Eine pikante Situation: während einer Veranstaltung mit digitalen Videoleinwänden werden die Personen hinter den Kameras aufgefordert, spezielle »Shots« zu produzieren. Dabei gibt es die beliebten »Beauty-Shots«. Bekannt aus Live-Übertragungen von Sport-Events. Besonders wenn ein Sport-Team aus Brasilien spielt und die Kameras die Langeweile auf dem Spielfeld überbrücken müssen. Dann werden Zuschauerinnen in der Arena ins Visier genommen. Am besten vollbusig und in Bikini und mit Hüftschwung. Wenn das Spiel schon die Fantasie der TV-Zuschauer langweilt, dann hilft eine Aufnahme aus dem Fanblock, um der Fantasie der TV-Glotzer auf die Sprünge zu helfen.
Bei Fußball-WM-Übertragungen sind gern geschaute Beauty-Shots immer Brasilianerinnen, weil nicht eintönig weiß, sondern mulattisch erotisch. Dunkle lange Haare gewellt bis zum verlängerten Rücken, Hüftschwung mit ausladendem Hinterteil und vollbusig bis in den nächsten Rang. Ein bisschen Kakao in der eintönigen Milch, da geht das ganze als Cappuccino schon beliebter über den Tisch. Die Erotik von Arsch, Titten und nicht-weißer und nicht-total schwarzer Hautfarbe ist per Stream oder TV zulässig. Bei Grenzern wie Frontex und Co. würde so etwas zu sofortigen Rückweisungen an Grenzen führen. Wie hatte mir mal einer vollmundig das Klischee zusammengefasst: »Ausländer raus. Außer freilich die guten Fußballspieler aus Brasilien und die sexy brasilianischen Mulatinnen.« Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Statt Brasilianerinnen stehen jetzt Rumäninnen und Ukrainerinnen hoch im Kurs. Sind ja auch Bio-Europäerinnen.
Und dann gibt es noch die Shots, die dann als Kiss-Cam verkauft werden. Die Personen hinter den Kameras wählen mutmaßlich Paare aus, welche dann von der Regie auf der Stadionleinwand präsentiert werden. Hintergrund ist die Präsentation von emotionalem Content. Emotionaler Content gilt als hochwertig und besonders gut präsentabel. Ob das Paar gerade frisch verliebt ist oder sich vorhin noch um die Bratwurst gefetzt hat … egal, Kiss-Cam.
Der Gier des Publikums nach emotionalen Bildern ausgesetzt, sollten sich die per Kamera Auserwählten küssen. Kiss-Cam. Vorhin noch mit komplett nicht zitierfähigen Wörtern untereinander bedacht, vor der Kiss-Cam, sollte das Paar, das perfekte romantische Paar der Regie-Auswahl darstellen. Und küssen sich beide live vor der Kamera (übertragen per Stream oder TV) seufzen alle »Ach, wie schön«.
Die Zuschauer produzieren die Vorstellung über eine bessere Beziehung mit deren eigenem Partner auf das abgefilmte Paar, schauen nach Betrachten der Bilder ihren eigenen Lebensabschnittsgefährten (-gefährtin) an und grummeln »Du könntest auch mal so sein, wie die beiden dort auf der Leinwand«. Die eigenen Erwartungen von der Leinwand projiziert auf das eigene unerfüllte Zweier-Leben.
Und jetzt passierte es, dass während eines Coldplay-Konzertes diese faktischen Übergriffigkeit der KISS-Cam zu Tage trat. Und die Reaktion? Sozialisierte Wahrheit. Social truth. Das Leben muss perfekt sein, die eigene Beziehung muss perfekt sein. Wessen Beziehung ein Makel habe, der soll sich zu Hause einbuchten und dran arbeiten, diesen Makel zu beseitigen. Eine Affäre zu haben, geht gar nicht. Eine Affäre ist ein Makel, der gesellschaftlich nicht gesellschaftsfähig ist. Gesellschaftsfähig ist nur die perfekte Szene für die Kiss-Cam. Alles andere ist abzulehnen.
Wieso eigentlich? Gilt die Fassade mehr als das eigene Leben? Der Mensch war nie monogam. Der Mensch an sich ist eindeutig polygam. Das sagen sogar die so verhassten wissenschaftlichen Untersuchungen, die dann immer als alternative Wahrheiten deklassifiziert werden. Monogam sind immer nur die diktatorischen Forderungen der mosaischen Religionen. Allein die Erwähnung von Philosophen wie die von La Mettrie und sogar der Begriff »Hedonismus«, so etwas bringt Aversionen zu Tage, vergleichbar mit Assoziationen zu Pest und Cholera.
Warum? Richtig, der Horizont eines jeden Menschen korrespondiert mit dessen geistiger Höhe. Und wenn die Höhe gleich dem Niveau der Schuhsohle eines amerikanischen Präsidenten ist, dann erklärt sich auch der Hohn gegenüber jenem Paar, welches bei dem Coldplay-Konzert von der Kiss-Cam dem Stadium-Publikum präsentiert wurde. Es hinterfragt keiner die Berechtigung der Kiss-Cam (richtig, durch die AGBs beim Ticket-Kauf als in Ordnung beim Kauf vom Käufer bestätigt), aber jeder hinterfragt, ob das gefilmte Paar das durfte, was es vor der Kiss-Cam machte und was die Kamera-Regie auf die Stadionleinwände übertrug. Der moralisch Schuldige ist freilich immer das Opfer der Kiss-Cam. Der Rest ist moralisch komplett unschuldig und fern ab jeder Reflexion. Denn dafür können die ja nichts, dass die Bilder in den Stream/TV übertragen haben. Der Sachzwang ist schuld. Und der Sachzwang ist Basis jeden Geschäfts. Sonst macht es ein anderer.
Moment. Ich muss gerade meine Schreiberei unterbrechen.
RTL oder SAT1 – oder war es gar Öffentlich-Rechtlich? Keine Ahnung, ich habe das nicht durch die Gegensprechanlage verstanden – wollen mich zu meiner Beziehung vor der Kamera live im Stream zu der Frau im Norden Bayerns befragen, während ich doch wohl offiziell mit einer Ur-Münchnerin zusammen bin … .
Der Sachzwang ist schuld …