Transparenz und Harmonie

Es war eines der seltsameren Erlebnisse dieses Monats.
In einer mitteleuropäischen Kleinstadt in einer koreanischen Firma zu gelangen, ist ja nicht jedem vergönnt. Insbesondere nicht den Menschen jener Kleinstadt, wo die Firma sich zur Jobmaschine entwickelte und Dornröschen wach küsste. Mit absoluter Sicherheit sind die Beschäftigten der Firma stolz darauf, in ihr arbeiten zu können.
Aber deren Verhalten kam mir irgendwie seltsam vor. Der Gesprächspartner saß vor mir und wir fachsimpelten auf hohem Niveau im flüssigsten Englisch.
Soweit so gut, so beeindruckend.
Nur eines fand ich arg seltsam. Er wich meinem Blick permanent aus. Nein, nicht nur das. Er suchte einfach keinen Blickkontakt. Als ob Blicke die reinste Aggression mir gegenüber sein würden. Als ob ich sein Chef wäre und er von mir einen Rüffel erwarten würde. Seine Finger fuhren dauernd fahrig um seinen Bart und seine Handfläche verbarg immer wieder seinen Mund. Es schien, als wolle er seine gerade gesagten Worte wieder einfangen. Ungeschehen machen. Fast wie verlegen erschien er mir. Dabei war er derjenige, der die Forderungen stellte und nicht ich.
Situation paradox.
Paradox erschien mir auch, dass die Parolen in der Firma nicht in der Landessprache ausgeschrieben waren. Sie waren in Englisch und nur in Kleinschrift darunter übersetzt in der Landessprache.
Auf einem Firmenrundgang erblickte ich einen Schaukasten. Fotos befanden sich darin. Offensichtlich war die koreanische Konzernspitze zu Besuch in jenem niegel-nagel-neuen Werk. Auf einem Foto schritten acht kleine rundliche Herren in grauen Blousonjacken, schwarzen Hosen und gelben Helmen zielstrebig auf dem Fotografen zu. Nur die beiden Herren in der Mitte trugen rein schwarze Anzüge und weiße Helme.
Auf einem anderen Foto stand einer dieser gänzlich schwarz-gekleideten Herren vor einem Plakat und deutete darauf, während drei Blousonjacken militärisch straff aufgerichtet daneben standen und konzentriert auf das Plakat starrten. Das Foto hatte was von einer militärischen Lagebesprechung während eines Feldzuges. Ein Hauch von Zweiter-Weltkrieg-Lagebesprechung umwehte das Bild. Auch wenn es kaum zwei Wochen alt war.
Steinharte Gesichter.
Kein Lächeln.
Nur ernst erstarrte Gesichter.
Viele weitere ähnliche Fotos hingen aus.
Und dabei fiel mir auf, dass ich auf keinen der Fotos einen Mitteleuropäer sehen konnte. Es waren ausschließlich Koreaner zu sehen. Ich wandte meinen Blick von den Fotos ab und schaute um mich herum. In der Halle sah ich nur Mitteleuropäer arbeiten. Nirgends sah ich einen Koreaner oder Asiaten. Nur Mitteleuropäer. Aber auf dem Foto … .
Es war eigentümlich.
Klar, die Firmenleitung und alle wichtigen leitenden Positionen bis ins mittlere Management runter sind von Koreanern (Süd) besetzt worden.
Und dann fiel mir ein, was mir ein Erfahrener in Sachen „Südkorea“ erzählte:
Auf Besprechungen kann es bisweilen schon recht rüde und brutal zugehen. Da fliegen auch schon mal volle Papierkörbe auf Tischen. Es wird gebrüllt, gedroht und manch einer wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Und da kniet dann auch schon mal jemand sich vor den Oberen nieder und bittet weinend um Vergebung …
Und dann dachte ich wieder an meinen Gesprächspartner und sein Verhalten mir gegenüber.
Eine Idee kam mir. Eine ungeheuerliche Idee.
Konnte es sein, dass er koreanisch eingenordet wurde? Dass sein Verhalten das Verhalten eines Untergebenen ist? Dass der Untergebene mit den anderen Mitteleuropäern eine andere Klasse bildet und die Korea die „Unsichtbaren“ im Werk sind?
„Transparenz und Harmonie“ hat sich das Werk auf ihren Fahnen geschrieben, um als Firma in Europa respektiert zu werden. Das Werk strahlt wirklich harmonisches aus. Selbst als ich sah, dass deren Produkte dutzendweise zur Nacharbeit in eine Schlange standen. Harmonisch sah das aus.

Als ich das Werk verließ – mein Gegenüber hatte mich zum Tor gefahren und zu diesem Zwecke davor kurz gehalten – kamen drei Sicherheitsleute aus ihrem steinernen Verschlag gesprintet. Ihre Kleidung drückte an puresten Martialismus aus. Kahlgeschorene Köpfe gekleidet mit an Pluderhosen erinnerndes, schwarzes Beinkleid und mit glänzenden Springerstiefeln ausgerüstet. Mein Gegenüber musste sofort seinen Werksausweis vorzeigen und jenes Faktotum notierte sofort dessen Namen, bevor mein Gastgeber sich hastig verabschiedete und sofort wegfuhr.
Der Sicherheitbeauftragte stand vor mir in martialischer Pose und seine anderen Substituten beobachteten mich ausgesprochen und deutlich fühlbar mißtrauisch. Als ich das Werk verließ, wunderte ich mich, dass meine Taschen nicht gefilzt wurden. Hätte aber jemand gefunkt „Haut ihn weg!“, ich hätte diese Wunderbilder von „Viel Panzer wenig Hirn“-Vertretern nicht überlebt.

Als ich das Werk auf der anderen Seite des Sees passierte, lag das Werk vertäumt unter blauem Himmel vor der bergigen Hügelkette.
Irgendwie transparent und harmonisch … .

Nebenbei: Jene koreanische Firma plant einen eigenen Flughafen in dem 85.000 Einwohnerort, um dann eine Direktfluganbindung nach Seoul aufzubauen. Bislang liegt der nächst grössere internationale Flughafen 300 km entfernt in einem anderen Land. Vom Arsch der Welt in eines der Herzen dieser Welt …

2 Gedanken zu „Transparenz und Harmonie

  1. In der japanischen Kultur werden Blickkontakte im direkten Gespräch nicht vermieden. Es wird aber Wert darauf gelegt, dass der Blickkontakt kein Starren oder Niederstarren (gern genutzte Praxis in Mitteleuropa um seine Überlegenheit zu demonstrieren) ist. Harmonie geht wirklich über alles. Lediglich wie die Grenzen zu dieser Art Harmonie gezogen werden, ist unterschiedlich. Die Japaner hatten damals die Kultur aus Festland-Asien bezogen und dann auf ihre Kultur umgeschrieben. Während auf dem Festland an erster Stelle den „Familie“ (also die Hinzugehörigkeit zu einer „Wohngemeinschaft“) kommt, ist es in Japan der „Fürst“ (der Vorgesetzte, der regionale Regent, der Dorfälteste, usw.; entsprechend des Shintuismus). Es mag seltsam erscheinen, dass die harmonie-süchtige Gesellschaft Kriege führen kann, aber es ist nicht die selbstlose allumfassende (nachhaltige) Harmonie. Harmonie beispielsweise im Kegelverein ist okay, aber wenn die Nachbarkegelgruppe die Kugel klaut, dann haut der erste Kegelverein in aller gemeinschaftlicher Gruppen-Harmonie die anderen …
    Was ich oben nicht ganz korrekt beschrieben hatte, es war nicht nur ein europäischer Gesprächspartner jener Firma, der sich so verhielt.
    In moralischen Kategorien „schlechter“ oder „besser“ zu denken, ist sicherlich nicht richtig. Ich selber komme aber mit der asiatischen Mentalität und Lebensweise schlechter zurecht. Und mit der brasilianischen geht es mir so wie dir. Ob ich als Angestellter jener obigen Firma nachher genauso reagieren würde wie meine Gesprächspartner, das wüßte ich schon gerne …

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  2. Ist es nicht die asiatische Kultur, daß direkte Blickkontakte eher vermieden werden, ebenso wie Körperkontakt? Ich kenne nur China etwas besser, und kann mir gut vorstellen, daß die Ursachen dort liegen – abgesehen davon, daß es überall seltsame Leute gibt.

    Sicherlich ist es nicht richtig, die asiatische Kultur in ihren verschiedenen Ausprägungen zu bewerten – schon gar nicht darf man in Kategorien wie „besser“ oder „schlechter“ denken und argumentieren. Aber man kann es mögen, oder eben nicht.

    Ich habe für mich festgestellt, daß China gar nicht geht – da komme ich als typischer Vertreter der deutschen und großer Fan der brasilianischen Lebensweise gar nicht klar. Interessant sind die Unterschiede allemal.

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