Parkgespräch

Ich saß jung, jungfräulich und unschuldig im Park und pfiff mir gerade die Frühlingsstrahlen der Sonne durch meine Nüstern.
Neben mir saß die eine und futterte Chips aus der Tüte.
Daneben hockte die andere gestützt auf ihrem Walking-Stock und schaute durch ihr Fernglas.

Die andere: „Da! Da ist wieder einer umgekippt!“
Die eine: „Wo?“ (und zog ein eigenes Fernglas aus ihrer Tasche)
Die andere: „Da hinten. Beim Mülleimer.“
Die eine: „Tatsächlich ein Penner! Sieht aus wie eine Lebensmittelvergiftung. Armer Kerl. Die Leute sollten ihre schimmeligen Brote nicht dauernd in öffentliche Mülleimer schmeißen.“

Die eine setzt ihr Fernglas ab, während die andere weiterhin durchs Glas schaut.

Die andere: „Der verschandelt den ganzen Park.“ (stockt) „Uuuuugh!“ (und wendet sich ekelnd ab)

Die eine: „Was ist?“
Die andere: „Ich glaube, er hat sich erbrochen.“

Die eine schaut routiniert chipskauend durchs Glas: „Ach, das ist doch bloß ein Hundehaufen.“
Die andere: „Dass der Staat dagegen nichts unternimmt.“
Die eine: „Ja, dabei hat unser Staat extra Hundeklos im Park aufgebaut.“
Die andere: „Ich meine nicht den Hundehaufen sondern die Penner.“
Die eine: „Es gibt sogar jetzt Automaten mit Schäufelchen hier im Park.“
Die andere (verärgert): „Um Penner einzubuddeln?“
Die eine (offensichtlich verwirrt): „Ääääääh …“

Die andere schaut weiterhin durchs Fernglas: „Jetzt hat er sich bewegt!“
Die eine: „Ich hab mal welche sagen gehört, dass der Staat sich zu wenig um seine Randgruppen kümmert.“
Die andere: „Ach so ein Quatsch. Die sollten nur mal wieder richtig arbeiten. Dann braucht sich auch niemand um irgendwelche Randgruppen zu kümmern.“
Die eine: „Glauben Sie, die wären dann glücklicher?“
Die andere: „Keine Ahnung. Aber dann wäre der Park sauberer.“

Die andere schaut weiterhin durchs Fernglas auf den Penner. Die eine übt sich in chipsfutternder Naturbetrachtung.

Die andere: „Da!“
Die eine: „Schon wieder einer umgekippt?“
Die andere: „Nee. Da kommt ne ganze Gruppe von Pennern.“
Die eine: „Wo?“ (ungläubig staunend) „Wirklich. Dabei sprechen doch alle immer wieder von individuellen Einzelschicksalen.“

Die andere: „Und jetzt rotten die sich in Gruppen zusammen! Die sehen doch alle gleich verschimmelt aus.“
Die eine: „Aber demonstrationsstrafrechtlich unbedenklich, trotz verfilzter Bärte.“

Beide beugen sich urplötzlich gleichzeitig wie magisch angezogen ungläubig vor.

Die eine: „Schaun ’se mal. Die helfen dem! Jetzt geben sie ihm sogar die Flasche.“
Die andere: „Unglaublich. Im Krankenwagen hätte er dafür bezahlen müssen!“
Die eine: „Cash oder Kreditkarte?“
Die andere: „Idiot! Mit seinem Krankenschein natürlich. Aber der dort ist wahrscheinlich noch nicht mal versichert.“

Die eine: „Scheinbar hat er aber noch Freunde, die ihm helfen.“
Die andere: „Ja, aber schauen Sie sich seine Freunde nur an: Penner, Gammler, Alkoholiker. Alles unzuverlässiges Gesindel. Keine Leistungsbereitschaft.“
Die eine: „Meinen Sie?“
Die andere: „Mein Sohn hat es trotz Hauptschulabschluss in fünf Jahren zum Meister gebracht. Er weiss, was seine Firma von ihm erwartet. Aber die dort,“ – er deutet auf die Penner – „die dort, die tun überhaupt nichts als auf der Straße und in Kneipen herumzulungern. Anstatt mal was zu tun und sich vernünftige Sachen zum Anziehen zu kaufen.“
Die eine: „Also mir geht es gut. Vielleicht könnten wir uns ein wenig Menschlichkeit leisten?“
Die andere (erregt): „Die kriegen von mir nichts. Das sind doch absolute Nichtsnutze, mit denen man keinen Staat machen kann.“
Die eine: „Meinen Sie, die Leistungsbereitschaft dieses Landes sanieren? Alle Penner, Alkoholiker, Gammler, geistig und körperlich Behinderte, Rentner, Langzeitarbeitslose und Harz-4-Empfänger auf eine Insel abschieben? Wäre so etwas nicht gegen jeglichen Humanitätsgedanken, Menschen nur nach Produktivität zu beurteilen? Wäre das nicht sogar gegen unsere Verfassung?“
Die andere: „Na ja, aber gegen eine Kennzeichnung zur Unterscheidung von den Nichtstuern wäre wohl nichts einzuwenden, oder?

Demonstrativ setzt sich diese andere eine Sonnenbrille auf ihre Nase. Das D&G-Logo glitzert verführerisch im Sonnenlicht. Sie schließt ihre Jacke und der Stussi-Schriftzug erscheint.
Beide erheben sich und gehen.

Es wird wieder still neben mir.
Die Parkvögel pfeiffen mir eins.
Ich blinzle wieder träge in die Sonne.
Ohne Fernglas und Chips.
Es geht mir gut.
La vita é bela.

6 Gedanken zu „Parkgespräch

  1. Ab „Einzelschicksale“ machen die Damen eine Persönlichkeitsveränderung durch. Der Dialog wirkt dann etwas bemüht und belehrend, aber den Eindruck hattest Du ja schon selbst.
    Vielleicht hätten sie nicht die Menschlichkeit entdecken, sondern weiter zynisch den Park durch die D&G-Sonnenbrille betrachten sollen.
    (Vielleicht schreib ich aber auch einfach nur Quatsch. Mach Du mal Dein Ding.)

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  2. Hm, was ich beim Wieder- und Wiederlesen meines Textes bemerke: er ist leicht moralinsauer, er hat ein wenig zuviel moralischer Zeigefinger. Dabei wollt ich das gen Null reduzieren … na ja, beim nächsten Mal …

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  3. Der obere Abschnitt erinnert leicht an Loriot (die Häufchen-Penner-Verwirrung): „Guck mal, ein Eichhörnchen!“.

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