Beim Lesen des Reiseberichts von Lasagnemutti über Hong Kongs U-Bahn und deren Verhältnisse tauchten vor meinem inneren Auge die Zustände der U-Bahn-Stationen Tokyos auf. Nicht etwa, weil diese von der Beschreibung Lasagnemuttis total abwichen.
Nein, es waren die Menschenmassen, die mich beeindruckt hatten. Am liebsten hätte ich es fotografiert. Aber wie hätte ich was fotografieren können, während ich mich vor allem permanent darauf konzentrieren musste, den Rythmus des Tokyoter Ameisenhaufens zu erwischen und im Strom der Menschenmenge ohne Rempeleien mitschwimmen zu können? Etwas, was in Bewegung ist und nur mittels Filmen festzuhalten ist?
Von einer Art Balkon konnte ich mir das ganze Gewusel einige Zeitlang anschauen. Es gab Hauptströmungsrichtungen der Menschenmassen (Linksverkehr!), aber dazwischen waren immer wieder genügend Personen, die diese Hauptströmungsrichtungen kreuzten. Aber niemand stieß mit niemanden zusammen und wenn doch mal gerempelt wurde, dann war ein Ausländer mit dran beteiligt.
Die individuellen Wege der Einzelnen schienen sich mit den Wegen der Masse reibungslos ineinander zu verzahnen. Wie von einer unsichtbar koordinierenden Macht gesteuert ferngesteuert. Eine amorphe Masse, auf Harmonie und auf Rücksicht des Einzelnen auf die Gemeinschaft bedacht. Leute queren Strömungen, als sei jeder von ihnen ein Moses und die Menschenmassen nur der Nil, der sich immer rechtzeitig vor ihnen teilt.
Interessant fand ich, dass dann in den Nahverkehrszügen eine Schlafzimmerruhe als Kontrast zu dem Gewusel ausserhalb herrschte, die nur durch die offenbar von Japanern heiss geliebten Palim-Palim-Klänge der Lautsprecher unterbrochen wurden. Ungefähr drei Viertel der Menschen in den Zügen schlief: Sie hatten sich kaum gesetzt und schon fingen an deren Köpfe sich zur Seite zu neigen. Spontane Nachmittagsschläfchen von offensichtlich Gelegenheitsschläfern nicht nur an einem Sonntag nachmittag. Tokyo erschien mir von einem permanent übermüdeten Volk bewohnt zu sein, ein Volk, welches jede erdenkliche Arbeitspause nutzte, um Ruhe zu finden und ein wenig zu schlafen. Aber was zur Hölle und wieso treibt es Japaner dann in diese Patschinko-Spielhallen, wo bestimmt nicht an Schlaf gedacht werden kann? Diese Patschinko-Spielhallen sind der totale Kontrast zu den immer wieder und an jeder Strassenecke erklingenden harmonischen Palim-Palim-midi-files.
Nein, in Patschinko-Spielhallen schläft niemand.
Wie auch. Denn dort herrschen an die 100 db Geräuschstärke, ein brutal wummernder Klangteppich, der von den fallenden Kugeln über das Nagelbrett und der knalligen Technomusik herrührt. Details zu dem Automatenspiel finden sich u.a.a. hier und zeigt auch das Bild hinter diesem Link. Das Wort „Spielhölle“ findet angesichts der Patschinko-Spielhallen mit seinem brutal lautem Klangteppich seine volle Berechtigung. Dabei hat „Patschinko“ offensichtlich auch noch den Status eines japanischen „Volkssports“, ein Automaten-Glücksspiel, mit dem in Japan mehr Geld umgesetzt wird als in deren Nichts-Ist-Unmöglich-Automobilindustrie. Mit stoischer Gelassenheit und ohne Ohrenstöpsel hocken die Japaner geduldig vor den Automaten und versuchen ihr Glück, deren Vermögen zu vermehren, oder deren Pech, das eigene Vermögen zu schröpfen.
Fluchtartig verließ ich die Patschinko-Spielhalle, kaum dass ich sie betreten hatte, und tauchte draussen in einen neuen Menschenmassenstrom ein, den ich dann am Eingang meines Hotels verliess … Eine japanisches Midi-Musikstück empfing mich und versprühte entspannende Harmonie … Japanische Kontraste at its best …