29. September 2006 19:35
Mein Fahrer ist jung und adynamisch.
Dabei braucht er auch gar nicht dynamisch zu sein. Dafür ist er exakt kalkulierend.
Eineinhalb Stunden von Rouen bis Charles de Gaulle bei Paris.
Kalkulierte Punktlandung für den Abflug um 19:25?
Nein, das ist nicht sportlich.
Das ist klassisches Kalkül.
Ich wäre auf der Höhe von französischen Nuimmernschildern über deren Autobahnen geprescht. Und das nicht mit lediglich 230 km/h Maximum. Oder gar mit 110 wie mein Fahrer. Total verkehrsregelkonform.
Im Stau zuvor hätte ich genauso wie alle anderen Franzosen auch einfach nur gedrängelt.
Mein Fahrer tat es nicht.
Zehn Prozent mehr Geschwindigkeit als erlaubt, wäre meine Regel gewesen. Seine aber nicht.
Da sitze ich auf dem Beifahrersitz, die Autouhr von Createur de Automaleur fest im Blick.
Erinnerungen an die Besprechung.
Eingeschlafen.
Mein Fahrer gab mir zwei Zettel zum Kopieren und nen Hinweis, wo er den Kopierer gesehen hatte.
Ich kriege Bewegung und Frischluft.
Eine Frau gab mir nachsichtig lächelnd einen Kaugummi.
Gegen Schläfrigkeit.
Er wirkte einstweilen.
Kaffee jedoch nicht mehr.
Ich brauche dringend Koffeintabletten
Die Silhouette der Hochhäuser Paris taucht auf. Munter dreht sich ein riesig grosses Logo der Firma SIEMENS auf einem der Hochhäuser. Gerade so als ob sie sich nie mit BENQ in Deutschland auf grausamen Vollzug ein Jahr später geeinigt hätten.
3.000 potentielle Arbeitslose mehr.
Was zählen da schon Versprechungen in diesen Jahren …
19:45
Stau am Stadion St. Denis. Hier verlor Brasilien mit einem mysteriös kranken Ronaldo die WM 1998 gegen eijne grandiose Equipe Tricolore. Alez le bleu.
19:45 ist auch gleichzeitig Boarding time, also der Beginn des Einstiegs ins Flugzeug. 20:25 ist Abflug.
Ich starre aufs Stadion.
Mein Fahrer meint unbekümmert, es gäbe keinen Grund zur beunruhigung. Stimmt. Ich kann ja immer noch später fliegen.
Oder halt dann: „Eine Nacht in Paris“
Paris, versteht sich.
Nicht Paris Hilton.
Eher Ibis Hotel …
20:15
Wir kommen am Terminal D an. Fast hätte er sich noch kurzfristig verfahren. Wäre zu einem anderen Terminal weitergefahren.
Ich verabschiede mich von meinem Fahrer.
Der hat die Ruhe weg und lächelt überlegen.
Sprintend renne ich mit Handgepäck und meiner Sitzplatzkarte in den Händen zum nächsten Monitor und mit der dort neu gewonnen Erkenntnis zum entsprechenden Gate.
Meine Lieblingsfreunde, die Sicherheitskontrolle? Eine Hürde, mehr nicht.
Ich komme als letzter atemlos in den Flieger und ernte mißmutige Blicke von Besatzung und Passagiere.
Geschafft.
Ich bin zum zweiten Mal heute das „Arschloch vom Dienst“.
… und zusätzlich müde …