Kunde "König" wieder mal als Rampensau

Vielleicht sollte ich mich mit mehr Gleichmut eindecken.
Vielleicht sollte ich mich auch in bestimmten Situationen mit Ohrenstöpsel versehen und einfach weghören.
Vielleicht sollte ich auch „Beamten-Mikado“ in bestimmten Situationen spielen: „Wer sich rührt, hat verloren.“

Ich stehe in der Schlange beim Check-In.
Es geht mühsam vorwärts. Mein Kollege steht hinter mir.
Die Check-In-Automaten waren abgestürzt und nun war das alte „Ich-steh-mir-nen-Wolf“-Prozedere angesagt.

Vor mir befindet sich ein Ehepaar, welches sich mit ihren Papier-Tickets heftigst Luft zufächeln. Ihre Kleidung verrät mir, dass sie in den Urlaub wollen. Beide mit Nordic-Walking-Stöcken ausgestattet und den obligatorischen vornehm in die Haare geschobenen breiten Gucci-Sonnenbrillen.

Noch zwei Parteien vor mir. Der dickliche Herr vor dem Ehepaar scheint wohl das erste Mal zu fliegen. Er erscheint stark verunsichert, aber ist freundlich zu der Frau hinterm Schalter.

„Unglaublich, wie die Frau da am Check-In alles aufhält. Einfach unglaublich“, meinte der Mann vor mir und lächelte mir nach Bestätigung fischend zu.

In dem Augenblick hätte ich mir eigentlich schon die Ohrenstöpsel einsetzen müssen, die Augenbinde mir aufbinden sollen und der Gleichmut Vortritt lassen sollen. Aber stattdessen witterte das Tier in mir den aufkommenden Streß.
Die Warnlampen schalteten auf „gelb“.

Inzwischen war der beleibte Herr fertig geworden und entfernte sich mit seinem Trolley suchend nach dem passenden Gate.

Das Ehepaar vor mir trat ran an den Schalter.
Während sie die Flughafenangestellte seitlich fast feindlich musterte, reichte er betohnt herablassend und lässig seine Papiere der Angestellten rüber.

Beide wollten offenbar mit Zwischenstopp nach Brasilien. Sao Paulo und dann Salvador. Ich verfolgte deren, nein, besser gesagt, seine Kommunikation mit der Angestellten. Denn es sprach nur er und sie schaute weiterhin die Angestellte feindlich an. Ihre Augen schossen deutlich erkennbar Blitze.

Und dann kam die entscheidene Frage der Angestellten:

„Haben Sie Gepäck?“

Er nickt und wuchtet unter Ächzen seinen Koffer aufs Band.

„Und dann noch den von meiner Frau. Ist ungefähr genauso schwer.“

Die Angestellte wartet einen Moment, stutzt und schaut den Mann an:

„Der Koffer ist zu schwer.“
„Was ist der?“
„Ihr Koffer ist zu schwer. Er hat 33 Kilo.“
„Ja und?“
„Er ist zu schwer.“
„Wieso? Ich darf doch bis zu 32 Kilo mitnehmen und das läppische Kilo … 32 Kilo steht auch in dem Ticket.“
„Ja das ist richtig. Aber jeder Koffer darf nicht schwerer sein als 25 Kilo.“
„Das ist doch egal, ob ich einen oder zwei Koffer habe, oder? Bei einem Koffer kann ich mehr mitnehmen. Oder darf ich das nicht mehr?“

Während der Mann das sagt, wird sein Tonfall zunehmend aggresiver. Die Angestellte versucht ihn darauf hinzuweisen, dass die Gewichtshöchstgrenze pro Koffer aber 25 Kilo sei und das ebenfalls im Ticket stehe.
Der Mann redet sich in Rage und dessen Frau kommentiert fast jeden Satz von ihm mit einem aggresiven „Genau!“ oder fauchte die Angestellte mit einem „Oh, Gott!“ an.
Die Angestellte bleibt aber weiterhin ruhig und höflich und weist nochmals auf die Passage mit dem Kofferhöchstgewicht hin und erklärt, dass der Koffer eh Übergewicht habe und daher was bezahlt werden müsse.
Darauf schreit der Mann die Angestellte förmlich an und meint, der Dicke zuvor würde eh zuviel Gewicht gehabt haben und bezahlt hätte der für sein Übergewicht wohl auch nicht. Aber sein Koffer mit einem Kilo Übergewicht, den solle er zahlen. Das sei eine Unverschämtheit.

Die Angestellte atmet sichtbar tief durch und wiederholt die Sache mit den zwei Koffern.
Da poltert der Mann erst richtig los. Er poche darauf, dass der Kunde eigentlich doch wohl „König“ sei und er durch sein Ticket sogar ihren Job sichere und sie zuvorkommender sein solle.

In mir kocht es ebenfalls langsam über. Das Ehepaar hält alle auf. Ich will nicht auf den letzten Drücker in den Flieger und kann mich nicht mehr zurückhalten.
Von hinten blaffe ich den Mann an, dass er sich sein „Ich bin Kunde König“ sonstwo hinschieben könne, da er sich eher wie ein „Diktator“ aufführe als wie ein „König“. Wäre ich Bodenpersonal beim Koffer-Verladen, ich würde seinen verfluchten Koffer am Flieger stehen lassen, statt mir wegen 33 Kilo den Rücken kaputt zu machen. Ergonomisch und arbeitsrechtlich seien eh nur 25 Kilo pro Person beim Heben von Lasten zugelassen.

Meinen Sätze kamen wohl ziemlich lautstark und wie aus dem Maschinengewehr. Das Ehepaar schaut mich entgeistert und entsetzt an und mein Kollege packt mich vorsichtig bei den Schultern und zieht mich ein wenig zurück. Aber das ist mir egal. In mir kocht es. Die Warnlampen stehen nicht mehr auf dunkelrot, nein, sie blinken auch. Dieses Ehepaar sit in ihrer unbarmherzigen Selbstgerechtigkeit dabei mir den letzten Nerv zu rauben und mein Glück zu nehmen. Und ich soll mich zurück halten?
Ich entwinde mich den Händen meines Kollegen und mache einen Schritt auf den Mann des Ehepaares zu.
Es ist still geworden, denn alle in der Warteschlange sind aufgeschreckt. Der Mann vor mir fasst sich langsam und blafft mich drohend herrisch an, wer ich denn sei …

„Das ist einer unserer Passagiere und er hat vollkommen recht.“

Die schneidende Stimme zerschneidet die Luft wie ein Schwert. Ein Mann mit einer der Luftfahrtgesellschaftsuniform und Schulterlappen steht neben der Angestellten. Sein Gesicht erscheint spitzkantig und seine Nase wie ein Säbel.

„Der Herr hat vollkommen recht mit allem, was er da gesagt hat.“

„Was?“ stammelt der Ehemann verwirrt.

„Ich empfehle Ihnen, sich hier am Flughafen einen weiteren Koffer zu kaufen und dafür zu sorgen, dass keiner der Koffer 25 Kilo überschreitet und ihre Gehstöcke ordentlich verpackt sind. Und wenn Sie das schaffen, dann unterhalten wir beide uns, ob ich Ihnen Übergewicht berechne oder nicht. Mit meiner Angestellten reden Sie jedenfalls nicht mehr.“

Die Luft ist zum Schneiden.
Jeder hält den Atem an.
Das verdatterte Schweigen der beiden Brasilien-Reisende ist mit Händen greifbar … und dann plötzlich ein zustimmendes Gemurmel aus der Schlange.

Das Ehepaar ergreift ihre Sachen und entfernt sich unter Protestgezetere.

Der Offizier (?) und die Angestellte lächeln mich freundlich an und ich lege meine Papiere auf die Ablage.
Ich hatte eigentlich nur einen einfachen Holzklasse-Sitz gebucht gehabt, aber ich bemerke erst im Flieger, dass mich beide einfach in die höchste Klasse gebucht hatten.

Randnotiz:
Als der Flieger mit den Koffern beladen wird, meckert eine mir bekannte Stimme, dass das Bodenpersonal seinen Koffer nicht vorsichtig handhabt.
Und da höre ich eine andere Stimme laut rufend:
„Können Sie mal die Klappe halten! Sie sind eine unerträgliche Rampensau!“
Und wieder ist es still.
Stecknadelstill.
Doch dann setzt plötzlich langsam aber immer lauter werdender Applaus ein mit begleitenden zustimmenden Zurufen.

Und da war ich als Verlierer des „Beamten-Mikados“ froh, mal keine Ohrenstöpsel benutzt zu haben.

That’s life.