Langsam tappert die Uhr Richtung Mitternacht. Ab Mitternacht ist heute gestern und morgen heute. Und das jetzige Jahr genau so alt wie der Schnee von gestern. Zeit ist eine Erfindung der Menschen, um den Verkauf für Produkte gegen Falten zu rechtfertigen.
Mit Falten habe ich keine Probleme, aber mit grauen Haaren. Ein Erbkrankheit meines Berufes. Unser aller Ex, der Altkanzler Gerhard Schröder, wusste was dagegen zu tun war. Ich habe es auch getan. Aber hilft es? Vielleicht für vier Wochen. Ringo Starr hatte eine graue Sträne, war Schlagzeuger, Alkoholiker und Drogensüchtiger, durfte aber vorher noch bei den Beatles mittrommeln. Da es unwahrscheinlich ist, dass mich Michael Jäger (okay, Mick Jagger) für seine Rentnerkombo auf die Bühne holen wird, werde ich an dem Er-Grauen meiner Haare weiterhin in meiner Branche mitarbeiten. Ausserdem kann ich nicht richtig trommeln. Allerhöchstens wie Oskar Mazerad („Die Blechtrommel“) oder wie der Mann mit der Pauke (Wolfgang Neuss).
Über die Mattscheibe ist inzwischen „Dinner for one“ gelaufen und somit ist Sylvester 2005 eingeläutet.
„Sir Toby.“ „Cheerio, Miss Sofie.“ „Admiral von Schneider!“ „Skol“ „Mr Pommeroy!“ „Happy new year Miss Sophie“ „Mr. Winterbottom!“ „Well, you look junger than ever …“
And now I declare the bazar for opened.
The same procedure as every year, James.
Das Jahr hatte einige Klöpse. Mir starben einige Personen, was mir persönlich nahe trat. Nein, nicht die berufliche Verbesserung des alten Papstes und den Aufstieg eines bayrischen, nicht deutschen Kardinals.
Von einem Tod erfuhr ich in Brasilien. Und dem will ich hier eine Erwähnung widmen: Hans-Dieter Hüsch. das schwarze Schaf vom Niederrhein. Sach mal nix …
Und dann kurz darauf meine Erkrankung. Ich wusste nicht, dass ich in Lebensgefahr schwebte. Direkt vom Brasilienurlaub über die Klinik-Notaufnahme auf die Intensivstation. Ursache ist völlig unbekannt. Bekannt ist nur, dass mein Immunsystem ganz heruntergefahren war. Weder Leukämie, Knochenkrebs noch AIDS. Erreger unbekannt. Aber nachverfolgbar, dass ich mir diese lebensgefährliche Krankheit aus Deutschland mitgeschleppt hatte. Und in Brasilien ist sie ausgebrochen. Keine Infektionsgefahr für niemanden. Aber für mich war die Gefahr bedrohlich für meinen Organismus.
Das Jahr hat noch ein paar Stunden. Der Countdown in D-Land läuft. In anderen Ländern setzt man noch die Bowle an, während in D-Land die erste schon das Jenseitige gesegnet haben dürfte.
Das Jahr hat eine politische Wendung gebracht. Schröder ist weg und Merkel ist die erste Frau im Kanzleramt und trägt für den Teleprompter bei der Neujahrsrede eine Brille. Sie ist kurzsichtig. Somit erklärt sich auch ihre Frisur. Sie hat sie ja vorher nie gesehen, bis sie eine Brille von Fielmann zum Nulltarif erhielt.
Schröder indessen startet seine Kanzler-After-Work-Party. Er schreibt sicherlich an seine Memoiren.
Wie hat das Satiremagazin TITANIC treffend karrikiert?
Doris Schröder-Köpf sitzt neben ihrem abgehafterten Ex-Kanzler. Der reicht ihr sein Memoiren-Manuskript und sagt: „Aber da steht doch alles drin, was ich in sieben Jahren gemacht habe!“ Worauf Doris Schröder-Köpf ihm entgegenhält: „Trotzdem, fünf Seiten sind echt zu wenig für’n Buch…“
Das beste bei Merkels Neujahrsansprache ist eindeutig der Seitenhieb auf den Fussball. Die deutschen Frauen seien ja schon Fussballweltmeister, und sie sehe keinen Grund, warum die Männer es nicht auch bei der nächsten WM schaffen sollten.
Ein böser Seitenhieb. 1:0 für einen genialen Seitenhieb in einer Neujahrsrede. Eigentlich die beste Bemerkung seit der Wiedervereinigung in einer Neujahrsrede. An die davor kann ich mich eh schon nicht mehr erinnern. Und da war ja noch die Dublettenausstrahlung der damaligen Vorjahres-Rede von Kohl. Dinner for one.
Die Wahl war dieses Jahr. Alle Macht geht vom Volke aus. Aber wohin geht sie? Niemand wusste es. Ich hatte es befürchtet. Sie ging einfach aus. Mir ist sie noch nicht begegnet. Ich hatte es befürchtet.
Warum war eigentlich mein Wahllokal in einer Schule? Sollte ich daran erinert werden, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Es kommt noch immer vor, dass ich manchmal aufwache und denke, ich hatte Hausaufgaben im Gymnasium nicht gemacht oder einen Schein noch immer im Studium nicht hinter mir gebracht. Aber noch nie bin ich aufgewacht und habe schweissüberströmt festgestellt „DU HAST JA NOCHT GEWÄHLT!“
Ganz im Gegentum. Nach meinem Urlaub und dem sofort anschliessenden Krankenhausaufenthalt (also nach sieben Wochen) fand ich einen noch ungeöffneten Umschlag: „Wahlbenachrichtigung zur Bundestagswahl“ sthet drauf. Irrtümlich habe ich ihn doch geöffnet. Aber dann wanderte der Brief ungelesen ins Altpapier. Steht eh nichts interessantes drin. Wahrscheinlich eh nur, dass ich meine Hausaufgaben in einer Schule zu erledigen habe.
Schon damals im Studium waren Multiple-Choice-Aufgaben mein grösstes Grab: Zu viele Möglichkeiten, zu viele Fehlantworten. Durchgefallen. Wieso sollte es bei der Wahl anders sein? Und dafür riskiere ich nicht meinen Reisepass. Nachher wird der mir wegen zu viele Fehlkreuze entzogen.
Entzogen hatte unserer Firmenbesitzer wegen der Wahlergebnisse der Firma alle Investitionen. Er hatte es als email verschickt. Ich hatte nicht gewählt und fühlte mich trotzdem bestraft. Sollte wohl auch so sein. Ein Key-Accounter wurde deswegen richtig sauer. Er hatte ein gutes Geschäft eingefädelt, aber ohne Investition kein Geschäft. Er war tierisch sauer und hat sich den Geschäftsführer persönlich vorgeknöpft. Er durfte das wagen. Ein Jahr vor dem Renteneintritt.
Draussen taut jetzt der Schnee weg. Vor 48 Stunden waren es noch -5°C. Jetzt wurden es +10° C. Wahrscheinlich war es der Einfluss von Digdigger . Er wollte ja hier Schneeschippen. So macht er es sich recht einfach. Wieso auch nicht. Mir fehlen aber noch die restlichen 20° C, damit es 30° C werden. Vielleicht schickt er sie ja auch noch rüber.
Wer mit über 30 Jahren noch lebt, hat seinen Frieden mit dieser Gesellschaft geschlossen. Nur, eigentlich wollte ich dieses Jahr ne Revolution veranstalten. Aus dieser Kugel mal nen Würfel zu machen. Aber es hatte ja niemand interessiert. So wurde das nichts. Wenn ein Volk nur permanent ihre Fiffis ausführt, aber nie auf darauf achtet, wann wer wo wie entscheidendes was für das wohin setzt. Nun gut. Ich trat den Rückzug an und entzog mich meiner Verantwortung für die Würfelung und für den Versuch der Quadratur eines rotierendes Kreises und zog mich ins Biedermeiertum zurück.
Nur meine Planung für die Brasilienreise endete auf der Intensivstation. Gestorben bin ich nicht. War aber wohl nah dran, meinten die Ärzte. Adolf Hilter ist mit 56 Jahren gestorben, Lenin mit 53 Jahren. Da habe ich noch ein wenig Zeit vor mir für weltbewegenden Scheiss. Zumindestens kann ich damit hier im Blog beginnen.
Die Notaufnahme im Klinikum war eh eine Nummer für sich. Fiebrig kam ich dort an und wollte nur noch so schnell wie möglich behandelt werden. Aber vor den „Göttern in Weiss“ hat die Bürokratie die „Götter mit Bleistift“ gesetzt. Der erste versuch lief fehl. Zwar sassen dort zwei Bürokraten im Büro, einer davon starrte intensivst die Decke an, aber mein Pech war, dass der andere schon mit einem Notaufzunehmenden im gespräch war. „Sind Sie Verwandter oder Angehöriger dieses Mannes hier?“ war die Frage des Unbeschäftigten. „Nein“, war meine verwirrte Antwort. „Dann warten Sie gefälligst draussen!“
So wartete ich also geduldig auf dass die Reihe der bürokratischen Notaufnahme an mir werden würde. Und dann kam ich dran. Ich hatte alle Papiere meines Hausarztes dabei und schob sie erschöpft dem Mann entgegen. „Warum kommen Sie?“ Ich war sprachlos. Trotzdem stotterte ich meine Geschichte. Lesen wollte er die Papiere nicht. „Und warum meinen Sie, gerade hierhin zu müssen?“ Na. da kam ich aber in Erklärungsnotstand. Vielleicht weil ich mich krank fühlte?
Irgendwann lag ich dann doch dank bürokratischer Gnaden in der Notaufnahme und der diensthabene Notarzt wollte mir Blut abnehmen. Worauf die Krankenschwester den Arzt anfrotzelte: „Können Sie das nicht näher am Waschbecken machen? Wer soll den die ganze Schweinerei wegwischen, wenn es auf den Boden tropft?!?“ Irgendwie fühlte ich mich missverstanden dort. Eigentlich wollte ich mich dort nicht entschuldigen, dass ich krank war, ich wollte, dass man mir hilft. Naja. Es war ja auch spät am abend (so gegen 20:00) und da muss man sich schon auf was gefasst machen, wenn man da in andere Vorbereitungen für den Feierabend platzt. Egal ob man in kritischer Lebenssituation steckt oder nicht. Erst die Ordnung, dann die Arbeit.
Aber das war nur dieses Jahr. Nochmal mach ich dieses Jahr bis zum Ende nicht mit.
Und was kommt nächstes Jahr? Schaun mer mal …
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