29. September 2006. 7:00
D’r Zoch kütt!
D’r Zoch setzt sich in Bewegung!
D’r Zoch is schon längst völlig abgefahren!
Weiss wabert Nebel um den Zug auf dem Weg zum Flughafen.
Der Herbst streckt seine klammen Finger aus.
Unerbittlich.
Unabänderlich.
Noch ist viel Grün auf den Bäumen.
Aber ebenfalls schon ein wenig Rot.
Äste gebeugt unter der Last ihrer Früchte.
Äpfel auf Augenhöhe. Patchoulli-Duft dringt aus ihrem Pullover. Sie steht neben mir zum Anbeissen nahe. Ein Lufthauch durchstreift mein Haar. Hat sie mir jetzt gerade leicht ins Haar geblasen?
Ich riskiere einen Blick nach oben. Ihr frisch ondulierter Kopf steckt hinter einem Buch von Hera Lind. „Das Superweib“.
Kurz senkt sie das Buch und zwei schmaler werdende Augen hinter einem eckig strengem Drahtgestell von Brille mustern mich feindseelig.
Was habe ich ihr getan?
Mein Blick schweift rüber zu dem hoch aufgeschossenen, jungen Mann mit schwarz gelocktem Haar, Drei-Tage-Bart, markantem Oberlippenbart und Ballack-Nationaltrickot. Er nestelt an seinem schweren Koffer. Er scheint nervös zu sein, obwohl er sich betont cool gibt.
Woran erinnert er mich?
Der Mann dahinter schaut mich streng an, seine Hände vergraben in seinen Jeanstaschen.. Kurz darauf verbiegt sich seine Nase, sein linker Mundwinkel schnellt in die Höhe, seine gesamte linke Gesichtshälfte verschiebt sich nach oben. Und dann das unvermeidliche Geräusch, wie als ob jemand den letzten Schluck Caipirinha durch den Strohhalm gurgelt.
Nur erheblich nasaler eben.
Darauf schluckt er offensichtlich das Hochgezogene und schaut mich weitzerhin streng an.
Was mache ich falsch?
Und dann noch die Endzwanzogerin mir gegenüber. Ihr braunes Haar umrahmt locker gelockt verlockend ihr Gesicht. Sie gleicht einer Fee und ihre beiden grünen Scheinwerfer dringen tief in die meinigen müden Augen. Ihre warmroten Lippen umspielt ein verführerisches Lächeln und ihr Mund öffnet sich leicht. Ich sehe ihre zart rosa Zungenspitze auf ihre Lippen zuwandern. Wie in Zeitlupe schlägt sie ihre Beine auseinacner, beugt sich vor. Ihre zartgliedrigen Hände streicheln zärtlich ihr Haar.
Was will sie von mir?
Neben sie drängelt sich ein älterer Mann, stehend, mit tiefgezogener Stirnglatze und blauem Harley-Davidson-Sweat-Shirt. Typ „reaktivierter Rentner“. Von seiner abfallenden Schulter baumelt frei eine braune Handtasche.
Er schaut mich fordernd an und hält mir seinen Dienstausweis offensiv vors Gesicht. Seine freie Hand packt mich an meine Schulter.
Er schüttelt mich.
Es schüttelt mich.
Wir schütteln gemeinsam.
Was will er von mir?
„Aufwachen! Ihre Fahrkarte, bitte!“