Gestrandet: 70 Meilen bis Stroke on Tent

1 Dose CARLING („enjoy extra cold“), 1 Beutelchen WALKERS SALT & VINEGAR, ein Buch von Umberto Eco und eine Internetstation, bei der 10 Minuten einen Pfund kosten. Es ist 22:00.
Ich bin in Birmingham gestrandet.
In Ausuebung meines Berufes fuhr ich gen Norden und wollte des Spaetnachmittags zurueck. Eine Blechkarambolage auf der M6 liess mir ausgiebig Zeit die Umgebung des Staus zu begutachten. Ehrlich gesagt, die Gegend war reichlich uninteressant …
So kam es, dass ich vor einer halben Stunde voellig uebermuedet am Flughafen Birmingham ankam, die Hotels in der Umgebung abklapperte und dort Preise von ueber 150 Euro geboten bekam und nun infolgedessen hier im Flughafen sitze.
Das angeblich von meiner Firma gebuchte Hotel hatte keine Buchungsbestaetigung erhalten. Und voll war es zudem auch noch.
Na denn, Prost Mahlzeit.
Mein naechster Flieger geht in knapp sechs Stunden.

Menschen im Flughafen.
Es gibt nichts schoeneres, oder?

Dabei werde ich morgen keineswegs nach Hause, sondern direkt in die Arbeit fahren. Manche Dienstreisen bringen es halt mit sich, dass die Ergebnisse recht unerquicklich fuer manche Abteilungen sind. Und ein Wochenende ungenutzt verstreichen zu lassen, dass kann sogar fuer mich unangenehme Konsequenzen haben.
„Alles fuer den Dackel, alles fuer den Club!“
Nein, so schlimm ist es nicht.

Diese Dienstreise hat eh sowas den gesetzen Murphys gefolgt, da macht diese Nacht den Braten nu auch nicht fett.
Gestern fing sie an.

Ich wachte unschuldig und nichtsahnend auf, liess die Rolladen hoch und sah meinen herzallerliebsten Hassfreund auf die Strasse stuerzen: SCHNEE. Im Radio plauderte der Moderator schon munter aus dem Erfahrungsschatz des OEPNVs und mir wurde anders. Alle Verbindungen zum Flughafen lagen brach. Also rein unter die Dusche, die Kleidung und dann in das naechste Taxi. Dem Fahrer dann die Order gegeben den laengsten Weg zu benutzen, weil es fuer mich der kuerzeste erschien. Ich behielt recht und kam just-in-time zum Einchecken an – trotz schneebedeckten Strassen und ca. 50 km/h ueber der Autobahn.

Dann erzaehlte mir die Fluggesellschaft, dass es wahrscheinlich eine halbe Stunde Verspaetung gaebe und bot mir eine Zeitung an. Die Zeitung nahm ich, der troestende Ausrede bitterer Konsequenz gewiss. Der Gegenflieger aus Bruessel musste wegen dem Schnee am Himmel noch kreisen, also wurde die Ersatzmaschine reisefertig gemacht. Eine Stunde war vergangen, als man uns zum Einsteigen rief. Dabei erzaehlte man uns aber auch noch, dass wir wahrscheinlich noch zwei Stunden im Flugzeug sitzend warten muessten. Der Tower wuerde unsere Maschine erst in die Startreihenfolge einreihen, wenn alle Passagiere an Board seien …

Gut, zwei Stunden haben wir geduldig gewartet. Und dann ging es los.

In Bruessel wartete ich vergeblich auf meinen Koffer. Die freundlichen Belgier verrieten mir, dass der Koffer schon weiter nach Birmingham eingecheckt sei. Nach einer weiteren Stunde warten, hatten sie meinen Koffer aus dem Lager gefischt. Denn Birmingham stand erst am naechsten Morgen fuer mich auf dem Plan.

Auf zum Leihwagenverleih …
Nein, ich muesse noch ein wenig warten, da ich schon drei Stunden spaeter als vereinbart angekommen sei …
Naja, nach zehn Minuten hatte ich dann einen.

Dann ab durch Belgien gen Frankreich, um den inzwischen schon informierten Kunden zu erreichen. Eine Radarfalle bremste mich dann fuer den Rest der Wegstrecke aus … Schoen, dass Radar-Knoellchen auch EU-weit von einem EU-Mitglied einforderbar sind. Da weiss ich, dass ich demnaechst auch wieder Post bekomme.
Also, bin ich dann brav die Geschwindigkeitsregularien beachtend gen Lille gebrettert.

Als ich beim Kunden ankam, musste ich erfahren, dass mein Ansprechpartner generell gegen 16:00 aufhoert zu arbeiten und er nicht mehr da sein … die Arroganz des Kunden, hart zu akzeptieren, aber ich muss sie tolerieren. Umgekehrt duerfte ich mir sowas nicht erlauben. Aber ich kenne da meine Moeglichkeiten, um jene Arroganz von meinem Ansprechpartner diesem heimtueckisch wieder einzuschenken. Sowas nennt man dann auch Kundenmanagement …

Nachdem mich das GPS (TomTom) dann uber die eingetippte Adresse meines Hotels noch direkt zu einem FKK-Club brachte, war der gestrige Tag fuer mich gelaufen.
So fiel ich dann muede ins Bett, um heute gegn halb fuenf wieder aufzustehen und weiter gen Birmingham zu fliegen.
Zwei weitere Kunden.
Und alle beide hatten mir frohe Botschaften bereitet: Arbeit, Arbeit, Arbeit.
Ich will mich ja nicht beklagen, aber ein wenig mehr positiveres faend ich doch hin und wieder auch nicht schlecht …
Und dann konnte ich beim Luxus-Kunden dessen Produkt noch nicht mal selbst benutzen. Denn vor lauter Themendiskussionen blieb dazu keine Zeit mehr.

Und jetzt sitz ich hier an der Internet-Station im Birminghamer-Flughafen und hoffe, dass die Nacht vergeht.

70 Meilen noerdlich von mir liegt Stroke-on-Trent.
Von dort kam ich.
Stroke-on-Trent ist auch der Geburtsort eines bekannten Saengers. Aber das nur so nebenbei. Ist ja auch nicht wichtig.

Wichtig ist, dass ich noch eine Kreditkarte, drei Pfund in bar und eine Digikam mit Ersatzbatterien habe.
Alles andere ist unwichtig.

Ausser morgen stattet mir auf meiner Rueckreise Murphy wieder einen Besuch ab.
Dann ist auch das absolut unwichtig.

Gestrandet in Birmingham.
Nichts besonderes.

Und was habt ihr heute unaufgeregtes erlebt?

meint Euch vom BHX-Flughafen zuwinkend

Careca
:wave:

P.S.: Und morgen Spaetnachmittag nach der Arbeit versuche ich auszuschlafen … toitoitoi …