Augen auf Augenöffner – Langnase, sei wachsam.

Wie viel Geld braucht es eigentlich um eine Millionenstadt gänzlich zu plakatieren?
TOYOTAs Marketingabteilung dürfte hierzu eine Antwort geben können. Aber die nonchalante Noblesse des weltgrößten Automobilisten wird auf solche Fragen nur eine Antwort kennen: Das undurchdringliche japanische Lächeln.

Während FORD ihren neuen RANGER vor 14 Tagen hier und da diskret auf ein paar Plakaten in der Stadt angekündigt hatte, kleckert TOYOTA nicht erst rum. Mit einer rasenden Plakatierwut haben die seit letzten Samstag gleich jede verfügbare Plakatwand der Stadt gemietet und gleichgeschaltet.

TOYOTAs neuster Aufmacher heißt AURIS. Und zwar wird er nicht gleich als irgendein Aufmacher angepriesen sondern gleich auch noch als Augenaufmacher: „Augen auf AURIS“.
Und wer sich die Plakate anschaut, wird dabei fündig. Es ist nicht der Name des neuen Automobils mit jenem japan-untypischen „R“, der einen stutzen lässt, sondern das Grafikdesign der Plakate an sich.

TOYOTAs Marketingdesigner müssen wohl drei neue Grafiktexturen (grafischer Hintergrundflächen) erfunden haben und wollten das Volk an deren Grafikkreationen teilhaben lassen.
Da ist einmal die Textur „Himmel“. Schön blau mit leichten Federwolken. Wie ein frischer Sommermorgen. Leicht beschwingt und froh gestimmt.
Dann noch die Textur „Berge“ für den Hintergrund. Sattes braun, ohne irgendwelche Schneegipfel oder sonstige Fujijama-Anleihen. Ganz trendy abgestimmt für diesen frühlingshaften Winter.
Und dann der eigentliche mördermäßige Hammer. Das ist die Textur, die da so sandfarben vor sich hinstrotzt und an Wüste und Teppich erinnert. So warm, so weich, so flauschig … Neu? Nein, mit Perwoll gewaschen …

Diese Hintergründe erinnern einen an eine zukünftige Landschaft. Zum Beispiel an die Almen von Rosenheim. An die flache Umgebung der Stadt München. An den Anblick von Osten aus auf das Harzgebirge. An die Aachener Tiefebene vor dem massiven Eifel-Gebirge. An den Ausblick von Osnabrück auf die ostfriesischen Deiche. …
Aber alles freilich erst nach dem Ende der Klimakatastrophe. Wenn alles erst einmal so richtig verwüstet hier ist. Somit kündigt TOYOTA ihr neues Fahrzeug AURIS als eines der Pferdstärken an, welches die Reiter der Apokalypse wohl benutzen werden …

Auf diese grafischen Hintergründe lassen sich dann mittels Green-Screen-Technik so schöne Sachen drapieren wie Menschen, Stiere, Ferngläser und andere Nebendarsteller.
Denn der eigentliche Hauptdarsteller ist das kompakte Fahrzeug selber.
Das ist Werbung pur.
Selbst Innenansichten sollen potentiellen Käufern im Munde das Wasser zusammenlaufen lassen, was nachher eben jenes auf TOYOTAs Mühlen des Erfolges rauschen soll. Recht hübsch sieht das Cockpit ja aus. Nur die Lieferanten wissen wie viel Blut, Schweiß, Tränen, Schaumstoff und andere Push-up-Hilfsmittel genutzt wurden, damit die Spaltmaße und Oberflächen des Cockpits stimmig ausschauen. Ich möchte nicht wissen, wie viel Reklamationen seitens TOYOTA an deren Lieferanten herausgegangen sind, um durch die Hintertür sich noch einen Extra-Batzen Geld von den Lieferanten in der Entwicklung zu verschaffen. Das TOYOTA-System zu kennen, heißt Sysiphos als einen glücklichen Menschen einzuschätzen.
„Pressefahrzeuge“ werden dann solche Vehikel genannt und sind rein auf optimales Aussehen getrimmt. Sie sind Meisterstücke der Illusion eines perfekten Fahrzeugs. Für den 08-15-Käufer empfiehlt sich eh die alte Faustregel: Neuentwicklungen der Automobilbranche sollte man sich erst 12 Monate nach Markteinführung kaufen. Dann sind die meisten Kinderkrankheiten (im Automobiljargon auch „Serienanlaufprobleme“) hoffentlich ausgestanden. Wobei ja gerade TOYOTA nicht zu den Automobilisten gehört, die Bananen-Autos (= reifen beim Empfänger) fertigen.

Der massive Aufwand, den Toyota betreibt, ist beeindruckend. Um seinem AURIS im Mittelklassefahrzeugsegment gewaltsam seinen Platz zu schaffen, gleich eine ganze Stadt mit Plakaten zuzupflastern? Wenn’s schee macht …
Der Volkswagen-Konzern, insbesondere GM-Opel (Ex-Nummer 1 der Welt) und die restliche Konkurrenz dürften diesen massiven Werbeaufwand sicherlich interessiert beobachten.

Und sollte von denen jemand behaupten, deren eigene Fahrzeuge seien besser, kann man sicher sein, die Japaner haben auf solche Bemerkungen mit Sicherheit zumindest eine Antwort:
Mit brutalst möglicher Offenheit die Konkurrenz gnadenlos niederzulächeln. Unterstrichen von einer anmutigen, demütigen Verbeugung und einem „Konnichi wa“.
Als Langnasen-Antwort empfiehlt sich dann sowieso nur eine noch tiefere Verbeugung, ein breiteres Lächeln und ein heftigst nonchalant hingehauchtes „Nihongo wa hanasemasen“…

3 Gedanken zu „Augen auf Augenöffner – Langnase, sei wachsam.

  1. In Berlin habe ich noch keine massive Werbung entdecken können, das scheint eine lokale Aktion zu sein. Allerdings bin ich bereits dreimal mit einem Hochglanzflyer zu einer Auris-Werbepräsentation eingeladen worden. Die Müllabfuhr kommt bei uns immer donnerstags.

    Liken

  2. Ja, der Umzugsstreß legt sich langsam und mein Compui ist auch schon wieder mal online.
    Interessant. ich dachte TOYOTA hatte bundesweit plakatiert. Scheint aber wohl erstmal doch nur München zu sein, wo Plakate dem Auris seinen Weg pflastern …
    Innovativ ist an der Werbung leider wirklich nur deren massive Präsenz. Am Anfang sind die Plakate ein Hingucker. Aber nach dem vierten Hingucken langweilte es mich schon. Und das an jeder Straßenecke … :(

    Liken

  3. Schön, einmal wieder einen Text von dir zu lesen, lieber Careca.
    Jetzt hast du mich glatt neugierig gemacht auf die Toyota-Werbung. So richtig innovativ scheint sie allerdings nicht zu sein, denn wenn ich deine Beschreibung richtig deute, zeigt man auch den Auris nicht in einer realen Straßenszenerie. Ich finde urkomisch, dass die Autoindustrie in der Werbung die normalen Straßen scheut wie der Teufel das Weihwasser. Immerzu fahren die Kutschen durch bizarre Landschaften und vor allem dort, wo normale Menschen nicht mit dem Auto umhergurken.

    Ein neues Wort habe ich bei dir gelernt: Bananenautos. ;)

    Schöne Grüße
    Jules

    Liken

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.