Ergänzung zu: Die harte Realität unterhalb eines Weltwunders

Was hältst Du von der Theorie, dass dieser wahnsinnige Drogenkrieg seine Geschäftsgrundlage verliert, wenn die USA ihre Drogenpolitik liberalisieren würde?

Diese Frage kam von Prinz Rupi auf mein vorheriges Post.
Die eigentliche Frage ist freilich. Haben die Vereinigten Staaten maßgeblichen Einfluss auf den durch die Drogenmafia hervorgerufenen Bürgerkrieg?

Viele Theorien habe ich bislang dazu gehört. Und jedes Mal spielte die USA nur eine untergeordnete Rolle. Eine Theorie hat mich dabei schon am meisten überzeugt, weil sie in die Historie Brasiliens passt:

Wie alle Länder Südamerika, so erlebte auch Brasilien die Zeiten der Militärdiktatur, welche durch den „Kalten Krieg“ der Supermächte USA-UDSSR bedingt wurden. Die USA betrachtete Südamerika als seinen Hinterhof und so war den Amerikaner jegliche Regierungsform okay, wenn deren Prämisse die Ablehnung der UDSSR und Kubas darstellten.

Maßgeblich hatte die USA ihre CIA-Finger im Spiel, als die Regierung Allende in Chile gestürzt wurde und die Diktatur unter Pinochet ihre Gegner in das Fußballstadion von Santiago de Chile zusammen trieb, bevor die Gefangenen mißhandelt oder gleich erschossen wurden.

Ebenfalls in Argentinien putschten sich die Militärs an der Macht und marodierten in ihrem eigenen Land von 1976 bis nach der Niederlage im Krieg um die Ilhas Malvinas 1983. Wie in Chile verschwanden Menschen spurlos. Die „Madres de Plaza de Mayo“ wurden für ihren Kampf um Aufklärung des Verschwindens ihrer Söhne über Buenos Aires und Argentinien hinaus weltweit bekannt. Inzwischen weiß man bereits, dass dieses Verschwinden durch Hubschrauberflüge über den Atlantik erreicht wurde …

In Paraguay herrschte der deutschstämmige Diktator Alfredo Stroessner von 1954 bis 1989. Bekannt wurden die paraguayanischen Militärs, weil sie die Folter der Nazis „verbessert“ hatten und dafür in ganz Südamerika als berater gesucht waren.

Uruguay hatte von 1973 bis 1985 eine Militärdikatatur.

Und auch Brasilien hatte seine Militärdiktatoren von 1969 bis 1985.

Alle Dikaturen legitimierten sich mit dem Anspruch linksextremen, pro-sowjetischen bzw. pro-kubaischen Strömungen zu bekämpfen. Dieser „Kampf“ wurde auf brutalster Weise auf dem Rücken der Zivilbevölkerung durchgeführt.

In Brasilien war die Dktatur nicht „so“ blutig wie in Chile unter Pinochet oder in Argentinien unter Jorge Rafael Videla (seit März 2004 läuft gegen ihn das deutsche Auslieferungsbegehren wegen Ermordung deutscher Staatsbürger).
Aber Brasilien hatte auch ihre Opfer, welche einfach verschwanden. Berühmt berüchtigt hierfür war die Zeit unter dem Militär Emílio Garrastazu Médici von 1969-1974. Die darauf folgende Dikaturzeiten unter Ernesto Beckmann Geisel bis 1979 und João Baptista de Oliveira Figueiredo bis 1985 waren schon ein wenig gemäßigter.

Jedoch war den Militärs Brasiliens eines immer gemein. Für sie gab es keine Unterscheidung zwischen politischen Gefangenen und normalen Strafgefangenen. Zwischen beide wurde gefängniszellenmäßig nicht unterschieden. Die Militärs erhofften sich durch die normalen Strafgefangenen weitere Informationen über politische Hintermänner der politischen Gefangenen zu erhalten.

Hector Babenco hat diesen Sachverhalt in seinem Film „Der Kuß der Spinnenfrau“ (nach dem Roman von Manoel Puig) 1985 nachgezeichnet.

Als 1985 die brasilianischen Militärs ihre Macht abgaben und die Diktatur durch die demokratische Wahl Trancedo Neves beendet wurde, erhielten viele politische Strafgefangene und auch normale Strafgefangene die Freiheit.
In den Gefängnissen hatte nun die normalen Strafgefangenen nicht nur ihre Strafen verbüßt und die Polititschen bespitzelt sondern auch gelernt, dass die Strukturen der „Politischen“ ebenfalls hilfreich für den Aufbau eigener Strukturen sein würden. Und die „Normalen“ haben dann die Logistik der Politischen in ihren Favelas aufgebaut, um dort ihre Macht zu etablieren.

War anfangs der Drogenhandel (insbesondere Kokain) ein Geschäft, welches nur mit den sehr Reichen gemacht wurde, so erkannten die Drogenhändler das Potential, wenn sie die Basis der Drogenkonsumenten verbreitern würden. Somit wurden Drogen auch für die breite Masse konsumierbarer, da die Drogen billiger wurden. War die Drogenmafia am Anfang noch ein „gemächlicher“ Haufen, der im übrigen auch mit den Militärs zusammen arbeitete, so brachte die Verbreiterung des Geschäftes eine verstärkte Brutalisierung des Drogenmarktes und hierachische Straffung der Drogenmafia mit sich. Gab es am Anfang noch relative Patenverhältnisse mit Clans, so gibt es in der heutigen Zeit nur noch Bandenstrukturen, wo derjenige überlebt, wer am schnellsten mit seiner Waffe reagiert. Und mitten drin sitzen die Militärs und wollen aufgrund ihrer schlechten Bezahlung ebenfalls mit verdienen.

Als vor einem Jahr eine Bande in Rio Waffen aus einem Militärcamp geklaut haben sollte, rückte das Militär aus und belagerte die mutmaßliche Favela der Bande. Es ging dabei nicht drum, den Drogenbaronen habhaft zu werden, sondern die Waffen zurück zu erhalten. Sie erhielten die Waffen zurück und zogen wieder ab. Interessant war dabei ein wenig später, dass Ermittler heraus fanden, dass Offiziere die Waffen an die Drogenbarone der Favela verkauft und damit ein gutes Geschäft gemacht hatten. Ironischerweise „beklagten“ sich die Drogenbarone also nicht zu „unrecht“, dass die Belagerung unrecht sei, weil eben alles völlig „legal“ beim Kauf der Waffen abgelaufen sei.

Die Verquickung der Militärs Brasiliens (insbesondere von Rio de Janeiro) und der Drogenbarone ist nur auf ein Ziel ausgerichtet: Maximalen Profit. Dafür gehen beide Seiten über Leichen (auch unschuldigen).

Der Drogenhandel in den letzten 20 Jahren hat sich erheblich gewandelt. Es ist wesentlich mehr Geld mit den Drogen zu erzielen. Zugleich hat sich die Schere zwischen den Armen und Reichen weiter geöffnet und die Karriere als Traficante (Drogenkurier) ist lukrativer als ein normaler Job geworden. Allerdings ist die Lebenserwartung als Traficante auch nicht sehr hoch. Das wissen diese und somit produzieren sie all ihre Lebenshoffung auf die Waffen, die sie dabei haben.
Waffen sind einfach cool und Statussymbol. Wer die bessere Waffen vorweisen kann, kriegt mehr Frauen ab (kein Klischee!), hat mehr gesellschaftliches Prestige in seiner Umgebung, lebt dafür aber wohl möglich nicht mehr so lange, weil er bei einem Fehler entweder von der Militärpolizei oder anderen Bandenmitgliedern erschossen wird.

Das, was in Rio de Janeiro immer wieder in Berichten oder auch dem beeindruckendem Film „Cidade de Deus“ („City of Gott“) gezeigt wird, ist nicht nur in Rio ein Fakt. Sao Paulo oder Fortalezza oder Salvador de Bahia leiden unter dem gleichen Krebsgeschwür.
Nur fällt es bei Rio de Janeiro erheblich stärker auf, da die Stadt von Touristen lebt und eben weil sie so schön gelegen ist. Rio erscheint wie Himmel und Hölle in einer geografischen Landschaft vereint.

Will man den in Rio herrschenden Bürgerkrieg beenden, so muss man zweifelsohne auch innerhalb des Militärs und derer Militärpolizei brutal reinen Tisch machen und entsprechende aus ihren Positionen entfernen. Solange dieses nicht geschieht, solange werden die Militärs ihre Brut weiter aufziehen, die sie nachher bekämpfen wird. Und das alles zum einzigen Zwecke, um weiter mit Drogen Geld verdienen zu können. Um die Macht der Drogenbarone zu brechen, muss zuerst das Militär gesäubert werden. Ohne diese Säuberung kann der Teufelskreis nicht durchbrochen werden.
Es geht hier ja inzwischen nicht nur um solche Dinge wie Kokain, es geht inzwischen ja um wesentlich brutalere Sachen wie Crack oder chemische Drogen, welche nicht mehr auf Feldern gezüchtet werden, sondern aus Labors kommen.

Aber der Kreislauf wird nicht durchbrochen. Und so geht aber weiterhin der Krieg und das Sterben dort weiter.

Und das völlig unabhängig davon, ob die USA drogenliberal wird oder die Prohibition erneut ausruft.

Leider.

P.S.:
Wie ich bereits oben erwähnte, handelt es sich hierbei bezüglich der Entstehung der Drogenmafia um eine Theorie, warum sie so wurde, wie sie jetzt so ist. Diese Theorie muß nicht stimmen. Ich habe sie aber inzwischen mehrfach gehört. Sollte sie absoluter Quatsch sein, so bitte ich im Kommentarbereich um entsprechende Stellungnahme mit entsprechender Richtigstellung.
Besten Dank.

3 Gedanken zu „Ergänzung zu: Die harte Realität unterhalb eines Weltwunders

  1. Eine sehr interessante und ausführliche Darstellung der gewaltigen Probleme in Südamerika, speziell Brasiliens.

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  2. Herzlichen Dank für diesen kenntnisreichen Hintergrundbericht und die Beantwortung der Frage. Habe ich in dieser Ausführlichkeit noch nie gelesen!

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