Abgefahren, um anzukommen

Die Nacht durchgefahren.
Das Fahrzeug mit 230 km/h an sein Limit gebracht.
Wie magisch weichen die Vorausfahrenden von der linken Spur.
Rechts an mir fliegen die Fahrzeuge vorbei wie nichts und verschwinden hinter mir schnell im Dunkeln.
Ein Leben auf der Überholspur.
Seit mehr als einer Stunde.
Und niemand hat was dagegen.
Der dunkle Asphalt glitzert leicht vom vorherigen Nieselregen. Gischt sprüht. Der Scheibenwischer schaltet sich ein.
Scheinwerfer von einem AUDI im Rückspiegel. Verlangsamend mache ich Platz. Wie ein Strich fliegt das Fahrzeug an mir vorüber. Ein nagelneuer R8. Mit einem Mal fühle ich mich wie eine Schnecke. Eine Autozeitschrift hat den AUDI R8 nicht zu unrecht als „Porschejäger“ bezeichnet. Der Motor ist der Dampfhammer.
Die ersten Schilder des Münchener Verkehrsleitsystems tauchen am Horizont unter dem dunklen wolkenverhangenen Himmel auf.
Es ist 5:57 Uhr.
In der Ferne bricht offenbar schon die Sonne hervor. Hinter Sträuchern zeichnet sich eine Lücke in den nächtlichen dunklen Himmel ab. Eine seltsame aber schöne Struktur.
Meine Augen sind leicht übermüdet. Dank Kaffee-Bonbons bin ich aber noch komplett wach.
Der Sonnenaufgang kommt seltsamerweise näher. Warum bleibt er nicht am Horizont? Warum um 5:57 Uhr?
Und dann wechselt das Leuchten plötzlich ins Tiefblaue.
Der Aha-Effekt. Vor mir liegt das neue Münchener Stadion. Der „Sonnenaufgang“ war nichts anderes als die farbig angestrahlte Schlauchhülle des Stadions. Und gerade wechselte die Beleuchtung von den Farben Bayern Münchens auf die Farben von 1860.
Es wird Zeit anzukommen.
Das Schlauchboot-Stadion fliegt rechts an mir vorbei.
Bald geschafft.
800 km in knapp 6 Stunden.
Das ist ein Kontrast zum Sonntag.
Eine knappe Viertelstunde später hält mich im Münchener Schwabing ein Streifenwagen an. Ich sei auffällig konstant schnell gefahren, so der Polizist extrem kühl. Ob ich denn zu schnell gewesen wäre, frage ich freundlich lächelnd und deute grinsend auf den Tempomat. Aber er antwortet nicht und lässt mich dafür ins Röhrchen blasen. Meinen Beteuerungen wird kein Glauben geschenkt, dass ich dieses Jahr noch nicht auf dem Oktoberfest war und erst recht gestern nicht.
Ich muss blasen. Das Röhrchen bleibt unverfärbt und der frostige kurzangebundene Polizist entlässt mich mit der Aufforderung, zu Bett zu gehen.
Ich nicke und fahre weiter.
Jawohl, Herr Wachtmeister. Wird gemacht, Herr Wachtmeister. Immer doch, Herr Wachtmeister.
Und jetzt vor dem Computer. Mit High Speed ins Internet. Wo ist die Überholspur? Wo kann ich leben?
Denn ich kann noch nicht schlafen.
Zu viele Kaffee-Bonbons …

Schlauchboot

8 Gedanken zu „Abgefahren, um anzukommen

  1. …ich habe das Gefühl gehabt, mitgefahren zu sein! Danke für Deinen Bericht! Ich wünsche Dir erholsame Träume! Brauchste noch ein paar Bonbons? Ich kann Dir welche mitbringen! ;D

    Liebe Grüße
    belinda.

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