Malageña salerosa

Eine Musik hat mich am Wochenende verfolgt. Sie kommt im Film „Kill Bill Vol.2“ vor:

„Malageña salerosa“ von Chingnon

Die Musik weckt Erinnerungen an vergangene Zeiten in mir.
Vor meinen Augen tauchen die beiden ehemaligen chilenischen Kneipenbesitzer Don Miguel und Don Gustavo auf.
Beide waren damals die Besitzer einer Traditionskneipe mit Namen „Lennet Kann“. Sie machten aus einer ehemaligen Printenkneipe eine Art europäisch-lateinamerikanischen Treffpunkt.

Don Miguel selber war klein und untersetzt und erinnerte ein wenig an „kleines dickes Müller“ oder an Ailton. Sein Lachen beherrschte er vollkommen. Lachte er, war es wie eine la Ola. Es pflanzte sich fort. War er mies gelaunt, dann herrschte selten gute Stimmung im „Lennet Kann“.

Sein Bruder Don Gustavo war das Gegenteil von ihm. Hager, mit scharfen, markanten Gesichtszügen und spärlich im Lachen. Ein wenig unterkühlt wirkend. Harte Schale, weicher Kern.

Beide wirkten wie Patt und Pattachon.
Wie Sonne und Mond.
Wenn beide in einer Linie mit ihrer Stimmung lagen, dann herrschte gnadenlose Flut. Die Stimmung schwappte wie eine Springflut durch die Kneipe. PISCO (chilenischer Traubenschnaps) machte die Runde und es herrschte Ausgelassenheit.

Und auf den Höhepunkt dieser Stimmung kam es dann immer zur Explosion, wenn Don Miguel zu seiner Single griff. Seine Lieblingssingle auf den Plattenteller legte und deren Kratzen durch die Lautsprecher tönte. Dann griffen Don Miguel und Don Gustavo gemeinsam zum Mikro.

„Malageña salerosa“

Es war die Erfindung von Karaoke, bevor es in jener Stadt jemand wusste, was überhaupt Karaoke war. Und wenn beide hinterm Tresen sangen, dann erstarb jedes Gespräch und die Aufmerksamkeit galt voll den beiden Brüdern. Selbst das Licht in der Kneipe schien geheimnisvoller. Ein Gänseschauerfeeling griff Raum in der Kneipe, wenn die beiden die hohen Töne des Liedes lange anhielten und vergessen machten, dass beide Raucher waren.
Die Kneipe gehörte ihnen und wurde zu ihrer exklusiven Bühne, wenn das südamerikanische Liebeslied an jene unbekannte schöne Frau erklang, an jener „Malageña salerosa“

Welch schöne Augen Du hast (Qué bonitos ojos tienes)
Unter diesen beiden Augenbrauen (Debajo de esas dos cejas,)
Unter diesen beiden Augenbrauen (Debajo de esas dos cejas,)
Welch schönen Augen Du hast (Qué bonitos ojos tienes)
Sie möchten mich ansehen (Ellos me quieren mirar)
Aber Du läßt sie nicht (Pero si tú no los dejas,)
Aber Du läßt sie nicht (Pero si tú no los dejas,)
Nicht einmal blinzeln (Ni siquiera parpadear.)

Anmutige Malageña (Malageña salerosa,)
Ich wünschte, Deine Lippen zu küssen (Besar tus labios quisiera,)
Deine Lippen wünschte ich mir (A tus labios quisiera)
Anmutige Malageña (Malageña salerosa,)

Und Dir zu sagen, mein hübsches Kind (Y decirte, nina hermosa)
Dass Du schön und bezaubernd bist (Eres linda y hechicera)
Dass Du schön und bezaubernd bist (Eres linda y hechicera)
Wie die Unschuld einer Rose. (Como el candor de una rosa.)

Wenn Du mich wegen meiner Armut geringschätzt (Si por pobre me desprecias)
Kann ich das verstehen (Yo te concedo razón)
Kann ich das verstehen (Yo te concedo razón)
Wenn Du mich wegen meiner Armut geringschätzt (Si por pobre me desprecias)

Ich kann Dir keinen Reichtum darbieten (Yo no te ofrezco riqueza)
Ich schenke Dir mein Herz (Te ofrezco mi corazón)
Mein Herz schenke ich Dir (Te ofrezco mi corazón)
Zum Tausch gegen meine Armut (A cambio de mi pobreza)

Anmutige Malageña (Malageña salerosa,)
Ich wünschte, Deine Lippen zu küssen (Besar tus labios quisiera,)
Deine Lippen wünschte ich mir (A tus labios quisiera)
Anmutige Malageña (Malageña salerosa,)
Und Dir zu sagen, mein hübsches Kind (Y decirte niña hermosa)
Und Dir zu sagen, mein hübsches Kind (Y decirte niña hermosa)
Dass Du schön und bezaubernd bist (Eres linda y hechicera)
Wie die Unschuld einer Rose (Como el candor de una rosa)
Wie die Unschuld einer Rose (Como el candor de una rosa)

Applaus tobte durch die Kneipe und PISCO war beiden gewiß.

Aber die Geschäfte liefen immer schlechter. Die Lateinamerikaner blieben aus und Don Gustavo ging seinen eigenen Weg.
Irgendwann hatte dann Don Miguel das „Lennet Kann“ weiterverkauft und wollte nach Chile zurückkehren.
Die Kneipe verlor ihren Glanz. Der neue Besitzer versuchte alles, den Geist des „Lennet Kann“ zu halten. Aber er war mit Don Miguel gegangen.

Drei Jahre später kehrte ich in jener Stadt zurück. Das „Lennet Kann“ existierte noch immer und auch der neue Besitzer war noch drin. Aber seine Augen verrieten, dass die Geschäfte noch schlechter liefen.
Ich fragte nach Don Miguel. Er sagte mir, dass Don Miguel wieder in der Stadt sei. Aber er kellnere nun. Er hätte auf dem Stadtberg gekellnert. Aber dort sei er gegangen. Man sagte, er sei in der neuen Kneipe am Bushof bei dem Museum.

Ich verliess die Kneipe und ging zu der Kneipe zwischen Bushof und Kaufhaus. Dort stand Don Miguel in seiner üblichen Pose: breit lächelnd hinter dem Tresen.
Ein riesiges „Hallo“.
Und ich fragte ihn nach seiner Schallplatte. Er lächelte traurig und sagte er hätte sie beim Umzug verloren gehabt. Aber das sei nicht schlimm, denn jeder hätte ihm damals bestätigt, dass er nicht gut singen konnte.

Er holte einen Zeitungsausschnitt aus seiner Tasche hervor. Ein Zeitungsausschnitt der BILD-Zeitung aus alten Tagen, zu der Zeit als er noch Besitzer vom „Lennet“ war:
Don Miguel am Brunnen unter Kaiser Karl, dem Erbsenkopf seinen Brunnen, vor dem Rathaus. Don Miguel mit Gitarre in der Hand.
Don Miguel lachte sein breites Lachen:
„Die Doofen schreiben, ich sei ein Stadt-Original geworden und spiele und singe dauernd am Karlsbrunnen. Ich kann überhaupt keine Gitarre spielen.“

Zurück in der Gegenwart klingt das Lied durchs Radio und der Moderator verweist zuvor noch auf Tarantinos Musikgeschmack und den Film „Kill Bill“.

In Gedanken fliege ich zurück.
Eine Zeitreise über die Musik.
Das Lied an die anmutige Rose Malageña bringt mich zurück in meine Vergangenheit …

2 Gedanken zu „Malageña salerosa

  1. Ja, die Spanierin Katja, die kannte ich auch. Wirbelwind hinter der Theke. Don Gustava hatte ich vor drei Jahren noch im „College“ (ggb. Postwagen) getroffen. Er sagte mir, wo er Abends kellnerte, aber ich erinnere mich nicht mehr. Ist schon lang her …

    Like

  2. Hallo,

    ich kam aus Chile nach Aachen im Jahr 1990, absolvierte das WiWi-Zusatzstudium und fand prompt das Lennet Kann – Miguel war der Besitzer und kellnerte…Katia half ihm aus…es war eine SEHR angenehme Atmosphere…viele kannten sich…Miguel schenkte (kleine) Piscos ein…schluchz…

    Na ja, das war vor langer, langer Zeit (klingt wie im Märchen). Wo Miguel abgeblieben ist…keine Ahnung…wer es weiss bitte melden an christian.besoain@vtr.net

    Like

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.