Breite Stirn, dahinter ein spitz sich verjüngender Kopf. Sein Gesicht verziert ein Zinken, der spitz herausragt und sich wie eine Kartoffel zwischen Oberlippe und Augenpartie ausbreitet. Seine Augen werden oben von buschigen Augenbrauen überschattet. Seine Haare hat gegelt und mit groben Kamm exakt parallel zu seiner Kopfform nach hinten weggekämt. Das Sonnenlicht, das hinter ihm durchs Fenster sein Haupt streift, lässt das Straßenköterblond seiner Haare noch einen Tick heller ausfallen und mit dem Gel ergibt sich gelegentlich der Effekt eines Heiligenscheins. Ich mag ihn nicht. Er ist mir zu streberhaft. So wie er zum Frühstück seine mitgebrachte Banane schält. Das hatten immer die Streber bei mir in der Klasse gemacht, so mit spitzen Fingern die Schale abziehend und dann das untere Ende mit einem Papiertaschentuch entfernend. Ich schickte ihn zum Kaffee-Holen. Er brachte mir einen dreifachen Espresso. Ohne Milch und Zucker. Er meinte, er bewundere mich bereits jetzt, weil ich so nett bleibe, selbst wenn der Stress wie ein Tsunami reinbricht. Vorhin wieder: einen dreifachen Espresso. Ohne Milch und Zucker. Naja, vielleicht ist er doch noch ertragbar.

Im Supermarkt ist der Kunde noch König. König Kunde. Aber warum müssen meine Arbeitskollegen jetzt vor mir in der Schlange stehen? Haben die nichts zu tun? Müssen die immer Schluss machen, wenn ich Arbeitsschluss habe? Da ist die Frau aus dem Controlling. Was macht die hier? Es heißt doch König Kunde. Von Königin hat doch niemand gesprochen. Und dann der Knispel aus der IT-Abteilung. Der und König? Der soll mal lieber zusehen, dass unser Netzwerk läuft. Er trägt ein Bündel Bananen vor sich her. Könige essen keine Bananen. Außer vielleicht King Lui. Und was macht mein neuer Mitarbeiter dort vor den beiden? Hat mehrere Packungen Ananassaft auf seinen Armen. Haben die alle etwa ein Verhältnis? Das ist doch kein Zufall. Noch haben sie mich noch nicht bemerkt. Am besten, ich verlasse die Schlange und schau mich noch ein wenig im Tiefkühlregal um.

Tiefgekühlte Hot Dogs. 96,3% fettfreie Milch. Fleischlose Frikadellen. Landeier von glücklichen Kühen auf grüner Wiese gesammelt. Koffeinfreie Kaffeetassen. Glutenfreies Toilettenpapier. Laktosehaltige Wäscheklammern. Low CarbEinwegbierdosen. Kartoffelschnaps aus alkoholreduzierter Freilandhaltung. Ein abgestandener Zeitschriftenständer mit den neusten Nachrichten von Gestern und Vorgestern. Können Spuren von Erdnüssen, Haselnüssen, Kopfnüssen und anderen Unwegbarkeiten enthalten. Vor Gebrauch schütteln, nach dem Schütteln nicht mehr zu gebrauchen. Witzverlust durch Erhitzen. Ich beobachte die Aushilfskraft, die brav all die Sachen ins Regal einsortiert, die ich eh nie kaufen werde. Eine Frau spricht sie an. Ich kenne sie. Es ist die Brillenschlange aus der vierten Etage! Sie sieht mich, kommt auf mich zu, begrüßt mich und freut sich sichtbar, mich zu treffen. Ich seie immer so nett zu ihr, ein wahrer Gentleman, der sich auch nicht zu schade ist ihr immer wieder die Tür aufzuhalten oder den Vortritt in der Kantine zu lassen, redet sie auf mich ein, sucht Blickkontakt und versucht mir dauernd ein Lächeln zu schenken. Ich simuliere einen Anruf auf meinem Smartphone, entschuldige mich und verziehe mich in einer Ecke, undeutlich, aber hörbar Dinge in mein stummes Smartphone zu nuscheln.

Die Leute sind gut gelaunt. Die Sonne scheint. Ich trage meine zwei halbvollen Plastikeinkaufstüten. Ein BMW Cabrio hält neben mir an der roten Ampel. „Like ice in the sun shine“ wummert aus seinem Autoradio. Er tappt das Lied begleitend mit seiner rechten Hand auf das Lenkrad. Eine alte Frau mit Rollator überquert vor ihm die Straße und lächelt ihm freundlich zu. Ich mache vorsichtshalber einen Schritt zurück, damit sie mir mit ihrem Metallgestell nicht über die Füsse fährt. Der BMW-Fahrer hupt kurz und grüßt lächelnd in meine Richtung. Rechte Hand nach oben werfend, Handfläche mir zugewendet. Der Vorarbeiter aus Produktion. Ich hatte ihn mal aus einer komplizierten Situation rausgehauen, in der er verdächtigt war, Sabotage zu verüben. Ich konnte ihn entlasten und nachweisen, dass eine Programmierung zwecks Arbeitsrationalisierung bei einer Maschine die Fehler produzierte. Seitdem grüßt er mich, wann immer er mich sieht. Immer auf der gleichen Weise. Immer mit seiner rechten Hand. Immer. Ein ekliger Typ. Ich mag ihn nicht.

An meiner Wohnungstür stelle ich die rechte Tüte am Türrahmen anlehnend ab. Die linke halte ich fest. Mit der rechten Hand fische ich den Wohnungsschlüssel aus meiner linken Hosentasche. Ohne Vorwarnung reißt der Boden der linken Plastiktüte. Äpfel, Birnen und Pflaumen fallen unkontrolliert durch das Loch hinaus. Erstarrt vor Überraschung sehe ich sie die Stufen im Treppenhaus nach unten kullern. In dem Moment kippt die rechte Tüte um, die oberen zwei Bierflaschen fallen heraus und zerbersten klirrend. Der Inhalt folgt dem Obst im Treppenhaus. Unaufhaltsam nach unten strebend.

Nicht mein Tag heute …

3 Gedanken zu „Können Artischockenherzen vegan ausbluten?

  1. Ich hoffe, was hier steht, ist nicht autobiografisch. Sonst würde ich befürchten, dass du auf dem Weg bist, im Herzen Misanthrop zu werden, obwohl ja nur die Kollegen deine Abneigung erregen, die aber von dir eher das Gegenteil mitbekommen. Dein Missgeschick im Schluss deines Textes wirkt wie eine Bestrafung für die darin ausgedrückte Zerrissenheit. Der letzte Satz ist kafkaesk.

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    • Kennst du das? Du stehst im Supermarkt in einer Schlange und urplötzlich entwickelt sich in deinem Kopf eine Geschichte? Saublöd ist allerdings, dass du alle einzukaufenden Dinge in deinen Armen und Händen trägst und somit nichts notieren kannst oder ins Smartphone in einer Ecke reinquatschen kannst? Einkaufskörbe? Das sind Dinge, die brauchen nur diejenigen, die zu faul zum organisierten Tragen sind, nicht wahr. Du zahlst und denkst dabei „die Geschichte schreib ich nieder“. Du eilst nach Hause und stellst die Sachen notdürftig in irgendeinem Erker deiner unaufgeräumten Wohnung, hockst dich an dem Computer und fängst an zu tippen. Und dann meldet sich telefonisch ein alter Bekannter, mit dem du lange nicht mehr gesprochen hast. Später – das Einräumen der Dinge des Einkaufs ist schon drei, vier Tage Vergangenheit – liest du erneut die eineinhalb Absätze deines Entwurfs und denkst „Mist, das will ich fortführen!“, nur die Geschichte, damals in jenem Supermarkt, also jene vergangene Situation, die jetzt schon drei, vier Generationen in einem Zeitalter von Vergangenheit zuvor statt fand – was andere als drei, vier Tage Vergangenheit bezeichnen -, später also führst du die Geschichte mit anderer Perspektive im Sinne der vorherigen eineinhalb Absätze vor und weil es irgendwie seltsam ausschaut und gerade FETTES BROT mit an „Tagen wie diesen“ im Internetradio läuft, feilst du an der Geschichte rum und irgendwie frustriert packst du ein „Nicht mein Tag heute …“ drunter ….
      Nein?
      So etwas würdest du dir für dich nicht vorstellen können?
      So habe ich jedenfalls meine obige Geschichte geschrieben. Und jetzt sitze ich hier und lese das Wort „misanthrop“ und denke mir, daraus lässt sich doch noch ne weitere Geschichte spinnen, oder? Oder nicht? Doch, da muss was surreales werden. … bei meiner obigen Geschichte musste ich bereits zuvor an deine Kategorie „surrealer Alltag“ denken, aber damit wollte ich dann meine Geschichte doch nicht verschlagworten, denn diese Kategorie ist deine und ich wollte nicht trittbrettfahrend verschlagworten. Nur, mit „kafkaesk“ übertreibst du ein wenig, denn dessen Qualität habe ich nicht mal mit einem Prozent im Gegensatz zu deinen Geschichten aus dem surrealen Alltag, Jules. Und das meine ich Ernst.

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  2. Doch, einen wie von dir beschriebenen Entstehungsprozess kenne ich auch. Wenn die gedankliche Geschlossenheit verlorengeht, weil man in zeitlichem Abstand an einem Text schreibt, gibt es einen manchmal faszinierenden Wildwuchs im Text. Dieser dein Text hat Qualität. Die Lakonie des letzten Satzes, der ja grammatisch nicht mal vollständig ist, bezeichnet das für Kurzgeschichten typische offene Ende. Und “ undaufhaltsam nach unten strebend“ führt sie fort in tiefe Regionen außerhalb der Realität. Danke dir fürs Kompliment.

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