Interview-Goof mit Lance und Oprah: Wassergläser mit Edelstahlstrohhalme


Selten schafft es eine US-Talkshow bis in die deutschen Nachrichten. Oprah Winfrey hat es wieder geschafft. Ihr knapp 100minütiges Interview mit Lance Armstrong fand Erwähnung zur deutschen PrimeTime und in deutschen Zeitungen.

Das Interview wurde inzwischen mehrfach hinsichtlich der Dopingvorwürfe in den Medien durchgescant. Aber auch nur in dieser Hinsicht. In meinen Augen verdient sich der Journalisten Anno Hecker der FAZ mit seiner Analyse des Phänomens Lance Armstrong (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/lance-armstrong-der-unmenschliche-12028487.html) lobende Erwähnung.

Ich möchte hier nicht auf das Offensichtliche des Interviews nochmals eingehen oder die Überschrift wiederholen, dass sich in den Wassergläsern von Lance und Oprah metallene Strohhälme befanden. Ich möchte an dieser Stelle eher mal den Blick auf den Inhalt der Wassergläser lenken.
Wasser. Freilich.
Aber hat wer von den Zuschauern bemerkt, ob diese halb voll oder halb leer waren?
Nun ja, am Anfang waren sie zu 4/5 gefüllt.
Und gegen Ende des Interviews?
Wurden die Gläser leerer?
Ja und Nein.

Denn als Oprah Lance nach 80 Minuten auf dessen Sohn hin ansprach und Lance sich die Worte im Mund mit seiner linken Hand herausknetete, da war sein Glas nur noch zu 1/3 gefüllt.

Knappe 11 Minuten später ging das Gespräch über seine Kinder und an der Stelle wurde das Interview mit einem Teaser für den weiteren Verlauf mit dem Untertitel „Coming Up“ eingeblendet unterbrochen. Werbepause. Und weiter ging es. Das darauffolgende Thema war ein vermuteter Bestechungsversuch in Richtung der amerikanischen Anti-Doping-Oragnisation USADA.

Die Wassergläser der beiden waren so voll wie am Anfang des Interviews …
Okay. Das ist machbar, auch wenn es nicht jeder Beobachter des Interviews bemerkt haben wird. So etwas gehört zum dramaturgischen Ablauf einer Regie einer Sendung. Vom emotionalen Höhepunkt wieder zurück zu den Fakten der Machtspiele von Lance Armstrong gegenüber allen, die ihn irgendwie in seinem Leben bedrohten.

Gab es einen Versuch der Bestechung der USADA durch Lance Armstrong oder seinen Mitarbeitern? Lance Armstrong hat dies in den eineinhalb Minuten auch bei mehrfachem Nachhakens Oprah Winfreys verneint. Auf Oprahs Frage nach den finanziellen Verlusten der nachgewiesenen Dopingstrategie von Armstrong, erklärte dieser, 75 Millionen Dollar habe er schlagartig verloren und schaute dabei imaginär nach rechts oben, als ob er dort die Spitze des verlorenen Geldturmes sähe. Ob er denn an einem Punkt angekommen wäre, wo er nicht mehr wüsste, was er noch tun könne, fragte dann Oprah und die Kameraeinstellung wechselte.

Es wurde wieder die Totale des Ensembles „Lance Armstrong, Tisch mit Gläsern und Oprah Winfrey“ gezeigt. Nur jetzt war das Glas urplötzlich wieder zu knapp 1/3 voll. So wie bei dem Gespräch über Armstrongs Familie. Und das Thema war auch wieder Familie.

Ob es jemanden aufgefallen ist, dass hier geschickt das Interview umgeschnitten wurde, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen? Es hat mir ein „Geschmäckle“ hinterlassen, dass nicht erst seit der EM und Jogi Löws Ballwegschubsen beim Balljungen während eines Spiels der EM der Zuschauer schwer zu durchschauenden Bildmanipulationen ausgesetzt wird.

Ansonsten war das Interview schon von der Konstellation des Ensembles „Lance Armstrong, Tisch mit Gläsern und Oprah Winfrey“ für deutsche Talkmaster eine Lehre:
Armstrong hatte zu seiner linken Oprah Winfrey und zu seiner rechten Seite die Frontkamera. Da Armstrong Rechtshänder ist und Rechtshänder beim Imaginieren von konstruierten Bildern und Gesprächen dieses auf der gehirnlichen rechten Seite vollziehen, während das Abrufen von vorhandenen Bildern und Gesprächen auf der linken Seite geschieht, spielte die Sitzposition von Armstrong ein wirksames Gegenmittel zu spontanen Lügenkonstrukten seinerseits. Vielmehr war Lance Armstrongs Ansprechpartnerin Oprah auf seiner linken Seite und somit war er mehr dem Abrufen seiner Erinnerungen (vorher erlebte Bilder und Gespräche) unterworfen, als einer spontanen Flucht vor Fragen der Interviewerin. Das Interview ist ein gutes Beispiel für eine geschickt vorbereite Interviewstrategie.

Allerdings ist Lance Armstrong garantiert nicht ungeübt in Sachen „Interviewsgeben“:
– Seine Körperhaltung war die einer Wagenburgbildung: verschlossen und auf Verteidigung ausgerichtet bei möglichst unbedenklicher Offenheit. Selbstsprechend war hierfür die Szene, wo Lance mit beiden geballten Fäusten zeigte, was er als sein Territorium empfand und wie er es verteidigen würde, bis er es selber bemerkte und die Fäuste schnell öffnete um das Territorium mit offenen Handflächen abzustreichen (Oprah hatte es aber aufmerksam bemerkt und Lance dessen Boxerhaltung gleich imitiert).
– Als für Lance und Oprah eine Videoeinspielung ein anderes Interview aus dem Jahr 2005 gezeigt wurde, in welchem Armstrong seine Unschuld in Sachen Doping beteuerte, da wurde inmitten der Videoeinspielung auf Armstrong umgeschnitten, der eine fast ähnliche Geste vollführte wie in jener Videoeinblendung. Aufschlussreich war das insoweit, da Armstrong beteuerte, dass er den Typen aus dem Jahr 2005 hassen würde …
– Er bereut sein Doping, ja. Aber auch nur weil damals Floyd Landis gestanden hatte und Lance Armstrong belastet hatte. Dass er im September 2012 noch provozierende Fotos über InstaGram-Twitter geschickt hatte, während er kurz davor stand, all seine Titel aberkannt zu bekommen, das lässt schon die Frage zu, inwieweit ein Selbstheilungsprozess nur knapp vier Monate dauert. Seit Jahren hatte er seine Lüge gelebt und jeden, der Gegenteiliges behauptete, mittels des amerikanischen Rechtssystems mundtot gemacht …

Das Interview zwischen Lance Armstrong und Oprah Winfrey war in den letzten Tagen das Gesprächsthema hier in Deutschland. In einem halben Jahr wird es auch wohl niemanden mehr aufregen. Ob Lance Armstrong dann noch außerhalb von Prozessen und Gerichten medientechnisch bemerkt werden wird, dass steht kaum zu erwarten.

Auch das das als authentisch vermarktete Interview einen Goof hat (Wassergläser mit sich magisch ändernder Füllhöhe), interessiert bereits morgen niemanden mehr.

Und erst recht nicht mehr, dass es in der USA Strohhalme aus Metall gibt, das berüht dann keinen großen Geist mehr.

Nebenbei:
zum Nachschauen findet sich das Interview noch auf YouTube hier:

(sollte sich der Link geändert haben, bitte ich um Nachsicht; heute jedenfalls führte er noch zum Interview-Video)

7 Gedanken zu „Interview-Goof mit Lance und Oprah: Wassergläser mit Edelstahlstrohhalme

  1. Amerikaner trinken fast alle Nicht-Alkoholika mit Trinkhalmen aus Gläsern. Aber Plastikknickhalme wären zu billig gewesen. Metallene Trinkhalme repräsentieren gehobenen Stil und passen zu Oprah Winfreys Talkshow und ihr Interviewambiente.

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  2. Interessante Beobachtungen! Der Link zum FAZ-Text funktioniert nicht. Hier nochmal, weils wirklich lesenswert ist.
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/lance-armstrong-der-unmenschliche-12028487.html
    Ich habe einen solchen Text jahrelang vermisst, weil nämlich auch die Journalisten vor Amstrong gekuscht haben. Sie haben ihn gefürchtet und bejubelt. Bei einer Touretappe gab es eine Szene, die ich bezeichnend fand für Armstrongs professionelle Einstellung. Das Peleton bummelte so dahin, plötzlich sah man Armstrong nach vorne fahren und ein wenig Abstand nehmen zur Spitze des Peletons. Und dann querte ein Schienengleis die Fahrbahn. Armstrong muss das gewusst haben, hatte die Strecke vermutlich genau erkundet und war nach vorne gefahren, weil so ein Gleis gefährlich ist, wenn ein großes Peleton drüber fährt. Wenn da einer stürzt, reißt er die anderen mit. Armstrongs Erfolge waren eben nicht nur Resultat des Dopings. Deshalb war es auch so schwer, sich seinem Charisma zu entziehen. Aber die Tour de France war viele Jahre langweilig, weil er so dominant war. Man hätte ihn damals stoppen müssen, nicht erst jetzt, wo er dem Radsport nicht mehr schaden kann.

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  3. Danke für den Hinweis. Ich habe den Link aus deinen Kommentar über den meinigen kopiert. Der Weltradsportverband UCI und Lance Armstron waren nie gute Freunde gewesen, aber trotz derer Antipathien war deren Kluft nie so groß gewesen, dass von „hinreichend großem“ Abstand gesprochen werden kann. Miguel Indurain war vor Lance Armstrong der große Radsport-Star, den aber heutzutage niemand im Visier hat. Indurain bleibt daher bislang unsichtbar, denn nach Armstrongs Interview ist jeder Sieger verdächtig.
    Die Schilderungen von Lance machen sogar vielmehr deutlich, dass die bewußt auf Kräfteverschleiß angelegte Streckenführung der Oragnisatoren der Tour de France als eine vorsätzliche Reaktion das Doping der Teilnehmer wurde. Wer gewinnen wollte, musste dopen. Und Armstrongs Kalkül war wohl das gewonnene Geld in die Organisation des Dopings zu stecken und mit dem Gesamtsieg als Rendite einzustecken. Sein berechnendes Kalkül (dein obiges Beispiel gibt es sehr gut wieder) brachte ihm Ruhm und Reichtum. Siegen war nicht die Befriedigung fürs Ego, sondern der komplikationsfreie Ablauf der Dopingorganisation.
    Es gab bereits mehrfache Vorwürfe seit seiner Krebserkrankung, dass er gedopt hatte. Aber er hatte diejenigen, die es ihm vorwarfen, mittels des amerikanischen Rechtssystems nieder- und mundtotgemacht. Hierbei nutzte er immer Details der Aussagen, die er als inkorrekt darstellte, damit das andere unbeachtet blieb. Oprah hatte ihn bei seiner Erklärung fragetechnisch sauber filettiert und in die Defensive gebracht. Unglaublich daran ist, dass die UCI nichts aber auch gar nichts unternahm, diesen Aussagen konkret nachzugehen. Solange Lance Armstrong dopte, maikäferte der Weltradsportverband anhand der Drogenvorwürfe. Und das, obwohl die Dinge wie der Skandal mit der Festina, bereits offensichtlich waren …

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  4. Als Oprah ihn fragte, ob seine Siege ihn Glück und Befriedigung brachten, war seine Antwort, dass er seine höchste Befriedigung aus der gelungenen Organisation des Dopens zog.
    Oprah frug ihn an anderer Stelle, ob er sich nicht als Betrüger sehen würde. Seine Antwort war sinngemäß, dass das, was von außen als Betrug eines einzelnen angesehen wird, bei der Tour de France Normalität fast aller Teilnehmer war. Betrug hat als Ziel Feinden und Gegner Schaden zuzufügen. Wenn also alle zu Doping greifen, so Armstrong, dann kann nicht mehr von Betrug gesprochen werden.
    Für mich ist seine Aussage haltbar. Nur ich als Aussenstehende sage dann ganz klar, dass die gesamte Tour de France von Organisation durch UCI (Weltradsportverband) bis hin zu den Wasserträgern eine gedopte Show ist. Ein weltexklusives Lügengebilde, bei dem der Sieg nur Show und Futter für Zuschauer ist. Verarschung von Unbeteiligten auf Niveau einer Vorabendserie und organisierte betrügerische (ja, hier passt das Wort dann wieder) Geldaquise bei Firmen zwecks Umverteilung in andere Taschen. Dass die daran beteiligten Protagonisten gesundheitliche Spätschäden riskieren, interessiert mich weniger. Sollen sie Krebs bekommen, wie es Armstrong in seinen Hoden wohl aufgrund seiner Doperei 1996 erhielt, das müssen die vorsätzlich Dopenden mit sich selber ausmachen. Die von den Offiziellen der DDR Gedopten können davon Lieder singen. Und viele Angehörige an deren Grab.

    Für mich hat der Weltradsportverband inzwischen den wirtschaftlichen Status einer Sekte mit viel krimineller Energie. Das war für mich das Ergebnis des Interviews. Und das große Geld hat er mit dem Interview nicht verdient. Ohne dieses Interview wäre das der Welt nie so klar vor Augen geführt worden. Dank Oprah.

    Wetten, im Juni gibt es neue Folgen der Tour de France-Doping im Fernsehen?

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