Begegnung mit Claudia Bertani

„Wissen Sie“, er dreht sein Kölschglas zwischen Daumen und Zeigefinger, „ich habe eine neue Traumfrau.“
„Ach ja?“

Ich horchte mäßig interessiert auf. Wieder stand er neben mir. Wie schon bei unserem ersten Kneipengespräch.

„Wer isses?“
„Claudia Bertani.“
„Claudia Bertani? So, so.“
„Ja. Die Claudia Bertani. Die hat echt ein Traumleben. Sie lacht und freut sich des Lebens und kriegt immer die süßesten Kirschen. Aber die kriegen immer nur die großen Tiere.“
„… nur weil die Bäume hoch sind und diese Tiere groß sind. Die süßesten Früchte schmecken dir und mir genauso, doch weil wir beide klein sind, erreichen wir sie nicht.“
„Wie bitte?“

Er schaut mich irritiert an, greift sein Kölschglas und nimmt einen leichten Schluck daraus, während er mich abschätzend mustert.

„Das Lied von Peter Alexander und Olivia Molina.“
„Die beiden haben aber von Früchten gesungen. Nicht von Kirschen. Und zudem auch wesentlich harmonischer als Sie jetzt.“
„Stimmt. Dieter Bohlen hätte seine rhetorische Freude an mir.“
„Claudia lacht immer so toll. Richtig unbeschwert. Richtig voller Unschuld. So müsste meine Frau sein. Nicht so was griesgrämiges, nörgelndes, permanent kritisches.“
„Jaja, die Claudia Bertani. Die ist in ihrer Jugend garantiert auch schon in einem Kirschgarten herum gesprungen. Die Pralinen wären übrigens ein interessantes Studienobjekt: Der Einfluss von Kirschgärten auf den gesellschaftlichen Alkoholkonsum …“

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kölschglas und sah irgendwie unglücklich aus.
Ich schaute auf meine Cola-Licht. Dunkel blubbert sie mir ihre feuchten Blasen ins Gesicht.
Hm. Falscher Film. Das mit dem Blubbern war ne andere Limo.
Er antwortete nicht. War wohl nicht sooooo lustig.
Ich versuchte, das Gespräch aufrecht zu halten:

„Was meinen Sie mit dem griesgrämigen, nörgelndem? Reden Sie von ihrer Frau? Ich wette, die Claudia hat garantiert viele Fans. Wahrscheinlich so viele wie jene Alice. Ich kannte da mal in den 80er Jahren die Lätta-Frau …“

Er hörte mir offenbar nicht zu, denn er redete nach seiner Kölschmeditationspause weiter:

„Ich bin heute von Frankfurt nach Köln gefahren. Mit der Bahn. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug. Wissen Sie, der Zug ist so schnell, ich komme gar nicht mehr dazu mit den Frauen zu flirten.“
„Wieso? Hochgeschwindigkeitsflirten bei knappe 300 km/h? So schnell kommt man doch nie ans Ziel …“
„Früher war die Zugfahrt ein gesellschaftliches Ereignis, wissen Sie. Man saß in Sechser-Abteils und sprach miteinander, ließ die anderen an seinen Rotwein teilhaben, ließ die Chipstüten kreisen, bot Zigaretten an …“

Der Wirt reichte uns ein Glas Salzstangen rüber. Salzstangen sind immer ein gute Idee in einer Kneipe. Mein Gesprächspartner griff gedankenverloren zu.

„… . Man unterhielt sich über Politik und das Fernsehprogramm von gestern abend. Aber mit den 80ern, den Young Urban Professionals, den Yuppies, änderte sich alles. Die geistigen Ärmelschoner der 50er fanden ihre Erben, welche die Ärmelschoner in Ellenbogenschützer für den gekonnten individuellen Body-Check verwendeten. Heute sitzen alle paarweise in den Zügen und die Armlehne zwischen den Sitzen dient zur Revierabgrenzung. Nur an den Plätzen mit den Tischen sitzt man sich noch gegenüber.“
„Ich schätze, ich weiß, wer an solchen Tischen sitzt.“
„Ja, das ist einfach zu raten, nicht wahr? Es ist die Notebook-Generation. Sie sitzt dort und hackt wichtige Informationen in ihre PCs ein. Oder schaut Filme. Hört Musik. Liesst wichtige Emails. Oder spielt. Aber immer mit Kopfhörer.“

Ich bestellte mir eine neue Cola. Nach diesem Süßstoffaroma kann man süchtig werden.

„Ich habe dort gesessen und eine Frau angelächelt, wollte mit ihr flirten. Erst hat sie sich hinter ihrem Display versteckt. Dann fragte sie mich, was das solle. Ob ich sie anmachen wolle. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher, so hat die mich angefaucht. Aber dann kamen wir ins Gespräch und gerade als ich ihr Mon Chéri anbieten wollte, lief der Zug am Frankfurter Flughafen ein. Sie schien vor mir fliehen zu wollen, so wie sie ihre Sachen packte.“

Er grummelte etwas vor sich hin.

„Sie sah ein wenig wie Claudia Bertani aus. Ehrlich. Aber sie lachte nicht so wie sie. Sie bewegte sich auch nicht so wie sie. Sie war überhaupt nicht so wie sie. Kein bisschen mon chéri. Claudia wäre anders gewesen.“

Der Rest verlor sich im Gebrummel. Er nahm ein erneuten Schluck aus seinem Kölschglas und leerte es. Danach starrte er dem Wettlauf des Schaums am Glasrand Richtung Kölschglasboden zu.
Der Wirt stellte ihm ein neues Kölsch hin. Wie im Reflex ergriff der Mann sein Kölsch mit Dauen und Zeigefinger und fing an, es dazwischen routiniert zu drehen.
„Pissjääl und Kackbrung“ ging es mir durch den Kopf, als ich sein schäumendes Kölsch so auf dem Tresen stehen sah.
Ich leerte meine Cola, zahlte und ging in die milde Winternacht hinaus.
Die leichte Kühle nahm mich zügig gefangen.
Ohne Zug und Zweiersitzgruppen.

4 Gedanken zu „Begegnung mit Claudia Bertani

  1. Ja, sehr gut beoachtet, so ist das eben in kleinen Kneipen.-
    Aber die `-Kirschdame- von der Reklame sieht ja auch selber so lecker wie die Mon cherie aus!

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  2. Das ist wirklich ein guter Text, mein Lieber. Die Dialoge, auf der einen Seite verwirrend artifiziell und dort der Kulturpessimist, der von seiner Traumfrau schwärmt, das ist eine wirklich gekonnte Kombination.

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