Kabarett ist Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums. Der erworbene Wissenszusammenhang ist die sprachlich erschlossene Erfahrung. Ist Kabarett Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums, dann sind seine möglichen Gegenstände die Bruchstellen dieses Wissenszusammenhangs. Es purzelt das zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört: Terroristen und Staatsmänner, Polit-Ganoven und Profit-Gauner, Opfer und Täter, Verfolger und Verfolgte, Mörder und Ermordete, Oppositionelle und Opportunisten. Soweit die trockene Theorie.
Am 18. Januar 1901, zur Kaiserzeit, wurde das erste Kabarett in Deutschland mit dem Programm Bunter Abend des Über-Brettl genannten Ensembles (in Anlehnung an Nietzsches Über-Mensch) in Berlin vom vornehmen Baron Ernst von Wolzogen aus der Taufe gehoben. Abgeguckt hatte man die große Kunst der kleinen Form in Paris, wo 20 Jahre zuvor das erste Cabaret in der Künstlerkaschemme Chat Noir am Monmatre das Licht der Welt erblickte. Bohèmiens prägten das Erscheinungsbild der ersten Stunde, literarisches Cabaret war „en vogue“. Bald eingedeutscht, mit harten K und zwei T, geriet es zum Experimentierfeld von Caféhaus-Literaten, Dadaisten und Expressionisten, Jakob von Hoddis sei hier stellvertretend genannt.
Kurt Tucholsky und Walter Mehring ragen als Kabarettisten aus den zwanziger Jahren heraus: Wortführer kämpferischer Satire, die daneben aber auch hinreißend Poetisches oder rein Komisches zur Unterhaltung ihres Publikums schrieben.
Die Mischung machte es. Nicht umsonst stammt der Name Cabaret von der in Fächern eingeteilten Salatplatte ab: immer bereit zum bunten Durch-, Gegen- und Nebeneinander verschiedener Stile für verschiedene Geschmäcker. In der Plattenmitte befand sich das Fach für die alles verbindende Soße. Diese Rolle kam den Présentateur oder Conférencier zu. Rodophe Salis, Gründer des Chat Noir, war der erste seiner Zunft.
Kabarett reifte in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts und entwuchs als ein reiner Gegenstand des Amüsements. So wurde die zehnte Muse für wenige Kabarettisten wie Werner Fink in den dreißiger Jahren zum Überlebensmittel und -risiko zugleich. In Karl Valentin verkörperte sich volkstümlich-absurd der entwurzelte Komiker von der traurigen Gestalt.