Auf Anweisung ist zu jubeln …


Während den Aufnahmen
Stoersender.tv ist ein Crowdfounding-Unternehmen, dass binnen kurzer Zeit an die 150.000 Euro Spenden übers Internet zusammengebracht hat. Stoersender.tv tritt mit dem Anspruch an, politisches Kabarett außerhalb der normalen TV-Medien im Internet zu etablieren.
Momentan laufen die Vorbereitungen zu der ersten Internet-Stream-Sendung für Ende März.
Für die ersten „öffentlichen“ Aufnahmen erhielt ich eine Einladung zu den ersten Filmaufnahmen.
Was geschah?
Je länger die Wartezeit auf die Aufnahmen dauerten, desto klarer wurde mir, dass wohl keine Aufnahmen vom eigentlichen Programm stattfinden würden. 50 Statisten waren geladen und so viele waren dann wohl auch in etwa vor Ort. Meine Euphorie verflüchtete sich dann allerdings, als uns erklärt wurde, wozu wir Statisten dienten:
„Stellen Sie sich vor, das ist jetzt die erste Sendung von Stoersender.tv …“
„Stellen Sie sich vor, das ist jetzt die zweite Sendung von Stoersender.tv …“
„Stellen Sie sich vor, das ist jetzt die vierte Sendung nach Ostern …“

Ja, wir waren Staffage. Claqueure. Es wurden mit uns diverse Szenen durchgedreht: Das Publikum ist begeistert. Das Publikum ist gelangweilt. Das Publikum starrt den einsamen Lachenden an. Das Publikum jubelt. Das Publikum gähnt. Das Publikum …
Es wurden Szenen gedreht, die nachher reingeschnitten werden. Und durch meine Kopfbedeckung (siehe mein Avatar) wurde ich urplötzlich zum Mittelpunkt einer Statistenszene („Herr Bismark, Sie haben 200 Jahre nicht gelacht und stellen Sie sich jetzt vor, Sie brechen heute zum ersten mal mit dieser Tradition …). Sollte meine erbärmliche Schauspielkunst des Lachens Gnade vor dem Schnitter finden, werdet Ihr sie im ersten Teil von „Stoersender.tv“ Ende März sehen.
PublikumsstatistDiese Aufnahmen heute sind dann eigentlich auch der Punkt meiner Nachdenklichkeit. Während der normale Fernsehzuschauer von heute „Neues aus der Anstalt“ oder damals „Scheibenwischer“ (oder für die anderen ARD-Einäugigen der „Satiregipfel“) als mehr oder weniger Live-Aufführung im Fernsehen erleben, so wird „Stoersender.tv“ dieses definitiv nicht sein. Immer wieder wurden wir per Anweisungen angehalten, zu jubeln, zu schmollen oder Unmut auszudrücken, so zeichnete es sich klar ab, dass „Stoersender.tv“ eine Internet-Sendung sein wird, die mit Schnitttechnik arbeitet. Und wenn sich dann die Betrachter von „Stoersender.tv“ wundern werden, warum bei bestimmten Sketchen wie wild gejubelt wird, während bei anderen Gags verhalten geklatscht wird, der muss sich mit dem Wissen trösten, dass Schnitttechnik und Satireempfinden der Schnitttechniker (i.e. Regie) den Stream ausmachen wird. Und ich hoffe sehr, dass das Niveau unserer Jubelorgien von heute für die nächsten sechs Sendungen durch den Inhalt eindeutig überboten werden wird. Wir alle haben freiwillig mitgemacht und hatten unseren Spass daran. das steht außer Frage. Aber wir Claqueure wissen heute noch nicht, wo wir morgen hinein geschitten werden. Aber alle waren guter Dinge, dass der Stream besser sein wird, als das was wir ablieferten.

Einer der Höhepunkte für mich war heute dann das Erscheinen des Vaters des Machers der Sendung „Stoersender.tv“. Der Vater von Stefan Hanitsch: Dieter Hanitsch. Bekannt ist erals jener Karikaturist, der in den 80er des letzten Jahrhunderts seine Sternstunden zeichnerisch zelebrierte. Und das nicht nur in der „Süddeutschen Zeitung“ sondern auch in Büchern, unter anderem auch in Zusammenarbeit mit Dieter Hildebrandt. Inzwischen – so sagte mit Dieter Hanitsch auf eine meiner Fragen – ist mit Karikaturen kaum noch ein Buch zu veröffentlichen. Verlage finden sich für Veröffentlichungen kaum.
Schade ist diese nüchterne Antwort schon, denn wer ein Buch von Dieter Hanitsch sein eigen nennt, wird es kaum wieder her geben.
So hatte der Tag bei all unseren gesteuerten Jubelorgien und Buh-Chören für mich doch noch seinen Höhepunkt, dank ihm, den Professor der Karikaturisten: Dieter Hanitsch.

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Und was die ersten 30 Minuten „Stoersender.tv“ Ende März bieten wird, da bin ich sehr gespannt. Dieter Hildebrandt, Markus Barwasser und Sigi Zimmerschmied sollten uns heutige Jubelpriester in alle Schatten stellen.
Hoffentlich.
Ansonsten müsste ich mich für das heutige stark schämen …

Zusatz vom 24.2.2013
Eigentlich nehme ich in meinem Post an, dass ich den Verwendungszweck kenne. Aber ich vermute nur. Denn eigentlich könnten die Aufnahmen auch als Auditorium für den Bundestag angewendet werden. Vielleicht ist die Sendung auch mehr in Richtung „Notizen aus der Provinz“ (war damals eine Sendung ohne Live-Publikum), so dass die Aufnahmen am Samstag für andere Zwecke verwendet werden könnten, als zuerst gedacht. Es ging darum bei uns Publikum bestimmte Reaktionen zu erzeugen und das geht nur mit der Erwartungshaltung und nicht gegen der Erwartungshaltung von uns Publikum.
Ich setze auf die Kreativität des Stoersender.tv-Teams.

6 Gedanken zu „Auf Anweisung ist zu jubeln …

  1. Puh, wer hätte das gedacht…

    Wobei, beim zweiten überlegen, liegt der Gedanke ja nahe, Humor, Satire und Internet ist halt doch auch heutzutage eine Frage der Kosten, hinzukommt das Terminmanagment der Beteiligten Akteure, die ja auch noch andere Verpflichtungen haben (mögen).

    Vielleicht dient es nur als Nährboden, aus dem tatsächlich etwas authentisches, reales wachsen wird. Vielleicht hat man auch nur Angst vor der eigenen Courage.

    Mehr als nur ein wenig schade, um nicht zu sagen schal, ist es trotzdem.

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  2. Die ersten drei Stuhlreihen waren in Schwarz-Rot-Gelb und der Hintergrund war ein Green-Screen (damit könnten wir medientechnisch unter den Eifelturm platziert werden. Oder als Jubelorchester auf der sinkenden Titanic (mit Celine Dion im Hintergrund singend) …
    Ich hoffe auf viel Kreativität des Stoersender.tv-Teams.
    Ich bringe mal einen Zusatz in mein Post.

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  3. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. :D
    Na, warten wir’s mal ab, ich denke, das wird schon gut werden, was sie machen …
    Dankeschön für’s Trackback
    Liebe Grüße
    Anne

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  4. Mir gefällt überhaupt nicht, dass sich das Stoersenderteam derart manipulativer Techniken mit Publikum bedient. Das macht die ganze Sache von vorneherein unglaubwürdig. Man braucht doch diesen Quatsch nicht, oder?

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  5. Werden diese Aufnahmen als „Live-Atmosphäre“ eingesetzt, dann drohen den Sendungen sehr starke Comedy-Elemente (Quatsch) und diese braucht Kabarett auch meiner Meinung nicht. Kabarett verliert dadurch immer. Dann haste ein „Satiregipfel“-Publikum, welches lacht, und niemand mit gesundem Menschenverstand versteht, wieso über Nuhrs Flachsätze überhaupt jemand lachen kann.
    Andererseits kann es auch sein, dass diese Aufnahmen als besonderes Stilmittel für bestimmte Störbeiträge eingesetzt werden. Das würde dem ganzen eine gewisse andere Richtung geben. Das Letztere würde sicherlich besser sein. Das Erstere … naja …
    Ich harre gespannt und mit Hoffen der ersten Sendung.

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