Vorweihnachtliche Einkaufsliste


Der Bleistift gespitzt, das Blatt Papier flach gestrichen und die Augen auf die ersten Zeilen gerichtet, so saß ich vor meinem Zettel:

»Liebes Christkind. Ich wünsche mir echt nicht viel: Keinen Weltfrieden, keine Armut oder keine Gerechtigkeit, das will ich alles nicht. Aber ich will etwas Einfaches. Eine Tafel Schokolade, einen Sack Marzipankartoffeln und Karamelltaler. Geht das?«

Angestrengt schaute ich auf meine Schreibe und analysierte: eindeutig zu hochmütig. Denn »echt nicht viel« las sich abgehoben an. Es war in Wahrheit schon eher »echt viel«. Also strich ich es.

Und schließlich die zahlreichen Wortwiederholungen. So viel Mal »keine«; das ist schlapper Stil. Also durchkreuzte ich auch diese Worte und fügte als Ausgleich ein »nicht« ein.

Mein nächster Blick galt dem »will ich« und dem »ich will«: Ich will, ich will, ich will. Ich bin doch kein kleines Kind mehr, das immer nur will, warf ich mir leise vor. Das musste weg. Also verschwand das »ich will« unter einem breiten Strich meines Bleistiftes. Es verblieb mir ein »das alles nicht« und ein »etwas Einfaches«. Ein Zusammenhang dieser Worte erschloss sich mir nicht. Sie standen so losgelöst, so allein. Weg damit. Keep it simple.

Und erneut Wiederholungen des Wortes »eine«. Da ich schon mal am Streichen war, gab es nur eine Lösung. Hinfort damit.
Erst »Tafel Schokolade«, aber dann gleich »Sack Marzipankartoffeln und Karamelltaler«? Gleich drei Dinge auf einmal? Die »Marzipankartoffeln« fielen meinem Lektorat zum Opfer.

»Tafel Schokolade und Karamelltaler«. Nein. Zu viel der Wünsche. Bescheidenheit ist etwas anderes. So etwas ziemt sich nicht. Die »Tafel« wurde gestrichen und ich blickte auf »Schokolade und Karamelltaler«. Seufzend strich ich »Karamelltaler«. Das Wort war erstens nun mal zu lang und zweitens schwer zu verstehen.

Erneut las ich den korrigierten Wunschzettel:

»Liebes Christkind. Ich wünsche mir nicht Weltfrieden, Armut oder Gerechtigkeit. Aber Schokolade. Geht das?«

Ich blickte auf und schaute über die Terrasse des Cafés. Jeder Tisch war umringt von Stühlen, auf denen rote Decken lagen. Unter einem Heizpilz ließ es sich momentan mit einer Decke gut aushalten. Viele Besucher hatte das Café zu dieser Uhrzeit noch nicht. Einzig an einem Tisch saßen zwei Verliebte, tranken Kaffee und schauten in den Park hinaus. Dort schlenderten einzelne Menschen auf den Wegen unter den kahlen Bäumen. Deren Hände hatten sie tief in den Manteltaschen versteckt. Nur mühsam drang die Sonne durch den Hochnebel. Wärme konnte die Sonne keine mehr erzeugen. Aber sie zeichnete den Park in einem Stimmungslicht, als ob die gesamte Szenerie mit einem Weichzeichner abgefilmt worden wäre.

Nein, das passte nicht. Überhaupt nicht. Da lag in meinem Wunschzettel eindeutig das Problem. An das Christkind glaubte ich längst nicht mehr. Also ging das nicht. Mit Entschlossenheit strich ich die ersten und die letzten beiden Worte.

»Ich wünsche mir nicht Weltfrieden, Armut oder Gerechtigkeit. Aber Schokolade.«

Schokolade. Schokolade war das Stichwort. Ich wollte noch Schokolade einkaufen.

Ich nahm einen letzten Schluck aus meiner Kaffeetasse, legte passend Kleingeld auf den Tisch, stand auf und ging.

7 Gedanken zu „Vorweihnachtliche Einkaufsliste

  1. Ich habe auch meine beiden – 7 und 10 – enkelinnen gefragt…

    w a s es denn sein solle…….zum fest…

    wie aus der pistole geschossen kam dann :::

    doch doch !! alles auf englisch…. je 7 dinge…

    und dann habe ich gesagt : müßt ihr mir aber auf deutsch sagen…

    ging nicht…dumme gesichter…

    aber : d e r table – pc…vom aldi … liegt schon 2 mal im schrank

    d a s wurde mir dann soooo erklärt :

    opa…… das ist son ding…wie du hast aber ohne deckel…

    na ja…..

    soo hat man seine freude…

    gruß jens

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  2. Weihnachten ist für Kinder immer das Fest der gaaaanz großen Wünsche. Das, was es das Jahr nicht über gab, das wird dann unter den Baum gewünscht. Kenn ich.

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  3. Caipirella, da hast du recht!, ich kann es nur unterstreichen: Careca hat sich sehr viel Mühe gemacht mit seinem Einkaufszettel.
    Es ist schön zu wissen, dass es noch Menschen gibt, die mit Bleistift und flachem Papier kreativ umgehen können.

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  4. „sehr viel Mühe gemacht“ – eine Aussage wie aus einem Arbeitgeberzeugnis.
    Nun ja, ich habe mir diesmal weniger Mühe gegeben, das gebe ich zu. Aber Dank Lola einige Verbesserungen einfügen können.

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  5. Na ja, die Arbeitgeberbeurteilungen sind hinterfotzig. Der Satz: „Sehr viel Mühe gemacht“, bedeutet übersetzt die Note „mangelhaft“! Ein „sehr viel Mühe gemacht“ – auf Blog.de – heißt für mich allerdings: Da hat sich jemand sehr viel Zeit genommen für seine Schreibe. Und der Autor bekommt von MIR die Note 2 + !
    Gruß, L.

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