Nächtliche Intimgespräche


Leise ertönte der Klang zweier anstoßender Sektgläser durch den Raum. Ihr Schlafzimmer wurde mit einem blau-weißlichen Licht geflutet. Das Display ihres Smartphones hatte sich eingeschaltet. Eine neue Nachricht per WhatsApp. Sie war noch nicht richtig eingeschlafen und war sofort wieder wach. Die Uhr des Smartphones zeigte 1:35. Mit ihren Fingern fuhr sie über das Display, bis sie die Anwendung geöffnet hatte.

„Good morning, creature of the night“.

Yuzo hatte ihr geschrieben. Sie lächelte. Yuzo schrieb ihr regelmäßig, wenn er in seinem Büro in Tokyo eintraf. Sie hatte ihn vor drei Monaten auf einer japanischen Kunstausstellung in Düsseldorf kennengelernt. Sie waren sich mehr als nur sympathisch, es hatte sofort gefunkt und am gleichen Abend hatten beide ihren gemeinsamen Spaß in seinem großen Hotelbett. Zwei Tage war die Ausstellung und das Rahmenprogramm für beide nur noch Nebensache. Sie musste wieder zurück und er flog wieder nach Tokyo zu Kindern, Hund und Frau zurück. Seitdem schrieb er ihr regelmäßig zwischen 1 und 2 Uhr morgens und beschwor die beiden gemeinsamen Nächte.
Sie lächelte, als sie „ creature of the night“ las. In jenen zwei Nächten hatte sie ihm damals von der „Rocky Horror Picture Show“ vorgeschwärmt. Phantasiereich und dann – als er nicht verstand – hatte sie ihm handfest erklärt, was sie – wäre sie „Janet“ in dem Film gewesen – selber so gemacht hätte.

„Kisses, darling“, war ihre kurze Antwort über WhatsApp. Sie mochte ihn. Er war einfühlsam und zärtlich in einer bestimmten Weise, aber überhaupt nicht weichlich
Sie scrollte nochmals durch die Historie des Chats. Yuzo wollte sie unbedingt noch mal sehen. Er hatte Pläne für Bamberg gemacht. Dort war ein anderer japanischer Kulturevent geplant gewesen. Aber die Pläne hatten sich zerschlagen. Sein Chef hatte ihn offenbar in ein anderes Bürozimmer versetzt und somit hatten sich seine Aufgaben geändert. Sie vermutete, dass Yuzo bei irgendeinem seiner geschäftlichen Tricks erwischt wurde, denn Yuzo beschrieb sein neues Bürozimmer als sehr schlecht. Vorher konnte er von seinem Fenster bei gutem Wetter den Fujijama sehen. Jetzt starrte er offenbar nur durch ein Fenster zum Hinterhof hinaus. Und schlechteres Büro bedeutet in Japan immer eine Art der Degradierung.
Wieder ertönte leise der Klang zweier anstoßender Sektgläser durch den Raum. Zwei Wischbewegungen später las sie die Mail von Michael.

„Noch wach?“

Michael hatte sie über die Dating-App „Tinder“ kennen gelernt. Sechs Jahre älter wie sie war er. Knappe 50, aber sexy. Seine Bilder in „Tinder“ fand sie süß, seine Selbst-Beschreibung hatte sie angesprochen. Er war nicht auf One-Night-Stands aus. Sie hatten sich ge-match-t und dann geschrieben. Er konnte wahnsinnig gut schreiben. Sie hatte ihn einmal getroffen. Zum Eisessen. Spagetthieis. Danach landeten sie beide in ihrem Bett. Er war ja ganz nett, aber nicht wirklich ihre Kragenweite. Nicht sportlich genug, zu wenig männlich, zu unvermögend.

„Ja“, schrieb sie zurück.
„Regt dich dein Mann wieder auf?“
„Der erregt mich schon lang nicht mehr.“
„Unglaublich bei so einer erregenden Frau wie du.“

Sie lächelte. Er war trotzdem noch irgendwie süß. Antworten würde sie ihm jetzt nicht mehr direkt. Er sollte schon selber bemerken, dass sie kein richtiges Interesse mehr an ihn hatte. Sie schickte ihm einfach ein Herzchen. Er würde schon eine andere passende Frau finden, da war sie sich sicher.
Schlafen konnte sie nicht mehr.
Eine weitere WhatsApp-Nachricht traf ein.

„Noch wach?“

Jetzt war es Rainer. Sie hatte ihn über ein Kontaktportal kennengelernt. Er war schon etwas Ernsteres. Eigentlich hatte sie keine Lust zu antworten, aber er hatte wohl ihren Online-Status gesehen.

„Ja“, schrieb sie zurück, „aber ich werde jetzt schlafen.“
„Wie immer getrennt?“
„Seit Jahren.“
„Immer auf Freiraum bedacht?“
„Ich brauche meinen eigenen Raum, meinen eigenen Schrank, mein Bett, mein Intimbereich.“
„Und deine eigene Affäre darin.“
„Na und? Mein Mann ist ein Schlappschwanz. Ehrlich. Kriegt keinen mehr hoch. Hab ich doch schon geschrieben.“
„Darum holst du dir, was du bei ihm nicht mehr bekommst, stimmt’s?“
„Soll ich als Nonne leben und sterben? Als Paar funktionieren wir aber weiterhin. Er darf nur hiervon nichts erfahren.“
„Klar. Verstanden. Von mir bestimmt nicht. Du hast noch immer kein Foto von dir im Portal.“
„Ich will nicht, erkannt werden. Ein Freund von ihm ist hier auf dem Portal. Mein Mann könnte es erfahren und dann ginge alles in die Brüche.“
„Verstehe.“
„Wenn unsere Kinder nicht wären. Aber er ist ein liebender Familienvater. So einen findest du heute nicht mehr. Wir sind eine phantastische Familie. Unsere Urlaube sind toll. Und wenn er mich auf gesellschaftliche Anlässe mitnimmt, ist das einfach traumhaft.“

Sie wartete etwas, ob er antworten würde. Aber es kam nichts.

„Du hast auch kein Bild im Portal“, hakte sie nach.
„Ich möchte nicht erkannt werden. Auch ich habe einen Freund hier, der im Kontaktforum regelmäßig seine Affären klar macht. Es wäre megaschlecht für mein Geschäft, würde er mich hier entdecken.“
„Aber schicken magst du mir kein Foto von dir?“
„Später. Wir schreiben uns doch erst seit vorgestern.“
„Na und?“
„Sorry. Habe ich hier bisher immer so gemacht. Bislang hatte das keine Frau an mir hier gestört. Ich bin kein Fake.“
„Woher soll ich das wissen?“
„Wenn du willst, gebe ich dir paar Chat-Namen von hier registrierten Frauen. Bei denen kannste im Chat nachfragen, wie ich so bin.“

Eingebildeter Fatzke. Glaubte er wirklich, er wäre der Hengst im Bett? Aber ein reizender Fatzke immerhin.
Sie hörte auf dem Gang vor ihrer Tür, wie ihr Mann ins Badezimmer ging. Oder besser gesagt schlurfte. Er ging immer wie ein Bauer. Füße beim Gehen zu heben, war nie seine Disziplin gewesen.
Sie wartete etwas, ob ihr Chatpartner noch mehr schreiben würde. Aber es kam nichts mehr.

„Und wie biste so im Bett? Erzähl mal genauer. Ich will es wissen, was du meinst, dass die Frauen von dir so wissen.“

Sie wartete erneut, aber es kam immer noch nichts.

„Moment“, lautet dann aber doch noch die kurze Antwort.

Sie seufzte. Solche Wartepausen hasste sie. Aber noch mehr hasste sie zu telefonieren. Sie schrieb lieber. Es war geräuschloser und unauffälliger. Sie achtete immer sorgfältig darauf, dass ihr Mann nichts bemerken würde. Und freilich erst recht nicht ihre Kinder. Sie seufzte erneut. Wären ihre beiden Würmchen nicht, sie hätte sich längst scheiden lassen.
Kurz darauf hörte sie im Bad die Spülung und sich die Badezimmertür erneut öffnen. Und wieder dieser schlurfende Gang. Wie sie das hasste! Warum konnte der seine Füße nicht anheben? Musste der wie ein Penner rumschlurfen?
Als sie hörte, wie sich die Schlafzimmertür bei ihrem Mann schloss, sprang sie kurz entschlossen auf. Ihre Blase drückte. Sie musste auch mal.
Mit ihrem Smartphone in der Hand schlich sie leise ins Bad. Ihr Chat-Partner hatte weiterhin nicht geantwortet. Sie schloss die Badezimmertür hinter sich ab, ging zum Klosett und ließ sich drauf nieder. War ihr Chat-Partner eingeschlafen? Typisch Männer!
Sie überlegte, was sie ihm schreiben sollte, als ihr Blick auf den Bereich unter des Waschbeckens fiel. Dort lag ein Smartphone. Das Smartphone ihres Mannes. Sie erhob sich, ging – die Pyjamahose um die Fußknöchel – trippelnd zum Waschbecken und hob das Smartphone auf. Sie schaute auf das Display. Die Bildschirmsperre war noch nicht aktiviert, WhatsApp war geöffnet. Erst zögerte sie, ob sie den Chat ihres Mannes lesen sollte, denn es war ja schließlich sein Smartphone und es ging sie ja nichts an, was er damit anstellte. Aber dann siegte ihre Neugierde und sie las die letzten Zeilen:

„Bei denen kannste im Chat nachfragen, wie ich so bin.“
„Und wie biste so im Bett? Erzähl mal genauer. Ich will es wissen.“
„Moment.“

Unvermittelt klopfte es an der Badezimmertür, sie zuckte verschreckt zusammen und dann hörte sie vor der Tür ihren Mann rufen:

„Schatz, biste da drin? Kannste mal schauen, ob ich dort mein Smartphone habe liegen lassen?“

6 Gedanken zu „Nächtliche Intimgespräche

  1. Köstlich! Die Vorstellung, was sie zu hören bekommt, wenn sie tatsächlich umfragt, wie „er so ist“, der „treusorgende Familienvater“ und „Schlappschwanz“, der in Wahrheit ein „Hengst“ ist… Einfach zum Wiehern! Wirklich gelungen, Chapeau!

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  2. Der Anfang las sich wie ein Liebesroman aus der „Frisör-Zeitschrift“. Die Pointe ist allerdings dann witzig und bösartig. Das hat mir gefallen.
    Ich würde statt Spüle, Waschbecken schreiben; Spülen sind in der Küche ;-)

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  3. Tschuldigung für die verspätete Reaktion. Es stimmt. „Spüle“ ist falsch. Ich habe es korrigiert. Liegt an mir, ich bezeichne alles als Spüle, was mich an Spüle erinnert. Danke für den Hinweis und dein Lob.

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