Nicht für die Schule, sondern fürs Leben …


Knopf drücken, Klacken vernehmen, Pappschuber herausziehen, leicht zusammendrücken, Innenteil in die Hand rutschen lassen, Deckel abnehmen, Scheibe vorsichtig aus dem Innenteil rutschen lassen, Mittelfinger aufs Loch, Handballen am Rand, Innenteil ablegen, Scheibe zwischen den beiden Handballen kurz drehen und prüfend das Schwarze mustern, Staub leicht abblasen, dann Loch durch Bolzen, vorsichtig, leicht drehen, Rotation einstellen, Hebel umlegen, Arm anheben, rüberführen und Nadel dann mittels der Absenkvorrichtung langsam auf den Rand absenken, beobachten wie die Nadel in die Rille einfädelt, Knistern hören und sehen wie Nadel in das Meer der Rillen in den See der Erinnerungen sticht …

Eine Mundharmonika bahnt sich schwer melancholisch ihren Weg durch den Äther. Die Mundharmonika wird abgelöst und es wird munterer, es spielt das Lied vom Leben …

Es war eine gewisse Routine. Morgens der Schulweg. Mein Schulranzen mit den vielen Heften und Büchern auf dem Gepäckträger meines Fahrrades, bei Wind und Wetter zur Schule. Erst drei Kilometer, dann vierzehn. In der Grundschulzeit in Zweierreihen vor dem Haupteingang der Schule auf dem Pausenhof aufgestellt, wenn das erste Klingeln kurz vor acht ging. Der Lehrer führte uns geordnet ins Klassenzimmer. Anfangs, später dann hatten wir es alle gelernt und wussten, wohin wir mussten. Fünf vor acht kam das erste Klingeln und bis zum zweiten Klingeln um acht mussten wir auf unseren Plätzen im Klassenzimmer sitzen. Am Anfang an Zweiertischen, die hintereinander aufgestellt waren. Später dann in U-Form, ganz nach den damaligen neusten pädagogischen Gesichtspunkten. Oder weil es die Lehrer dann einfacher hatten, uns beim Comic- oder Bücherlesen unter der Bank zu erwischen? Einen Streber der Klasse gab es immer. Die Lehrer hatten einen dazu ernannt. Ganz unpädagogisch. Jemand, der sich nicht wehren konnte und auch nicht wehren sollte. Wir sollten so sein wie der eine: aufmerksam, fleißig und nicht dauernd ans Spielen denken. Tue nicht dies, tue nicht das! Musst du dauernd dazwischenreden? Höre auf, die Lehrer zu kritisieren oder alles schlecht zu sehen. Sie wollen doch nur uns die goldenen Regeln des Lebens erklären. Die der Rechtschreibung, Mathematik, der Kunst, der Religion des Einordnens in eine höhere Ordnung. Jeder Lehrer wollte doch nur unser Bestes: uns passend zum Lehrsystem unterrichten.

Wenn die Schule dann aus war, durften wir spielen. Aber auch nicht zu lange. Nur bis es dunkel wurde. Und erst dann, wenn die Hausaufgaben erledigt waren. Der Ernst des Lebens, den galt es nie aus dem Blick zu verlieren. Werde erstmal erwachsen und komme dann mal dahin, wo ich jetzt bin. Nach der Schule ging es mit dem Fahrrad drei oder später mehr Kilometer zurück nach Hause. Sollst das mal alles besser werden? Spielen, ja spielen, das kannst du ja auch noch, wenn du Opa geworden bist. Nicht selber ausprobieren, sondern sich fügen und nicht rumhängen. Du bist verunsichert? Dann hast du noch nicht kapiert, worauf es ankommt. Kämpfe dafür, wofür ich mein Leben lang für dich gekämpft habe, damit du es mal besser haben wirst als ich. Wir machen einen guten Jungen aus dir. Den Besten, wenn du mit uns folgsam und fleißig zusammenarbeitest. Ob die sich darüber im Klaren waren, was das überhaupt ist? Kämpfen um in die Fußstapfen anderer zu treten und bloß selber keine Fußspuren hinterlassen? Alte Pfade auszutreten, bis dort kein Grashalm mehr im Stande war, überhaupt zu wachsen? Was wollten sie damit bezwecken? Ein gutes Etwas aus uns machen? Wussten die denn überhaupt, was das ist? Hatten sie beabsichtigt, was daraus wurde? Hubschraubereltern der Zukunft? Besorgnisträger eines imaginären gesellschaftlichen Gewissens? Und dazu den später eigenen Kindern keine Herausforderung mehr setzen, sondern jetzt einfach alles auf das schlechte System an sich zu schieben? Auf die jetzigen Lehrer? Auf die jetzige Politik? Auf die ungerechten Lebensumstände? Auf das schlechte Moralbewusstsein der Wirtschaft? Permanent den Weg frei zu machen und alles zu begradigen?

Vielleicht ist es falsch, wenn ich etwas von anderen jetzt erwarte, nachdem ich es selber nicht geschafft hatte. Etwa, dass sich die jetzigen Jungen dagegen wehren? Dass sie entdecken, wer die Büchse der Pandora geöffnet hatte und sie jetzt allein mit der Hoffnung lässt? Vielleicht bin ich ja auch einfach nur ein wenig verrückt und kann daher nicht richtig von falsch unterscheiden.

Inzwischen – wesentlich älter – sehe ich sie jeden Morgen auf dem Schulweg, immer wieder begleitet von Glucken, Übervätern und Supermüttern, in Gruppen oder allein, ihre Ranzen auf Rollen wie Kurzreisegepäck hinter sich herziehend. Reisende. Ich sehe sie vor der Schule stehen, so wie ich selber mal davorgestanden hatte, und fühle den Unterschied nicht mehr. Und auch nicht eine Notwendigkeit, dass gerade jene unsere Büchse der Pandora schließen müssten. Sie arbeiten bereits an derer eigenen Büchse. Die Büchsenöffner sind schon parat gelegt. Man wartet nur noch auf den passenden Augenblick. Sie sind Kinder der Freiheit, einer Freiheit, welche wir inzwischen verfluchen und gesetzlich immer weiter einschränken, nachdem unsere Generation gemeint hat zu erkennen, dass Freiheit ein wildes Tier ist, welches im Käfig gezähmt werden muss. Und jedes Mal, wenn die Freiheit uns anfaucht, zucken wir zurück und schauen uns entsetzt an und wünschen uns wieder zurück in die Zeit, als alles uns nur dunkel, schwer und eng erschien. Damit wir das Fauchen wieder wertschätzen lernen können.Ich sehe sie vor ihrer Schule stehen, lachen, feixen, rauchend, locker und unbändig. Und dann denke ich mir nur: Ihr kommt schon zurecht! Auch ohne mich.

Das Wimmern der E-Gitarre verstummt. Stille, ein leises Knistern noch, dann ein Klacken, die Rotation der Scheibe wird langsamer und endet, die Nadel hebt ab, bleibt untätig in der Luft hängen.

Das Zimmerlicht der Deckenlampe bricht sich in den schwarzen Rillen der Single.

Stille im Stillstand, ruhend im vollen Leben … .

„School“ by Supertramp

4 Gedanken zu „Nicht für die Schule, sondern fürs Leben …

  1. Es fängt schon mal richtig gut an: Wie du beschreibst, dass du eine Schallplatte auflegst, finde ich ganz hervorragend, so plastisch und doch zunächst so befremdlich. Die Harmonika und das Lied vom Leben – eine sehr gelungenes Wortspiel! Hat sich in der Schule so viel geändert? Ich weiß es nicht, ich denke, sie ist immer noch eine Einrichtung zur Einpassung in die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und der Gesellschaft und nicht zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Fähigkeiten. Und falls wir es angestrebt haben sollten, unseren Kindern größere Spielräume einzuräumen, unsere Idee von Freiheit, dann werden wir enttäuscht. Gerade diese Woche las ich, dass die junge Generation viel angepasster ist, viel bedachter auch den Erfolg und die Sicherheit. Aber du hast recht, auch sie werden zurecht kommen, auch und gerade ohne uns.

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    • Danke für das Lob.
      Alle werden ihren Weg finden, den sie zu gehen gedenken. Ich las eine Abhandlung, welche zu dem Schluss kam, dass die nächste Generation einen gesellschaftlichen Abschwung bringen würde, weil den jetzigen Kindern zu viel Freiheit gelassen würde. Ähnliches hatte ich bereits vor fast vierzig Jahren mitbekommen und es wurde immer nach der harten erzieherischen Hand verlangt, um eine sicher Zukunft der eigenen Kindern zu gestalten. Es scheint sich immer wieder etwas zu wiederholen: manche Argumentationen, welche Freiheit nicht als solche akzeptieren wollen. Und irgendwann kam dann die Erinnerung an School von Supertramp …

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  2. Deinem Kommentar entnehme ich erst, dass du eingangs School von Supertramp von Vinyl ertönen lässt. Das macht es natürlich sinnreich. Vorher war ich nur vom Bau deines Textes angetan. Jetzt finde ich hübsch, wie er mit den Lyrics des Songs korrespondiert. Aber irgendwas läuft tatsächlich falsch, wenn man die Studie bedenkt, auf die Manfred hinweist. In den Präambeln aller Richtlinien steht nämlich etwas anderes als das deprimierende Ergebnis vermuten lässt. Man darf den Einfluss der Schule aber auch nicht überschätzen. Viele Faktoren führen dazu, dass die Jugend nicht mehr rebellisch ist,

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    • Danke auch dir. Ich weiß nicht, welche Studie jetzt Manfred meinte. Mir ging ein Interview der SZ (http:// www. sueddeutsche. de /leben/verhaltensauffaellige-kinder-wenn-eltern-tyrannen-erschaffen-1.2960598) nicht aus dem Kopf und als ich dann durch die Zufallsfunktion meines MP3-Players SCHOOL hörte ging mir das Ganze nicht mehr aus dem Kopf. Ich erinnerte mich daran, was man über die 60er Generation sagte, wie man die 70er beurteilte, wie die 80er wieder anders beurteilt wurden, wie die 90er als Partyvolk verschrieen wurden, dann die Nuller, die mit zwei Wirtschaftskrisen und einem zentralen Kalendertag geprägt wurden und die 10er, von der man eine Reaktion auf die Nuller erwartet. Und irgendwie kam mir in den Sinn, es läuft nicht wirklich was schief. Sicher, das Attribut „rebellisch“ sehen wir nicht mehr, weil jeder von seinem eigenen Lebensmittelpunkt etwas anderes darunter versteht. Es mag mir vielleicht nicht gefallen, aber mein Leben hat den Älteren von damals auch nicht gefallen. Und ich kam schon zurecht! Auch ohne sie … meine Ansicht nur …

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