Ganz normal Kaffee trinken an der gelben Linie

Münchener Flughafen.
Terminal 2.
Ich warte auf den Ankunft des Fliegers aus São Paulo.

Für Ankünfte ist der Münchener Flughafen verdammt einfach, wenn der Flieger am Terminal 2 andocken darf. „Verdammt einfach“ bezieht sich allerdings nur auf diejenigen, die irgendwen vom Terminal 2 abholen. Die Angekommenen sehen dagegen in der Regel abgekämpfter aus. Denn weite Wege für Passagiere sind dort am „Franz-Josef-Strauß“-Flughafen die Realität.

Die Herausforderung, Ausgänge aus dem Sicherheitsbereich eines Flughafens zu konstruieren, hat sicherlich schon Dutzende Diplomarbeiten und Doktorarbeiten hervor gebracht. Denn es geht ja nicht nur darum, das ankommende Passagieraufkommen aus dem Sicherheitsbereich heraus zu leiten, sondern auch die Abholer vor der Sicherheitsschleuse auf gebührenden Abstand zu halten.
In München am Terminal 2 erfüllt eine gelbe Linie diesen Zweck. Auf dem Boden gemalt wagt es kein Besucher diese entscheidend zu überschreiten. Und das, obwohl kein expliziter Hinweis oder auffälliges Verbotsschild auf die Funktion der gelben Linie verweist.

Die Besucher halten sich einfach an die Magie der gelben Linie und übertreten Sie kaum.
Die totale Disziplin.

Am Ende der gelben Demarkationslinie gibt es einen Kaffee-Stand.
Irgend so einen amerikanischen. StarBuzz oder so ähnlich.

„Einen Milchkaffee, bitte.“

Die Frau hinter dem Tresen nickte und antwortete mit drei Worten, die ich allesamt nicht verstand. Bayrisch?

„Wie bitte?“

Die Frau wiederholte die Worte. Ihre Handflächen beschrieben dabei unterschiedlich Abstände. Ich verstand. Die Bechergröße meinte sie.

„Mittel.“
„Den Cafe Latte mit mehr Kaffeegeschmack?“

Wie? Den Milchkaffee mit mehr Kaffeegeschmack? Ähem, schmeckt die Basisversion nicht nach Kaffee?

„Äh, wie mit ‚mehr Kaffeegeschmack‘? Ich dachte Milchkaffee hat schon Kaffeegeschmack.“
„Mit mehr Kaffeegeschmack kostet es 50 Cent mehr.“
„Nein, einen ganz normalen Milchkaffee.“
„Wie ist ihr Name?“
„Wieso meinen Namen?“
„Den schreib ich Ihnen auf den Becher.“

Pappbechergravur?!?

„Nein, danke ich brauch keinen Namen auf meinem Becher.“
„Aber ich muss ihn hier drauf schreiben.“
„Sagen Sie mal, ich will doch nur einen ganz stinknormalen Milchkaffee? Ist das denn so kompliziert? Einfach nur Milchkaffee. Ganz normal Milchkaffee, bitte. Ohne Schnickschnack.“

Die Frau lächelt mich freundlich mit einer Engelsgeduld an.

„Ja, einmal ist bei uns immer das erste Mal. Sagen Sie mir jetzt Ihren Namen?“
„Wieso?“
„Ich muss Ihren Namen auf den Becher schreiben, damit wir Sie ausrufen können, wenn er fertig ist.“
„Okay, wenn es sein muss. Schreiben Sie dann ‚Kaffeeschlürfer‘ drauf.“

Die Frau lächelt, schreibt und reicht den beschrifteten Becher weiter.

„Macht drei vierzig.“

Ich zahle, trete nach rechts ab und harre auf meinen Milchkaffee.

„Capuccino für Nina.“

Die Frau an der Kaffeemaschine reicht rechts außen einen Kaffee raus. Eine Frau taucht auf und nimmt sich den Becher.
Hm. Nina hatte ich mir immer anders vorgestellt.

„Espresso für Samir.“

Samir kommt und nimmt seinen Espresso in Empfang.
Hm. Auch Samir hatte ich mir … egal …

Ich warte.
Und irgendwie hat die Frau an der Kaffeemaschine nichts mehr zu tun.

„Ähem, ich krieg noch nen Milchkaffee.“
„Hatten Sie bestellt?“

Ich nicke.

„Gabi, hat er bezahlt?“

Aha. Die Frau von der Kasse heißt also Gabi.
Naja, so hatte ich mir die Gabis der Welt schon immer vorgestellt.
Gabi zuckt erschrocken zusammen. Nein, sie kann keine Gedanken lesen …

„Hab ich dir nicht den Becher … ?“

Sie schaut suchend umher, ihr Blick fällt auf den Boden, sie stockt.

„Oh, da liegt er.“

Sie schaut mich peinlich berührt an.

„Moment. Sie kriegen einen neuen Becher. Tschuldigung, mein Fehler. Sie kriegen jetzt die große Portion.“

Sie ergreift einen Megabecher, zieht mit dem schwarzen Schreiber einen Strich auf der Außenseite (sollte wohl „Kaffeeschlürfer“ heißen) und reicht ihn weiter.
Kurz darauf halte ich einen riesigen Becher mit Milchkaffee in der Hand.
Nach dem ersten Schluck verstehe ich die Frage mit dem Kaffeegeschmack. Es schmeckt mehr nach übercremter H-Milch als nach Kaffee. Schade eigentlich um die drei vierzig.
Letztendlich stehe ich an der gelben Demarkationslinie.
Diszipliniert wartend.
Zusammen mit Karl, Rita, Rainer, Heiner, Evi, Susi und Samir.
Kaffeebecherhaltend.
Nein, kein „Coffee to go“. Vielmehr ein pseudo-spontanes „Stehkaffee-Kaffeekränzchen“.

Übrigens. Karl, Rita, Rainer, Heiner, Evi, Susi und Samir haben sich mir nicht vorgestellt.
Aber ein StarBuzz-Kaffeebecher-Studium bei anderen Leuten hilft beim heiteren Vornamen-Raten ungemein.

4 Gedanken zu „Ganz normal Kaffee trinken an der gelben Linie

  1. War’n sehr unterhaltsamer Beitrag! So bekanntgemacht, wartet es sich auf jeden Fall angenehmer! Nur du mußtest dich wieder arrogant ausgrenzen ;)

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  2. Ich lach mich weg! Das mit der Linie habe ich vor kurzem im Raucherbereich eines Bahnhofes beobachtet. Dort gibt es zwar den Hinweis auf genau diesen Bereich, aber wieso wagt es niemand, einen Fuß über die Linie hinaus zu stellen? Brav, brav!

    Aus der Namensnennung könnte man in der Tat was machen. Mir als Organisations-Maus stellen sich dort aber immer die Nackenhaare, weil ich den Sinn nicht wirklich erkennen mag. Ich sehe dort weder Kundenservice noch Effektivitätssteigerung.

    Ich glaube, die wollen nur spielen! :)

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  3. Herr Brezner, der Gentlemen geniest und schweigt, darüber was er hin und wieder so an der gelben Linie von Ihnen mitbekommt. Niemand muss halt alles ausplaudern, damit jemand nichts weiterplaudern kann … :>

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  4. ganz normal eben. ich hab echt glück, dass ich in ihrer story nicht vorkomme. denn man sieht mich regelmässig an der gelben linie beim hasen aufreissen. es kommt einfach gut, wenn man die aus dem aufruf bekannte „ursula bernadette“ dann später von der seite anprostet: na uschimausi, alles senkrecht im sahnetopf?

    oft sind frauen von der plötzlichen nähe und vertrautheit so angetan, dass sie spontan vergessen ihren verlobten noch abzuwarten und stattdessen mit mir einen prosecco2go nippen gehen.

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