Louise

When he saw her getting of the bus
It seemed to wipe away the years
Her face was older, just a little rough
But her eyes were still so clear

 Arte pour l’art …
Teil 2

Ein Jahr später.

Ich hatte wieder meinen Urlaubstrip und ich überlegte mir, die Stadt erneut zu besuchen. Alte Erinnerungen an die Stadt wach zu rufen und wieder zu erwecken, in der ich erheblich mehr erlebte als nur jene Affäre. Erinnerungen auffrischen und zu sehen, wie sich die Stadt entwickelt hatte. Ob die alten Stellen noch die selben Gäste, Kellner und Besitzer hätten wie damals. Nochmals das Leben dort aufsaugen. Nur für vier, fünf Tage. Ein letztes Mal „Lebewohl“ dort sagen. Auf meine Art.

Es war wohl auch der Strickpullover, der mir insgeheim einflüsterte, doch mal nachzuschauen, wie es dem Rest des Wollfadens noch ging, ob er da irgendwo noch herumliegen würde. Ob Ariadne vielleicht noch den roten Faden in ihren Händen hielt.

Ich kam in der Stadt an. Die Sonne schien. Der altbekannte Geruch der Strassen rief in mir die altbekannte wohligen Erinnerungen der Vergangenheit hoch. Die Menschen um mich herum spielten Klavier auf den Saiten meiner Erinnerungen und riefen Assoziationen in mir wach. Wie in einem Trancegefühl der Erinnerungswellen lief ich mit meiner Reisetasche an dem Busbahnhof vorbei.
Meine Füsse berührten alten Boden und ich wusste, welche Richtung ich zu gehen hatte.
Wohin mich der Weg führen würde.
Welches Hotel ich aufsuchen würde.
Was ich danach als nächstes tun würde.

Eine Gruppe von drei Zivilpolizisten stand an einer Wand und versuchte beruhigend auf jemanden einzureden, der verdeckt war.
Ich ging zügig weiter.
Die Perspekive und der Betrachtungswinkel der Szene änderte sich.
Die Polizisten hatten offenbar eine besoffene Person abgezirkelt.
Eine übliche immer mehr verbreitete Tendenz, dass man ungeliebtes Pack von öffentlichen Plätzen und Gebäuden fern halten will, ging mir durch den Kopf.
Ein erneuter Blick von mir zeigte, dass es eine Frau in einem leicht angegrauten Mottenfiffi auf die Polizisten einzureden versuchte.
Ungewöhnlich für diese warme Jahreszeit.
Sie kriegte allerdings kein Wort heraus.
Das einzige was zu hören war, waren Zisch- und Röchellaute.
Die Frau hob ihre Hand und ihren Kopf und zog mit ihrem Zeigefinger über ihre Kehle.

Mir lief beim Anblick der Kehle das kalte Grausen über den Rücken.

Auf ihrer Kehle liefen mehrere langliche Quernarben. Die Narben waren offenbar verheilt, aber nicht sehr alt.
Die Frau hatte offensichtlich Selbstmord mit einer Rasierklinge versucht und sich dabei wohl die Stimmbänder zerschnitten und überlebt.

Erst jetzt blickte ich der Frau ins Gesicht und erkannte

ANA ExclamationShocked


Ich ging weiter und richtete meinen Blick erstarrt vor mir auf den Boden. Und ging und ging.
Sie hatte mich nicht gesehen.
Nein, eigentlich ging ich nicht mehr. Ich lief hastig weiter. Ich floh.
Zum nächsten Taxi.
Zum Hotel.
Ins Zimmer.

Am nächsten Tag verlies ich die Stadt sofort wieder …

… der weiter gestrickte Pullover gehört mir noch immer …

… Ende? Sowas hat nie ein Ende …

 It’s not always true that time heals all wounds
There are wounds that you don’t wanna heal
The memories of something really good
Something truly real, that you never found again