Betont unauffällig (1)

Brasilien ist mein Land. Dort bin ich nicht nur hin und wieder als Tourist, sondern dort habe ich auch gearbeitet. Dort kommt meine bessere Hälfte her und da werde ich auch in absehbarer Zeit hin. Organisiert und nicht chaotisch. Geplant und nicht fatalistisch daneben.

Von meinem traditionellen Rio-Stützpunkt „Hotel Ferreira Viana“ in Catete (Stadtteil im näheren Bereich des Zentrums; nicht bei den Touristenhochburen der Copacabana) bin ich eines Tages mal wieder nach Ipanema raus. Diesmal wollte ich mich nicht an den Strand hauen, sondern eine bestimmte Dienstleistung in Anspruch nehmen (… ich sag’s nicht :D , ich sag’s nicht :D , ich sag’s nicht :D , um welche es sich hierbei handelte … okay, da einige immer was falsches denken, es geht hierbei um Tatoos). Ich zog mir Badehose, graues T-Shirt, schwarzte Bermuda und Flip-Flops (Größe 46; sehr selten, aber frisch gekauft) an, nahm mir meinen alten staubgrauen Stoffbeutel (lagerte und gammelte bei mir in D-Land schon seit zig Jahren in diversen Ecken herum) und packte darin ein Handtuch und in das Handtuch (weiß der Kuckuck warum) meine Armbanduhr ein.

Anmerkung vom Kuckuck: Klar weiss ich, warum. Ich hatte diese Seiko-Uhr im Süden Brasiliens für umgerechnet 50 Euro erstanden. Es war die Uhr, die ich immer schon suchte. Eine Uhr, nicht zu teuer, aber mit mechanischem Mondphasenanzeiger. Ich hatte mich in die Uhr verliebt und wollte sie überall dabei haben, …

Zusätzlich wickelte ich noch meine Geldbörse drin ein. In der Geldbörse befand sich der Gegenwert von 100 US-$. Ansonsten rein gar nichts. Desweiteren kramte ich mir ein paar Real, um den Bus von Flamengo/Catete nach Ipanema zu zahlen.
Als ich dann so gegen halb eins an dem Ziel in Arpoador an kam, war es noch – oder besser gesagt: schon wieder – geschlossen: Mittagespause.

Nun, ich überlegte, was tun? Ich entschloss mich einfach ein wenig an den Strand von Ipanema zu legen. Also ging ich von Arpoador immer so vier/sehs Meter von der Wasserlinie entfernt über den Strand und schaute nach einen passenden Platz zum Hinlegen. Obwohl es mittag war, war es doch recht gefüllt für nen Werktag.

Mir behagten nicht viele Plätze. Entweder war es zu voll und nicht mehr hinreichender ungestörter Freiraum vorhanden oder die umgebenden Leute sahen mir nicht vertrauenserregend genug aus (ich liebe die Gesellschaft älterer Rentner-Ehepaare, denn da steigt mein Zuversicht, dass die mich garantiert nicht niedermeucheln …).

Nach einiger Zeit der Wanderung fand ich dann „meinen“ Platz. Optimal erschien er mir nicht, da an der Wasserlinie junge surfistas rumlungerten, die dort bestimmt [i]keine[/i] Industriezigaretten rauchten. Aber andererseits erschienen die mir nicht als hineichende Motivation meine ermüdende Sandwanderung fortzusetzen.

Ich holte mein Handtuch (Marke Die-besten-Zeiten-schon-hinter-sich“) raus, breitete es in dem Sand aus und setzte mich erstmal drauf. Ca. drei Minuten lang die Gegend nochmals gründlich abgescheckt. Bis auf die Kinder nichts beunruhigendes.

Doch dann begann für mich die Frage: Wo lege ich meinen Beutel hin? Am Fussende sicherlich nicht. Am Kopfende? Links von mir? Rechts von mir? Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie ich es sonst gemacht hatte. Noch nie hatte ich über sowas plötzlich so intensiv nachgedacht. Okay, ich legte den Beutel auf Kopfhöhe neben mir, darüber mein T-Shirt (Hallo, Sonne! Hallo, Meer! :D), meine Bermudas und darüber die Flip-Flops. So breitete ich mich über mein Badetuch aus.

Aber rechte Ruhe fand ich nicht. Und irgend stellte sich Durst ein. Die nächste barraca befand sich zwanzig Meter entfernt. Und dann machte ich wohl den verhängnisvolen Fehler. Ich griff in meinem Beutel und versuchte betont unauffällig – ich betone nochmals ganz deutlich hier: „betont unauffällig“! – diesen herauszuholen. Dann setzte ich mich auf und checkte wiederum „betont unauffällig“ (die Geldbörse in der Bauchkuhle verdeckend) das Geld darinne. Ich suchte „betont unauffällig“ nach einem kleinem Schein.

Wenn ich mich mir heute so von aussen vorstelle, wie ich „betont unauffällig“ versuchte zu verbergen, dass ich was zu verbergen hatte (nämlich Reais im Wert von ca. 100 US-$), dann patsche ich mir noch heute gegen die Stirn und muss auch irgendwie als Ventil darüber lachen. Es gab am Strand wohl nicht auffälligeres als meine „betont unauffällige“ Verhaltensweise. Wo jeder jeder beobachtet, schon aus reinen Körper-Kult-Gründen.

Da ich keinen wirklich kleinen Schein dabei hatte (an der barraca mit einem großen Schein zu zahlen, konnte zuviel unerwünschte Aufmerksamkeit auf mich, dem „Green Go“, lenken), legte ich die Geldbörse eingewickelt in den Bermudas und dem T-Shirt mit der Uhr wieder in den Beutel zurück (ich vermerke „betont unauffällig“), dann auf meine Flip-Flops den Beutel zu oberst auf Kopfhöhe und streckte mich wieder aus.

Hm.

Hm.

Irgendwann hatte ich plötzlich das Gefühl, das etwas nicht mehr stimme. ich richtete mich auf und sah meine Flip-Fliops brav neben mir liegen, auf Kopfeshöhe, aber … ich suchte vergeblich meinen Beutel. Wech war wech. :(

Verwirrt richtete mich auf und sah in etwa zwei Metern Abstand von mir eine schlanke Brasilianerin mit Sonnenbrille stehen.

– A senhora observou algo? Sabe cade minha bolsa? (=“Haben Sie was beobachtet? Wissen Sie, wo meine Tasche ist?“)

Die Frau schaute mich an und erklärte mir zu meinem Entsetzen, dass die Jugendlichen vom Strand sich diese genommen hätten. Ich fragte verschreckt zurück, warum sie denn nichts gesagt hätte. Das war eigentlich eine dumme Frage, aber die Antwort war auch nicht schlechter: Sie dachte, dass das meine Freunde wären und ich zu denen gehören würde … :roll: :(

Mir war klar, dass am Strand niemand was grossartiges unternehmen würde, würde man einen Diebstahl beobachten. Die unbewusste Angst, selber nachher in eventuelle Konsequenzen der Diebe und mögliche Hintermänner zu geraten, ist zu gross, als dass diese eine helfende Abwehrmaßnahme nach sich ziehen würde.

Ich stand auf und schaute verwirrt durch die Gegend. Die Frau deutete auf einen etwa hundert Meter entfernt liegenden Stofffetzen.

– Acho que é seu. (= „Ich glaub, dass ist ihre.“)

Ich wollte schon los, aber da fiel mir die alte Parabel vom Fuchs mit dem Steak und dessen Spiegelbild im Fluss ein und dass der Fuchs beide Steaks haben wollte und nachher ganz ohne da stand. Es mag sich absolut bescheuert anhören. Aber genau dieses Bild vom Fuchs im Fluß tauchte vor mir auf. Daher fragte ich die Frau, ob sie denn wenigstens auf meine restlichen Sachen aufpassen würde, damit die nicht auch noch wegkämen. Als die Frau nickte, ging ich zu den Stofffetzen rüber. Es war mein T-Shirt. Von meinem Beutel, der Bermudas, der Uhr und dem Geldbeutel war nichts mehr zu sehen. Auch sah ich keinen der surfistas oder sonstwelche seltsame Gestalten. Ich nahm das T-Shirt auf und ging zurück.

Damit hatte sich der Termin in Arpoador im Tatoo-Laden erübrigt. Ich zog meine Flip-Flops an und atmete schwer durch. Meine ersten Gedanken waren nur: „Raus hier! Weg hier! Überall Verbrecher!“ Meine Selbstbeteiligung an dem Raub sah ich noch nicht.

Also trat ich den Rückweg von Ipanema über Arpoador-Copacabana-Leme an mit anschliessender mulmiger Tunneldurchquerung Richtung Shopping und dann über Botafogo zurück nach Flamengo, Catete zu meinem Hotel. Zu Fuss. In Badehose und ärmellosen T-Shirt und dem alten Handtuch. Taxi-Fahren sah ich als aussichtlos an. Die müssten mich für einen Schwulen halten.

Während ich meine unfreiwillige Wanderung durchzog, fuhren mehrfach Busse vorbei und aus den Fenstern hörte ich immer wieder ein Johlen und Pfeifen. Hin und wieder sah ich auch nen Stinkefinger. Man nahm offenbar an ich, sei ein ausgesprochener Safado unter den veados. Mir zuckte es immer wieder in der Hand, den Stinkefingergruß zu erwidern, aber ich unterlies es. Sollte sich jemand beleidigt fühlen und an der nächsten Haltestelle aussteigen, dann hätte ich ein paar Probleme mit meinen Flip-Flops …

Während der Wanderung fiel mir ein, dass dieser Vorfall von mir provoziert war (hört sich seltsam an, ist aber so). Zudem war es nicht das erste mal – so fiel mir ein -, dass ich beklaut worden war: In D-Land hatte man das wesentlich efektiver gemacht. Man hatte mir dort mein mühsam erspartes 1000-DM-Rennrad geklaut. Die Versicherung zahlte meinen Eltern nichts zurück, da sie auf dem Standpunkt beharrte, ein rechtmässig abgeschlossenes Fahrrad könne niemand klauen (ergo, hatte ich es nicht abgeschlossen gehabt. QED).
Jener Wert von 100 US-$ entsprach knapp 150 DM (ca. 76 Euro). Da hatte ich in meinem Leben schon mit effektiveren Dieben zu tun gehabt. Wahrscheinlich haben die sich von dem Geld Maconha gekauft, Uhr, Bermudas und Geldbeutel an einem camelo verhökert.

„Hätte, Wenn, Wäre“ … aber hätte ich damals meiner inneren Stimme (Unruhe) gefolgt und mich evtl in einem Cafe Ipanemas gesetzt statt unbedingt an den Strand zu wollen, dann wäre ich nicht überfallen worden. Dann hätte ich auch nicht „betont unauffällig“ gehandelt. Die „herren des strandes“ hatten das sofort registriert und auf mein Verhalten auf reiche Beute geschlossen. Selbst schuld. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Gott sei Dank, musste ich bislang nie in eine Revolvermündung schauen. Verdeckten Messern (unter der vorgehaltenen Zeitung) konnte ich bislang einmal in Rom laut zeternd und flüchtend entkommen …

… Im Nachhinein hat mich der Diebstahl der Uhr mehr geärgert als der Verlust des Geldes …

Ach ja, noch was. In Rio bin ich selten mit mehr als 5 bis 10 US-$ in der Tasche (die Busrückreise im Schuh) rausgegangen. Aber nur einmal mit mehr als 10 US-$ und zack … ausgeraubt … das ist natürlich auch eine zu bewundernde Art der Effiktivität … :DD :DD :DD