Schreibgedanken

„Mach das Licht aus! Es ist schon elf! Du musst morgen um sechs raus!“

Warum müssen Mütter immer so sein?

„Ich schlaf doch schon.“

So irreal können nur Söhne bei vollem Bewußtsein antworten.

„Und was hast du da unter der Bettdecke? Zeig her!“

Nein, es war keine PSP. Und die Frage war doch genauso link wie meine Antwort zuvor. Da wärmte sich Old Shatterhand unter meiner Bettdecke. Was denn sonst?

„Du sollst schlafen! Lesen kannste noch, wenn du in Rente gehst. Morgen biste wieder knatschig.“

Knatschig war ich jetzt schon. Da war ich doch gerade an der Stelle, wo Old Shatterhand – das alte Greenhorn, wenn ich mich nicht irre, hi, hi, hi, hi – den Indianer zwang jedes einzelne Grashalm so aufzurichten, dass die anderen Rothäute nicht die Spuren lesen konnten, dass Old Shatterhand heimlich ihnen zugehorcht hatte …

„Jetzt schlaf aber, okay.“
„Okay, Mama.“

Das Licht ging aus und ich spielte toter Mann. Das hatte ich aus dem Buch von Old Shatterhand gelernt. Immer besser ein wenig länger toter Mann spielen, denn man weiß nie, ob die Indianer nicht doch noch mal schauen kämen.
Und sie kamen.
Die Tür ging schnell auf und Mama schaute rein. Aber das Bleichgesicht schlief schon. Zumindest tat es so. Erfolgreich. Hätte sie gelesen, was er gelesen hatte, dann wäre sie auf lauten Sohlen nach unten gegangen und hätte sich nachher einfach an geschlichen, rumms die Tür auf und mich erwischt. Aber so. …
Fünf Minuten warten mussten schon sein und dann hatte ich die Nachttischlampe wieder angemacht. Die Seitenzahl, die ich mir in der Zwischenzeit wie ein Mantra vorgesagt hatte, war gleich gefunden.
Wo war die richtige Zeile?
Da!

Rumms!
„Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst aufhören zu lesen?!?“

Mist. Da stand sie wieder in der Tür. Sie hatte wohl doch schon vorher das gleiche Karl-May-Band gelesen.

„Nur noch das Kapitel!“

Ich hatte vor lauter Spannung Raum und Zeit vergessen und bin in das Buch eingetaucht gewesen.

„Nein!“
„Bitte! Nur noch das Kapitel!“
„Es ist schon Mitternacht!“
„Ich bin auch in fünf Minuten fertig.“
„Nein!“
„Bitte!“
„Nein! Du musst morgen zur Schule.“
„Bitte! Ich verspreche es.“
„Hm.“

Es schloss sich die Tür. Ich las wirklich bis zum Kapitelende und danach war Schlafen angesagt. Obwohl es trotzdem so spannend war.
Es waren nicht nur Karl-May-Bücher. Zuvor waren es „Burg Schreckenstein“ und später dann Wälzer wie „Quo vadis“ oder „Der Pate“. Letztere graste ich innerhalb einer Woche ab. Immer wenn ich Zeit hatte und dann bis mitternachts.
Nur einmal hatte ich meine Mutter und mein Vater gnadenlos angelogen. Als ich mit dem Buch fertig war, zeigte der Zeiger auf halb vier. Um neun Uhr hatte ich begonnen und knappe sechs Stunden später war ich mit dem Buch fertig.
Ich versuch mich zu erinnern, welches Buch es gewesen sein konnte. Ich glaube, es war das von Richard Bach „Illusionen“.
Am nächsten Tag nach der Schule kaufte ich mir ein DIN A4 Heft und fing an zu schreiben.
Nicht wirklich großartiges. Nicht wirklich weltbewegendes. Schülerhaftes eben.
Mit einem Tintenfüller, den ich mir zum Heft dazu gekauft hatte, obwohl ich normalerweise nur mit Kugelschreiber schrieb.
Und ich gestehe, es war nicht nur der Tintenfüller mit Patronen, den ich zum Heft kaufte. Es war auch das Eingeständnis des Irrens, welches ich ebenfalls kaufte. Den Tintenkiller.

„Was schreibst du da?“

Wollte mein Vater wissen.

„Och, nur ein paar Gedanken.“
„Darf ich das nicht lesen? Oder warum verbirgst du das Heft vor mir?“
„Es ist noch nicht fertig.“
„Oder darf ich das nicht lesen?“

Sein Ton war drohend. Als ob er bedrohliches in meinem Heft vermutet hätte.

„Nein, es ist nichts.“
„Dann kannst du es mir zeigen.“

Widerwillig, aber widerwortelos gab ich ihm das Heft. Was ich geschrieben hatte, war ins Unreine gedacht. Nichts literarisches. Nicht wirklich was für die Vor-,Mit- und Nachwelt. Eher peinliches als lobenswertes.
Er blickte ins Heft und las. Zusehends verwirrter arbeitete er sich durch mein unreines Geschreibsel. Er verstand alles, aber zugleich verstand er nichts.

„Aha. Das hast du also geschrieben?“
„Ja.“
„Hm.“

Er gab mir das Heft zurück und blickte mich nicht an. Es war ihm, als hätte er etwas getan, was er nicht hätte tun dürfen. Es war ihm peinlich, mein seltsames Geschreibsel gelesen zu haben.

„Hm.“

Ich blickte unsicher nochmals in mein Heft und ging wieder auf mein Zimmer, während er sich „heute“ anschaute.
Das Heft habe ich nicht mehr weiter beschrieben. Einstweilen nicht.

Dafür hatte ich ein anderes Buch auf meinem Nachttisch liegen. Es sollte zur heftigsten Herausforderung für mich werden. Herman Hesses „Steppenwolf“. Fünfmal setzte ich in meinem Leben an. Beim ersten Mal versagte ich nach der Hälfte des Buches. Beim zweiten Mal kam ich erneut nicht weiter. Beim dritten Mal zwang ich mich bis zum Ende. Als ich die letzte Seite nach einer Woche erreicht hatte, las ich das Buch nochmals in der gleichen Nacht von Anfang bis Ende. Das fünfte Mal las ich es in portugiesisch.

Ich lag also wieder mit dem Buch unter meiner Nachttischlampe.
Und wie üblich ging die Tür auf.

„Jetzt mach aber das Licht aus! Es ist fasst Mitternacht! Wann hast du deine erste Stunde?“
„Um acht.“
„Dann musst du um sechs raus. Und nicht wieder wie üblich trämpen! Du nimmst den Bus!“
„Ja, Mama.“
„Also Licht aus.“
„Nur noch bis zum Kapitelende.“
„Licht aus!“
„Ja, Mama.“
„Sag ‚Nein, Mama‘ und mach das Licht aus!“
„Nein, … äh, ja …“

Sie hatte gewonnen.
Old Shatterhand war müde vom Gräser aufrichten, um Spuren zu verwischen.
Die Frage „Quo vadis“ war auch bereits beantwortet.
Und auch Steppenwölfe müssen mal schlafen …

8 Gedanken zu „Schreibgedanken

  1. Das ist DAS Spiel für Handhelds seit Tetris, würde ich sagen. Und demnächst auch auf der PSP, habe ich gelesen. Der Protagonist ist quasi der Winnetou der Cartridge-Games.

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  2. Wer soll das sein? Schreib selbst drüber, wenn es dich interessiert. Mainzwegen auch in Sterero und 3D. Bin gespannt, was du so hinkriegst.

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  3. Vielleicht würden wir auch von Deinen Zelda-Abenteuern lesen, wie Du die „Twilight Princess“ befreit hast… in zähem Ringen und unter Auferbietung Deiner letzten Kräften… puhh… ganz schön spannend (in Farbe und mit Musik)?

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  4. Hehe… so war das also, damals? Da kannst Du Dich ja glücklich schätzen, daß es Ende der Siebziger noch keine PSP oder Gameboy gab. Was wäre sonst nur aus den vielen Büchern geworden?

    Bei uns hieß es immer, also zumindest was den Mittagsschlaf anging, den man am Wochenende natürlich halten mußte, egal wie hell es draußen war: „Entweder schlafen oder lesen! Aber hinlegen!!“ Habe ich gemacht… aber schlafen konnte ich nicht.

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