Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung …

Es gibt Musiken, die überleben ihre Filme bei weitem. Und ebenso auch die Musik von James Last aus dem gleichnamigen Film (s. Titel dieses Posts), einer Buchverfilmung. Niemand brauch ein Fan von James Last sein, aber diesem Musikstück entzieht sich niemand so schnell. Ein klassischer Ohrwurm mit enormen Träumpotential. Einmal gehört geht das Stück einem nicht so schnell mehr aus dem Kopf.
Der passende Soundtrack für den entspannten Start in einen weiteren Tag in der unendlichen Geschichte des Alltags …


… die Straßen sind noch leer. Langsam verabschiedet die Stadt sich aus der Nacht.
Es ist die magische Stunde. Die Stunde zwischen Dunkelheit und den ersten Sonnenstrahlen. Die Zeit, wann das erste Licht die Stadt aus ihrem Dornröschenschlaf küsst und die Menschen auf den Plan ruft. Die Gebäude der Stadt umgibt eine eigentümliche Klarheit. Fast eine Art Durchsichtigkeit. Eine unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Klar ist es. Und Kalt. Die Luft erscheint fast kristallin und wirkt wie ein Schluck kaltes, klares Wasser auf nüchternen Magen.

In meiner Jackentasche ist noch die Süßwarentüte vom Samstag. Ich fische mir ein „Candy“ heraus. Kleine poppigbunte Süßkügelchen von einem Süßwarenladen. So bunt, dass deren Aussehen einem Versprechen gleicht. Mit einem Namen mit dem Flair der 70er. Er hört sich fast wie „Lolli-Pop“ an.
Zuerst lutsche ich, dann beiß ich. Der Geschmack bleibt bescheiden. Die klassische Samstag-Nachmittag-Fehlinvestition. Ich ziele auf den Straßengulli und spucke das Candy zielgerichtet aus. Getroffen. Ohne die Stahlstreben zu berühren, verschwindet das Candy im Gulli-Deckel. Ich versuche das nächste Candy. Aber egal wie lang ich lutsche und wie schnell ich beiße, nach drei Versuchen habe ich die drei Candys in den Gulli gespeiht.
Meine Hoffnung, dass nach x Versuchen doch noch ein schmackhaftes, verdaubares Candy dabei sei, verfliegt. Die Papiertüte wandert als degenerierter Wohlstandsmüll in die graue Mülltonne der Bushaltestelle.
Nicht jedes Candy auch nicht das Neunhunderste ist so, wie man es dem Namen entsprechend erwarten dürfte.

Die ersten Strahlen der Sonne brechen sich ihre Bahn durch Gebäudebreschen, Fenster und offenen Türen. In einem Feuerwehrgebäude sind durch dessen Fenster Feuerwehrhelme zu sehen. Sorgfältig aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Diszipliniert auf ihren Einsatz wartend werfen sie die ersten Strahlen der Sonne zurück auf die Straße. Eigentümlich militärisch preussisch geordnet glänzen die chamoitteweißen Helme mit ihren Schulterschutz.

Die Armee der Zeitungskästen harrt am Straßenrand und bietet verlockend ihre Informationen an. Wie Bordsteinschwalben auf Cold Turkey. Offen, billig, für jedermann verfügbar. Stumm schreien die dicken Buchstaben der Aufmacher ihre Nachrichten in den frühen Morgen hinaus.
Eine der Zeitungen preist in Großbuchstaben ein Interview mit Trainer Marco kurz an. Pardon. Es muss „Kurz“ heißen. Großgeschrieben fällt nur dem eingeweihten Fußballfan auf, dass es sich hier um einen Namen handelt und nicht um die Länge eines Interviews.
Das Konkurrenzblatt daneben verkündet in dicken Lettern, der Verein „gibt Kurz drei Jahre“. Darunter steht noch das Wort „Vertrag“ völlig isoliert. Eigentlich müsste es „drei Jahresvertrag“ heißen. Aber mit diesem „gibt Kurz drei Jahre“ riecht der Aufmacher irgendwie nach Gerichtsurteil mit Freiheitsentzug.
Einverstanden.
Trainer-Jobs bei manchen Vereinen haben wirklich etwas von Freiheitsentzug.
Andererseits, wer den Job als „Trainer“ eines Fußballvereins wählt, der spart sich den Gang ins Rotlicht-Millieu. Statt bei einer Domina für Erniedrigungen dankbar und demütig zu zahlen, wird Mann einfach Fußballtrainer und kassiert dazu noch ein üppiges Salär.
Prostitution einmal ganz anders.
Ein Männernachtstraum eben.
Wahrscheinlich lieben Männer auch deswegen so sehr den Fußball, weil Fußball zeigt, dass Träume auch wahr werden können …

Die Sonne arbeitet sich immer höher und überflutet die dunklen Falten der Stadt.
Gebäude als Spekulationsobjekte.
Bürohäuser, die keine sind, weil Schilder davon künden, dass Mieter gesucht werden.
Es wird mir immer ein Mysterium bleiben, wie in dieser Stadt die Mietpreise so hoch sein können. Möglicherweise verhält sich der Mietzins antiproportional zu den freistehenden Büroflächen. In einer Stadt, in der es vor Vermietern und Immobilienmaklern nur so wimmelt, da müssen leerstehende Bürokomplexe durch hohe Mietpreise auf dem Wohnungsmarkt kompensiert werden. Schliesslich wollen die Immo-Händler auch von irgendwas leben und deren Schwimmbad heizen. Wieviel der Betrieb einer exklusiven Wohnung oder gar eines Schwimmbads kostet, davon macht sich so ein 08-15-Mieter ja überhaupt kein Bild. So ein Mieter sollte froh sein, nur hohen Mietzins zu zahlen. Den Rest könnte er sich sowieso nicht leisten. Und wenn, dann sollte er schon arbeiten, um überhaupt zur Adels-Riege der Immo-Händler aufsteigen zu können.
Aber – ehrlich gesagt – das ist mir als Mieter sowas von egal, was die Immo-Leute so als Nebenkosten ihres Lebens zahlen. Dieser gute Morgen gehört eh nicht dazu.

Ein Jogger dampft vorüber. Er joggt nicht wirklich, scheint mir. Ich habe das Gefühl, ich könnte ihn mit strammen Schritten locker wieder überholen. Und prompt habe ich ihn auch an der Ampel wieder eingeholt. Mit Standjogging schwitzt der Jogger wartend auf die Grünphase hin. Bei jedem anderen würde man meinen, der Mensch steigt ungeduldig auf Grün wartend von einem Bein aufs andere. Aber hier spricht seine Jogging-Kluft eine andere Sprache. Als es Grün wird, dampft er weiter.

Die Sonne wärmt mir das Gesicht, während die Luft mir die Haut kühlt.
Die Abgase des morgentlichen Berufsverkehrs liegen noch nicht in der Luft.
Ich atme die Kühle. Die Klarheit dieses Morgens.
Meine Müdigkeit bleibt auf der Strecke beim Weg zur Arbeit.
Ein zu schöner Morgen für einen zu gewöhnlichen Werktag.

Morgens um sieben ist die Welt halt noch in Ordnung …