Zulange in ’ner Kneipe rumgesumpft, mit Augen versucht das Bier aus dem Glas zum Verdampfen zu bringen, hab es dann aus Verzweiflung einfach runtergeschüttet.
Meine Frau kam mit nem Tempo vorbei, ihr „Hat-der-Kleine-wieder-gesabbert“-Blick konnte mich schon gar nicht mehr treffen, solange ich mein Bierglas noch heben kann, ist mir das Kinn-Abwischen auch noch keine Kunst.
Nur die Gäste sahen mich an, als ob ich die „Sinfonie des Grauens“ persönlich sei. Ja, Herrschaftszeiten, haben wir denn nun Halloween oder nicht?!? Darf ich nun dafür sorgen, dass andere ’ne Gänsehaut angesichts meines leicht delirenden Zustandes bekommen oder nicht?!?
„Nein“, sagte mir der Kellner unisono mit meiner Frau zusammen.
„Zusammen“ – das war auch das Wort, welches beide verwendeten. Und dann redeten beide noch vom „Reißen“. Kapiert habe ich es nicht. Mein Freund Heiner sagte mir dann noch in nem leichten schwül kumpelhaften Säuferton, ich solle gefälligst sauber bleiben.
Sauber.
Dabei hatte meine Nachbarin in ihrem Dekolleté ziemlich viel Kunstblut verspritzt und dort, wo sich normalerweise der Blick hin verirrt, klaffte ein dickes aufgeklebtes PVC-Wundenimitat. Auf ihrem Rücken stand Zombie, in ihrem Cocktailglas befand sich wohl ähnliches, denn sie beaugapfelte ihr Make-up andauernd durch nen Klappspiegel.
Ich hab mir daher keinen „Zombie“ bestellt. Nachher lauf ich auch noch dauernd aufs Klo und muss mich auch noch zwanghaft im Spiegel anschauen.
Jemand sagt, ich solle mich amüsieren. Ich hebe mein Bierglas der Gegenüber entgegen, die öffnet ihren Mund, ich sehe ihre Zähne und mein Lächeln gefriert. Widerlich! Das Glucksen der Frau mir gegenüber verrät mir, dass sie diesen Effekt erwartet hatte. Ich setzte mein Glas ab und verfalle in dumpfes Brüten.
Gott sei Dank ist übermorgen Allerheiligen.
Friedhofsrundgang ist angesagt. Und das gleichzeitige Gräber-Mobben beim Gruftnachbarn.
„Schau mal. Der hat überhaupt nichts an seinem Grab getan.“
„Unser Grab ist das schönste in der Reihe!“
„Schau dir mal den mickrigen Kranz dort drüben an. Die sollten sich was schämen.“
„Und so was nennt sich bei denen Totenehrung! Die haben noch nicht mal das Glas ihrer Grableuchten geputzt!“
„Letztes Jahr haben wir noch drei Grabgestecke auf unsere Gruft abgelegt, aber dieses Jahr nur zwei. Die sind halt so teuer geworden. Dafür haben wir aber mehr reinstecken lassen. Man möchte sich ja nichts nachsagen lassen.“
Nein, der November gehört verboten.
Nur triste Tage und dann noch das ganze nekrophile Gedöns: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag …
Ein Monat, um zum gnadenlosen Alkoholiker zu werden.
Oder wie damals jener,der zur abgehalfterten Möbelhausattraktion wurde. Jener Rex Gildo. Das war dem armen Jungen wohl doch zu viel und daher ist er wohl gehopst. Acht Tage vor Allerheiligen vor sieben Jahren. Alkohol hatte er ja schon genug. Zwei Tage vor Halloween wurde er begraben …
Und wie auf Kommando knallt das Ralf Siegel Machwerk durch die Lautsprecher der Kneipe: Hossa.
Fiesta Mexikana.
Hossa.
Und übermorgen stehen die Fans wieder um einen Hügel Erde und Kränze.
Hossa.
Es ist ja Halloween.
Hossa.
Über dem Tresen baumelt ein Skelett. Meine Frau streichelt es zärtlich und schaut mich dabei an. Instinktiv rechne ich meine Lebensversicherung gegen das Abendessen von ihr heute auf. Hossa. Alles im grünen Bereich, kam alles aus der Dose und schmeckte so fade, wie es bei ALDI halt so schmeckt.
Eine Vampirella drängt sich neben mir und prostet mir zu. Die Hälfte ihres Biers landet auf meine Hose und alle um mich herum lachen und rufen „Halloween“.
Ich überlege, ob ich wieder sabbern sollte. Meine Frau scheint den Gedanken erraten zu haben und schaut mich streng an.
Ob sie mich umbringen wird, wenn ich nochmals sabbere? Es ist schließlich Halloween. Und – das wichtigste von allem – sie ist glaubensfeste Katholikin. Was die Kirche sagt, ist ihr heilig. Solange sie sich natürlich nicht in ihr Privatleben einmischt.
Heute – oder war es schon gestern? -hat sie vor Freude gegluckst, als sie sich ihre Vampirzähne für den Abend einsetzte und ihren Kopf zum Totenkopf umschminkte.
Im Radio lief vor einigen Jahren die Kurzmeldung, Katholiken und Protestanten hätten sich jetzt darauf geeinigt, dass ab nun der Mensch allein auf Grunde seines Glaubens schon im Himmelreich aufgenommen werden würde. Gute Taten dafür braucht es nun nicht mehr.
Nachtigall ick hör dir trapsen, war schon damals mein erster Gedanke. Wollen die beiden Kirchen nun wieder Kreuzzüge ausrufen? Ist das die Antwort auf die hohe Anzahl der Kriege? Der Joan d’Arc-Effekt? Die soll ja persönlich um jeden geweint haben, dem sie zuvor die Kehle zerteilt hatte. Dafür wurde sie ja auch u.a. heilig gesprochen. Demnächst werden wohl der Sachsenschlächter Karl der Grosse oder der Indiofresser Cortez oder der grausame Christopher Kolumbus ins Reich der Heiligen aufgenommen. Denn gläubig waren sie bis zuletzt. Zuerst die Heiden getauft und dann – rumps – die Omme ab.
Alles im Namen Gottes.
Das nun aufgrund der Kirchenentscheidung ein Veto Gottes zu befürchten ist, steht nicht zu erwarten. Gott hat ja überhaupt keine Rechte bei der Mitsprache, er könnte sich auch nicht ausweisen und würde dann wohl in ein sicheres Drittstaatenland abgeschoben.
Ich schau mich um. Ein Mann mit einem Skeletttuchumhang wankt an mir vorbei und rammt mir mein Bierglas aus der Hand. Der Inhalt ergießt sich über die Verkleidung meiner Frau.
„Du Idiot! Wir gehen jetzt, du Säufer! Hast mein schönes Halloween versaut!“
Das Skelett übergibt sich gerade auf dem Tresen, aus der Lautsprecherbox tönt wieder mal ein zweifaches „Hossa!“ und die Umstehenden wenden sich mit Grausen ab.
Eine Symphonie des Grauens.
’s halt Halloween …
Wer sagt denn, dass ich welche habe? Die Altersweisheit gibt es bekanntlicherweise erst, wenn man mit der eigenen Weisheit am Ende ist. :)
Und zum „Lernen fürs Leben“ taugt mein Blog doch wirklich nicht, oder? Oder willste mir da widersprechen wollen? Na also. :)
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Abgesehen davon, dass ich Halloween eine aus Bush-Land importiert Sch…mode finde, mit welcher die Umsätzen in den Warenhäusern und Kneipen angeheizt werden, finde ich den Text als literarisches Experiment ganz passabel, auch die Dialoge. Erinnert mich ein wenig an Cormac McCarty ‚Verlorene‘. Aber ich frage mich schon eine Weile: Wo bleibt die Altersweisheit im ganzen Blog, wenn du wirklich 84 bist?
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Danke für deine weisen Kommentare in meinem Blog. Auf sowas warte ich ja immer …
:??: :no: … nicht wirklich … :roll:
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Aha. Jetzt verstehe ich deine Kommentare und warum du so krank schreibst.
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