Was wären wir schon ohne unsere Letztendbegründung …

Was mir denn einfallen würde, dass ich mich vordrängle?
Die fordernde und bedrohliche Stimme herrschte mich schneidend an.
Hoppla.
Was war passiert?
Ich stand am Käsestand und die Frau vor mir schaute auf die Auslage und hatte nicht auf die Frage der Thekenbedienung reagiert. Also fragte die Thekenbedienung mich, was ich denn wünsche. Bevor ich noch „Roquefort“ sagen konnte, stieß mich die junge Frau wieder verbal in die zweite Reihe der Grübler und Nachdenker zurück.
Ja, was würde mir denn einfallen? Es musste doch eine einsehbaren Begründung meiner Handlung geben.
Die junge Frau, Marke „Modell“ für H & M, bestellte unterdessen zwei Scheiben Gauda und verfiel wieder in tatenloser Entscheidungslosigkeit, während sich immer mehr Leute anstellten.

Was mir denn einfallen würde, seine Fragen in Frage zu stellen, donnerte mich mein damaliger Chef an, als er erkannt, dass er falsch lag.

Was mir denn einfallen würde, ohne zu schauen, einfach über den Fußgängerstreifen zu gehen, pflaumte mich ein Polizist in seinem Streifenwagen an, weil er wegen mir seine Spazierfahrt leicht abbremsen musste.

Was mir denn einfallen würde, zu spät zu kommen, hörte ich mehrfach von Lehrern.

Was mir denn einfallen würde, …

Mir fiel recht wenig zu solchen Fragen ein. Aber wahrscheinlich ist die beste Antwort auf solchen Fragen immer nur ein lakonisches:
„Wenn nicht jetzt, wann denn sonst?“.

Wir Deutschen sind halt ein Volk der Letztendbegründung.
Ohne Letztendbegründung darf man sich nicht auf der Strasse antreffen lassen. Es könnte unvorteilhaft sein. Denn wer möchte schon ohne Letztendbegründung leben. So hat man halt immer seinen Personalausweis dabei, auch wenn keine Notstandsgesetzzeiten herrschen. Hauptsache man nötigt die Polizei nicht einem zur „Feststellung der Personalien“ auf die weitgelegenste Polizeistation mitgenommen zu werden. Besser man macht halt der Polizei nicht unnötig Arbeit und Aufwand.
Und genauso verhält es sich mit dem restlichen Leben. Denn es ist immer einer da, der in Besitz auf Recht der Letztendbegründung ist und dann muss man sich rechtfertigen. Was würde mir denn einfallen, wenn nicht …

Seit neustem heisst es auch nicht mehr „Was mir denn einfallen würde, …“.
Sondern es gibt jetzt auch noch die gern benutzte, geistlose Steigerungsform:
„Geht’s noch?“

Tja, wir leben augenblicklich im „Geht’s noch?“-Zeitalter.
Keine Frage lässt sich hirnloser und einfacher aus der Kau-Luke herauspressen als jenes stupid empörtes „Geht’s noch?“.
Hinter solch einer dahin gerotzten Frage steckt einfach viel mehr Power.
Diese Frage ist Anklage, Kurzverhandlung und Verurteilung zugleich. Die Letztendbegründung wird nicht mehr gefordert, sondern gleich als unumstößliche Verurteilung dem Gegenüber ins Gesicht gespukt. Der Deliquent darf sich danach selber auswählen, ob er sich lieber freiwillig zu „Harz IV“ meldet, sich gleich lebendig begraben lässt oder dem Erschiessungskommando ohne Augenbinde aber mit Maulkorb gegenüber stellt.

Das Leben mit Letztendbegründung ist ja so einfach.
Wäre es das nicht, dann müssten erst recht solche Phrasen erfunden werden wie
„Geht’s noch?“
oder
„Was fällt Ihnen denn ein, einfach …“ .

Oder?
Eben.
Weil, wenn nicht jetzt, wann denn sonst?

Darauf trinken wir jetzt ein warmes Bier, oder?

Ja, geht’s noch?!?

Es lebe halt die Letztendbegründung.
Weil … es geht noch.



3 Gedanken zu „Was wären wir schon ohne unsere Letztendbegründung …

  1. Ich finde es interessant, dass insbesondere jenes „Geht’s noch“ in der Mehrheit von Frauen benutzt wird. Den Grund dafür habe ich noch nicht entdeckt.

    Like

  2. Dabei ist dies nur das Ende einer Entwicklung.
    //Hat man denn dafür Worte?// oder //Ja was fällt Ihnen denn eigentlich ein?// und //Also so was ist mir ja noch nicht untergekommen!// waren nur der Anfang und das Ende ist mit //Geht’s noch?// leider nicht in Sicht!

    Like

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.